mini|Alkoholhaltige Getränke und Käse, vermeintlich gesundheits­fördernde Nahrungsmittel Das französische Paradox bezeichnet eine niedrigere Inzidenz in der Mortalität durch Kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkte in Frankreich im Vergleich zu anderen Ländern,B. Khakimov, S. B. Engelsen: Resveratrol in the foodomics era: 1:25,000. In: Annals of the New York Academy of Sciences. Band 1403, Nummer 1, September 2017, S. 48–58, , PMID 28868614. obwohl dort die durchschnittliche Ernährung vergleichsweise viel gesättigte FettsäurenY. Matsumoto, Y. Katano: Cardiovascular Protective Effects of Polyphenols Contained in Passion Fruit Seeds Namely Piceatannol and Scirpusin B: A Review. In: The Tokai journal of experimental and clinical medicine. Band 46, Nummer 3, September 2021, S. 151–161, PMID 34498252. und AlkoholT. Ndlovu, F. van Jaarsveld, O. J. Caleb: French and Mediterranean-style diets: Contradictions, misconceptions and scientific facts-A review. In: Food research international. Band 116, Februar 2019, S. 840–858, , PMID 30717015. enthält. Die Ursache dieser Inzidenz wird wissenschaftlich diskutiert.

Geschichte 1819 stellte der irischen Arzt Samuel Black einen Zusammenhang zwischen Weintrinken und niedriger Herzinfarktrate her.Arthur L. Klatsky: Alcohol and Cardiovascular Health. In: Integrative and Comparative Biology. 2004, Band 44, Nummer 4, S. 324–328 .

Eine 1981 veröffentlichte epidemiologische Studie der französischen Forscher Jacques L. Richard, François Cambien und Pierre Ducimetière kam zu den Schluss, dass weniger tödliche Herzinfarkte bei Franzosen beobachtet wurden, die häufiger rauchten und höhere Mengen gesättigter Fette zu sich nahmen. Der Begriff französisches Paradox wurde 1992 von Serge Renaud und Michel de Lorgeril geprägt, Forscher an der Universität Bordeaux. Renaud und de Lorgeril vermuteten antioxidative Polyphenole des Rotweins und insbesondere Resveratrol als Ursache.R. F. Pastor, P. Restani, C. Di Lorenzo, F. Orgiu, P. L. Teissedre, C. Stockley, J. C. Ruf, C. I. Quini, N. Garcìa Tejedor, R. Gargantini, C. Aruani, S. Prieto, M. Murgo, R. Videla, A. Penissi, R. H. Iermoli: Resveratrol, human health and winemaking perspectives. In: Critical reviews in food science and nutrition. Band 59, Nummer 8, 2019, S. 1237–1255, , PMID 29206058. Die Inzidenzen sowohl von kardiovaskulären Ereignissen als auch von der Mortalität zeigen eine J-förmige Kurve mit zunehmendem Weinkonsum mit einem Minimum bei Konsum von 21 Gramm Ethanol in Form von Wein pro Tag.E. Fragopoulou, S. Antonopoulou: The French paradox three decades later: Role of inflammation and thrombosis. In: Clinica Chimica Acta. Band 510, November 2020, S. 160–169, , PMID 32653485.L. Liberale, A. Bonaventura, F. Montecucco, F. Dallegri, F. Carbone: Impact of Red Wine Consumption on Cardiovascular Health. In: Current medicinal chemistry. Band 26, Nummer 19, 2019, S. 3542–3566, , PMID 28521683.

1991 erlangte das Paradox große Popularität, als Morley Safer in der US-amerikanischen Sendung „60 Minutes“ sagte, US-Amerikaner hätten ein dreimal höheres Risiko für Herzinfarkte als Franzosen und folgerte: „Es steht nun unumstößlich fest: Alkohol – insbesondere Rotwein – reduziert das Risiko für Herzerkrankungen“. Die Rotwein-Industrie nutzte den Sager, um Werbeplaketten um Rotweinflaschen zu hängen und somit Rotweinkonsum als gesund zu vermarkten. Tatsächlich sprangen aufgrund der Fernsehsendung die Rotweinverkäufe um 40 % in die Höhe.

Während sich die Forschung zunächst auf Resveratrol konzentrierte, werden heute zunehmend auch Milch und Käse als mögliche Ursache untersucht. Weiterhin werden andere Stoffe aus über 25.000 Stoffen in der menschlichen Ernährung und ihre gemeinsame Wirkung untersucht.U. Saqib, T. T. Kelley, S. K. Panguluri, D. Liu, R. Savai, M. S. Baig, S. C. Schürer: Polypharmacology or Promiscuity? Structural Interactions of Resveratrol With Its Bandwagon of Targets. In: Frontiers in pharmacology. Band 9, 2018, S. 1201, , PMID 30405416, .

