mini|Besetzte deutsche Gebiete nach dem Ersten Weltkrieg, Stand 1. Juli 1923, unter besonderer Berücksichtigung der rechtsrheinischen Gebiete Als Mainzer Brückenkopf oder Brückenkopf Mainz wird häufig das Castellum Mattiacorum bezeichnet, das zur Zeit des Römischen Reiches auf der Mainz (Mogontiacum) gegenüberliegenden rechtsrheinischen Seite den Rheinübergang sichern sollte. Aus diesem Kastell ging später der heutige Wiesbadener Ortsteil Mainz-Kastel hervor. In der Literatur hat sich dieser Begriff aber vor allem als Bezeichnung für ein von Frankreich kontrolliertes rechtsrheinisches Gebiet etabliert, das Ende 1918 nach der Alliierten Rheinlandbesetzung das linksrheinische Besatzungsgebiet im Mainzer Hinterland gegen eventuelle deutsche Angriffe absichern und umgekehrt dafür sorgen sollte, „dass die Alliierten möglichst schnell ins Herz Deutschlands vorstoßen könnten“.Peter Maresch: Fremde Truppen im Taunus Der Mainzer Brückenkopf war einer von vier Brückenköpfen, die von den alliierten und assoziierten Siegermächten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, dem Waffenstillstand von Compiègne (1918) und dem Friedensvertrag von Versailles (Versailler Vertrag) auf der rechtsrheinischen Seite eingerichtet und kontrolliert wurden. Seine Besetzung endete am 30. Juni 1930.Walter Mühlhausen: Hessen in der Weimarer Republik
Die Einrichtung der alliierten Brückenköpfe 1918
Durch den Waffenstillstand von Compiègne war bereits die Okkupation der deutschen Gebiete westlich des Rheins festgeschrieben. Hinzu kamen als alliierte Vorposten östlich des Rheins zunächst drei rechtsrheinische Brückenköpfe: Köln, gebildet von den Briten.Thomas Napp: Als der Schmuggel bei uns zu Hause war Koblenz, ein US-amerikanischer Brückenkopf.Description of the American Bridge Head (Rhein, Mosel, Ahr, Lahnvalley, Eifel, and Westerwald). Der Artikel auf regionalgeschichte.net stellt ein 1919 erschienenes Buch vor, das amerikanischen Soldaten die Besonderheiten des Koblenzer Brückenkopfs näherbringen sollte. Das Buch selber kann unter https://www.dilibri.de/urn/urn:nbn:de:0128-1-42992 heruntergeladen werden. Mainz als französischer Brückenkopf. In Bezug auf die Brückenköpfe Koblenz und Mainz spricht Walter Mühlhausen von „Halbkreise[n] mit dem festgelegten Radius von 30 km rechts des Rheins“. Tatsächlich galt diese Vorgabe für alle drei Brückenköpfe und war so bereits im Waffenstillstandsvertrag von Compiègne im Zusammenhang mit der Besetzung der linksrheinischen Gebiete festgelegt worden:
Nähere Bestimmungen darüber, wo die Fixpunkte für die jeweiligen Radien liegen, sind dort nicht zu finden. Nach Sven Felix Kellerhoff sollen dies die Rathäuser der drei Städte gewesen sein.Sven-Felix Kellerhoff: „Freistaat Flaschenhals“ In einer Kontroverse darüber, ob die Gemeinde Freiendiez zum Brückenkopf Koblenz gehöre oder zum unbesetzten Teil des Regierungsbezirks Wiesbaden, heißt es dagegen in einer Stellungnahme des Präsidenten des Preußischen Statistischen Landesamts vom 27. Oktober 1926 in direkter Bezugnahme auf den durch das Waffenstillstandsabkommen vorgegebenen Radius und eine den Akten nicht beiliegende Karte: „Die Grenze des altbesetzten Gebiets ist ein grüner Kreisbogen, dessen Mittelpunkt auf der südlich belegenen Rheinbrücke (Mitte des Rheins) bei Koblenz ruht.“HHStAW Bestand 405 Nr. 5278: Grenzen des besetzten Gebietes (1920–1929), Blatt 128 (Abschrift auf dem Briefbogen des Ministers des Innern vom 7. November 1926 an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden) Mit der „südlich belegenen Rheinbrücke“ dürfte die heutige Pfaffendorfer Brücke gemeint gewesen sein, denn von deren Mitte aus lässt sich exakt ein Kreis mit einem 30-km-Radius ziehen, der zwischen Dörscheid und Kaub die Grenze zum Freistaat Flaschenhals bildete.Über den Link https://www.freemaptools.com/radius-around-point.htm kann eine zoombare Karte erzeugt werden, in der die beiden Brückenkopf Koblenz und Mainz gleichzeitig angezeigt werden. Auf der Webseite müssen zuerst zwei Parameter eingetragen werden: Radius Size = 30 KM; Place radius by location name = Stadthausstraße 18, Mainz. Mit "Draw Radius" wird der erste Kreis erstellt. Danach muss im Eingabefeld nur noch die Mainzer Adresse durch den Eintrag „Pfaffendorfer Brücke, Koblenz“ ersetzt und erneut der Button "Draw Radius" betätigt werden. Nun erscheinen beide Kreise in einer Karte, die sich im Vollbildmodus anzeigen und beliebig zoomen lässt. Mit welchem Kreis man beginnt, ist nicht relevant.
