Das Nordreich Israel war ein Staat, der während der Eisenzeit (9./8. Jahrhundert v. Chr.) im östlichen Mittelmeerraum bestand.In Palästina gab es in der Eisenzeit I eine Dorfkultur mit Häuptlingstümern. In der Eisenzeit IIA begannen die Menschen, wieder in Städten zu wohnen (Reurbanisierung), und ihre Könige herrschten über Stämme oder Stammesverbünde. Die Eisenzeit IIB brachte weiteren Fortschritt: urbane Gesellschaften, die politisch als Staaten organisiert waren. Vgl. Angelika Berlejung: Geschichte und Religionsgeschichte des antiken Israel. Göttingen 2019, S. 100. Die königliche Residenz war Samaria. Das Nordreich Israel ist aus den biblischen Königsbüchern bekannt, die allerdings mit deutlichem zeitlichen Abstand zu den Ereignissen verfasst wurden. Es wird außerdem in außerbiblischen Quellen seit dem 9. Jahrhundert v. Chr. erwähnt. In assyrischen Quellen heißt es auch „Haus Omri“ (Bīt Ḫumrī) oder „Land Omri“ (KUR(māt) Ḫu-um-ri-i). Es fand sein Ende in der Eroberung durch die Assyrer 722/720 v. Chr. „Nordreich“ ist eine in der Fachliteratur übliche Präzisierung, da mit „Israel“ in der Hebräischen Bibel auch eine Ethnie (Israeliten) oder eine Glaubensgemeinschaft (Juden und Samaritaner) bezeichnet werden kann.

Unter der Königsdynastie der Omriden war Israel im 9. Jahrhundert v. Chr. ein unabhängiger Staat, der im Bündnis mit Aram-Damaskus und anderen kleineren Staaten die assyrische Expansion nach Syrien-Palästina eine Zeitlang aufhalten konnte. Im 8. Jahrhundert v. Chr. wurde Israel tributpflichtig gegenüber den Assyrern. Es nahm nun am internationalen Handel teil und produzierte vor allem Olivenöl und Textilien für den Export. Die lange Regierungszeit Jerobeams II. gilt als zweite Blütezeit, die durch Wohlstand, Bevölkerungswachstum, aber auch gesellschaftliche Polarisierung gekennzeichnet war.

hochkant|mini|Teil eines Doppeltors der Festung Hazor, 9. Jh. v. Chr., mit Volutenkapitellen (Israel-Museum)The Israel Museum: Royal fortress gate. In: museums.gov.il, abgerufen am 20. Juli 2024. Quellen Für die Geschichte des Nordreichs Israel stehen archäologische Befunde von mehreren Grabungsstätten, zeitgenössische außerbiblische Texte und die biblischen Bücher der Könige zur Verfügung.

Die Bücher der Könige wurden mit erheblichem zeitlichen Abstand zu den darin dargestellten Ereignissen verfasst (6. Jahrhundert v. Chr.), sie setzen in ihrer heutigen Form das Ende des Nordreichs Israel und des Südreichs Juda voraus und wollen erklären, wie es zu deren Untergang gekommen war. Manche Exegeten nehmen eine „erste Ausgabe“ an, die im Südreich Juda zur Zeit von König Joschija (7. Jahrhundert v. Chr.) abgefasst worden ist:Barbara Schmitz: Geschichte Israels. Paderborn 2015, S. 73. „Somit zeugen sie viel mehr von der Zeit, in der sie verschriftlicht wurden (7. oder 6. Jahrhundert v. Chr.), als von der Zeit, von der sie erzählen.“Barbara Schmitz: Geschichte Israels. Paderborn 2015, S. 74. (Barbara Schmitz) Trotzdem und mangels anderer Quellen entnimmt man den Königsbüchern Informationen zu Namen und Regierungszeiten der Könige Israels. In den beiden Königsbüchern werden Angaben zur Regierungszeit der Könige des Nordreichs Israel gemacht, die durch Synchronismen zu den Regierungszeiten der Könige des Südreichs Juda in Beziehung gesetzt werden. Die Synchronismen sind das Werk einer in Jerusalem ansässigen Redaktion, die auf listenartiges Material aus beiden Reichen zugreifen konnte. Ungereimtheiten entstanden durch unterschiedlich gezählte Koregentschaften und Jahresanfänge im Frühjahr bzw. im Herbst.Christian Frevel: Geschichte Israels. Kohlhammer, Stuttgart 2018, S. 204–206. Wenn man mit der Möglichkeit rechnet, dass die Herrscher Ahasja, Joram und Joasch von Israel und Ahasja, Joram und Joasch von Juda nicht zufällig gleich hießen, sondern dass es sich dabei um dieselben historischen Personen handelt, bedeutet das, dass die Verfasser der Königsbücher die Geschichte beider Staaten im 9. Jahrhundert v. Chr. stark umgeschrieben haben. Diese These wird im deutschsprachigen Raum von Christian Frevel vertreten.Christian Frevel: Geschichte Israels. Kohlhammer, Stuttgart 2018, S. 208 f.