Erklärungsansätze Verschiedene Erklärungsansätze, von denen einige sich auf Bestandteile der französischen Küche fokussieren, sind diskutiert worden.

Rotwein Polyphenole und insbesondere Resveratrol in Rotwein werden als eine mögliche Ursache diskutiert.M. Biagi, A. A. Bertelli: Wine, alcohol and pills: What future for the French paradox? In: Life sciences. Band 131, Juni 2015, S. 19–22, , PMID 25841977. Resveratrol bindet an verschiedene Proteine.S. Cho, K. Namkoong, M. Shin, J. Park, E. Yang, J. Ihm, V. T. Thu, H. K. Kim, J. Han: Cardiovascular Protective Effects and Clinical Applications of Resveratrol. In: Journal of medicinal food. Band 20, Nummer 4, April 2017, S. 323–334, , PMID 28346848.Izabela Szymkowiak, Małgorzata Kucińska, Marek Murias: Between the Devil and the Deep Blue Sea—Resveratrol, Sulfotransferases and Sulfatases—A Long and Turbulent Journey from Intestinal Absorption to Target Cells. In: Molecules. 2023, Band 28, Nummer 8, S. 3297 . PMID 37110530. . Die antioxidativen Eigenschaften von Resveratrol und anderen Polyphenolen aus Wein tragen vermutlich hauptsächlich zur Wirkung bei, allerdings werden weitere klinische Studien benötigt für eine gesicherte Aussage.L. Liberale, A. Bonaventura, F. Montecucco, F. Dallegri, F. Carbone: Impact of Red Wine Consumption on Cardiovascular Health. In: Current medicinal chemistry. Band 26, Nummer 19, 2019, S. 3542–3566, , PMID 28521683. Vermutlich hemmt Resveratrol eine Entzündung in Blutgefäßen.E. Fragopoulou, M. Choleva, S. Antonopoulou, C. A. Demopoulos: Wine and its metabolic effects. A comprehensive review of clinical trials. In: Metabolism: clinical and experimental. Band 83, Juni 2018, S. 102–119, , PMID 29408458. Es wurde postuliert, dass Resveratrol, eine Komponente in Trauben und daraus hergestelltem Rotwein, sich positiv auf gewisse Autoimmunkrankheiten oder Herzkrankheiten auswirken kann. Jedoch gibt es hierfür keine hochwertigen Evidenzen aus Tier- oder Humanstudien.

Neben Resveratrol wird Catechin für die positiven Gesundheitseffekte verantwortlich gemacht. Weiterhin wird Quercetin aus Rotwein untersucht.A. Artero, A. Artero, J. J. Tarín, A. Cano: The impact of moderate wine consumption on health. In: Maturitas. Band 80, Nummer 1, Januar 2015, S. 3–13, , PMID 25449821.

In allen Fällen ist nicht bekannt, ob die in einem Rotweinglas enthaltene Menge überhaupt einen Effekt entfalten kann.

Alkohol Renaud und de Lorgeril vermuteten, dass das Rotweintrinken, trotz des für den menschlichen Organismus giftigen Alkohols, offenbar gesund sein müsste. Dieser Effekt ergäbe sich daraus, dass mäßige Alkoholmengen von der Leber schadlos abgebaut werden könnten, andererseits aber durch den gefäßerweiternden Effekt des Alkohols die Wahrscheinlichkeit bestimmter Herz-Kreislauf-Erkrankungen sinke. Alkohol beeinflusst den Lipidstoffwechsel.

Eine Metaanalyse von 2023 hat dagegen ergeben, dass ein täglicher geringer bis moderater Alkoholkonsum (25 g Ethanol) keine günstige Auswirkung auf die Mortalität zeigt. Ein höherer Alkoholkonsum (bei Frauen über 25 g Ethanol, bei Männern über 45 g Ethanol) erhöht sogar die Mortalität. Zudem übt die alkoholproduzierende Industrie einen starken Einfluss auf entsprechende Forschung aus, wodurch wie bei der Tabakindustrie ein Bias der so geförderten, alkoholfavorisierende Studien vorliegt.