Unklar ist auch, ob, wie von Kellerhoff behauptet, die drei Brückenköpfe sich an ihren Rändern hätten überlappen sollten, damit auch auf der östlichen Rheinseite ein zusammenhängendes Besatzungsgebiet entsteht. Ein rechtsrheinisch zusammenhängendes Gebiet wird im Waffenstillstandsabkommen nur für eine zusätzlich zu schaffende „neutrale Zone“ gefordert.
Faktisch bildeten die drei Brückenköpfe zunächst kein sich überlappendes Gebiet, was zu einigen Kuriositäten führte. mini|hochkant|50-Pfennig-Notgeldschein der Stadt Lorch am Rhein im sogenannten „Freistaat Flaschenhals“ (1918–1923)
Das von Napp hier erwähnte Extrem bei Kaub ging als „Freistaat Flaschenhals“ in die Geschichte ein und wurde am 25. Februar 1923 von französischen Truppen besetzt. Die unbesetzte Zone mit den anderen von Napp genannten Orten wurde am 28. Februar 1923 ebenfalls von den Franzosen besetzt.
1919 wurde unter französischer Besatzung auch noch ein vierter – kleinerer – Brückenkopf eingerichtet, der Brückenkopf Kehl.Einen guten Überblick über das Gebiet dieses Brückenkopfes und dessen Grenzverlauf gibt eine Karte auf der Webseite des Museums- und Geschichtsvereins Ortenberg e.V.: Brückenköpfe und Besetzungsgebiete 1923.
Geschichte des Brückenkopfs Mainz Die Geschichte des Mainzer Brückenkopfs ist über weite Strecken die konfliktträchtige Geschichte des Zusammenspiels zwischen sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs neu etablierenden republikanischen Strukturen und der französischen Besatzungsmacht, die durch Unterstützung separatistischer Bestrebungen die Verfestigung eben dieser neu geschaffenen Strukturen zu verhindern versuchte. Der Volksstaat Hessen war davon besonders betroffen, da mit seinen linksrheinischen Gebieten und dem Brückenkopf Mainz etwa ein Viertel seines Staatsgebietes unter Besatzungsrecht fielen.
Die Geschichte des Brückenkopfs ist aber nicht nur die Geschichte schwieriger Verwaltungsstrukturen und eingeschränkter Hoheitsrechte. Unterhalb dieser Ebenen betraf die Besatzung viele Menschen sehr direkt, schnitt ihre Arbeitswege ab, schränkte ihre Bewegungsfreiheit ein oder machte sie, so zeitweise in Darmstadt, zu Grenzgängern innerhalb der eigenen Stadt oder zwischen benachbarten und eng verbundenen Orten wie etwa im Westen Frankfurts. Hier fanden auch die unmittelbaren Erfahrungen im Umgang mit den fremden Soldaten statt, die nicht selten von der sich ausbreitenden Propaganda gegen die „Schwarze Schmach“ geprägt wurden. Vieles davon hat Elisabeth Langgässer in ihrem Buch Grenze: Besetztes Gebiet beschrieben, das in dem schwierigen Besatzungsjahr 1923 spielt und die Erfahrungen mit der Besatzung am Rande von Darmstadt reflektiert.
Der Grenzverlauf des Brückenkopfs Der Brückenkopf Mainz erstreckte sich über Gebiete, die heute zum Land Hessen gehören. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gehörten sie jedoch zu zwei Ländern: der preußischen Provinz Hessen-Nassau und deren Regierungsbezirk Wiesbaden sowie dem aus dem Großherzogtum Hessen hervorgegangenen Volksstaat Hessen, zu dem auch die Provinz Rheinhessen gehörte. Zum Regierungsbezirk Wiesbaden gehörten im Nordwesten auch Gebiete, die im Brückenkopf Koblenz lagen: Teile des Unterlahn-, des Unterwesterwald- und des Oberwesterwaldkreises.Siehe hierzu: Dennis Röhrig: Die amerikanische Besatzung in Montabaur und Umgebung nach dem Ersten Weltkrieg 1918–1923 (online auf regionalgeschichte.net)
Für den neu gegründeten Volksstaat Hessen war bereits durch den Waffenstillstandsvertrag von Compiègne die Verfügungsgewalt über seinen linksrheinischen Teil, die Provinz Rheinhessen, verlorengegangen, da dieser nun unter französischer Besatzung stand. Durch den Vertrag wurde das Besatzungsgebiet zusätzlich auf große rechtsrheinische Teile des Staatsgebiets ausgeweitet. Nach Mühlhausen befand sich „somit insgesamt ein Viertel des Volksstaates mit mehr als einem Drittel seiner Bevölkerung unter französischer Kuratel“.