Im 9. Jahrhundert v. Chr. begegnen Israel und Juda erstmals als politische Akteure in außerbiblischen Quellen, insbesondere auf der seit 1868 bekannten Inschrift der Mescha-Stele in moabitischer Sprache, zu der 1993 die fragmentarische aramäische Tel-Dan-Inschrift kam. 2003 tauchte auf dem Antikenmarkt eine angeblich aus Jerusalem stammende althebräische Joasch-Inschrift auf, die jedoch als Fälschung eingeschätzt wird. Daraus folgt, dass weiterhin keine Monumentalinschrift eines Königs von Israel oder von Juda bekannt ist.Christian Frevel: Geschichte Israels. Kohlhammer, Stuttgart 2018, S. 210 f., 257 f.Zur Joasch-Inschrift siehe auch: In assyrischen Quellen ist mehrfach von Samaria und dem Haus Omri die Rede. Unter diesen Quellentexten in akkadischer Sprache haben folgende für die Geschichte des Nordreiches Israel besonderes Gewicht:Christian Frevel: Geschichte Israels. Kohlhammer, Stuttgart 2018, S. 211, 255 f. +HTATQuelleHerrscherBeschreibung106Stele von Kerk-i-Dicle („Kurkh-Monolith“)Salmanassar III.Schlacht bei Qarqar (853), ausführlicher Bericht: Beteiligung des Königs „Ahab von Israel“ an einer antiassyrischen Koalition112AnnalenfragmentSalmanassar III.Erwähnung von Jehu, dem „Sohn Omris“113Schwarzer ObeliskSalmanassar III.Tributleistung des Jehu „vom Haus Omri“122Stele von Tell er-RimaḥAdad-nīrārī III.Tributleistung des Joasch „aus dem Land Samaria“140, 147–149AnnalenTiglat-pileser III.Könige Menahem, Pekach und Hoschea; Untergang des Reiches Israel

Geographie alt=|mini|Nordreich Israel und Südreich Juda im 9. vorchristlichen Jahrhundert, nach biblischen Angaben Das Kernland von Israel war das Bergland mit dem Zentrum Samaria. Es besaß fruchtbare Täler, in denen Getreide angebaut wurde, während sich die Berghänge terrassieren und für Oliven- und Weinanbau nutzen ließen.Israel Finkelstein, Neil Asher Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel. 2. Auflage. dtv, München 2005, S. 175. Nördlich davon, bei Megiddo, schloss sich die Jesreelebene an. Nicht durchgängig, sondern nur in den Blütezeiten des Reichs konnten die Könige des Nordreichs diese kontrollieren. Dann hatten sie Zugriff auf ein sehr reiches landwirtschaftliches Gebiet. Außerdem verlief hier eine wichtige Fernhandelsroute zwischen Ägypten und Mesopotamien. Auf nebenstehender Landkarte gehört Dor an der Mittelmeerküste mit seinem Naturhafen zum Territorium Israels. Im archäologischen Befund ist das nicht eindeutig zu belegen. Es lässt sich lediglich wahrscheinlich machen.Christian Frevel: Geschichte Israels. Kohlhammer, Stuttgart 2018, S. 227 f. Ein Argument hierfür ist, dass die Erzählung vom Gottesurteil auf dem Karmel voraussetzt, dass die Könige Israels diesen Gebirgszug nördlich von Dor beherrschten; wenn dem so war, hätte der Karmel Dor von den phönizischen Städten getrennt, was für eine israelische Kontrolle der Hafenstadt spricht. Israel Finkelstein hält Dor für den wichtigsten Hafen des Nordreichs. Atlit, 12 km weiter nördlich, war nach Finkelstein ein phönizischer Handelsposten an der israelitischen Küste.Israel Finkelstein: Das vergessene Königreich. Israel und die verborgenen Ursprünge der Bibel. München 2014, S. 153.

