mini|Eine unrestaurierte Schnelle, rheinisches Steinzeug, 16. Jahrhundert Der Tätigkeitsbereich der Konservierung und Restaurierung archäologischer Bodenfunde beschäftigt sich mit der Wiederherstellung sowie der Sicherung und dauerhaften Bewahrung archäologischer Fundobjekte. Je nach Material, Alter und Lagerung im Boden ergeben sich unterschiedliche Herausforderungen, denen in unterschiedlichen Disziplinen begegnet wird. Das Studium der Konservierung und Restaurierung mit der Fachrichtung archäologisches Kulturgut wird in Deutschland an zwei Standorten, Berlin und Stuttgart, als Master- oder Bachelor-Studiengang angeboten.Studienmöglichkeiten im deutschsprachigen Raum auf der Website des Verbands der Restauratoren (abgerufen am 18. Juni 2024).
Restaurierung und Konservierung Laut ICOM beschreibt der Begriff „Restaurierung“ alle Handlungen, die die Wahrnehmung, Wertschätzung und das Verständnis für das Objekt fördern. Dies umfasst vor allem Rekonstruktionen, Ergänzungen und Rückformungen sowie Reinigung und Freilegung von Objekten. Die Konservierung soll ein Objekt in seinem Zustand möglichst unverändert bewahren und späteren Verfall minimieren. Hierzu sind vor allem präventive Maßnahmen erforderlich, wie abgestimmte Umgebungsbedingungen (Luftfeuchtigkeit, Licht, Temperaturschwankungen) und eine sichere, schadstofffreie Aufbewahrung. Im Bereich der archäologischen Funde sind konservatorische Maßnahmen für alle Fundobjekte obligatorisch. Das Kompetenz- und Leistungsspektrum eines Restaurators in diesem Bereich umfasst somit immer beide Bereiche.
Gründe der Restaurierung Neben verständlichen Gründen für eine Restaurierung, wie der Wiederherstellung eines Tongefäßes aus Scherben, um das ursprüngliche Erscheinungsbild darzustellen und somit eine Zuordnung und Datierung zu ermöglichen, stellen sich viele weitere Herausforderungen bei der Bewahrung der Kulturgüter. So sind archäologische Funde erst nach Entnahme aus dem Boden besonders gefährdet. Schon durch Austrocknung können Funde aus organischen Materialien, wie Holz, komplett zerstört werden. Durch enthaltene Salze können beispielsweise Eisenfunde noch nach Jahren einem steten Verfallsprozess unterliegen.
Oft verdecken Korrosionsschichten wichtige Informationen eines Objektes und müssen schonend entfernt werden. Dies können beispielsweise Metalltauschierungen sein oder auch Bearbeitungsspuren auf der Oberfläche. Die Maßnahmen sind von Objekt zu Objekt unterschiedlich und müssen für jeden Gegenstand analysiert, ausgewählt und während der Restaurierung dokumentiert werden. Viele der heute in Museen ausgestellten, archäologischen Gegenstände würde es ohne Restaurierung so nicht oder nicht mehr geben. Herausragende Beispiele sind z. B. der Löwenmensch vom Hohlenstein im Lonetal oder die Einbäume aus den Pfahlbausiedlungen der Bronzezeit. Welch fatale Folgen eine fehlende Restaurierung haben kann, zeige das erschreckende Beispiel der Einbäume in Schwerin 2004, die aufgrund fehlender Restaurierung vollständig zerstört wurden.Behörde lässt 7000 Jahre alte Kulturschätze verrotten, auf welt.de vom 12. März 2009 (abgerufen am 18. Juni 2024). Es gibt in vielen Museen und Archiven großes Verbesserungspotential bei der Restaurierung und konservatorischen Aufbewahrung von Funden. Gerade bei archäologischen Grabungen können massenhaft Funde zu Tage kommen, was für Museen und deren Restaurierungswerkstätten eine besondere Herausforderung darstellen kann. Bis auf wenige Ausnahmen, wie Gewässerfunde oder Funde aus Stein, sind alle archäologischen Funde restauratorisch oder zumindest konservatorisch zu behandeln.
