Die Marine des Kaiserreichs China ist nach allgemeinem Verständnis und im engeren Sinne die Sammelbezeichnung für die vier modernen, auch mit Dampfschiffen ausgerüsteten Flottenverbände der späten Qing-Dynastie: die Beiyang- oder Nordflotte, die Nanyang- oder Südflotte, die Guangdong-Flotte und die Fujian-Flotte. Für die chinesische Marine als ganzes gab es weder eine offizielle Bezeichnung noch ein Oberkommando noch eine Flagge, sie bestand in Form der genannten Teilflotten von 1875 bis zum Ende der Dynastie 1912. Allerdings verfügte das Kaiserreich China bereits seit der Song-Dynastie über Seestreitkräfte.

Von den Anfängen bis zum 19. Jahrhundert Seestreitkräfte entwickelten sich in China erst spät: Es gab kein Binnenmeer wie das Mittelmeer und die Ostsee, in dem man nautische Erfahrungen hätte sammeln können. Weil die Küstenschifffahrt vor China schwierig war und alle großen Flüsse des Landes in West-Ost-Richtung fließen, wurden bereits im 6. Jahrhundert v. Chr. erste Kanäle gebaut, um Waren, Truppen und Nachschub auch in Nord-Süd-Richtung befördern zu können. Anfang des 7. Jahrhunderts n. Chr. wurde der Kaiserkanal im Wesentlichen fertiggestellt, der im Laufe des 11. Jahrhunderts mit Schleusen versehen wurde, so dass die Seeschifffahrt entlang der chinesischen Küste weitgehend obsolet wurde.Friedemann Berger: Die Milchstraße am Himmel und der Kanal auf Erden. Geschichte, Kultur und Gegenwart an Chinas Großem Kanal. Gustav Kiepenheuer, 1991, ISBN 3-378-00345-6 Insofern nimmt es nicht wunder, dass eine der ersten großen Schlachten mit Schiffen auf dem Jangtsekiang stattfand, die Schlacht von Chibi im Winter 208 zu Beginn der Zeit der Drei Reiche. Die Berichte darüber legen nahe, dass Cao Cao eilig eine ansehnliche Flotte hatte bauen lassen, die auf dem Fluss dicht gedrängt und aneinandergekettet durch Brandpfeile seiner Gegner entzündet und vernichtet wurde.

Während der Song-Dynastie in den 1130er Jahren entstand eine erste dauerhaft bestehende Marine, deren Hauptquartier in Dinghai (heute Teil der Stadt Zhoushan) nahe Shanghai angesiedelt war. Ende des 12. Jahrhunderts war sie auf 52.000 Matrosen angewachsen.Joseph Needham, Science and Civilization in China, Bd. IV (Physics and Physical Technology), Teil 3 (Civil Engineering and Nautics), Taipei 1986, S. 476. Ihr Haupteinsatzgebiet blieben die großen Flüsse und ihr Hauptzweck, die Steppenvölker an ihrem Vordringen in den Süden zu hindern. Ein Kuriosum dieser Streitkräfte waren die mit Muskelkraft angetriebenen Schaufelradboote. Als die Jurchen (Jin-Dynastie, 1125–1234) die Herrschaft über Nordchina und die Mongolen (Yuan-Dynastie, 1279–1368) schließlich die über ganz China übernahmen, verlor die Marine naturgemäß ihre strategische Bedeutung. Sie diente nun vorrangig der Sicherung des Handelsverkehrs im Südostpazifik und im Indischen Ozean und der Abwehr der Piraterie und des Schmuggels an der chinesischen Küste.

