mini|403x403px|Didrachme, Akragas 510-483/482 v. Chr., Vorderseite: AKRACA-NTOΣ [NTOΣ retrograd]. Adler mit angelegten Flügeln nach l. Rückseite: EXΑ [retrograd]. Krabbe in Aufsicht, darunter die Aufschrift. Die antike Münzprägung der griechischen Stadt Akragas auf Sizilien setzte ca. 525–510 v. Chr. ein und hielt bis zur Eroberung der Stadt durch Karthago im Jahr 406 v. Chr. an. Neben der Prägung silberner Didrachmen und Tetradrachmen galt Akragas als prominenter Herstellungsort von Bronzegeld im Sizilien des 5. Jahrhunderts v. Chr. Dabei galten ein Adler auf der Vorderseite (Avers) und eine Krabbe auf der Rückseite (Revers) der Münzen als Leitmotive für die Stadt, welche stellvertretend für die in der Stadt praktizierten Götterkulte standen.

Geschichte der Münzprägung in Akragas

Der Beginn der Münzprägung in Akragas wird in der numismatischen Forschung zwischen den Jahren 520 und 510 v. Chr. beziehungsweise im Zeitraum von 525 bis 515 v. Chr. angesetzt. Ältere Forschungsmeinungen, die eine frühe Datierung vertraten und den Anfang der akragantinischen Prägeaktivität um 550 v. Chr. ansetzten, gelten mittlerweile als veraltet. Die Stadt Akragas selbst wurde um 580 v. Chr. gegründet und gilt als Kolonie von Siedlern aus dem etwa 100 Jahre älteren Gela sowie von der Insel Rhodos in der Ägäis. Nach der Einführung der Tyrannis durch Phalaris um 570 v. Chr. dauerte es noch etwa ein halbes Jahrhundert, bis die Polis mit der eigenen Münzprägung begann.

Nur knapp zehn Jahre nach dem bedeutenden Sieg von Theron, dem Tyrannen von Akragas, und seinem Verbündeten Gelon von Syrakus über Karthago in der Schlacht von Himera im Jahr 483/482 v. Chr. endete die Tyrannis in Akragas. Die Herrschaft über die Stadt ging zwar nach Therons Tod 472 v. Chr. an seinen Sohn Thrasydaios über, dieser starb allerdings bereits ein Jahr später. Die akragantinische Herrschaftsform ab dem Jahr 471 v. Chr. ist als ‚Aristokratie‘ anzusprechen, die im Kontrast zur Tyrannis häufig fälschlicherweise als ‚Demokratie‘ bezeichnet wird.

In den folgenden Jahrzehnten nahm die Münzprägung der Polis an Fahrt auf. Zwar geriet Akragas mit den auf Sizilien heimischen Sikelern in Konflikt, zudem gerieten sie in Auseinandersetzung mit dem östlichen Nachbarn Syrakus. Doch brachte die Neutralität, welche die Stadt bei beiden Sizilienexpeditionen beibehielt, einen großen Anstieg an Reichtum im letzten Viertel des 5. Jahrhunderts v. Chr. Erst die Belagerung durch Karthago und die folgende Eroberung von Akragas 406 v. Chr. brachten diesem Wohlstand ein Ende. Die Stadt musste ihre Mauern schleifen, stellte ihre Münzprägung ein und sank in die Unbedeutsamkeit herab.

Die Numismatikerin Ulla Westermark teilte die Münzprägung von Akragas in drei Perioden und brachte diese mit dem damaligen Zeitgeschehen in Verbindung. So startete die Periode I, die früheste Phase der Münzprägung, um ca. 510 v. Chr. und endete um ca. 470 v. Chr., also in etwa zeitgleich mit dem Fall der Tyrannis der Emmeniden. Die Periode II setzte um ca. 465/460 v. Chr. in der neuen ‚Demokratie‘ ein und stieg von der Didrachmen- auf eine Tetradrachmenprägung um. Nach ihrem Ende um ca. 445/440 v. Chr. folgte eine zwanzigjährige Prägeunterbrechung. Diese wurde womöglich durch die Konflikte mit Syrakus in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts verursacht. Die dritte und letzte Periode ab ca. 420 v. Chr. gilt als Höhepunkt der griechischen Münzprägung Siziliens und beeindruckt durch das herausragende handwerkliche Können der Stempelschneider. Ihr jähes Ende lässt sich durch die Eroberung der Stadt durch Karthago 406 v. Chr. erklären.

Die Hauptmotive Adler und Krabbe mini|410x410px|Tetradrachme, Akragas ca. 464–450 v. Chr., Vorderseite: AKRAC-ANTOΣ [ANTOΣ retrograd]. Adler mit angelegten Flügeln nach links, Der Adler und die Krabbe bleiben die beiden typischen Motive für Münzen aus Akragas.

