Alexander Alexandrowitsch Aljechin [] (, gelegentlich fälschlicherweise auch (Alexander Alexandrowitsch Aljochin) geschrieben, in Frankreich sowie in englischsprachigen Staaten mit der französischen Transkription Alexandre Alekhine; * in Moskau, Russisches Kaiserreich; † 24. März 1946 in Estoril, Portugal) war ein russisch-französischer Schachspieler. Er war der vierte Schachweltmeister. Die Aljechin-Verteidigung und der Aljechin-Chatard-Angriff sind nach ihm benannte Schacheröffnungen.
Leben Jugend in Russland Alexander Aljechin wurde 1892 als Sohn eines adeligen Gardeoffiziers geboren. Seine Familie war sehr wohlhabend und besaß große Ländereien im Raum Woronesch. Aljechins Mutter kam aus der Familie Prochorow, einer bekannten Industriellenfamilie.Georgi Rimski-Korsakow: Alekhine the Schoolboy. In: New in Chess, Heft 8/2012, S. 58 (englisch). In seiner Jugend besuchte er das Gymnasium in Moskau. Mit Schach kam er frühzeitig in Berührung, zunächst spielte er gegen seinen Vater und seinen vier Jahre älteren Bruder Alexei, der ebenfalls ein guter Schachspieler werden sollte. Aljechin begann bald darauf, Fernschach zu spielen, und trat dem bedeutendsten Moskauer Schachzirkel bei, der Moskauer Schachgesellschaft.
Seinen ersten Turniersieg errang er im Alter von 16 Jahren beim Herbstturnier der Schachgesellschaft 1908. Das Vermögen seines Vaters gestattete es ihm, sich ausschließlich dem Schach zu widmen und sein Talent schon in jungen Jahren zu entfalten. Als 15-Jähriger (damals ein ungewöhnlich junges Alter für einen Schachmeister) nahm er 1908 am internationalen Turnier in Düsseldorf teil, wo er den vierten und fünften Platz belegte. Am selben Ort spielte er kurz darauf einen Wettkampf gegen den deutschen Meister Curt von Bardeleben, den er vernichtend mit 4,5:0,5 schlug. Ein Wettkampf gegen Hans Fahrni im September dieses Jahres in München wurde nach drei Partien als remis abgebrochen. In Düsseldorf und München wurde in dieser Zeit die Schachweltmeisterschaft 1908 ausgetragen.
1909 erwarb er den Meistertitel, als er die All-Russische Meisterschaft in Sankt Petersburg gewann. Freilich gab es in Russland weiterhin Spieler, von denen Aljechin noch lernen konnte: im gleichen Jahr unterlag er in Moskau dem Schachmeister Nenarokow in einem Wettkampf mit 0:3.
1912 nahm Aljechin seinen Wohnsitz in St. Petersburg, wo er bis 1914 Rechtswissenschaften studierte. Gleichzeitig beteiligte er sich intensiv am Schachleben der Hauptstadt. Er wurde Mitglied der St. Petersburger Schachgesellschaft und nahm an so gut wie allen Schachveranstaltungen in dieser Stadt teil.
Durch seinen mit Aaron Nimzowitsch geteilten Sieg beim All-Russischen Meisterturnier zur Jahreswende 1913/14 erwarb er die Berechtigung zur Teilnahme am bedeutendsten bis dato in Russland veranstalteten Meisterturnier. Am großen Turnier von St. Petersburg 1914 nahmen neben dem Weltmeister Emanuel Lasker und dem zukünftigen Weltmeister José Raúl Capablanca nur hervorragende Schachmeister teil. Sensationell wurde Aljechin Dritter hinter Lasker und Capablanca.
Erster Weltkrieg und Oktoberrevolution mini|hochkant|Eingefärbtes Schwarzweißfoto Aljechins (Datum unbekannt, möglicherweise um 1924) Aljechin führte im Meisterturnier von Mannheim, als im August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach; das Turnier wurde abgebrochen, und der in Führung liegende Aljechin wurde zum Turniersieger erklärt. Alle Teilnehmer aus den Feindesstaaten, darunter alle russischen Teilnehmer, wurden interniert.
Im September 1914 kam Aljechin frei und begab sich über die Schweiz in die Heimat, wo er sich für das Rote Kreuz engagierte. Er heiratete die russische Künstlerin Anna von Sewergin, mit der er bereits seit 1913 eine Tochter hatte. Die Tochter lebte bis zu ihrem Tode Mitte der 1980er Jahre in Wien.
Im August 1916 nahm er als Rotkreuz-Helfer an der Brussilow-Offensive der russischen Armee teil. Er erhielt zwei St.-Georgs-Medaillen und den Sankt-Stanislaus-Orden für seine Tapferkeit bei der Bergung Verwundeter. Schließlich wurde er aber selbst verwundet und erlitt so schwere Quetschungen, dass er mehrere Monate in einem Lazarett in Tarnopol verbringen musste.
Während des Bürgerkriegs wurde Aljechin 1919 in Odessa verhaftet und unter Spionageverdacht für die Weißgardisten zum Tode verurteilt. Ein Gerücht sagt, Trotzki hätte ihn im Gefängnis besucht und mit ihm Schach gespielt, wonach man ihn entlassen habe. Sicher ist, dass man ihn als populären Schachmeister erkannte und bald darauf freiließ. Aljechin, der neben seiner Muttersprache fließend Deutsch, Französisch und Englisch sprach und eine juristische Ausbildung hatte, kehrte nach Moskau zurück und nahm eine Stelle als Untersuchungsrichter bei der Hauptverwaltung der Miliz an. Er war von Mai 1920 bis zu seiner Emigration im Februar 1921 dort tätig.
mini|hochkant|Aljechins Sohn Alex mit Ehefrau, Dortmunder Schachtage 2003
Im November 1920 begann Aljechin eine zusätzliche Tätigkeit als Dolmetscher für die Komintern. Er lernte bei dieser Gelegenheit Annelise Rüegg, eine Funktionärin der Schweizerischen Sozialdemokratischen Partei kennen, die seine zweite Ehefrau wurde und mit der er später einen Sohn hatte: Alexander Aljechin, Jr. (* 2. November 1921 in Winterthur in der Schweiz (Kanton Zürich); † 2009).
Im Jahre 1920 gewann er die erste Landesmeisterschaft Sowjetrusslands. Schach hatte zu Anfang der 1920er Jahre noch nicht den Stellenwert, den es in der UdSSR ab den 1930er Jahren einnehmen sollte. Für Aljechin, einen enteigneten Adeligen, der nun zu einer ungewohnten, nämlich materiell entbehrungsreichen Lebensweise gezwungen wurde, taten sich zunächst auch keine schachlichen Perspektiven auf. Er ging den Weg vieler anderer Russen, die für sich keine Zukunft mehr in Sowjetrussland sahen: Im Frühjahr 1921 emigrierte er in den Westen.
In der Emigration Wie für die meisten Emigranten aus Russland (vgl. etwa Wladimir Nabokow) war Berlin die erste Station in der westlichen Fremde, wo die Emigranten auch ihre eigenen Zirkel pflegten, z. B. für Emigrantenliteratur in Cafés. Doch Aljechin blieb nur kurz in der deutschen Hauptstadt und zog bald nach Paris; seine Heimat Russland sollte er nie mehr besuchen.
Aljechin setzte sich das Ziel, Weltmeister zu werden. In den folgenden sechs Jahren arbeitete er an seiner schachlichen Weiterentwicklung. Aljechin war sehr erfolgreich in internationalen Turnieren. Sein Einkommen besserte er sowohl mit Simultanvorstellungen als auch mit dem Blindspiel auf.
Aljechin behauptete, der Juristischen Fakultät der Universität Sorbonne in Paris im Jahr 1925 eine Doktorarbeit mit dem Titel „Das Gefängniswesen in China“ vorgelegt zu haben. Die Wiener Schachzeitung verkündete 1926, Aljechin habe sich „den Doktorhut geholt“. Ab 1926 versah Aljechin seinen Namenszug mit einem „Dr.“. Intensive Versuche von Schachhistorikern, diese Arbeit im Archiv der Universität ausfindig zu machen, scheiterten; auch sonst gibt es keinen Hinweis auf eine Verleihung des Doktorgrades an Aljechin.
Nach seiner Scheidung 1926 heiratete er 1927 die neunzehn Jahre ältere Nadascha Wasiljew, eine Admiralswitwe, die er 1925 kennengelernt hatte.Auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Aljechin gewinnt in San Remo 1930 mit 14 aus 15, chessbase.de, 16. Januar 2024
Die Verhandlungen mit Capablanca über einen Weltmeisterschaftskampf erwiesen sich als schwierig. Doch 1927 kam es in Buenos Aires schließlich zum Wettkampf. Capablanca galt als klarer Favorit. Doch Aljechin verblüffte alle Experten und erwies sich als bedeutend besser vorbereitet, sowohl eröffnungstheoretisch als auch psychologisch. Aljechin gewann bei dem auf 6 Siege angesetzten Wettkampf nach 34 Partien mit 6:3 bei 25 Remis, die gemäß Reglement nicht gezählt wurden.
Der neue Schachweltmeister stellte in einem Interview mit der Zeitung La Prensa einen Revanchekampf zu gleichen Bedingungen für das Jahr 1929 in Aussicht, falls Capablanca ihn offiziell herausfordern würde.Edward Winter: Capablanca v Alekhine, 1927, Chesshistory.com 2003. Zu einem solchen Match kam es jedoch nicht. Das Verhältnis zwischen den beiden Spielern verschlechterte sich in den folgenden Jahren so sehr, dass Aljechin es sogar vermied, mit seinem Vorgänger im selben Turnier zu spielen. Sie sollten sich erstmals wieder beim Turnier von Nottingham 1936 am Schachbrett begegnen.
mini|links|Aljechin beim Simultan-Schachspiel 1930 in Berlin
In der Folge zeigte sich Aljechin als würdiger Weltmeister. Beim Turnier von San Remo 1930 gewann er überlegen mit 14 Punkten aus 15 Partien. Mit Efim Bogoljubow trug er 1929 und 1934 zwei Zweikämpfe um den Weltmeistertitel aus, die er mit 15½:9½ und 15½:10½ gewann. Bogoljubow hatte 1928 und 1929 zwei vom 1924 gegründeten Weltschachverband FIDE organisierte offizielle FIDE-Championate gegen Max Euwe gewonnen. Für Aljechin kam es nicht in Frage, der neu gegründeten FIDE die Verfügung über den Titel „Schachweltmeister“ abzutreten. Nachdem Aljechin Bogoljubow zweimal besiegt hatte, unternahm die FIDE keinen Versuch mehr, offiziell Weltmeistertitel zu vergeben. Erst Ende der 1940er Jahre, nach Aljechins Tod und dem folgenden Interregnum, gelang es der FIDE, genügend Legitimität aufzubringen, um den offiziellen Titel zu vergeben.
Im Jahre 1934 starb Aljechins dritte Ehefrau. Seine vierte Ehefrau wurde die US-Amerikanerin Grace Wishar (1876–1956), eine vermögende Generalswitwe, die über einen Landsitz in Frankreich verfügte. Sie spielte selbst Fernschach und nahm an Blitzturnieren teil, wenn sie Aljechin zu Turnieren begleitete. Alle Ehefrauen Aljechins waren bedeutend älter als er. Der US-amerikanische Großmeister und Psychoanalytiker Reuben Fine erwähnte dazu in seinem Buch The Psychology of the Chess Player (1956) (dt. „Die Psychologie des Schachspielers“, 1982) den Ödipus-Komplex.
Aljechin verlor seinen Titel 1935 überraschend an den Niederländer Max Euwe (14½:15½). Euwe gewährte allerdings 1937 einen Revanchekampf. In ihm wurde er von Aljechin mit 15½:9½ geschlagen. Diese nicht selbstverständliche Bereitschaft Max Euwes, den WM-Titel auch gegen den stärksten Gegner zu verteidigen, festigte seinen Ruf als untadeliger Sportsmann.
In den 1930er Jahren traten einige hervorragende junge Schachmeister in Erscheinung, die sich zu ernsthaften Konkurrenten um den WM-Titel entwickelten. Neben Salo Flohr, Reuben Fine, Samuel Reshevsky und Paul Keres war dies vor allem der Russe Michail Botwinnik.
Aljechin, der das Schachleben in seiner alten Heimat Russland sehr aufmerksam verfolgte, war durchaus an einem Weltmeisterschaftskampf mit diesem hervorragenden Vertreter der jungen sowjetischen Schachschule interessiert. Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 machte die bereits fortgeschrittenen Vorbereitungen zu einem Wettkampf allerdings zunichte.
Schacholympiaden
Aljechin trat mit der französischen Mannschaft bei den Schacholympiaden 1930, 1931, 1933, 1935 und 1939 an, am Spitzenbrett erreichte er 1931 und 1933 das beste, 1935 und 1939 das zweitbeste Einzelergebnis.
Zweiter Weltkrieg und Kollaboration mit den Nationalsozialisten Aljechin, zwei Jahrzehnte lang französischer Staatsbürger, zeigte bereits bei Kriegsausbruch, während der Schacholympiade in Buenos Aires 1939, seine anti-deutsche Haltung. Sobald er nach Europa zurückgekehrt war, betätigte er sich als Übersetzer für die französische Résistance. Doch änderte er seine Ansichten grundlegend, nachdem das Deutsche Reich 1941 die Sowjetunion angegriffen hatte (Deutsch-Sowjetischer Krieg).