Mit den sieben großen Expeditionen des Admirals Zheng He zwischen 1405 und 1433 erreichte die Seefahrt während der Ming-Dynastie (1368–1644) noch einmal eine kurze Blüte. Sie kosteten den Kaiserhof aber offenbar mehr als sie an „Tributen“ einbrachten. Bis ins 19. Jahrhundert hinein konzentrierte sich China beinahe ausschließlich auf Eroberungen auf dem asiatischen Festland, mithin auf die Landkriegführung, zumal die Bedrohung von Norden durch die Steppenvölker weiterhin als gravierender angesehen wurde. Dazu trug sicherlich auch die Geringschätzung des Handels durch den Konfuzianismus bei. Für die Mandschu-Dynastie der Qing gelang es Kaiser Kangxi bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, sich der Loyalität der Marine zu versichern. Sie bestand aus kleinen Verbänden für bestimmte Küstenabschnitte, die den überwiegend han-chinesischen Truppen der Grünen Standarte zugeordnet waren, und hatte weiterhin nur die Aufgabe, den Verkehr auf den großen Flüssen und Kanälen zu sichern sowie den Schmuggel und die Piraterie auf dem Chinesischen Meer – vor allem von Japan aus – zu unterbinden.Guotong Li, Migrating Fujianese: Ethnic, Family, and Gender Identities in an Early Modern Maritime World, Leiden, Bosten 2016, S. 70f. Letzteres ist ihr aber nie wirklich gelungen, weil der Seehandel für die Bewohner der Küstenregionen in China viel zu lukrativ war. Der Kaiser versuchte deshalb, die Gründung und den Ausbau von Häfen unmittelbar an der Küste zu verhindern, was diese quasi zu einem herrenlosen Land machte und die Anlage von immer neuen Vertragshäfen im 19. Jahrhundert ermöglichte. Den Handel mit Europa konnte das Kaiserhaus während der späten Ming- und dann der Qing-Dynastie auf die 1577 von den Portugiesen gegründete und seit 1582 geduldete Kolonie Macau vor Kanton beschränken, von 1760 dann auf ganz Kanton. Bestrebungen der Engländer und Niederländer, den Handel mit China auszuweiten (Macartney-Mission 1793, Titsing-Mission 1794/95, Amherst-Mission 1816), scheiterten.Kurzer Überblick bei Sabine Dabringhaus, Geschichte Chinas 1279–1949, München, 3. Aufl. 2015, S. 27–28 u. 154–156.

Im 19. Jahrhundert, als das Qing-Reich mehr und mehr durch Überbevölkerung, Naturkatastrophen, Hungersnöte und in deren Folge durch innere Unruhen erschüttert wurde, verfiel die Marine immer weiter. Den Kampf gegen Seeräuber und Schmuggler, die oft mit modernen westlichen Geschützen bewaffnet waren, hatte man weitgehend aufgegeben, stattdessen versuchte man, erfolgreiche Piratenkapitäne mit ihren Schiffen in die Flotte einzugliedern. Ein Hilfsgesuch der Portugiesen aus Macao, ihnen 1802 gegen die Franzosen beizustehen, beschied Kaiser Jiaqing abschlägig; 1808 erklärte er seine Neutralität in den Angelegenheiten der Europäer untereinander, was darauf hinauslief, den Engländern die Kontrolle nicht nur über Kanton, sondern die Küstengewässer zumindest von Südchina überhaupt zu überlassen. Kaiser Daoguang und sein Nachfolger Xianfeng hatten weder ein Interesse noch die Durchsetzungsfähigkeit noch die Mittel, den Aufbau auch nur bescheidener Seestreitkräfte anzugehen. Für den Bau von Dampfschiffen fehlte in den 1840er Jahren noch das Knowhow.Siehe dazu den zeitgenössischen Bericht von Karl Gützlaff, Das Leben des Tao-Kuang, verstorbenen Kaisers von China, Leipzig 1852, S. 11f. (portugiesisches Ersuchen), 52, 94f. (Zustand der Flotte), 67 (Dampfschiffe). Die vernichtenden Niederlagen gegen europäische Flotten im Ersten und Zweiten Opiumkrieg 1839–1842 bzw. 1856–1860 waren die zwangsläufige Folge.

Von der Tongzhi-Restauration bis zum Ende der Dynastie Nach Xianfengs Tod 1861 wurde der erst fünfjährige Tongzhi Kaiser. Für ihn übten die beiden Kaiserinwitwen Ci’an und Cixi die Regentschaft aus, wahrscheinlich zumindest in den 1860er Jahren unterstützt von Prinz Gong und anderen hochrangigen Mitgliedern des Kaiserhofs bzw. dem Großen Rat. Um den Taiping-Aufstand zu beenden, wandte sich Gong unmittelbar nach dem Zweiten Opiumkrieg 1861 im Namen des Kaiserhofs an Queen Victoria mit der Bitte, dem Kaiserreich Kanonenboote und Mannschaften für eine Expedition auf dem Yangtse zu überlassen, um die Rebellenhauptstadt Nanjing unter die Kontrolle der Dynastie zu bringen. England entsandte eine Flotte von sieben Panzerschiffen und einem Versorger unter dem Kommando von Sherard Osborn, die aber 1863 unverrichteter Dinge wieder zurückkehrte, weil Osborn nur vom Kaiser gesiegelte Befehle entgegenzunehmen bereit war.