Der 30-km-Radius um Mainz bildete die äußere Grenze des Brückenkopfs, die aber lokal oft unterschritten wurde. Deutlich wird das zum Beispiel an der unten abgebildeten Karte über den östlichen Grenzverlauf. Die am linken Kartenverlauf schraffierten Flächen der tatsächlich besetzten Gebiete liegen zum Teil deutlich hinter der rechts davon verlaufenden Kreislinie. Andererseits waren die Grenzverläufe an manchen Orten auch Jahre nach dem Besatzungsbeginn noch nicht eindeutig geklärt und französischen Ausweitungsgelüsten ausgesetzt – insbesondere nach den beiden Vorstößen der Franzosen über die Grenze hinaus in den Jahren 1920 und 1923/24.
Da nicht klar ist, ob die oben zitierte Festlegung des Kreismittelpunktes auf die Rheinmitte für alle Brückenköpfe galt, wurde im Falle der unten angezeigten Gesamtansicht des Brückenkopfs Mainz in Anlehnung an Kellerhoff die Adresse Stadthausstr. 18 in Mainz, Sitz des damaligen Mainzer Rathauses, als Fixpunkt des Radius gewählt. Der dadurch gesetzte westlichste Punkt des Brückenkopfes lag kurz vor Lorch im BodenthalStephanie Zibell, Peter Josef Bahles: Der Freistaat Flaschenhals () in Höhe des linksrheinisch gelegenen Trechtingshausen. Von hier aus verlief die Grenze in nordöstlicher Richtung bis zu ihrem nördlichsten Scheitelpunkt bei Wallrabenstein, das selbst noch im besetzten Gebiet lag.Verzeichnis der Gemeinden im besetzten Gebiet des Regierungsbezirks Wiesbaden Ein Grenzübergang zum freien Gebiet befand sich nahebei im Goldenen Grund (Emsbachtal) des heutigen Idsteiner Stadtteils Walsdorf.Peter Faust: Alt Idstein: Nach dem I. Weltkrieg
Da diese vom Rhein aus nordöstlich verlaufende Grenzlinie über keine Berührungspunkte mit der Grenzlinie des Brückenkopfs Koblenz verfügte, war sie einer der Gründe dafür, dass der Freistaat Flaschenhals entstehen konnte, der sich zwischen dem schon erwähnten Bodenthal (südlichster Punkt) entlang des Rheins bis zu der zwischen Dörscheid und Kaub den Fluss erreichenden Grenze des Brückenkopfs Koblenz und dem etwa 20 km landeinwärts gelegenen Laufenselden zwischen den beiden Brückenköpfen erstreckte.Auf vielen Karten und in vielen Artikeln wird das Gebiet des Freistaats Flaschenhals so dargestellt, als hätte es bis zu einer leicht gebogenen Grenzlinie gereicht, die sich von knapp vor Limburg an der Lahn bis nach Bad Camberg (damals: Kamberg) erstreckte. Dieser so definierte Raum war der komplette Flaschenhals, das unbesetzte Gebiet zwischen den beiden Brückenköpfen Koblenz und Mainz. Der Freistaat Flaschenhals in den von Zibell und Bahles beschriebenen Grenzen war aber nur ein kleiner Teil davon, dessen kurzzeitige Existenz sich aus der isolierten Lage ergab, die auf der Unterbindung der Verkehrswege durch die Grenzen der beiden Brückenköpfe beruhte. Im Zuge der Ruhrbesetzung in den Jahren 1923/24 besetzten die französischen Streitkräfte das gesamte unbesetzte Gebiet – den Flaschenhals eben – zwischen den beiden Brückenköpfen bis hinauf an die erwähnte Grenzlinie zwischen Limburg und Bad Camberg – unter Einschluss auch des deutlich kleineren Teilgebietes, das bis 1920 den Freistaat Flaschenhals bildete. Dass es zu diesem besatzungstechnischen Vakuum zwischen den beiden Brückenköpfen kommen konnte, wird von Zibell so erklärt: