Der Bayreuther KreisAlternativbezeichnungen sind: Bayreuther Kulturkreis; Bayreuth Circle; Cercle de Bayreuth usw. war eine Personengruppe um Cosima Wagner (1837–1930), die Witwe des deutschen Komponisten Richard Wagner (1813–1883), und Hans von Wolzogen (1848–1938), den Herausgeber der von Richard Wagner begründeten Bayreuther Blätter. Er „entwickelte sich unter ihrem Einfluß zu einer deutschnationalen und antisemitischen Strömung innerhalb der Kulturreformbewegung“.Artikel: „Cosima Wagner“: in: Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE), 2. Ausgabe. Herausgegeben von Rudolf Vierhaus. Band 10: Thies – Zymalkowski, K.G. Saur. München 2008, S. 342 (Online-Teilansicht)
Einführung Eine Schlüsselfigur innerhalb des Bayreuther Kreises – eines der wichtigsten „völkischen“ Milieus im Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg – war Cosima Wagners Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain (1855–1927). Der Ehemann ihrer und Richard Wagners Tochter Eva, ursprünglich Engländer und Biologe, war ein völkischer Ideologe (vgl. dessen Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts), der ein sehr einflussreicher offizieller Propagandist des Wagner-Kultes wurde. Mit seiner Wagner-Biographie (Richard Wagner. F. Bruckmann, zuerst 1895) lieferte er einen Schlüsseltext in der kontroversen und heftig umstrittenen Interpretation von Wagner als antisemitischem Proto-Nazi, was zu dessen späterer Annahme durch die NS-Bewegung führte. Chamberlain gilt als „einer der bösartigsten Vertreter einer rassistischen Sicht auf die Geschichte und von Deutschlands Mission als einer Herrenrasse“.Ravings of a Renegade – James Joll („one of the most virulent exponents of a racialist view of history and of Germany’s mission as a master race“)
Der französische Diplomat und Schriftsteller Arthur de Gobineau (1816–1882) beeinflusste insbesondere mit seinem L’essai sur l’inégalité des races humaines (Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen) den Bayreuther Kreis, ein Werk, das von Karl Ludwig Schemann (1852–1938) ins Deutsche übersetzt wurde. Gobineaus Grundgedanken ergänzte Chamberlain um einen verstärkten Antisemitismus und präsentierte dabei „den Juden“ als negatives Gegenbild zum verklärten Deutschtum, allerdings ohne den bei Nietzsche auftretenden Begriff „Übermensch“ oder den nationalsozialistischen Gegenbegriff „Untermensch“ zu verwenden und ohne selbst zur Vernichtung der Juden aufzurufen.Houston Stewart Chamberlain und Richard Wagner NZZ, 23. Januar 2015.
Chamberlain gelang es, „die gebildeten Massen seiner Wahlheimat Deutschland zu erreichen – darunter neben der Familie Wagner nicht zuletzt Kaiser Wilhelm II.“Rothkamm, NZZ
Philipp Graf zu Eulenburg, durch den eine Verbindung zum deutschen Kaiserhaus bestand und der ein einflussreiches Mitglied der Gobineau-Vereinigung war, war ein Anhänger Gobineaus und Wagners und war mit beiden befreundet.Paul Weindling, 2008, S. 107.
