mini|Kirche St. Michael, Zeichnung von 1662
Die Michaeliskirche (auch St. Michaeliskirche oder St. Michaelis) in Hildesheim ist eine ottonische, also vorromanische bzw. nach Kubach frühromanische Kirche.Hans Erich Kubach: Architektur der Romanik. Belser/Electa, Stuttgart/Mailand 1974, , S. 11: „Die Frühromanik beginnt sodann im späten 10 Jh. und umfaßt die Werke der Zeit, die im Reich durch die späteren Ottonen (bis 1024) und die ersten Salier (von 1024 bis um 1060/80) bestimmt ist.“ Sie war bis zur Reformation die Abteikirche der gleichnamigen Benediktinerabtei. Heute ist sie evangelisch-lutherische Pfarrkirche. Die Bernwardskrypta gehört zur katholischen Innenstadtpfarrei und wird für Werktagsmessen genutzt. Seit 1985 zählt die Kirche gemeinsam mit dem Hildesheimer Dom unter der Bezeichnung Dom und Michaeliskirche in Hildesheim zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Lage und Umgebung mini|Michaeliskirche (Luftbild, 2024) St. Michael liegt am nordwestlichen Rand des historischen Stadtkerns von Hildesheim auf dem Michaelishügel (Adresse: Michaelisplatz). Über die Südseite wird das Langhaus durch das Hauptportal betreten. Nördlich hinter der Kirche schließt sich der ehemalige Kreuzgarten an, der nur noch vom mittelalterlichen Westflügel gerahmt wird. Darin schließen sich Neubauten der Nachkriegszeit an, die heute ein Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik der Landeskirche beherbergen.
Unweit westlich der Michaeliskirche befindet sich der barocke Magdalenengarten. Im Nordwesten schließt das moderne Gymnasium Andreanum an, das auf dem Grund des ehemals zur Michaeliskirche gehörenden Benediktinerklosters nach Plänen von Dieter Oesterlen errichtet wurde. Vom barocken Klosterkomplex stehen nur noch das Zufahrtstor und ein Portal.
Geschichte mini|hochkant|Fassaden teils aus sorgfältig behauenen Quadern, teils aus grobem Bruchstein mini|Grundstein von St. Michaelis mit Jahreszahl 1010 mini|Der Kreuzgang im 19. Jh. Bischof Bernward von Hildesheim ließ nach seinem Amtsantritt im Jahr 993 auf dem Hügel nördlich der Domburg in Hildesheim eine Kapelle errichten. Diese Kapelle weihte er am 10. September 996 dem Heiligen Kreuz, von dem er eine Partikel von Otto III. als Geschenk erhalten hatte. In einem undatierten Testament schenkte er für die Lebenshaltung der dort angesiedelten Kleriker mit ihrem Propst mehrere Güter, darunter seine Eigenkirche in Burgstemmen.Historisch: Burgstemmen – ein Dorf im Leinetal … Website des Vereins DorfKultur Burgstemmen; abgerufen am 15. Mai 2019. Im Laufe seines Episkopats erweiterte Bernward seine Stiftung zu einem großen Benediktinerkloster und vermachte diesem in einem zweiten Testament vom 1. November 1019 seine gesamten Besitztümer.
Einen 1908 unter dem südwestlichen Treppenturm aufgefundenen Steinblock mit der Jahreszahl 1010 sieht man als einen Grundstein der Abteikirche an. Bernward bestimmte die Westkrypta dieser Kirche zu seiner Grablege und zum Ort des ständigen Gebets für ihnSiehe Gedenkstein des Bischofs Bernward und gab der Anlage den Namen des „Totengeleiters“ Michael. Die Krypta wurde am Michaelistag (29. September) 1015 von ihm geweiht. Am Michaelistag des Jahres 1022 erfolgte die Teilweihe der Kirche. Bernward verstarb am 20. November 1022 im Michaeliskloster und wurde in der Krypta bestattet. Die Weihe der gesamten Kirche erfolgte am Michaelistag 1033 durch Bernwards Nachfolger Godehard.
