mini|St. Germanus in Untertürkheim Die evangelische Stadtkirche St. Germanus steht in Untertürkheim, einem Stadtbezirk der Landeshauptstadt Stuttgart von Baden-Württemberg. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenkreis Stuttgart der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Der mit dem Namen Germanus gemeinte Heilige für das Patrozinium der Kirche ist ungewiss, da mehrere katholische Heilige diesen Namen trugen.

Geschichte Die Germanuskirche wurde im 11. Jahrhundert – zunächst als Kapelle – über einer römischen Töpferei errichtet, deren Reste im Kirchturm erhalten sind. Urkundlich erwähnt wird sie erstmals 1289. An deren Turm wurde 1478 das Langhaus quer nach Süden angebaut. Nach der Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg 1634 wurde es 1654–1656 unter Beibehaltung der unteren Geschosse des mittelalterlichen Kirchturms wieder aufgebaut. 1803 wurde die Kirche durch einen wesentlichen Umbau erweitert: Der spätgotische Chor wurde abgebrochen und das Kirchenschiff durch einen Anbau an dessen Stelle zu einem Rechtecksaal erweitert. In den Jahren 1967–1972 renovierten und restaurierten die Architekten Ellsässer & Keller die Kirche. Der lange Chor wurde dabei durch eine Faltwand abtrennbar und als Gemeindesaal nutzbar.

Architektur Der Kirchturm wurde mit einem achteckigen Geschoss aufgestockt, das die Turmuhr und den Glockenstuhl beherbergt. Er ist mit einer Glockenhaube bedeckt, die von einer Laterne gekrönt wird. Das mit einem Walmdach bedeckte Langhaus wird 1967–1972 im Inneren durchgehend mit einer Flachdecke überspannt und auf der Westempore die Orgel aufgestellt.

Ausstattung Der gotische Kruzifixus, vordem beim Altar im Chor, wurde an der Wand zwischen den Südfenstern angebracht.

Beim Wiederaufbau der Kirche nach dem Dreißigjährigen Krieg erhielt der flachgedeckte Rechtecksaal auf der Nord- und Südwand Wandmalereien: Credo-, Paternoster-Darstellungen und die sieben Tugenden mit Aposteln, sowie gesondert zwei Evangelisten. Diese Gemälde wurden 1970 anlässlich von Renovierungsarbeiten aufgedeckt. Die hier geschaffene Vaterunser-Bildreihe ist im Lande einmalig: Sieben Frauengestalten in wallenden Gewändern stellen die sieben Tugenden Fides, Spes, Caritas, Justitia, Prudentia, Fortitudo und Temperantia dar. Jeder Tugend ist ihr Attribut, ein Satz des Vaterunsers und der Name des Bildstifters beigegeben. Auf der Südseite sind die beiden Evangelistenbilder des Markus mit dem Löwen und des Lukas mit dem Stier erhalten.Katalog der Wandmalereien in den Kirchen und Kapellen Baden-Württembergs Reinhard Lieske: Protestantische Frömmigkeit im Spiegel der kirchlichen Kunst des Herzogtums Württemberg (= Forschungen und Berichte der Bau- und Kunstdenkmalpflege in Baden-Württemberg, Band 2). München 1973, S. 100–113.

Das Fresko „Marientod“ aus dem 15. Jahrhundert, bisher verborgen, ist erst seit Kurzem wieder in St. Germanus zu sehen. Die Holzfigur „Jesus, der Gute Hirte“ bekrönte ehemals den nicht mehr vorhandenen Kanzeldeckel. Das gerahmte Ölgemälde „Untertürkheimer Bergpredigt“, die verkleinerte Version eines Monumentalgemäldes von Carl Schmauck, wurde 1932 gemalt.

1970 wurde von HAP Grieshaber eine „Bilderwand“ mit einem Werkzyklus der alttestamentlichen Geschichte von Josef, dem Sohn Jakobs, eingebaut – ein Raumteiler zwischen Kirchenschiff und Gemeindesaal als sechsteilige, neun Meter breite Schiebewand, die mit ihrer Höhe von sieben Metern bis unter die Flachdecke des Kirchenschiffs reicht.Ursula Fuhrer, Jochen Ansel: 36 Szenen einer Karriere in der Diaspora – Die Restaurierung der Josefswand von HAP Grieshaber in der Stadtkirche St. Germanus in Stuttgart. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege, Bd. 49 Nr. 4 (2020), S. 222–227, doi:10.11588/nbdpfbw.2020.4.77041. – Außerdem sei auf die Sonderseite von kirchen-online.com verwiesen. Die Abdrucke von 36 Linolschnitten auf Japanpapier wurden anschließend jeweils mit Pastellkreide koloriert, auf Aluminiumplatten aufgezogen und zu sechs hochrechteckigen Paneelen zusammengefügt, die sich in die Turmnische einschieben lassen.

Antike Tonkrüge sind Ausgrabungsfunde aus dem Baugrund der Kirche, sie werden in einer Wandnische gezeigt. Scherbenmaterial, wohl auch aus der ehemals hier ansässigen römischen Töpferei, wurden um 1970 bei Ausgrabungen im Zuge der Fundamentsanierung gefunden und zu einem Wandbild „Tonkrüge“ an der Stirnseite des Chores/Gemeindesaals zusammengestellt.

Der Taufstein aus dem 17. Jahrhundert hat 1976 hat als Taufschalenträger einen Bronzeaufsatz von Ulrich Henn erhalten. Das Rankengeflecht enthält vier Medaillons: Sündenfall, Jona und der Wal, Jesu Taufe, Jesu Kreuzigung. Ebenfalls Ulrich Henn schuf 1980 das bronzene Altarkreuz. Dieses Kastenkreuz wird Weingärtnerkreuz genannt wegen des Rebengeflechts mit den fünf Medaillons (rechts Speisung der 5000, links Wunderheilung, oben Kreuzigung, unten Steinigung des Stephanus, Mitte Abendmahl).

Die Eichentür des Hauptportals wurde von der Untertürkheimer Firma Carl Prinzing zur Wiedereinweihung 1970 gefertigt und von Ulrich Henn geschnitzt. Die Motive sind unten links: Ein Lahmer mit Krücke, rechts: Ein Blinder öffnet seine Augen, Mitte links Die Taufe Jesu, rechts: Jesus wäscht den Jüngern die Füße, oben links: Der Engel verkündet den Hirten die Geburt Christi und rechts: Der auferstandene Christus segnet die Jünger.

Die Orgel wurde 1972 von der Firma Orgelbau Vleugels als Opus 118 gebaut.

Literatur

Gustav Zmaila: Die evangelische Stadtkirche St. Germanus Stuttgart-Untertürkheim. Ein Kirchen-& Kunstführer. Stand Februar 2021; Eigenverlag der Stadt- und Wallmergemeinde Untertürkheim.

Weblinks

St. Germanus auf der Website der Kirchengemeinde Mehr Bilder und Informationen zur Stadtkirche auf kirchen-online.com Sonderseite zur Josefswand von HAP Grieshaber

Einzelnachweise

Germanuskirche St Germanus Germanuskirche Kategorie:Germanuskirche Kategorie:Kirche in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg Kategorie:Erbaut in den 1490er Jahren Kategorie:Kirchengebäude in Europa Kategorie:Hallenkirche in Baden-Württemberg