Fujian-Flotte Dass Chinas Macht in Ostasien ohne umfassende Modernisierung der Streitkräfte und eine schlagkräftige Marine immer weiter zu erodieren drohte, war jedem am Kaiserhof klar. Im Rahmen der Tongzhi-Restauration und der Selbststärkungsbewegung wurden deshalb zwei große Marinestützpunkte mit Werften und Reparaturbetrieben gegründet, eine mit französischer Hilfe in Fuzhou und eine mit englischer Hilfe in Shanghai; darüber hinaus gab es noch eine kleinere Werft in Kanton. In den beiden erstgenannten wurden erste chinesische Dampfkriegsschiffe noch aus Holz und ohne nennenswerte Panzerung gebaut, in Fuzhou zunächst für die dortige bereits seit dem Ende des 17. Jahrhunderts bestehende Flotte der Provinz Fujian. Im Einzelnen waren es bis 1884: das Flaggschiff der Flotte, die Korvette Yangwu mit 13 Kanonen, zwei Kanonenboote, fünf bewaffnete Transporter und ein Flusspatrouillenboot. Für diese Flotte, die offensichtlich hauptsächlich für Truppentransporte konzipiert war, wurden außerdem zwei weitere gepanzerte Kanonenboote in England angekauft. Die größeren Geschütze aller chinesischen Dampfkriegsschiffe des 19. Jahrhunderts stammten ausnahmslos aus europäischer Produktion. Die Flotte wurde zu Beginn des Chinesisch-Französischen Kriegs am 23. August 1884 innerhalb von einer Stunde in der Seeschlacht von Fuzhou von einer an Panzerung, Feuerkraft und Reichweite weit überlegenen französischen Flotteneinheit bis auf zwei Schiffe schwer beschädigt oder versenkt, die Marinewerft einen Tag später ebenfalls durch Beschuss beschädigt.

Schiffe der Fujian-Flotte (Auswahl) Zu den folgenden Listen ist zu bemerken:

Die romanisierten Schreibweisen unterscheiden sich häufig, insbesondere bei Wade-Giles, z. B. wird „廣“ teilweise sowohl in Pinyin als auch in Wade-Giles als Guang oder Kuang transkribiert. Als Baujahr ist in den Quellen (s. u.) teilweise das Jahr der Bestellung oder das der Kiellegung oder des Stapellaufs angeben, die Auslieferung an die Marine kann erst Jahre später erfolgt sein, z. B. die Dingyuan und Zhenyuan wurden 1882 bestellt und kielgelegt, ein Jahr später vollendet, aber wegen des chinesisch-französischen Krieges erst 1885 ausgeliefert. Die Tonnage kann nur als ungefährer Anhaltspunkt diesen, meist ist offenbar die Standard-, teilweise aber wohl auch die maximale Verdrängung gemeint, die in den Quellen wohl überwiegend in Long tons (1,016 t), aber auch in metrischen Tonnen oder selten in Short tons (0,907 t) angegeben ist. Auch die Bewaffnung ist in den Quellen teilweise unterschiedlich angegeben, was natürlich auch auf Umrüstungen und Modernisierungen zurückgehen kann.

Name (Pinyin)Name (Wade Giles)Chin. (trad.)TypBaujahrWerftTonnageBemerkungenFuxingFu-hsing福星Kanonenboot, Holz1870Fuzhou515 t3 Kanonen, vor Fuzhou am 23.8.1884 versenktZhenweiChen-wei振威Kanonenboot, Holz1872Fuzhou572,5 t10 kn, 6 Kanonen, vor Fuzhou versenktFupoFu-p'o伏波Transportschiff1870Fuzhou1.258 t5 Kanonen, vor Fuzhou den Franzosen entkommenFeiyunFei-yun飛雲Transportschiff1872Fuzhou1.258 t13 kn, 5 Kanonen, vor Fuzhou versenktYangwuYang-wu揚武Korvette, Holz1872Fuzhou1.393 tFlaggschiff, 15 kn, 13 Kanonen, vor Fuzhou versenktJi'anChi-an濟安Transportschiff1873Fuzhou1.258 t12 kn, 5 Kanonen, vor Fuzhou versenktYongbaoYung-pao永保Transportschiff1873Fuzhou1.391 t3 Kanonen, nahm an der Schlacht von Fuzhou nicht teilChenhangCh'en-hang琛航Transportschiff1874Fuzhou1.391 t3 Kanonen, nahm an der Schlacht von Fuzhou nicht teilJianshengChien-sheng建勝Gepanzertes Kanonenboot1875Laird, Birkenhead250 tvor Fuzhou versenktFushengFu-sheng福勝Gepanzertes Kanonenboot1875Laird, Birkenhead280 tvor Fuzhou versenktYixinI-hsin藝新Flusspatroullienboot1876Fuzhou?Nicht bekannt, vor Fuzhou den Franzosen entkommenHenghaiHeng-hai橫海Sloop mit Kompositpanzerung1885Fuzhou1.250 t1886 bei Unfall gesunken

Guangdong-Flotte