Das Festival Kemnade International war ein Musik- und Kulturfestival, das von 1974 bis 2009 regelmäßig auf der Wasserburg Kemnade in Hattingen stattfand. Ziel des Festivals war es, ausländische Arbeitnehmer in Deutschland einzubinden. Vermutlich war es das erste Festival in Deutschland, das „Gastarbeiter“ beteiligte. Ab 1975 wurde es viele Jahre mit Fachtagungen und Expertengesprächen zur Lage der in Deutschland lebend Ausländer begleitet. Im Kulturhauptstadtjahr 2010 gab es eine reduzierte Version am Ufer des Kemnader Sees. Die Nachfolge-Veranstaltung Ruhr International – Das Festival der Kulturen findet seit 2012 in und an der Jahrhunderthalle in Bochum statt.
Geschichte Das erste Festival Kemnade International fand vom 28. bis 30. Juni 1974 mit 12.000 Teilnehmern statt. Es wurde teils noch als „Gastarbeiterfest“ bezeichnet und hatte den provokanten Titel: „Wir sind Menschen – Sie auch?“. Schirmherr war Ministerpräsident Heinz Kühn.
Das multikulturelle Festival wurde vom Museum Bochum und dem Sozialamt auf dem Gelände der Wasserburg Haus Kemnade veranstaltet. Die Burg liegt zwar auf Hattinger Stadtgebiet, befindet sich aber seit 1921 im Besitz der Stadt Bochum. Später beteiligte sich auch das Kulturamt der Stadt Hattingen und das Solidaritätskomitee „Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland“ sowie verschiedene Ausländerorganisationen an dem Fest.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1977, S. 141 Es waren teilweise bis zu 1000 Mitwirkende an dem Fest beteiligt.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1978, S. 153 f Hier bot sich die Gelegenheit für die Bochum lebenden ausländischen Arbeitnehmer, Schüler und Studenten auf dem mehrtägigen Festival vorzustellen.
Für die Gründung des Festivals war der tschechisch-deutsche Kunsthistoriker und Leiter des städtischen Kunstmuseums, Peter Spielmann maßgeblich verantwortlich. Es entwickelte sich unter seiner Leitung zu einem prägenden Kulturfestival. In seiner Eröffnungsrede stellte er das Konzept vor: „Ich eröffne unsere Experiment-Veranstaltung. Wir sollen uns hier treffen und uns gemeinsam kennenlernen und miteinander sprechen über die nationalen, sprachlichen, religiösen Grenzen. Wir wollen gegenseitig die Kultur kennenlernen, weil die den Menschen prägt, aber auch durch ihn und seine Mentalität geprägt ist. Wir wollen aber auch über alle Probleme miteinander sprechen, die uns im täglichen Leben manchmal sehr unangenehm und schmerzlich berühren.“ 1996 erhielt Spielmann für diesen „Beitrag zur Völkerverständigung“ – wie es in der Begründung hieß – das Bundesverdienstkreuz.
Bei der zweiten Auflage des Festivals 1975 wurden die ersten Erfahrungen von 1974 in die Planung einbezogen. Dazu gehörte die ein Jahr vorher vermissten politischen Aspekte. Es fand zeitgleich im Kunstmuseum ein erster Ausländerkongress statt. Auch gab es dort Ausstellungen von gezeigt, unter anderem eine Fotoausstellung „Sonntags in einem Gastarbeiterlager“ welche „Impressionen zwischen Hoffnung und Trostlosigkeit“ zeigte.Ruhr-Nachrichten Bochum, 7. Juni 1975 Im Rahmen einer Auseinandersetzung bei einer Diskussion auf der Wasserburg verließ der Präsident des Landesarbeitsamtes, Degen, die Bühne. Ein anderes Beispiel war der Saz-Spieler Hüsnü Isik, der bereits 1974 dabei war, und dessen Auftritt mit viel Applaus belohnt wurde, der aber der Ausreise mit seiner Familie wegen einer erloschenen Aufenthaltsgenehmigung entgegensah.WAZ Bochum, 30. Juni 1975 In späteren Jahren trat er wieder oft in Bochum auf, bei Kemnade International war er fast jedes Mal auf der Bühne.WAZ Bochum, 25. Juni 2001WAZ Bochum, 20. Juni 2005
Kemnade 76 International stand schon auf der Streichliste des städtischen Haushaltes, Mittel konnten aber dann doch im Februar 1976 freigegeben werden. Der Etat lag bei 65.000 DM, von denen 10.000 DM Landesmittel waren. Ein Antrag der CDU, den größten Teil der Mittel, über 60.000 DM ausschließlich an den folkloristischen Teil des Programmes zu binden, kam über einen Antrag im Kulturausschuss nicht hinaus.WAZ Bochum, 5. Juni 1976 Der Verwaltungsbericht der Stadt Bochum von 1976 listet einen folkloristischen Teil (27 Gruppen und Einzelpersonen aus neun Nationen, zwei Theatergruppen), einen politisch-informellen Teil (Podiumsdiskussionen über Bildung, Erziehung und Chancen auf dem Arbeitsmarkt von ausländischen Kindern und Jugendlichen, Ausstellungen zur Lage der ausländischen Arbeitnehmer) und den Punkt Küchen (19 Küchen vertreten mit Spezialitäten aus zehn Ländern) auf.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1976, S. 151 Die Dokumentationen der Expertenkonferenzen wurden teilweise bundesweit verschickt.