Adler Auf den Münzen von Akragas erscheint fast immer ein Adler auf der Vorderseite (Avers) und eine Krabbe auf der Rückseite (Revers). Diese Kombination der Münzbilder wurde im Verlauf des 5. Jahrhunderts zwar durch einige Symbole ergänzt und in Details abgeändert, galt jedoch seit dem Beginn ihrer Münzprägung ca. 525–510 v. Chr. bis zu ihrer Einstellung um das Jahr 406 v. Chr. als kontinuierliches Erkennungszeichen der Polis. Im Gegensatz zur Münzprägung von Selinunt, welche zu Beginn mit einem vertieften Quadrat noch kein figürliches Bild auf den Rückseiten zeigte, startete Akragas unmittelbar mit dem Bild der Krabbe auf dem Revers. Dieses Vorgehen könnte von den korinthischen Geprägen übernommen worden sein, die auf Sizilien bereits weiträumig zirkulierten. Wissenschaftliche Analysen der sizilischen Hortfunde sowie akragantinische Überprägungen korinthischer Münzen belegen solch einen Einfluss, welcher von dem griechischen Festland ausging.

Die Forschungsfrage, um welche Adlerspezies es sich bei dem meist stehenden Adler mit angelegten Flügeln handelt, ist bis heute nicht geklärt. Zwar gilt die Interpretation als Seeadler (Haliaeetus albicilla) aufgrund der Größe seines Schnabels, seiner oben befiederten und unten kahlen Beine sowie seines Beuteschemas als wahrscheinlich. Immerhin war diese Spezies schon in der Antike für ihre große Gruppe an Beutetieren bekannt, die jeweils auf Land oder im Wasser lebten. Eine Auswahl dieser findet sich auch auf den späteren Münzen der Polis. Doch Darstellungen erbeuteter Schlangen sprechen hingegen für die Deutung als Schlangenadler (Circaetus gallicus). Die Zuteilung der Spezies anhand der dargestellten Merkmale auf den Münzen muss außerdem kritisch betrachtet werden, da künstlerische Freiheit und dekorative Entscheidungen hier Vorrang vor der korrekten anatomischen Darstellung besaßen, sodass deren strenge Auslegung der Merkmale zu Fehlinterpretationen führen kann.

Als gesichert gilt die Interpretation des Adlermotivs mit der Verehrung des Zeus, welche in Akragas durch eine Reihe von späteren Bauwerken und literarischen Überlieferungen belegt ist. Die spezifische Ausformung des Zeus-Kults ist zur Zeit der Münzprägung von Akragas, also im 5. Jahrhundert v. Chr., anhand der Adlerdarstellung nicht möglich. Die Verehrung des Zeus Atabyrion war schon auf Rhodos üblich und wurde möglicherweise mit den Siedlern nach Akragas gebracht, wo der Name Polieus als weiteres Epitheton für diesen verwendet wurde. Konkret lässt sich das Adlermotiv jedoch nur auf eine generelle Verehrung des Göttervaters zurückführen und keinen spezifischen Kult.

Krabbe Die Krabbe auf dem Revers der Münzen aus Akragas ist anhand der Darstellung selbst nur schwierig einer bestimmten Spezies zuzuschreiben. Die künstlerische Gestaltung und Stilisierung der Münzbilder besaßen offenbar deutlichen Vorzug vor einer wirklichkeitsgetreuen Darstellung, sodass keine greifbaren Aussagen getroffen werden können. Diese wären für die Interpretation des Motivs allerdings von Bedeutung. Dabei steht die Frage, ob es sich um eine Süß- oder Salzwasserkrabbe handelt, im Zentrum. Ersteres würde für eine Verehrung der mit der Stadt namensgleichen Flussgottheit Akragas sprechen. Dies entsprach allerdings nicht der auf Sizilien sonst verbreiteten Darstellungsform von Flussgottheiten durch einen Bullen mit menschlichem Gesicht (sog. androkephaler Stier). Eine Erklärung für die abweichende akragantinische Motivwahl wäre, dass die Darstellung der Gottheit als Krabbe bereits üblich war, bevor sich der Stiertypus in der Region durchsetzen konnte. In diesem Fall hätte sich das ältere, lokale Motiv also gegenüber einem möglichen neuen durchgesetzt. Sollte es sich hingegen um eine Salzwasserkrabbe handeln, stände dies für die Verehrung einer Meeresgottheit, was durch die Küstenlage der Polis naheläge. Unüblich war dies nicht, so wurde Poseidon nur selten in menschlicher Form dargestellt.

