Die Litauisch-russischen Beziehungen gehen auf das Mittelalter zurück, als das Großfürstentum Litauen mit dem Großfürstentum Moskau um die Herrschaft über Osteuropa und die Gebiete der alten Kiewer Rus konkurrierte. Während der zahlreichen Litauisch-Russischen Kriege konnte Moskau schließlich die Vorherrschaft gewinnen und mit den Teilungen Polens verschwand Litauen für mehr als 100 Jahre von der Landkarte. Infolgedessen befanden sich die litauischen Gebiete unter der Herrschaft der russischen Zaren, bis der Erste Weltkrieg 1918 den Litauern die Unabhängigkeit ermöglichte. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Litauen allerdings 1940 von der Sowjetunion annektiert und verblieb, mit Unterbrechung durch eine kurzzeitige deutsche Besetzung, unter sowjetischer Herrschaft, bis es zum Zerfall der Sowjetunion 1991 kam. Danach wurden diplomatische Beziehungen zwischen Litauen und der aus der UdSSR als Nachfolgestaat hervorgegangenen Russischen Föderation aufgenommen, ohne dass die Vergangenheit ausreichend aufgearbeitet wurde. Als Reaktion auf die russische Invasion in der Ukraine im Jahr 2022 und das Massaker von Butscha stufte Litauen im April 2022 die diplomatischen Beziehungen herab und wies den russischen Botschafter aus. Ab 2022 wurden die Beziehungen zwischen den beiden Ländern auf das absolute Minimum reduziert.
Geschichte
Mittelalter mini|Expansion Litauens vom 13. bis zum 15. Jahrhundert Die Ursprünge der Beziehungen zwischen Litauen und Russland lassen sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen, als das expandierende Großfürstentum Litauen mit dem Fürstentum Moskau in Kontakt und Konflikt kam. Nach der mongolischen Invasion der Rus im 13. Jahrhundert konnten die heidnischen Litauer zahlreiche Gebiete der alten Kiewer Rus einnehmen und Kiew erobern. Die Rivalität zwischen den litauischen Herzögen und den moskowitischen Fürsten begann in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und führte bald zum Litauisch-Muskowitischen Krieg (1368–1372). In diesem Konflikt schlug sich das Fürstentum Twer auf die Seite Litauens und die Litauer belagerten zweimal den Kreml. Der Konflikt endete in einer Pattsituation, der die litauische Expansion nach Osten stoppte. Am 31. August 1449 unterzeichneten Kasimir IV. Jagiellon und Wassili II. von Moskau den ersten Vertrag zwischen Litauen und Moskau, den Vertrag des Ewigen Friedens (1449). Die litauisch-russischen Kriege wurden allerdings in den Jahren 1487–1494, 1500–1503, 1507–1508, 1512–1522, 1534–1537 und 1561–1570 fortgesetzt, wobei in dieser Zeit eine Reihe von Waffenstillstands- und Friedensverträgen unterzeichnet wurden. Die Kriege verliefen jedoch ungünstig für die Litauer und die Moskauer expandierten immer weiter nach Westen.
Neuzeit mini|Teilungen von Polen-Litauen gegen Ende des 18. Jahrhunderts Nach der Union von Lublin im Jahr 1569 bildete das Großfürstentum Litauen zusammen mit dem Königreich Polen die Realunion Polen-Litauen. Polen-Litauen und Russland führten während des 16. und 17. Jahrhunderts weiterhin Kriege (siehe Russisch-Polnische Kriege). Nach dem Großen Nordischen Krieg, an dem viele europäische Mächte beteiligt waren, begann der Niedergang von Polen-Litauen, das schließlich von den Nachbarmächten aufgeteilt wurde. Nach der dritten Teilung im Jahr 1795 wurde das Gebiet des ehemaligen Großfürstentums Litauen vom Russischen Reich übernommen. Die neuen Provinzen wurden oft als „litauisch“ bezeichnet, aber 1840 verbot Nikolaus I. die Verwendung dieses Namens. Während der russischen Herrschaft waren die historisch litauischen Gebiete in die zentral verwalteten Gouvernements Wilna, Kaunas und Suwałki gegliedert. Die Zaren verfolgten eine Politik der Russifizierung und die litauische Sprache und die lateinische Schrift wurden verboten. Es gab zwei große Aufstände gegen die russische Herrschaft, den Novemberaufstand von 1830 und den Januaraufstand von 1863, die jedoch nicht zur Wiederherstellung des polnisch-litauischen Staates führten und die russische Unterdrückung verschärften.
