Dhankul (), auch dhankul dandi („Bogen-Tontopf Stab“), ist ein seltener Musikbogen im Süden des indischen Bundesstaates Chhattisgarh und dort konzentriert auf den Distrikt Bastar. Das Verbreitungsgebiet liegt im Zentrum der historischen bewaldeten Hügellandschaft Dandakaranya. Die Saite des dhankul wird durch einen auf dem Boden stehenden Tontopf als Resonanzkörper verstärkt. Der bis zu zwei Meter lange gebogene Saitenträger ist im mittleren Bereich geriffelt und dient zugleich als Schrapinstrument. Der dhankul wird ausschließlich von Adivasi-Frauen der Halba-Gemeinschaft als Rhythmusinstrument zur Begleitung eines religiösen Rituals verwendet, bei dem die Sängerinnen (gurumai) das mündlich überlieferte Epos Tija Jagar, das auch Dhankul genannt wird, vortragen. Die Aufführung hat einen freudigen, unterhaltenden Charakter. Zugleich wird mit den dhankul geet („Bogen-Topf Lied“) die Göttin Danteshvari (Shakti) angerufen.
Herkunft und Verbreitung Musikbogen mini|hochkant|Musiker mit einem fünfsaitigen Musikbogen oder der Vorform einer Bogenharfe auf einer bronzezeitlichen Felszeichnung in der Nimbu-Bhoj-Höhle bei Pachmarhi. Als Resonator dient ein rechteckiger Kasten am unteren Ende. Bei einer indischen Bogenharfe wäre dies die typische Spielhaltung mit den Saiten zum Körper.Die Figur ist ein Ausschnitt aus Veronika Meshkeris, 2000, Tafel VII, Abb. 7. Dort ist als Herkunft Bhimbetka angegeben. Die entwicklungsgeschichtlich ältesten Saiteninstrumente sind der ortsfeste Erdbogen und der tragbare Musikbogen, die beide – als Tierfalle bzw. als Jagdbogen – im Zusammenhang mit der Jagd stehen. Aus dem 4./3. Jahrtausend v. Chr. stammen Felszeichnungen in Hodschikent nahe der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Eine der offenbar zu einem Ritual versammelten weiblichen Figuren scheint einen Musikbogen in den Händen zu halten. In dieser Stufe der Kupfersteinzeit war der Musikbogen auch in Europa und in Nordafrika bekannt.Veronika Meshkeris: Musical Phenomena of Convergency in Eurasian Rock Art. In: Ellen Hickmann, Ricardo Eichmann (Hrsg.): Studien zur Musikarchäologie I. Saiteninstrumente im archäologischen Kontext. (Orient-Archäologie, Band 6) Verlag Marie Leidorf, Rahden/Westfalen 2000, S. 74 In den Felsgrotten von Bhimbetka in Zentralindien blieben Malereien mit Jagdszenen ab dem Mesolithikum (vor 5000 v. Chr.) erhalten. In einer Gruppe von Tänzern ist eine Figur mit einer Sanduhrtrommel erkennbar, die mit Musikbögen und Bogenharfen zu den ältesten Darstellungen von Musikinstrumenten in Indien gehört. In der rund 100 Kilometer südöstlich von Bhimbetka bei Pachmarhi gelegenen Nimbu-Bhoj-Höhle zeigt eine bronzezeitliche Felsmalerei eine hockende Figur mit einem fünfsaitigen Musikbogen, dessen Saitenträger am unteren Ende mit einem rechteckigen Resonanzkörper verbunden ist. Während die Anordnung von gebogenem Saitenträger und Resonanzkörper prinzipiell einem heutigen dhankul entspricht, ist ein solches Saiteninstrument ansonsten unbekannt. Offenbar sollte eine fünfsaitige Bogenharfe dargestellt werden, bei der jedoch der Resonanzkörper untrennbar in den unteren Teil des gebogenen Saitenträgers integriert ist. Im Unterschied dazu ist bei Musikbögen der Resonanzkörper konstruktiv vom Saitenträger getrennt und üblicherweise seitlich nahe an einem Ende oder im mittleren Bereich des Saitenträgers angebracht.
