Selly Gräfenberg, auch Sally Gräfenberg (geboren am 12. Januar 1863 in Adelebsen bei Göttingen; gestorben am 17. August 1921 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Pädagoge, Gymnasiallehrer, Dozent und Universitätsprofessor, Neuphilologe (Anglist und Romanist), Schul- und Sachbuchautor.Gräfenberg, Selly. In: Hessische Biografie, Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen, auf: lagis-hessen.deRenate Heuer (Red. Ltg.), Jürgen Eglinsky, Gudrun Jäger, Manfred Pabst, Birgit Seemann, Siegbert Wolf (Mitarb.): Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, Bd. 10 Güde – Hein. K. G. Saur, München 2002. ISBN 3-598-22690-X, S. 289.

Familie Er war das erste Kind bzw. der erste Sohn des in Adelebsen ansässigen Kaufmanns Salomon Gräfenberg (geboren am 27. September 1834 in Adelebsen; gestorben am 23. März 1918 in Göttingen) und dessen (erster) Ehefrau Friederike (geboren am 15. November 1843 in Adelebsen; gestorben am 25. Februar 1869 ebda.), geborene Eichenberg.Stammbaumblaetter der Familie Graefenberg, mit Abdruck v. Familien-Urkunden seit 1752. Gesammelt von Prof. Dr. Selly Gräfenberg. Selbstverlag. Druck Gebr. Knauer, Frankfurt am Main 1916, 112 Seiten.Berndt Schaller, Eike Dietert (Hrsg.): Im Steilhang. Der jüdische Friedhof zu Adelebsen. Erinnerung an eine zerstörte Gemeinschaft. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2010. ISBN 978-3-941875-14-2, S. 198. Er hatte drei jüngere Geschwister, zwei Brüder und eine Schwester, alle geboren in Adelebsen: Max (* 27. April 1864), Adolf (* 30. Juli 1866)Der Kaufmann Adolf Gräfenberg, verheiratet mit Hedwig Gradnauer, wohnhaft in Charlottenburgs Bismarckstraße 108 (Gebäude nicht erhalten), war Begründer und Mitinhaber des 1900 gegründeten Berliner Textilherstellers (Damenmäntel) Michaelis & Gräfenberg in der Kronenstraße 39/40 (Gebäude nicht erhalten), später Markgrafenstraße 32 (Gebäude nicht erhalten); die Firma wurde 1932 aus dem Handelsregister gelöscht. und Ida (* 4. April 1868).Ida Gräfenberg war mit dem Kaufmann Simon Heumann aus Berlin verheiratet. Im Alter von sechs Jahren wurde er Halbwaise, als seine Mutter im Alter von 25 Jahren verstarb.