20. Jahrhundert Während der russischen Revolution von 1905 forderten litauische Repräsentanten im Großen Seimas von Vilnius am 5. Dezember desselben Jahres eine weitreichende politische Autonomie für Litauen (womit sie den nordwestlichen Teil des ehemaligen Großfürstentums Litauen meinten). Als Folge des Aufstands von 1905 machte das zaristische Regime eine Reihe von Zugeständnissen. Die baltischen Staaten durften wieder ihre Muttersprache im Schulunterricht und in der Öffentlichkeit verwenden, und in Litauen durften wieder katholische Kirchen gebaut werden. Das lateinische Alphabet wurde nach einer Zeit des litauischen Presseverbots wieder eingeführt. Doch selbst russische Liberale waren nicht bereit, eine ähnliche Autonomie zuzugestehen, wie sie in Estland und Lettland bereits bestand, wenn auch unter baltendeutschem Einfluss.
Nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten im Ersten Weltkrieg besetzte Deutschland 1915 Litauen und Kurland. Vilnius fiel am 19. September 1915 an die Deutschen, und Litauen wurde in das deutsche Besatzungsregime Ober Ost eingegliedert. Da eine offene Annexion zu einer Gegenreaktion führen könnte, planten die Deutschen, ein Netz formal unabhängiger Staaten aufzubauen, die allerdings von Deutschland abhängig sein sollten. Die Niederlage Deutschlands an der Westfront und die Oktoberrevolution in Russland boten der litauischen Führung jedoch die Gelegenheit, die Konferenz von Vilnius zu organisieren und den Prozess der Wiedererrichtung eines vollständig unabhängigen litauischen Staates einzuleiten. Am 18. Februar 1918 unterzeichnete der Rat von Litauen die Unabhängigkeitsakte Litauens und rief die Republik Litauen aus.
Zwischenkriegszeit mini|Sowjetrussischer Einfall in Litauen (1919) Kurz nach dem Rückzug deutscher Truppen aus Litauen kam es zum Litauisch-Sowjetischen Krieg zwischen dem unabhängigen Litauen und Sowjetrussland, der die alte russische Herrschaft über Litauen wieder herstellen sollte. Sowjetrussland schuf einen kurzlebigen kommunistischen Marionettenstaat: Die Litauische Sozialistische Sowjetrepublik, die bald darauf in der Litauisch-Belorussischen Sozialistischen Sowjetrepublik aufging. Die sowjetische Militärkampagne war jedoch erfolglos, und der sowjetisch-litauische Friedensvertrag wurde am 12. Juli 1920 unterzeichnet. In diesem Vertrag erkannte Sowjetrussland das unabhängige Litauen an, einschließlich seiner Ansprüche auf die mit Polen umstrittene Region Vilnius.
Nach dem Friedensvertrag mit Sowjetrussland gestattete Litauen den sowjetischen Streitkräften auf ihrem Vormarsch gegen Polen heimlich den Durchmarsch durch sein Territorium. Am 14. Juli 1920 nahm die vorrückende sowjetische Armee Vilnius ein und gab es den Litauern zurück, doch am 26. August 1920 wurde die Stadt erneut von der polnischen Armee erobert, die die Sowjets besiegte. Um weitere Kämpfe zu verhindern, unterzeichneten Polen und Litauen am 7. Oktober 1920 das Suwałki-Abkommen, das Vilnius auf der litauischen Seite der Waffenstillstandslinie beließ. Das Abkommen trat jedoch nie in Kraft, weil der polnische General Lucjan Żeligowski auf Befehl von Józef Piłsudski eine als Meuterei getarnte Militäroffensive durchführte. Er marschierte am 8. Oktober 1920 in Litauen ein, nahm am folgenden Tag Vilnius ein und gründete am 12. Oktober 1920 die kurzlebige Republik Mittellitauen. Die „Republik“ war Teil von Piłsudskis föderalistischem Plan, der aufgrund des Widerstands sowohl der polnischen als auch der litauischen Nationalisten nie verwirklicht wurde. Mittellitauen wurde daraufhin 1922 in Polen eingegliedert.