Vorderseitengestaltung In der archaisch-griechischen Münzprägung dominierten drei Typen von Adlerdarstellungen: eine stehende oder fliegende Ganzkörperdarstellung oder der reine Adlerkopf. Der akragantinische Haupttypus ist die Darstellung eines stehenden Adlers mit eng angelegten Flügeln. Der Vogel erscheint dabei als wachsam und ist je nach Prägegruppe entweder nach links oder rechts gedreht, wobei auf den frühesten Münzen die Adler stets nach links blicken. Ähnlich wie die Blickrichtung ändert sich auch die Gestaltung des Greifvogels im Verlauf der Jahrzehnte, ohne dabei das Gesamtmotiv fundamental zu verändern. So wirkt der Körper gegen Ende der ersten Periode (ca. 470 v. Chr.) elegant und schlank. Details wie Proportionen der Körperteile variieren stetig, beispielsweise die Länge des Nackens oder die Gestaltung der Flügel. mini|540x540px|Tetradrachme, Akragas ca. 410–406 v. Chr., Vorderseite: AKRAΓ/ANTIN-ON [ANTIN-ON retrograd]. Nike in einem Viergespann (quadriga) nach l. Sie hält in der r. Hand eine Peitsche (kentron) und in der l. Hand die Zügel, darüber eine Tafel mit der Aufschrift. Rückseite: ΣΙΛΑ-NOΣ. Adlerpaar nach r., einen Hasen kröpfend. Hierbei handelt es sich um ein spätes Beispiel das Bild des Adlers auf den Revers und stattdessen eine Quadriga auf den Avers gesetzt wurde. Neben dem Adler als Hauptmotiv befindet sich auf den Vorderseiten der Münzen die für die Stadt stehende Legende (das sog. „Ethnikon“) AKRACANTOS oder deren Kurzformen AKRACAS, AKRAC und AKRA. Letztere Form diente für den Großteil der Periode I als mehrheitlich genutzte Variante und wurde manchmal auf dem Revers mit der Silbe CAΣ abgeschlossen. Dabei wurden die ersten beiden Buchstaben häufig über dem Rücken des Tieres und die letzten beiden unter seinem Bauch platziert. Dies sollte sich ab der Periode II und dem Beginn der Tetradrachmenprägung ändern (ca. 461 v. Chr.): Die ausgeschriebene Version AKRACANTOS setzte sich auf dem Avers durch.

Die Adler der Periode II folgten dem etablierten Darstellungsschema und so blieb der stehende Adler mit angelegten Flügeln weiterhin das Hauptmotiv auf dem Avers. Eine Neuerung war jedoch das Hinzufügen einer gepunkteten Standlinie, die zunächst mit den Klauen des Vogels verbunden war, indem diese unnatürlich in die Länge gezogen wurden. Eine Weiterentwicklung hiervon war eine von den Klauen losgelöste Linie unterhalb des Adlers, aus welcher sich schließlich ein angedeutetes ionisches Kapitell entwickelte. Dieses war meist nur an den beiden seitlichen Voluten erkennbar, da nur der oberste Teil des Kapitells auf den Münzen gezeigt wurde. Auf einigen späteren Bronzetypen wurde zudem der obere Säulenschaft durch die angedeuteten Kanneluren dargestellt. Die Verwendung eines ionischen Kapitells scheint zunächst ungewöhnlich, da sämtliche erhaltenen Großbauten der Stadt anhand der dorischen Ordnung errichtet wurden. Architektonisch inkorrekte Umsetzungen im Münzbild waren im griechischen Raum jedoch nicht unüblich. Das Motiv eines Adlers auf einer Ionischen Säule wurde in Akragas möglicherweise erstmals auf Münzen dargestellt. Städte wie Kroton und Elis übernahmen dieses anschließend.

Die Münzprägung von Akragas im letzten Viertel des 5. Jahrhunderts v. Chr. (Periode III) zeichnet sich durch zahlreiche neue Darstellungsvarianten aus. So wurde der Vogel nun auch mit weit ausgebreiteten Flügeln und gefangener Beute zwischen den Klauen beim Landen präsentiert, wobei diese Beute unter anderem aus Hasen, Schlangen oder Fischen bestand. Eine Weiterentwicklung hiervon war das jagende Adlerpaar, bei dem zwei Vögel über einem erlegten Hasen standen. Gegen Ende der akragantinischen Prägetätigkeit am Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. wurde dieses Motiv kurzzeitig auf den Revers versetzt, während auf dem Avers eine Quadriga dargestellt wurde. Die motivische Übernahme der Quadriga gilt als Beleg für den Einfluss von Syrakus im späten 5. Jahrhundert auf gesamt Sizilien.

Rückseitengestaltung