Um einer Konsum-Erwartungshaltung wider zulaufen, wurde das Programm 1977 noch erweiterte. Es gab zum ersten Mal keinen kommerziellen Anbieter. Auf fünf Bühnen fanden die Programmblöcke zeitgleich statt, sodass sich die Besucher entscheiden musste und in Bewegung blieben. Dabei traten neben Hüsnü Isik oder Frank Baier auch kurdische, spanische, türkische und tschechische Gruppen zum Teil mehrfach an dem Wochenende auf. Am Bauernhausmuseum gab es das erste Mal einen „internationalen Kindergarten“ zur Betreuung der Besucherkinder. Programmpunkte wie Filme und eine Ausstellung zu ausländischen Briefmarken rundeten das Programm ab.Westfälische Rundschau, 11. Juni 1977WAZ Bochum, 18. Juni 1977
Aus den Mitschnitten des Jahres 1978 wurde eine Schallplatte „Kemnade Live. Mitschnitte vom 5. Ausländerfestival Kemnade International am 23., 24. und 25. Juni 1978 auf der Wasserburg Kemnade“ produziert und bei dem Fest ein Jahr später verkauft.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1979, S. 170
Die zum Festival gehörende Fachtagung wurde 1983 zum ersten Mal öffentlich, und nicht als geschlossene Fachtagung geführt. Neben verschiedensten Teilnehmern war auch die Bundesbeauftragte für Ausländerfragen Liselotte Funcke anwesend.
In der Zeit der Probleme um Kemnade International wurde das Fest 1996 mit einem Jahr Verspätung veranstaltet. Aufgrund von einer unglücklichen Planung kam es zu Überschneidung mit anderen Veranstaltungen (Stadtparkfest, Einweihung der neuen Hauptfeuerwehrwache,Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1996, S. 14 Gratiskonzert der Bochumer Symphoniker, Finale der Fußball-Europameisterschaft sowie zeitgleich mit dem kostenlosen Festival „Folk in Schlosspark“ in Herten), welche mit erhöhten Eintrittspreisen 1996 wahrscheinlich ein Grund für geringe Besucherzahlen war.
Die Diskussionen und Probleme in den 1990er führten auch zu einer Neuausrichtung des Festivals ab 2001.
Im Kulturhauptstadtjahr Ruhr.2010 fand das Festival nicht in der Wasserburg, sondern unter dem Namen „3 Ufer - 1 Fest“ am nahe gelegenen Kemnader Stausee statt. Dafür sollte das 2011 stattfindende Fest verschoben werden, da aufgrund des Kulturhauptstadtjahres es 2010 eine Sonderedition geben sollte. Durch fehlende Haushaltsmittel stand die Planung allerdings auf der Kippe. Das Festival selbst ging nur zwei Tage und fand am Bootshaus Oveney statt. Am Freitagabend gab es aber beim zeitgleich stattfinden Zeltfestival Ruhr eine Auftaktveranstaltung sowie eine Diskussionsrunde auf dem Haus Kemnade.WAZ Bochum, 20. August 2010
Aufgrund von Sicherheitsauflagen für Veranstaltungen nach dem Unglück bei der Loveparade 2010 im Kulturhauptstadtjahr konnte das Festival nicht mehr in der Wasserburg stattfinden.
Die Nachfolge-Veranstaltung Ruhr International – Das Festival der Kulturen fand 2012 das erste Mal an und in der Jahrhunderthalle statt.Eintrag in Chronik der Geschichte der Stadt Bochum
Bei dem Festival Ruhr International im Jahr 2024 soll an die Gründung von Kemnade International vor 50 Jahren erinnert werden.