Der polnische Sieg in der Schlacht bei Warschau verhinderte eine Angliederung Litauens an Sowjetrussland, die die Sowjets im Falle eines Sieges gegen Polen geplant hatten. 1926 unterzeichnete Litauen mit der Sowjetunion den Sowjetisch-litauischen Nichtangriffspakt, in dem die Sowjets die Ansprüche Litauen auf Vilnius bekräftigen. Die Streitigkeiten um Vilnius vergifteten das litauische Verhältnis zu Polen und die Sowjets fungierten deshalb als eine Art Verbündeter der Litauer in der Zwischenkriegszeit.
Zweiter Weltkrieg mini|Soldaten der Roten Armee in Litauen (1940) Mit dem Molotow-Ribbentrop-Pakt 1939 teilten NS-Deutschland und die Sowjetunion das Baltikum und Polen in Einflusssphären auf. Litauen fiel zuerst dem deutschen Einflussbereich zu, wurde mit dem Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag jedoch den Sowjets überlassen. Der Gebietsaustausch war auch durch die sowjetische Kontrolle über Vilnius motiviert: Die Sowjetunion konnte erheblichen Einfluss auf die litauische Regierung ausüben, die Vilnius de jure als ihre Hauptstadt beanspruchte. Mit militärischen Drohungen zwangen die Sowjets die Litauer den Sowjetisch-Litauischen Beistandsvertrag zu unterschreiben, der den Sowjets die Stationierung sowjetischer Truppen im Gegenzug für den Anschluss von Vilnius an Litauen gestattete.
Nach Monaten intensiver Propaganda und diplomatischen Drucks stellten die Sowjets am 14. Juni 1940 ein Ultimatum und beschuldigten Litauen, den Vertrag zu verletzen und russische Soldaten aus ihren Stützpunkten zu entführen, was ein Vorwand für die geplante Eingliederung Litauens in die UdSSR war. Da die sowjetischen Truppen bereits im Land waren, war es unmöglich, militärischen Widerstand zu leisten. Die Sowjets übernahmen die Kontrolle über die staatlichen Institutionen und setzten eine neue prosowjetische Marionettenregierung ein. Nach einer Scheinwahl wurde die Litauische Sozialistische Sowjetrepublik am 3. August 1940 in die Sowjetunion eingegliedert. Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 im Widerspruch zum vorherigen Nichtangriffspakt fiel Litauen jedoch an die Deutschen, was den Holocaust in Litauen einleitete.
Sowjetische Herrschaft in Litauen (1944–1991)
mini|Der vom sowjetischen MGB erstellte Plan zur Deportation der Zivilbevölkerung. Nach dem Rückzug der Deutschen besetzte die Sowjetunion Litauen wieder und Josef Stalin gründete 1944 erneut die Litauische Sozialistische Sowjetrepublik mit der Hauptstadt Vilnius. Die Sowjets sicherten sich die passive Zustimmung der Vereinigten Staaten und Großbritanniens (siehe Jalta-Konferenz und Potsdamer Abkommen) zu dieser Annexion, de jure erkannten die Westmächte die Annexion der baltischen Staaten durch die Sowjetunion allerdings nie an. Der nationalistische Widerstand durch die Waldbrüder hielt in Litauen bis in die 1950er Jahre an und erschwerte den Sowjets die Herrschaft. Mit den Märzdeportationen 1949 im Baltikum ließ Stalin "unzuverlässige Elemente" aus Litauen deportieren. Während der Besetzung Litauens wurden mindestens 130.000 Menschen, 70 % davon Frauen und Kinder, in Arbeitslager und andere Zwangssiedlungen in entlegenen Teilen der Sowjetunion, wie z. B. im Gebiet Irkutsk und in der Region Krasnojarsk, zwangsdeportiert. Diese Deportationen umfassten nicht die litauischen Partisanen oder politischen Gefangenen (etwa 150.000 Menschen), die in die Gulags deportiert wurden. Zahlreiche Menschen starben durch die harten Lebensbedingungen oder auf dem Weg in die Arbeitslager. Schätzungen zufolge verlor Litauen zwischen 1940 und 1954 unter der nationalsozialistischen und sowjetischen Besatzung 780.000 Einwohner.