mini|Das Haus Breite Straße 33 (2011) Das Haus Breite Straße 33–34 in Berlin-Spandau (heutige Adresse: Breite Straße 33) wurde 1930–1931 von dem Kaufmann Louis Salomon als Wohn- und Geschäftshaus erbaut. In einem der Ladenlokale im Erdgeschoss eröffnete die Kaufhauskette Woolworth 1931 eine ihrer ersten Filialen in Deutschland.

Ab 1938 dienten die oberen Stockwerke als Wohnräume für jüdische Familien, die von der nationalsozialistischen Verwaltung gezwungen wurden, in sogenannten „Judenhäusern“ zusammenzuziehen. Es waren größtenteils Verwandte von Louis Salomon. Neun Bewohner des Hauses wurden von hier aus deportiert und im Vernichtungslager Auschwitz ermordet, neun anderen gelang es, nach Palästina oder Großbritannien zu emigrieren.

Das Gebäude (Wohn- und Geschäftshaus Breite Straße 33, 34 – Lindenufer 9, 10) ist unter Nr. 09085480 als Baudenkmal in die Denkmaldatenbank des Landes Berlin eingetragen.Denkmaldatenbank, Nr. nr=09085480

Baugeschichte Der jüdische Kaufmann Louis Salomon war vielfältig als Unternehmer tätig. Er gründete und verlagerte Geschäfte für sich und Familienangehörige in ganz Berlin, baute sie um und erweiterte sie. 1918 kaufte er die Häuser an der Breiten Straße 33 und 34 in Spandau, ließ sie instand setzen, „moderne Läden“ ausbauen und wegen der Wohnungsknappheit Notwohnungen in ehemaligen Gesellenzimmern einbauen.Louis Salomon: Lebenserinnerungen, S. 31 ff., 37 f. Das Grundstück reichte im Osten bis an das Lindenufer mit der Adresse Lindenufer 9. Im Haus Breite Straße 33 richtete er ein Wäschegeschäft für seine Schwägerin Margarete Brasch, eine Schwester seiner ersten Frau, ein; Margarete Brasch erkrankte jedoch bald, und er löste es wieder auf.Vivien Lietz: Das Haus Breite Straße 33. Berlin 2014, S. 17. Ab 1925 überschrieb Salomon seiner Tochter Gerta dreiviertel seiner Häuser als Heiratsgut anlässlich ihrer Eheschließung mit dem Arzt Alfred Kallner; sie trat somit auch an der Breiten Straße 33 und 34 als Miteigentümerin und Bauherrin auf. mini|Die Woolworth-Filiale in den 1930er-Jahren, links das Schuhhaus Tack 1929 unterbreitete Woolworth Salomon und seiner Tochter Gerta Kallner wegen der günstigen Lage nahe dem Markt das Angebot, im Erdgeschoss der Häuser Breite Straße 33 und 34 eine Filiale zu errichten. Salomon ließ die Gebäude abreißen und bis 1931 einen großen Neubau errichten. Architekt war möglicherweise Adolf Steil. Woolworth übernahm einen großen Teil der Baukosten. Das Gebäude ist im vorderen Teil entlang der Breiten Straße eingeschossig und hat im hinteren Teil als Mehrfamilienhaus drei Etagen und ein ausgebautes Dachgeschoss. In dem 660 m² großen Laden im Erdgeschoss eröffnete Woolworth als Mieter 1931 eine der ersten Filialen des Unternehmens in Deutschland; daneben lag ein zweites Geschäft von 100 m² Größe für den „Babybasar“ von A. Baer, der bereits vorher dort Mieter gewesen war. Später folgte auf den „Babybasar“ das Schuhgeschäft Tack. Von den Läden aus war das Kellergeschoss zugänglich. Im ersten Stock lagen die Praxisräume des Frauenarztes Dr. Hans Löwenstein und des Nervenarztes Dr. Rudolf Mansbacher, im zweiten Stock wohnte Louis Salomon mit seiner Familie, im vierten Stock, dem Dachgeschoss, der Hauswart Fritz Fila; weitere Räumlichkeiten waren als Wohnungen und zeitweise als Arztpraxen vermietet.

Infolge der „Arisierung“ oder „Entjudung“ von Liegenschaften, die das Regime der Nationalsozialisten betrieb, wurde auch der Mieterschutz für Juden eingeschränkt, wie Hermann Göring am 28. Dezember 1938 bekanntgab: „Der Mieterschutz für Juden ist generell nicht aufzuheben. Dagegen ist es erwünscht, in Einzelfällen nach Möglichkeit so zu verfahren, daß Juden in einem Haus zusammengelegt werden, soweit die Mietverhältnisse dies gestatten. Aus diesem Grunde ist die Arisierung des Hausbesitzes an das Ende der Gesamtarisierung zu stellen.“Alois Kaulen: Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung der Juden in Spandau unter dem Nationalsozialismus. In: Alois Kaulen, Joachim Pohl: Juden in Spandau vom Mittelalter bis 1945. Berlin 1988, S. 77–169, hier S. 119. Salomon verlor seine Geschäfte. Das Haus in der Breiten Straße wurde nicht vollständig „arisiert“, auch da der Umbau durch das amerikanische Unternehmen Woolworth kreditfinanziert worden war.