Der Musikbogen ist das älteste indische Saiteninstrument, das bereits in altindischer Zeit durch die Bogenharfe ersetzt wurde. Diese erscheint bis zum 3. Jahrhundert als einziges Saiteninstrument auf Abbildungen (Reliefs an buddhistischen Stupas) und verschwindet in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends aus Nordindien. Die Form der nordindischen Bogenharfe blieb als saung gauk in Myanmar erhalten. In Südindien war die Bogenharfe yazh noch bis ins 12. Jahrhundert in Gebrauch. Seit etwa dem 3. Jahrhundert traten in Nordindien die ersten Lauteninstrumente auf und als weitere, heute bedeutende Instrumentengruppe ab dem 5. Jahrhundert die ebenfalls auf den Musikbogen zurückgehenden Stabzithern.Walter Kaufmann: Musikgeschichte in Bildern. Band II. Musik des Altertums. Lieferung 8: Altindien. Hrsg. Werner Bachmann. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 178 In den vedischen Texten war vina der Oberbegriff für die unterschiedlichen, im Verlauf der Zeit bevorzugten Saiteninstrumente. Nur Namenszusätze oder der Kontext lassen auf ihre Form oder kultische Verwendung schließen.Monika Zin: In: Ellen Hickmann, Ricardo Eichmann (Hrsg.): Studien zur Musikarchäologie IV. Musikarchäologische Quellengruppen: Bodenurkunden, mündliche Überlieferung, Aufzeichnung. Vorträge des 3. Symposiums der Internationalen Studiengruppe Musikarchäologie im Kloster Michaelstein, 9.–16. Juni 2002, S. 321–362, hier S. 322, 326 Vina genannte Langhalslauten und Stabzithern gehören heute generell zur klassischen indischen Musik.
Neben den heute zum klassischen Instrumentarium gezählten Musikinstrumenten werden in den altindischen Schriften auch Namen von verschwunden oder in die regionale Volksmusik übergegangenen Instrumenten erwähnt. So ist im Epos Mahabharata (bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. abgeschlossen) von vina spielenden Gandharvas (musizierende Geistwesen in der himmlischen Sphäre der Götter), Kinnaras (himmlische Mischwesen) und ähnlich begabten singenden Wesen die Rede. Das dort tumba vina („Kalebassen-vina“) genannte Saiteninstrument könnte sich auf eine Bogenharfe mit Kalebassenresonator an einem Ende oder um eine Stabzither mit einer Kalebassenhalbschale bezogen haben. Am Felsrelief „Herabkunft der Ganga“ in Mamallapuram aus dem 7. Jahrhundert ist erstmals ein Kinnara abgebildet, der eine Stabzither mit einer Kalebassenhalbschale am Ende des Saitenträgerstabs quer vor seiner Brust hält.Walter Kaufmann, 1981, S. 180
Eine solche Stabzither lebt heute nur noch in abgelegenen Gegenden von Odisha unter dem Namen tuila in der Volksmusik fort. Die wegen ihren Spieltechnik nur von Männern eingesetzte tuila gilt als alte und unmittelbare Entwicklung aus dem Jagdbogen. Aus dem 1. Jahrtausend sind in Indien weitere Darstellungen dieser frühen Stabzither bekannt. Verwandte Stabzithern in Indien gibt es heute noch mit den Namen bhuang bei den Santal in Odisha und sodi burra bei den Yerukala in Andhra Pradesh. Die bhuang besteht aus einem langen Bambusrohr, an dessen Enden in Bohrungen rechtwinklig dünnere Holzstäbe eingesteckt sind.Museum for tribal musical instruments. The Telegraph Online, 5. August 2016 (Foto einer bhuang) Durch eine gewisse Elastizität der Stäbe wird die an ihren Spitzen festgebundene Hanfsaite in Spannung gehalten, weshalb die bhuang einem Musikbogen am nächsten steht. Für die Resonanz sorgt eine große, in der Mitte befestigte Kalebasse oder ein geflochtener Bambuskorb, der an der Unterseite offen und mit Papier umwickelt ist.Carol M. Babiracki: Bhuang. In: Grove Music Online, 22. September 2015 Die bhuang wird nur von Männern zur Begleitung des gleichnamigen Männertanzes verwendet, um beim Jahresfest Vijaya Dashami (entspricht Durga Puja) einen rhythmischen Bordunton zu zupfen.Bigamudre Chaitanya Deva, 1978, S. 156; Buang. Daricha Die Stabzither sodi burra ist eine entsprechende Konstruktion, wobei die Saite in geringerem Abstand über dem Bambusrohr verläuft.Sodi burra, instrument of the Yerukala (?) people, Hyderabad (India), 1963. UCLA Library Digital Collections (Foto); Ferdinand J. de Hen: A Case of Gesunkenes Kulturgut: The Toila. In: The Galpin Society Journal. Band 29, Mai 1976, S. 84–90, hier S. 86f Zu den zahlreichen Weiterentwicklungen von Stabzithern gehören die bis ins 19. Jahrhundert in der klassischen Musik und heute regional vereinzelt in der Volksmusik gespielte kinnari vina und die namentlich seit dem 15. Jahrhundert bekannte jantar mit zwei Kalebassenresonatoren, die heute in der Volksmusik von Rajasthan verwendet wird. Ein möglicherweise heute gänzlich verschwundenes Relikt der altindischen Bogenharfe ist die bin-baja, die von einer Adivasi-Gruppe in einer abgelegenen Region von Madhya Pradesh zur Begtleitung epischer Lieder verwendet wurde.Vgl. Roderic Knight: The Harp in India Today. In: Ethnomusicology, Band 29, Nr. 1, Winter 1985, S. 9–28
Musikbögen kommen in Indien sehr selten in regionalen Volkstraditionen vor. In einigen Regionen in den südindischen Bundesstaaten Kerala und Tamil Nadu wird der Musikbogen villadi vadyam („Bogen-Musikinstrument“) zur Begleitung der Volksliedgattung Villu pattu („Bogen-Lied“) verwendet. Der villadi vadyam besteht aus einem zwei bis vier Meter langen, annähernd geraden Pflanzenrohr (Bambusrohr), das zur Klangverstärkung mittig auf einen umgedrehten großen Tontopf gelegt wird. Die aus einem Bambusstreifen bestehende Saite wird mit zwei Holzstöcken rhythmisch angeschlagen. Chris A. Gregory (2004) bemerkt zu den Unterschieden der zentralindischen und südindischen Musikbogentradition, dass der südindische Musikbogen mit der Saite nach oben gespielt wird, der leitende Sänger (traditionell) stets ein erwachsener Mann ist und die Villu pattu von Tod und den jenseitigen Ahnen handeln, während den zentralindischen Bogen dhankul Frauen mit der Saite nach unten spielen, Frauen singen und Geburt und Leben die zentralen Inhalte der Gesänge bilden.Chris A. Gregory, 2004, S. 98
Ein mit rund 80 Zentimetern kurzer Musikbogen namens onavillu wird in Kerala zur Begleitung von Erntedankliedern (onapattu) mit einem Stöckchen auf den Bambusstreifen geschlagen. Der Saitenträger besteht aus der breiten Blattrippe einer Palmyrapalme oder Kokosnusspalme.Alastair Dick: Villu. In: Grove Music Online, 20. Januar 2016; Pichu Sambamoorthy: Catalogue of Musical Instruments Exhibited in the Government Museum, Chennai. (1955) The Principal Commissioner of Museums, Government Museum, Chennai 1976, S. 26
Schrapinstrument mini|hochkant|Onavillu bei einem Konzert mit Volksmusik in Kerala, 2011 Instrumentenkundlich sind onavillu und villadi vadyam Saiteninstrumente, weil der Bambusstreifen nur unter Spannung den gewünschten Klang produziert, dennoch zählt sie B. C. Deva (1978) in seiner Klassifizierung indischer Musikinstrumente, weil sie angeschlagen werden, (fälschlich) zu den Idiophonen (ghana vadya) und bevorzugt die Bezeichnung villukottu („Bogen-Perkussion“).Bigamudre Chaitanya Deva, 1978, S. 61 Durch die am Stab des langen Musikbogens villadi vadyam angehängte Reihe von Schellen, die beim Anschlagen der Saite erklingen, gehört dieses Rhythmusinstrument in beide Instrumentenkategorien. Auch damit steht der villadi vadyam in einer engen Beziehung zum dhankul.
Idiophone werden in Indien mit wenigen Ausnahmen (jaltarang) nicht als Melodie-, sondern als Rhythmusinstrumente ohne bestimmte Tonhöhe eingesetzt. Die zweite Verwendung des dhankul als Schrapinstrument führt noch weiter in der geschichtlichen Entwicklung zu den idiophonen Schlag- und Geräuschinstrumenten als den ältesten klanglichen Ausdrucksformen zurück: zu geschlagenen Bambusröhren als Schlagbalken oder Gegenschlagstäben und zu geräuschhaft geschrapten Gegenständen mit einer quergerieften Oberfläche. Schrapinstrumente (zunächst als geriffelte Knochen) werden seit prähistorischen Zeiten mit rituellen Handlungen in Verbindung gebracht.Curt Sachs: Geist und Werden der Musikinstrumente. Berlin 1929. Nachdruck: Frits A. M. Knuf, Hilversum 1965, S. 16f