Mittelmeerdiät Nach den Daten des von 1979 bis 2002 dauernden MONICA-Projekts der WHO liegt die Zahl der Herzerkrankungen im Norden Frankreichs erheblich höher als im Süden Frankreichs. Dies wird als Hinweis auf eine große Bedeutung der mediterranen Ernährung auf die Herzgesundheit interpretiert.J.W.G. Yarnell, A.E. Evans: The Mediterranean diet revisited—towards resolving the (French) paradox In: QJM: An International Journal of Medicine Bd. 93, Ausgabe 12, 2000, S. 783–785, . Pierre Ducimetière, einer der Wissenschaftler, die das Paradox als erste beschrieben hatte, distanzierte sich später von der Theorie und vermutete die Mittelmeerdiät als verantwortlich für die niedrigeren Raten an koronarer Herzerkrankung. Er kommt zu dem Schluss, dass aktuelle Daten zur koronaren Herzerkrankung die Existenz des Paradox widerlegen.

Milchprodukte Im Jahr 2004 wurden Daten aus der sogenannten Rotterdam-Studie veröffentlicht, die eine angemessene Versorgung mit Menachinon (Vitamin K2) mit einer Reduktion an Atherosklerose und einer geringeren Sterblichkeit in Verbindung brachte.Dietary Intake of Menaquinone Is Associated with a Reduced Risk of Coronary Heart Disease: The Rotterdam Study. auf: jn.nutrition.org Deshalb wurde vermutet, dass ein hinreichender Anteil von menachinonreichen Lebensmitteln Bedeutsamkeit für die Vorbeugung gegen kardiovaskuläre Komplikationen haben kann.G. C. Gast, N. M. de Roos, I. Sluijs, M. L. Bots, J. W. Beulens, J. M. Geleijnse, J. C. Witteman, D. E. Grobbee, P. H. Peeters, Y. T. van der Schouw: A high menaquinone intake reduces the incidence of coronary heart disease. In: Nutrition, metabolism, and cardiovascular diseases : NMCD. Band 19, Nummer 7, September 2009, S. 504–510, , doi:10.1016/j.numecd.2008.10.004. PMID 19179058. Hartkäse, Weichkäse und Butter sind relativ ergiebige Quellen für Vitamin K2. Weiterhin wurde ein hoher Anteil an Rohmilchkäse und eine geringe Aufnahme von Oxysterol als Ursache vermutet.R. B. Brown: Phospholipid packing defects and oxysterols in atherosclerosis: Dietary prevention and the French paradox. In: Biochimie. Band 167, Dezember 2019, S. 145–151, , PMID 31586653 (Review).

Vorgeburtliche und frühkindliche Ernährungssituation im 19. Jahrhundert David J. P. Barker nennt Frankreich als Beispiel für eine Kultur, die gute pränatale und postnatale Versorgung schätzt und somit chronischen Erkrankungen vorbeugt, womit das französische Paradox von einem langjährigen Engagement für hervorragende Schwangerschaftsbetreuung herrühren würde.Stephen S. Hall: Size Matters: How Height Affects the Health, Happiness, and Success of Boys... S. 43.Grazyna Jasienska: The Fragile Wisdom: An Evolutionary View on Women’s Biology and Health. S. 93.

Seit mehr als einem Jahrhundert haben die Franzosen ein hochentwickeltes System pränataler Versorgung für schwangere Frauen institutionalisiert, um die optimale Entwicklung der Föten sicherzustellen.Trevathan Wenda: Ancient Bodies, Modern Lives: How Evolution Has Shaped Women’s Health. 2010, S. 85. Dies kam unter anderem aufgrund der weit verbreiteten Mangelernährung im Europa des 19. Jahrhunderts zustande, die von der französischen Regierung als Problem betrachtet wurde, da sie um ihre nationale Stärke fürchtete.Health – French health mystery. auf: BBC News. Abgerufen am 26. Februar 2015. Daher wurden gesetzliche Maßnahmen eingeleitet – einschließlich der routinemäßigen Speisung von Schulkindern und des regelmäßigen Wiegens von Schwangeren und Neugeborenen durch Hebammen –, um die Ernährung von Babys, Kindern und werdenden Müttern zu verbessern.Interior Designs Can ailments such as heart disease, diabetes, and high blood pressure be linked to poor conditions in the womb? David Barker thinks so — and he’s not alone. Abgerufen am 26. Februar 2015. Im Jahre 1871, nach der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg, machte es sich die französische Regierung endgültig zu ihrer institutionellen Verpflichtung, den Bestand an Soldaten durch erhöhte Aufmerksamkeit bezüglich der Gesundheit von zukünftigen Müttern und der richtigen Ernährung von Säuglingen zu erhöhen.Stephen S. Hall: Size Matters: How Height Affects the Health, Happiness, and Success of Boys... S. 43.

Weblinks Podcast von Nature zum Thema, 2006 (englisch).

Einzelnachweise

Kategorie:Paradoxon Kategorie:Wein als Thema Kategorie:Epidemiologie Kategorie:Medizinstatistik