Das „Entmietungsgesetz“ vom 30. April 1939 regelte die Rechtsverhältnisse. Ein Jude hatte auf Verlangen der Gemeindebehörde in seinen Wohnräumen andere Juden als Mieter oder Untermieter aufzunehmen; daher bedurften Vermietungen von Wohnungen der staatlichen Genehmigung. Jüdische Familien waren gezwungen, in einzelnen Häusern („Judenhäusern“) zusammengedrängt zusammenzuziehen. Sie so in bestimmten Häusern zu „ghettoisieren“, ermöglichte dem Regime eine bessere Kontrolle der Juden insgesamt und einen einfacheren Zugriff des Staates bei den bevorstehenden weiteren Maßnahmen.Alois Kaulen: Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung der Juden in Spandau unter dem Nationalsozialismus. In: Alois Kaulen, Joachim Pohl: Juden in Spandau vom Mittelalter bis 1945. Berlin 1988, S. 77–169, hier S. 120, 122. Die meisten „Judenwohnungen“ in Spandau befanden sich in dem ehemaligen jüdischen Altenheim in der Feldstraße 8; mit der zwangsweisen Auflösung der Spandauer Gemeinde nach dem 4. Juli 1938 ging es in den Besitz der jüdischen Gemeinde von Berlin über, die es nicht mehr als Altenheim nutzte, sondern als „Judenhaus“. Von der Anschrift „Feldstraße 8“ wurden die meisten Spandauer Juden, nämlich mindestens 22, in Vernichtungslager deportiert.Franz A. Paulus: Im Schatten der Metropole. Juden und jüdische Gemeinden in Spandau. Berlin 2011, S. 160 mit Anm. 355.

Mehrere Verwandte Salomons zogen in das Haus Breite Straße 33–34, dem vom Staat ein Verwalter, Martin Schmidt, vorgestellt wurde. Bereits 1938 wohnte vorübergehend der Spandauer Rabbiner Arthur Löwenstamm im 3. Stock. Er war mit Louis Salomon befreundet. Dieser war seit 1901 mehrfach Mitglied der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde von Spandau und ab Juni 1938 der letzte Vorsteher der Gemeinde, bis sie 1938 zwangsweise mit der Berliner Gemeinde zusammengefasst wurde.

Louis und seine Frau Ernestine Alma hatten zunächst die Fünfzimmerwohnung im 2. Stockwerk bewohnt und mussten jetzt in eine kleinere Wohnung im 3. Stock umziehen, um Platz für eine Arztpraxis zu machen. Zuletzt wohnten sie mit Schwägerin Marta Tarnowski und ihrem Sohn Hans zusammen als Untermieter seines Schwiegersohns Julius Weiss und seiner Tochter Margot Weiss für eine Miete von 35 RM in der vorher von Rabbiner Löwenstamm bewohnten Wohnung. Diese wurde am 20. August 1943 geräumt, als alle Familienmitglieder deportiert waren. mini|hochkant|Louis Salomon Louis Salomon schreibt in seinen Lebenserinnerungen:

Der mit Louis Salomon befreundete Hauswart Fila hatte eine Klingel von seiner Wohnung im Dachgeschoss in Salomons Wohnung gelegt, die er beispielsweise betätigte, wenn die Gestapo in der Nähe war.

Neun Bewohner des Hauses wurden zwischen 1942 und 1944 deportiert und in Auschwitz ermordet.

Das Gebäude wurde am 28. März 1945 von einer Bombe im hinteren Teil schwer beschädigt. Nach dem Wiederaufbau nach Kriegsende zog erneut Woolworth ein, bis zum Umzug in ein neu errichtetes Haus am Markt 7. In dem Woolworth-Laden an der Breiten Straße eröffnete „Betten-Hampel“ ein Geschäft. Zwischen 1976 und 1978 wurde es geteilt und von „Teppich Kreuzer“ und dem Drogeriemarkt „Kovett“ genutzt, 1981 eröffnete in den wieder zusammengeführten großen Geschäftsräumen ein „Wienerwald“-Restaurant, ins kleinere Nachbargeschäft zog „Jeans Master“. Heute gehört das Gebäude der Gesellschaft Gewobag, die Ladenräume sind seit 2006 an ein Geschäft („Euro-Shop“) und das vietnamesische Restaurant „Sy“ vermietet.Louis Salomon: Lebenserinnerungen, S. 11, S. 50 Anm. 25 („Judenhaus“).Vivien Lietz: Das Haus Breite Straße 33. Berlin 2014, S. 18 ff., 27 (Untermiete).