Dem Autor Jonathan Carr zufolge (Verfasser von Der Wagner-Clan. Geschichte einer deutschen Familie) standen jedoch in der Zeit des Nationalsozialismus Komponisten wie Bizet und Puccini bei den Deutschen höher im Kurs als Wagner.nach „How the Nazis took flight from Valkyries and Rhinemaidens“ – theguardian.com
Personen (Auswahl) Richard Wagner (Die Wagner-Bewegung im Kaiserreich) (Wagner und Hitler) (1813–1883), Komponist, Schriftsteller, Theaterregisseur und Dirigent Cosima Wagner (Antisemitismus und der Bayreuther Kreis) (1837–1930), Festivalleiterin Philipp zu Eulenburg (1847–1921), preußischer Diplomat Hans von Wolzogen (1848–1938), völkischer und antisemitischer Literat, Redakteur, Librettist und Herausgeber Houston Stewart Chamberlain (1855–1927), englisch-deutscher Schriftsteller Hugo Bruckmann (1863–1941), Verleger Karl Ludwig Schemann (1852–1938), Bibliothekar, Rassentheoretiker und Gobineau-Übersetzer Siegfried Wagner (1869–1930), Komponist, Librettist und Dirigent Heinrich Stein (1857–1887), Philosoph und Ästhetiker Joseph Arthur de Gobineau (1816–1882), französischer Diplomat und Schriftsteller Georges Vacher de Lapouge (1854–1936), französischer Jurist, Bibliothekar, Rassentheoretiker und Eugeniker
Literatur Wolfram Selig: Bayreuther Kreis. In: Wolfgang Benz, Brigitte Mihok (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Organisationen, Institutionen, Bewegungen. Band 5, 2012, S. 56 f. (books.google.de) Matthias Brosch: Bayreuth Circle. In: Richard S. Levy (Hrsg.): Antisemitism: A Historical Encyclopedia of Prejudice and Persecution, 2005, Band 1, S. 62 f. (books.google.de) Paul Weindling: Health, Race and German Politics between National Unification and Nazism 1870–1945. (= Cambridge Studies in the History of Medicine). 2008. (books.google.de) Udo Bermbach: Houston Stewart Chamberlain. Wagners Schwiegersohn – Hitlers Vordenker. Metzler, Stuttgart/Weimar 2015, ISBN 978-3-476-02565-4. Hannes Heer, Sven Fritz (Hrsg.): Weltanschauung en marche. Die Bayreuther Festspiele und die „Juden“ 1876 bis 1945. (= Wagner in der Diskussion. Band 10). Königshausen & Neumann, Würzburg 2013, ISBN 978-3-8260-5290-3. Winfried Schüler: Der Bayreuther Kreis von seiner Entstehung bis zum Ausgang der Wilhelminischen Ära. Wagnerkult und Kulturreform im Geiste völkischer Weltanschauung. Aschendorff, Münster 1971, ISBN 3-402-05365-9. Houston Stewart Chamberlain: Lebenswege meines Denkens. München. F. Bruckmann A.-G., 1922. Houston Stewart Chamberlain: Richard Wagner. F. Bruckmann, 1895. Hans von Wolzogen: Lieder des Lebens. Verlag Ludwig Schroeter, Berlin um 1930. C. Wagner, Paul Pretzsch (Hrsg.): Cosima Wagner und Houston Stewart Chamberlain im Briefwechsel 1888–1908. 2. Auflage. Philipp Reclam jun., Leipzig 1934. Udo Bermbach: Richard Wagner in Deutschland. Rezeption und Verfälschungen. Metzler, Stuttgart/Weimar 2011, ISBN 978-3-476-01884-7. Paul Bülow: Adolf Hitler und der Bayreuther Kulturkreis. (= Aus Deutschlands Werden. H. 9). Schloeßmann, Leipzig/Hamburg 1933. Joachim Köhler: Wagners Hitler. Blessing, ISBN 978-3-89667-016-8 (vgl. Hitlers Wagner) P. zu Eulenburg-Hersfelde: Eine Erinnerung an Graf Arthur Gobineau. Stuttgart 1906. Udo Bernbach: Mythos Wagner. Rowohlt Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-87134-731-3. Pierre-André Taguieff: Sélectionnisme et socialisme dans une perspective aryaniste : théories, visions et prévisions de Georges Vacher de Lapouge (1854–1936). In: Mil neuf cent. Volume 18, Nr. 1, 2000, S. 7–51 (persee.fr, Digitalisat)
Weblinks Bindeglied zwischen Wagner und Hitler?, Jörg Rothkamm, NZZ vom 6. September 2015 («Der entscheidende Unterschied zwischen ihm und dem Nationalsozialismus in dieser Sache besteht wohl darin, dass er ‹analysierte›, während die NS-Praktiker konkrete Massnahmen vollzogen.») Houston Stewart Chamberlain und Richard Wagner, Robert Jungwirth, NZZ vom 23. Januar 2015 („Der amerikanische Musikwissenschafter David Clay Large hat darauf hingewiesen, dass Chamberlain vor der Beschäftigung mit Wagner weder Rassist noch Antisemit gewesen sei.“) „Ein unerschrockener Vorkämpfer“ – infranken.de Ein Aufsatzband belegt, wie der Bayreuther Kreis deutsche Geschichte schrieb (Michael Weiser) Nach dreißig Jahren bricht Winifred Wagner ihr Schweigen: Der gute Onkel von Bayreuth (Wolf Donner) – zeit.de (1975) Hitler und die „Gleichschaltung“ der Bayreuther Festspiele – ifz-muenchen.de
Einzelnachweise und Fußnoten
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