Grundsätze einer Restaurierung Alle restauratorischen Maßnahmen müssen reversibel sein. Ausnahmen bilden u. a. Rückformungen an Objekten. Ziel einer Restaurierung ist nicht, einen möglichst ursprünglichen Zustand zu erzielen, vielmehr muss die „Lesbarkeit“ der Objekte in Hinsicht auf die kulturhistorische und handwerkliche Bedeutung wiederhergestellt werden. Dabei ist auch ein ästhetischer Gesichtspunkt gegenüber den Alterungs- und Verfallsprozessen zu berücksichtigen. Hier gilt der Grundsatz: „weniger ist mehr“. Ein respektvoller, vorsichtiger Umgang mit jedem Objekt muss gewährleistet sein, um weitere Schäden auszuschließen und unser kulturelles Erbe zu bewahren.Grundlagentexte auf der Website des Verbands der Restauratoren (abgerufen am 18. Juni 2024).
Voruntersuchung und Dokumentation Um die Möglichkeiten und die Erfolgsaussichten einzelner Methoden zu erörtern sind Voruntersuchungen am Objekt vonnöten. Dazu zählt eine augenscheinliche Betrachtung aber auch Methoden wie Röntgen oder CT. Auch können einzelne Methoden an später nicht sichtbaren Teilbereichen eines Objektes erprobt werden. Die Dokumentation aller Arbeitsschritte ist obligatorisch und sollte mit Fotos begleitet werden. Zur Dokumentation gehört auch die Digitalisierung des Objektes. Dies kann durch Fotos und genaue Beschreibungen für Dokumentationsdatenbanken erfolgen. Neue Techniken wie der 3D-Scan, die Photogrammetrie und eine Vielzahl weiterer Bildgebungstechniken bieten neue Möglichkeiten der Digitalisierung. So können Rekonstruktionen schon vorab digital vorgenommen werden.
Entsalzung Eine spezielle Herausforderung, die sich bei vielen archäologischen Bodenfunden ergibt, ist die Belastung durch Chloride. Chloride befinden sich natürlicherweise im Boden, werden aber auch durch Düngung künstlich in Böden eingebracht. Die Chloridbelastung der Objekte unterscheidet sich somit stark zwischen den einzelnen Objekten. Gewässerfunde (Binnengewässer) haben meist eine sehr geringe Chloridbelastung und bedürfen meist keiner Entsalzung, wohingegen Funde von gedüngten Äckern stark belastet sein können. Die Aufnahme von Chloriden ist für ein Objekt im Boden kein direktes Problem, auch wenn es zu vermehrter Bildung von Korrosion kommen kann. Die eigentliche Problematik entsteht erst nach der Entnahme aus dem Boden und dem Kontakt mit Sauerstoff sowie der Trocknung der Objekte. Die leicht löslichen Chloride verändern sich bei der Trocknung und sind dann schwerer aus den Objekten zu entfernen. Zerstörerische Kraft entfalten die Chloride nach der Trocknung durch Aufnahme von (Luft-)Feuchtigkeit. Die Chloride kristallisieren aus, was zu einer starken Volumenzunahme führt. Dies wiederum löst Materialschichten ab und zerstört das Objekt. Dieser Vorgang kann zu einem kompletten Zerfall auch anfangs augenscheinlich gut erhaltener Objekte führen! Die Problematik ist bei Eisenfunden am größten. Hier bilden sich mitunter regelrechte Tröpfchen aus salzreicher Flüssigkeit auf dem Objektoberflächen, begleitet von Ablösungen der Korrosionsschichten. Unter diesen Schichten kann die Kristallbildung beobachtet werden. Es sind aber auch sämtliche anderen Fundgattungen betroffen. Bronze kann ähnliche Verfallssymptome wie Eisen zeigen, dies ist auch als „Bronzepest“ bekannt. Weich gebrannte Keramik kann, aufgrund der Porosität, größere Mengen Salze aufnehmen, was ebenfalls zu Zerstörungen führen kann. Ähnliches ist auch bei salzbelastetem Mauerwerk im Gebäudesektor zu finden. Steinobjekte können auch einer Belastung unterliegen, dies hängt u. a. stark von der Gesteinsart ab. Die Methoden zur Reduzierung der Chloride auf ein unproblematisches Maß unterscheiden sich je nach Objektgruppe. Meist wird auf ein Auswaschen mit alkalischen Lösungen gesetzt, welches relativ einfach und wirtschaftlich sinnvoll umsetzbar ist. Dazu werden die Objekte über mehrere Wochen bis Monate in ein alkalisiertes Bad (meist mit NAOH) aus destilliertem Wasser gegeben, welches öfters gewechselt wird. Eine Erwärmung und/oder eine Zugabe von Netzmitteln, wie z.b. einem Tensid verbessert die Auswaschung. Zu beachten ist dabei, dass frische Funde nicht austrocknen; die Chloride sind dann nicht verfestigt und ein Auswaschen einfacher. Neben weiteren Methoden mit unterschiedlichen Waschsubstanzen bietet sich speziell für Eisenfunde ein Erwärmen auf über 350 °C an. Die meisten Chloride sind nicht hitzestabil und verflüchtigen sich bei Temperaturen ab 200 °C, wodurch gute Ergebnisse erzielt werden können. Ein starkes Glühen der Objekte bei über 800 °C, wie es in der Vergangenheit vorgenommen wurde, führt zu einer Gefügeänderung im Metall und ist somit nicht anwendungsfähig.Das Entsalzen – ein wichtiger Punkt beim Konservieren, chema-shop.de (abgerufen am 18. Juni 2024).