Liste der Festivals Kemnade International +Nr.DatumMottoTeilnehmerNotizQuellen1.28. bis 30. Juni 1974Wir sind Menschen – Sie auch?12.000Bochumer Jahresschau 19742.27. bis 29. Juni 1975Wir sind noch da!25.000Unter Beteiligung des WDR und des AStA der Ruhr-Universität. Gleichzeitiger Ausländerkongress im Kunstmuseum.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1975, S. 1483.25. bis 27. Juni 1976Gemeinsam weiter32.000Unter Beteiligung des WDR.4.26. bis 26. Juni 1977Gemeinsam weiter40.000Mit einem ersten „internationalen Kindergarten“ zur Betreuung der Besucherkinder.Ruhr-Nachrichten Bochum, 11. Juni 19775.23. bis 25. Juni 1978Gemeinsam weiter40.000Ausstellungen u. A. zu Nazim Hikmet und jugoslawischer Volkskunst.Zeitstrahl in Die Verhältnisse zum Tanzen bringen - 50 Jahre Kemnade International, Ausstellung im Kunstmuseum Bochum, 20246.14. bis 17. Juni 1979Gemeinsam weiter50.000Das Festival war ein Tag länger.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1979, S. 1707. 26. bis 28. Juni 1981Gemeinsam weiter. Menschen im Wandel.60.000Ab 1981 fand es auf Wunsch von verschiedene Akteuren alle zwei Jahre statt, um eine Verflachung vorzubeugen.Bochumer Themen 1981Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1981, S. 1478.17. bis 19. Juni 1983Gemeinsam weiter – für Frieden, Völkerverständigung, gegen Diskriminierung, Rassismus 80.000Veranstaltung wurde auf die Burg reduziert, da die umliegenden Wiesen zum Wasserschutzgebiet gehören.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1983, S. 1499.30. Mai bis 1. Juni 1985Gemeinsam für den Frieden75.000Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1985, S. 176 f10.26. bis 28. Juni 1987Zusammen leben, gemeinsam entscheiden100.000Bochumer Themen 198711.16. bis 18. Juni 1989200 Jahre Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit?80.000Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1989, S. 289 f12.28. bis 30. Juni 1991Unsere Zukunft ist multikulturell – 30 Jahre Migration80.000Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1991, S. 210 f13.2. bis 4. Juli 1993Die Würde des Menschen ist antastbar – Erinnere Dich!80.000Bochumer Themen 1993Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1993, S. 17914.28. bis 30. Juni 1996Für ein offenes EuropaEs fand mit einem Jahr Verspätung statt. Mit Sons of Gastarbeita, Microphone Mafia und Şivan Perwer. Aufgrund ungünstiger zeitlicher Lage kam nur eine geringe Zahl an Besuchern.Bochumer Themen 1996Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1996, S. 183 fWAZ Bochum, 1. Juli 199615.28. bis 30. August 199816.22. bis 24. Juni 2001orient inside20.000Auch mit einem Jahr Verspätung. Mit Askin Nur Yengi, Natacha Atlas und Erkan Ogur. Ein Schwerpunkt galt der Musik aus der Türkei und der türkischen Diaspora in Europa.Bochumer Themen 2001WAZ Bochum, 10. Dezember 2002WAZ Bochum, 23. Juni 200117.27. bis 29. Juni 2003orient meets occident20.000Mit Engin Nursani und Haig Yazdjian. Erstmal ein Gottesdienst mit Vertretern christlicher, islamischer und anderer Religionen.WAZ Bochum, 30. Juni 2003WAZ Bochum, 2. Mai 200418.17. bis 19. Juni 2005orient meets occident20.000Mit Djamel Leroussi, Kudsi Ergüner, Rafael Cortés und Fuat Saka. Mit einer Ausstellung zum 30. Jahrestag des Festivals.Bochumer Themen 200519.15. bis 17. Juni 2007Orientation 201014.000Mit Tapesh 2012. Laut Zeitungsberichten kam es wegen des schlechten Wetter zu den geringen Besucherzahlen.Bochumer Themen 2007WAZ Bochum, 18. Juni 200720.19. bis 21. Juni 2009Orientation 201020.000Mit Amsterdam Klezmer Band, Şivan Perwer und Rotfront.WAZ Bochum, 22. Juni 200921.3. bis 5. September 20103 Ufer – 1 FestVeranstaltungsort waren drei Bühnen an den Ufern des Kemnader Sees. Sonderausgabe von Kemnade International zum Kulturhauptstadtjahr 2010.
Literatur
Einzelnachweise
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