Im Jahr 2014 wurde auf Betreiben der Jugendgeschichtswerkstatt Spandau eine Gedenktafel für die jüdischen Bewohner des Gebäudes angebracht. mini|Gedenktafel für die jüdischen Bewohner des Hauses Breite Straße 33 mini|Stammtafel der Familien Salomon / Rosenheimer

Jüdische Bewohner des Hauses in den 1930er-Jahren

Louis und Ernestine Salomon

Louis Salomon kaufte das Grundstück mit dem damals darauf stehenden Haus 1918. Seine erste Frau Fränze (Franziska), geb. Brasch, war am 17. November 1917 gestorben. Louis zog im Januar 1922 nach der Eheschließung mit Ernestine (genannt Alma) Tarnowski, verwitwete Rosenheimer (geb. am 4. Juni 1879 in Samter), in das Haus. Louis Salomon hatte zwei Töchter aus seiner ersten Ehe, Margot Salomon, später verheiratete Weiss, und Gerta Salomon, verheiratete Kallner. Alma brachte ihre Söhne Alfred und Gerd Rosenheimer mit in die Ehe.

Das Ehepaar Salomon wurde am 23. November 1942 zunächst in das Sammellager in der Gerlachstraße 20 (vorher: Lietzmannstraße) gebracht und am 16. Dezember mit dem 77. Alterstransport ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, das von der NS-Propaganda beschönigend als angebliches „Altersghetto“ dargestellt wurde. Am 5. Februar 1945 konnten sie mit einem Sammeltransport von 1200 Juden „zum Austausch“ in die neutrale Schweiz ausreisen, wo sie in verschiedenen Quartieren unweit des Genfer Sees lebtenLouis Salomon: Lebenserinnerungen, S. 77; Leni Yahil: Die Shoa. Überlebenskampf und Vernichtung der europäischen Juden. München 1998, S. 859.. Am 3. Oktober 1947 reisten Alma und Louis Salomon über Marseille nach Palästina, am 16. Oktober erreichten sie den Hafen von Haifa. Sie erhielten eine Wohnung im Kibbuz Ein Harod unmittelbar neben Salomons Tochter Gerta Kallner mit ihrer Familie. Alma Salomon starb am 17. Januar 1954, Louis am 16. Dezember 1955. Sie wurden auf dem Friedhof in Ein Harod beigesetzt.Vivien Lietz: Das Haus Breite Straße 33. Berlin 2014, S. 25–30.

Familie Weiss Margot Weiss (geboren am 22. November 1899) war die jüngere Tochter von Louis Salomon und dessen erster Frau Franziska (Fränze) Brasch. Ihr Mann Julius (geboren am 17. Juni 1893 in Krone an der Brahe) war Angestellter in einem der Geschäfte von Louis Salomon in Spandau. Nach ihrer Hochzeit übernahmen Margot und Julius Weiss 1925 von Louis Salomon ein Filialgeschäft in der Pichelsdorfer Straße 97 (damals Pichelsdorfer Straße 16), wo sie auch wohnten. Die Söhne wurden am 21. Juli 1921 (Fritz) und 31. August 1923 (Hans) geboren. Beiden wurde 1936 der Besuch des Kant-Gymnasiums verboten, weil sie Juden waren; vorher waren sie von Mitschülern diskriminiert worden. In der Reichspogromnacht wurden die Schaufenster des Geschäfts zerstört, der Laden wurde geplündert. Nach der „Arisierung“, dem erzwungenen Verkauf ihres Geschäftes, zog die Familie in die Breite Straße 33–34 um, wo sie 1939 in der Mieterliste nachgewiesen sind.Uwe Hofschläger (Hrsg.): Unvergessen. Die Pogromnacht in Spandau vor 80 Jahren. (= Schriftenreihe der Jugendgeschichtswerkstatt Spandau, Band 8) Berlin 2019, S. 44.

Fritz Weiss besuchte nach dem Ausschluss vom Kant-Gymnasium die Chemieschule der jüdischen Gemeinde Berlin, ab 1939 machte er in Polenzwerder bei Eberswalde eine landwirtschaftliche Ausbildung im Rahmen der Hachschara zur Vorbereitung auf eine Übersiedlung nach Palästina. Die Schwester seiner Mutter, Gerta Kallner, die mit ihrer Familie bereits 1933 dorthin emigriert war, unterstützte ihn finanziell. Fritz Weiss wurde jedoch zusammen mit seiner Hachschara-Gruppe am 12. Januar 1943 mit dem 26. Osttransport nach Auschwitz deportiert, er wurde dort am 22. Februar 1943 ermordet.