In der Forschung wird diskutiert, welchen Beitrag Bernward selbst als Architekt geleistet habe. Einigkeit besteht darin, dass Bernwards Leistung bei dem Bau der Michaeliskirche weit über die eines Auftraggebers und Bauherren hinausgehe. Von dem Bauhistoriker Hartwig Beseler wurde er als Architectus sapiens (nach 1 Kor 1,13) bezeichnet, der „geistige Schöpfer des Raumgedankens“.Hans Roggenkamp: Mass und Zahl. In: Hartwig Beseler, Hans Roggenkamp: Die Michaeliskirche in Hildesheim. Gebr. Mann Verlag, Berlin 1954, S. 148. Er war demnach für die Konzeption (dispositio) verantwortlich. Als ausführender Architekt, der für die constructio zuständige Baumeister, wird oft der nachmalige erste Abt (1022 bis 1030) des Michaelisklosters Goderam genannt. Beide haben sich an den Prinzipien des Boethius und vor allem Vitruvs orientiert, die letzterer in seinen Zehn Büchern über Architektur niedergelegt hat.Hans Roggenkamp: Mass und Zahl. In: Hartwig Beseler, Hans Roggenkamp: Die Michaeliskirche in Hildesheim. Gebr. Mann Verlag, Berlin 1954, S. 147–150.
Einige Forscher vermuten, dass die seit 1035 am Hildesheimer Dom nachweisbaren Bronzetüren ursprünglich für St. Michael bestimmt waren, da deren Inschrift besagt, ihr Stifter Bernward habe sie im Jahr 1015 am „Engelstempel“ (templum angelicum) angebracht. Diese Annahme bekam neue Nahrung durch kultgeschichtliche Beobachtungen, denen zufolge templum angelicum als liturgische Wendung ein dediziertes Michaelspatrozinium bezeichnet. In St. Michael hatten die Bronzetüren ihren Ort möglicherweise am südlichen Seitenschiff im Eingang neben dem westlichen Treppenturm, wo – nicht weit vom Grundstein – auch Fundamentreste einer Vorhalle gefunden wurden.Gallistl 2007/2008, S. 65 f. Tschan, Band 2, S. 415–419; Band 3, Abb. 252–255 Noch wahrscheinlicher als Anbringungsort ist der Westeingang zur Krypta, wo im April 2007 vorgenommene Radaruntersuchungen eine 250 cm breite massive Strukturstörung aufdeckten (die Breite der beiden Bronzetürflügel ist 227 cm). Das Westportal war demnach ursprünglich wesentlich breiter als heute.Manfred Overesch, Alfhart Günther: Himmlisches Jerusalem in Hildesheim – St. Michael und das Geheimnis der sakralen Mathematik vor 1000 Jahren. 2009, S. 201–204 und Fig. 33.Alfhart Günther: Kirchen des Mittelalters mit den Augen eines Physikers. Baukunst zwischen Theologie, Technik und Geometrie. Garamond, Gera 2017, ISBN 978-3-946964-07-0, S. 43–54.
Für die erst im späten 19. Jahrhundert in den Dom gebrachte bernwardinische Christussäule ist eindeutig belegt, dass sie zuvor im Osten der Michaeliskirche hinter dem Kreuzaltar gestanden hatte. Ihr Standort unter dem TriumphbogenBernhard Gallistl: Die Bernwardsäule und die Michaeliskirche zu Hildesheim. Georg-Olms-Verlag, Hildesheim 1993, ISBN 3-487-09755-9, S. 32. bestätigte sich bei der Grabung von 2006.Karl Bernhard Kruse, in: Christiane Segers-Glocke (Hrsg.): St. Michael in Hildesheim: Forschungsergebnisse zur bauarchäologischen Untersuchung im Jahr 2006. CW Niemeyer Buchverlage, Hameln 2008, ISBN 978-3-8271-8034-6 (= Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Niedersachsen. Band 34), S. 153 (doi:10.11588/diglit.51162; ub.uni-heidelberg.de) Das große Bronzekruzifix auf dieser Altarsäule wurde 1544 von Bilderstürmern gestürzt und eingeschmolzen. Für die Zeit der Domsanierung, vom 30. September 2009 bis August 2014, war die Säule vorübergehend zurück in die Michaeliskirche gebracht worden und im südöstlichen Querhaus aufgestellt.
Die biblischen Bildprogramme der Reliefs auf der Christussäule und den Bernwardstüren sind eng aufeinander bezogen.