Sein Vater, ab dem Todesjahr seiner ersten Frau bis 1882 Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Adelebsen und von 1889 bis 1893 Mitglied im Bürgervorstehercollegium des Ortes,Berndt Schaller, Eike Dietert (Hrsg.): Im Steilhang. Der jüdische Friedhof zu Adelebsen. Erinnerung an eine zerstörte Gemeinschaft. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2010. ISBN 978-3-941875-14-2, S. 17. heiratete daher am 12. Juli 1870 erneut. Aus dieser zweiten Ehe mit Minna (geboren am 13. August 1845 in Adelebsen; gestorben am 13. Juni 1910 in Göttingen), geborene Eichenberg,Traueranzeige Minna Gräfenberg, geb. Eichenberg. In: Berliner Tageblatt, Nr. 295, 14. Juni 1910, 3. Beiblatt, S. 3, Spalte 1. gingen weitere Kinder hervor, Sellys Halbgeschwister, alle geboren in Adelebsen: Oskar (geboren am 10. April 1872; gestorben am 21. Mai 1905 in Berlin),Der Kaufmann Oskar Gräfenberg, verheiratet mit Alice Magnus, wohnhaft in Schönebergs Magdeburgerstraße 15, war Mitinhaber des 1900 gegründeten Berliner Textilherstellers für Damenmäntel Michaelis & Gräfenberg in der Kronenstraße 39/40 (Gebäude nicht erhalten), später Markgrafenstraße 32 (Gebäude nicht erhalten); die Firma wurde 1932 aus dem Handelsregister gelöscht.Traueranzeige Oskar Gräfenberg. In: Berliner Tageblatt, XXXIV. Jahrg., No. 260, 23. Mai 1905, 2. Beiblatt, unnummerierte Seiten [S. 2], Spalten 1–2. Paul (geboren am 11. Oktober 1873; gestorben am 12. Juni 1878 ebda.),Berndt Schaller, Eike Dietert (Hrsg.): Im Steilhang. Der jüdische Friedhof zu Adelebsen. Erinnerung an eine zerstörte Gemeinschaft. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2010. ISBN 978-3-941875-14-2, S. 216. Cora (geboren am 8. Februar 1875; gestorben am 13. September 1904 in Geseke),Cora Gräfenberg war mit Rudolf Abel aus Geseke verheiratet. Martha (geboren am 10. Juli 1876; ermordet nach dem 6. Dezember 1941 im Ghetto Riga, Lager Jungfernhof, Reichskommissariat Ostland),Martha Gräfenberg war mit dem Hamburger Gynäkologen Dr. med. Max Münden (1865–1936) verheiratet.Martha Münden, geb. Gräfenberg. In: Yad Vashem – Internationale Holocaust Gedenkstätte, auf: yadvashem.orgMartha Münden, maiden name Gräfenberg. In: United States Holocaust Memorial Museum, auf: ushmm.orgMünden, Martha, geb. Gräfenberg. In: Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, Bundesarchiv, auf: bundesarchiv.de Hans (geboren am 10. November 1877; gestorben am 27. Januar 1957),Der Kaufmann Hans Gräfenberg, wohnhaft in Schönebergs Hauptstraße 31, später in Charlottenburgs Eichenallee 36 (Gebäude erhalten), war Mitinhaber des 1900 gegründeten Berliner Textilherstellers für Damenmäntel Michaelis & Gräfenberg in der Kronenstraße 39/40 (Gebäude nicht erhalten), später Markgrafenstraße 32 (Gebäude nicht erhalten); die Firma wurde 1932 aus dem Handelsregister gelöscht. Ernst (geboren am 26. September 1881; gestorben am 28. Oktober 1957 in New York City, New York, USA),Der Gynäkologe Dr. med. Ernst Gräfenberg praktizierte am Kurfürstendamm 24 und in seiner Privatklinik in der Augsburger Straße 53, später Kaiserallee 21.Traueranzeige Ernest Grafenberg. In: Aufbau – Reconstruction, Vol. XXIII, No. 45, 8. November 1957, S. 29, Spalten 3–4. Gertrud (geboren am 18. Juni 1883; ermordet am 28. Mai 1943 im Vernichtungslager Sobibór, Generalgouvernement),Gertrud Gräfenberg heiratete den Kaufmann Paul Seidl (geboren 1846 in Zerbst; gestorben 1929 in Hamburg), der seit 1910 der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburgs angehörte und als Geschäftsführer des 1913 gegründeten Unternehmens Segelcke & Co. G.m.b.H. in Hamburg-Hammerbrooks Spaldingstraße 8 fungierte, das mit Schmalz, technischen Fetten, Seifenfetten und Därmen handelte.Björn Eggert: Gertrud Seidl (geborene Gräfenberg) * 1883. In: Stolpersteine Hamburg, auf: stolpersteine-hamburg.deGertrud Seidl, geb. Gräfenberg. In: Yad Vashem – Internationale Holocaust Gedenkstätte, auf: yadvashem.orgGertrud Seidl-Gräfenberg. In: United States Holocaust Memorial Museum, auf: ushmm.orgSeidl, Gertrud, geb. Gräfenberg. In: Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, Bundesarchiv, auf: bundesarchiv.de und Henriette (geboren am 8. August 1890; gestorben am 21. Februar 1892).Berndt Schaller, Eike Dietert (Hrsg.): Im Steilhang. Der jüdische Friedhof zu Adelebsen. Erinnerung an eine zerstörte Gemeinschaft. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2010. ISBN 978-3-941875-14-2, S. 243.