Restaurierung von Holz und organischem Material mini|hochkant=0.7|Bronzezeitlicher, iranischer Schildbuckel mit Textilanhaftungen
Holz Holz besteht im Wesentlichen aus Zellulose und Lignin und wird dementsprechend leicht von Mikroorganismen, Pilzen und Insekten abgebaut. Nur unter Abschluss von Sauerstoff (aeroben Umgebungen) kann Holz lange Zeiträume überdauern. Harthölzer können in saurem Milieu (Moor) strukturell gut überdauern. Mooreichen werden sogar als sehr edles Holz gehandelt. Meist jedoch findet eine Zerstörung der Zellstruktur statt, was eine nicht tragfähige Struktur hinterlässt, die sich beim Austrocknen stark zusammenzieht und vollkommen zerstört wird. Ziel einer Restaurierung derartiger Objekte ist der Austausch des Wassers durch stabile Materialien. Neben aufwendigeren Verfahren mit Paraloid B72 oder Kunstharzen gibt es die Möglichkeit einer Stabilisierung in einer Zuckerlösung, die langsam aufgesättigt wird. Die Zuckerkristalle bilden nach der Gefriertrocknung eine Art Stützgerüst für die Holzfasern.Archäologische Restaurierung, auf der Website der Sächsischen Staatskanzlei (abgerufen am 18. Juni 2024). Bei der Anwendung von Zucker sind jedoch höhere Ansprüche an die weitere Konservierung und Aufbewahrung gesetzt, da Zucker sowohl hygroskopisch als auch anziehend für Insekten ist. Hölzer können auch in sehr trockenen Umgebungen überdauern, hier findet aber oft eine Bakterielle Zersetzung statt, die ähnliche Anforderungen an die Festigung setzt.
Leder Die Lederkonservierung ähnelt der von Holz, jedoch handelt es sich bei Leder um tierische Fasern aus Eiweißverbindungen und es finden andere Zersetzungsprozesse statt. Ziel ist auch hier eine Festigung, diese kann aber auch durch Befestigung an einem Trägermaterial geschehen, ähnlich wie bei Textilien.
Textilien Textilien sind durch ihre Seltenheit im Fundmaterial und ihre wissenschaftliche Informationsfülle (welche Faser, tierisch/pflanzlich, gefärbt mit…) mit besonderer Aufmerksamkeit und Sorgsamkeit zu behandeln. Eine Restaurierung besteht oft nur in der Aufbringung auf einem Trägermaterial – oder auch nur in einer konservatorischen Behandlung und Lagerung unter optimalen Bedingungen. Textilien können auch als „Abdruck“ in Korrosionsschichten von Metallen vorkommen, hierbei ist die eigentliche Faser meist vergangen und durch Korrosionsprodukte ersetzt. Es gilt speziell diese Schichten zu bewahren.
Pflanzenfasern Ähnlich wie bei Textilien verhält es sich mit Pflanzenfasern. Die wertvollen und einzigartigen Funde von Ötzi sind ein beeindruckendes Beispiel für dieses Fundmaterial.
Restaurierung von Eisen Entsalzung