Der große Radleuchter Bernwards, der früher über dem Kreuzaltar vor der Christussäule hing, zerbrach 1662 bei Bauarbeiten.
mini|hochkant|Blick in den bernwardinischen Ostchor mit der Christussäule. Rekonstruktionszeichnung von A. Carpiceci / B. Gallistl
Bereits im Jahr 1034 kam es zu einem Brand in der Kirche. Nach Instandsetzung erfolgte 1035 die Wiederweihe, was 1186 nach einem weiteren Brand und einem Umbau (darunter Erneuerung fast aller Langhaussäulen) unter Bischof Adelog erneut geschah. Von 1171 bis 1190 wurden die sehenswerten Kapitelle geschaffen. Ein bedeutendes liturgisches Zeugnis dieser Zeit ist das Ratmann-Sakramentar von 1159. Mit einer Miniatur, die auf gleicher Höhe Bernward neben dem Erzengel Michael zeigt, erbringt es den Beweis, dass die Mönche den Gründer ihres Klosters auch schon vor seiner Kanonisation im Gottesdienst als Heiligen verehrten.
1192 wurde Bernward heiliggesprochen. Von 1194 bis 1197 entstanden die Stuckreliefs der Engelschorschranken am Eingang zur Krypta. Die bemalte Holzdecke St. Michaels im Langhaus entstand um 1230. 1250 wurde der Kreuzgang (neu) gebaut, der die Kirche mit der alten Klosterkapelle der Abtei verband, die vor dem Bau der Michaeliskirche genutzt wurde.
Im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts gehörte Henning Rose dem Konvent von St. Michael an. Er versuchte, seinem Kloster durch mehrere Fälschungen zu dienen, die zum Teil bis heute nachwirken.Martina Giese: Fabulöse Vita Bennonis aus St. Michael in Hildesheim. In: Claudia Kunde und André Thieme (Hrsg.): Ein Schatz nicht von Gold. Benno von Meissen. Sachsens erster Heiliger (Ausstellungskatalog). Petersberg (Hessen) 2017, S. 317.
Am 12. November 1542 wurde die Michaeliskirche nach Einführung der Reformation in Hildesheim evangelisch-lutherische Pfarrkirche. Der Benediktinerkonvent blieb jedoch bis zur Säkularisation 1803 bestehen und durfte die „kleine Michaeliskirche“ am Kreuzgang sowie die Bernwardskrypta zum Gottesdienst nutzen. Die Krypta ist bis heute katholisch. Die Michaeliskirche ist damit eine der 65 Simultankirchen in Deutschland.Burkhard Kunkel: Die Kunst der lutherischen Kirchen im 16. Jahrhundert. Medien, Mitteldinge, Monumente – eine Geschichte der materiellen Kultur. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-7861-2848-9, S. 102 und 329.
1650 wurde die Ostapsis wegen Baufälligkeit niedergelegt, was zum Einsturz des östlichen Vierungsturms und der teilweisen Zerstörung der Bilderdecke führte. Zwölf Jahre später mussten der westliche Vierungsturm und das südwestliche Querhaus ebenfalls abgerissen werden; dabei wurde die südliche Engelschorschranke zerstört. Der Ostturm wurde wiederaufgebaut und erhielt 1672 eine barocke Turmhaube.
Joachim Barward Lauenstein, von 1727 bis 1745 Prediger an St. Michael, verfasste umfangreiche Werke zur lokalen Kirchengeschichte.
mini|hochkant|Bischof Norbert Trelle (mit Bernwardskreuz) und Landessuperintendent Eckhard Gorka, 2006 1809 wurde die Kirche geschlossen und von der seit der Säkularisation im Jahr 1803 im Michaeliskloster untergebrachten Krankenanstalt genutzt. Sie bestand vom 30. Mai 1827 bis 1943. Zu Beginn der 1930er Jahre beherbergte diese Heil- und Pflegeanstalt gut 1000 psychisch kranke und/oder körperlich behinderte Patienten. 1941 wurden etwa 440 Patienten im Zuge der Aktion T4 abtransportiert und ermordet.Hildesheim, Heil- und Pflegeanstalt. In: Historisches Kirchengemeindelexikon der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover (HKLK), abgerufen am 14. März 2023.
Die Kirchengemeinde zog in die Martinikirche (heute: Teil des Roemer- und Pelizaeus-Museums) um und kehrte nach einer Renovierung 1857 in die Michaeliskirche zurück. Aus der Martinikirche brachte die Gemeinde das 1618 geschaffene Bronze-Taufbecken, das Johannes-Retabel von 1520 und das Bothmersche Epitaph aus dem 17. Jahrhundert mit, die sich noch heute in der Kirche befinden.