Der 28-jährige Selly Gräfenberg heiratete am 30. März 1891 in Bleicherode die 24-jährige Olga Gistel Helft (geboren am 9. Januar 1867 in Bleicherode, Grafschaft Hohenstein, Provinz Sachsen, Preußen; ermordet nach dem 10. Oktober 1942 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, Generalgouvernement),Olga Gräfenberg. In: Yad Vashem – Internationale Holocaust Gedenkstätte, auf: yadvashem.orgGräfenberg, Olga Gistel. In: Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, Bundesarchiv, auf: bundesarchiv.de die Tochter des Fabrikanten Carl Jacob Helft (geboren am 24. September 1835 in Derenburg, Königreich Westphalen; gestorben am 24. Januar 1898 ebda.) und dessen Ehefrau Rosalie (geboren am 12. Dezember 1841 in Bleicherode; gestorben am 16. September 1926 ebda.), geb. Schönheim.Bleicherode (Kreis Nordhausen) – Jüdische Geschichte / Synagoge. In: Alemannia Judaica, auf: alemannia-judaica.de Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, zwei Mädchen und ein Junge, Frieda (Frida) „Friedel“ (geboren am 12. Juli 1892 in Frankfurt am Main; gestorben am 17. Juni 1967 in Hallandale Beach, Florida, Vereinigte Staaten),Frieda (Frida) „Friedel“ war mit dem Kaufmann und Unternehmer Julius Halberstadt (geboren am 9. September 1883 in Dauernheim; gestorben am 21. Dezember 1939 in New York City) verheiratet (siehe: Schade und Füllgrabe). Sie soll nach familiärer Überlieferung die erste weibliche Inhaberin eines Kraftfahrzeugführerscheins in Frankfurt am Main gewesen sein und ein rotes NSU-Cabriolet chauffiert haben. Toni Bertha (geboren am 9. Oktober 1895 in Frankfurt am Main; gestorben am 6. April 1989 in Monterey, Monterey County, Kalifornien, Vereinigte Staaten)Toni Bertha Gräfenberg war zwei Mal verheiratet, ab 1918 in erster Ehe mit Max Goldschmidt (geboren am 21. November 1885 in Thorn, Provinz Westpreußen; gestorben am 31. Mai 1926 in Frankfurt am Main), in zweiter mit dem Kaufmann und Unternehmer Walter Paul Blaschkauer (geboren am 19. August 1901 in Groß-Lichterfelde; gestorben als Walter P. Blascoe am 6. November 1966 in Monterey, Monterey County, Kalifornien, USA). und Hans Karl (geboren am 2. Februar 1908 in Frankfurt am Main; gestorben am 13. Januar 1919 ebda.).

Schule und Studium Nach der Elementarschule in Adelebsen absolvierte Selly Gräfenberg ab Michaelis (29. September) 1872 das Realgymnasium in Göttingen, das er Ostern 1881 als Extraneer (Externer) mit dem Zeugnis der Reife verließ,Jahresbericht über das Königliche Gymnasium und Realgymnasium zu Göttingen für das Schuljahr von Ostern 1888 bis ebendahin 1889 vom Direktor Prof. Dr. H. Hampke. 1889 Progr. No. 290. Druck von Louis Hofer, Göttingen 1889, S. 24. um an der Georg-Augusts-Universität zu Göttingen (zeitgenöss. Bezeichnung) Neue Sprachen zu studieren, beispielsweise bei dem Literaturhistoriker Karl Goedeke, dem Historiker August von Kluckhohn und dem Philologen Arthur Sampson Napier (1853–1916). Im November 1884 promovierte er bei dem Anglisten und Romanisten Karl Vollmöller zum Doctor philosophiae (Dr. phil.). Seine Dissertation titelte: Beiträge zur französischen Syntax des XVI. Jahrhunderts.Selly Gräfenberg: Beiträge zur französischen Syntax des XVI. Jahrhunderts. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der philosophischen Doctorwürde an der Georg-Augusts-Universität zu Göttingen von Selly Gräfenberg aus Adelebsen. Druck der Dietrich’schen Universitäts-Buchdruckerei W. Fr. Kaestner, Göttingen 1884.Prof. Dr. Friedrich Zarncke (Hrsg.): Literarisches Centralblatt für Deutschland, No. 33, 8. August 1885, Eduard Avenarius, Leipzig 1885, S. 1114.

Wirken mini|hochkant|An der Königl. Turnlehrer-Bildungsanstalt in Berlin ließ sich Gräfenberg 1890/91 schulen mini|hochkant|Am Frankfurter Wöhler-Realgymnasium unterrichtete Gräfenberg von 1898 bis 1903 mini|hochkant|Von ihrer Gründung 1906 bis 1914 lehrte Gräfenberg an Frankfurts Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften mini|hochkant|Von ihrer Gründung 1914 bis 1921 lehrte Gräfenberg an der Universität Frankfurt am Main Im November 1885 bestand er die facultas docendi (Lehramtsprüfung) für die Schulfächer Deutsch, Französisch und Englisch,Hermann Baerwald, Salo Adler: Festschrift zur Jahrhundertfeier der Realschule der Israelitischen Gemeinde (Philanthropin) zu Frankfurt am Main 1804–1904. J. Baer, Frankfurt am Main 1904, S. 193. zu einem späteren Zeitpunkt auch die Lehrbefähigung für die philosophische Propädeutik. Ab dem Ende des Jahres 1885 bereiste er jedoch zunächst Frankreich und Spanien, später das Vereinigte Königreich, um sich dort mit dem nativen Sprachgebrauch vertraut zu machen. Danach absolvierte er als Einjährig-Freiwilliger seinen Wehrdienst.Graefenberg, Selly. In: Franz Kössler: Personenlexikon von Lehrern des 19. Jahrhunderts. Berufsbiographien aus Schul-Jahresberichten und Schulprogrammen 1825–1918, Bd. Gabel - Guzy, Universitätsbibliothek Gießen/Gießener Elektronische Bibliothek, Gießen 2008, auf: d-nb.info