Juda, Israels Nachbarstaat im Süden, hatte aufgrund seiner kärglicheren Landesnatur einen Entwicklungsrückstand von über 100 Jahren gegenüber Israel. Daraus folgte im 9. und bis ins 8. Jahrhundert eine starke Abhängigkeit vom Nordreich Israel. Eine eigenständige Politik war für Juda erst im 8. Jahrhundert und verstärkt sogar erst nach dem Untergang des Nordreichs möglich.Christian Frevel: Geschichte Israels. Kohlhammer, Stuttgart 2018, S. 201, 212.

Geschichte Hintergrund: Assyrische Expansion Palästina befand sich aufgrund seiner geografischen Lage stets im Spannungsfeld zwischen Ägypten und Mesopotamien. Hintergrund der gesamten Geschichte Israels ist die Expansion des neuassyrischen Reichs in den syrisch-palästinischen Raum. Nach dem Palästina-Feldzug des Pharaos Scheschonq I. 920/917 v. Chr. folgte eine Periode außenpolitischer Schwäche Ägyptens. Und als Ägypten in Palästina mit der antiassyrische Koalition mit den Kleinstaaten der südlichen Levante, 713 v. Chr. wieder stärker aktiv wurde, existierte das Nordreich Israel bereits nicht mehr.

Erstmals machte sich das Erstarken Assurs am Ende des 10. Jahrhunderts unter Adad-nirari II. (912–891) durch Feldzüge gegen Babylonier und Aramäer bemerkbar. Assur-nasirpal II. (884–859) gewann Staaten im Westen seines Reiches und nördlich Israels als Vasallen hinzu. Sein Nachfolger Salmanassar III. (859–824) vergrößerte das Territorium Assurs weiter, wobei aber das Reich von Urartu die Expansion im Norden aufhielt. Die verbündeten aramäischen Kleinstaaten leisteten im Westen Widerstand. Den Höhepunkt der Annexionspolitik bildete die Herrschaft von Tiglat-pileser III. (745–727), die auch religiös legitimiert wurde:Christian Frevel: Geschichte Israels. Kohlhammer, Stuttgart 2018, S. 202. Nach offizieller assyrischer Ideologie hatten die Götter dem König von Assur zusammen mit dem Königtum auch die Weltherrschaft verliehen. Der Altorientalist Andreas Fuchs erläutert, dass die Assyrer daher niemals der Meinung gewesen seien, einen Angriffskrieg zu führen. Ihr König „setzte vielmehr nur sein gutes Recht dort durch, wo ihn böse Menschen an dessen Wahrnehmung hinderten.“Andreas Fuchs: War das Neuassyrische Reich ein Militärstaat? In: Burkhard Meißner, Oliver Schmitt, Michael Sommer (Hrsg.): Krieg – Gesellschaft – Institutionen. Beiträge zu einer vergleichenden Kriegsgeschichte. Berlin 2005, S. 35–60, hier S. 38 (uni-heidelberg.de [PDF; 10,7 MB]). Aus dieser Grundannahme resultierte eine brutale Kriegführung. Weniger eine innovative Waffentechnik als die Kampferfahrung durch ständige Einsätze und die zahlenmäßige Überlegenheit der assyrischen Streitmacht gelten als Gründe für den Erfolg Assurs.Andreas Fuchs: War das Neuassyrische Reich ein Militärstaat? In: Burkhard Meißner, Oliver Schmitt, Michael Sommer (Hrsg.): Krieg – Gesellschaft – Institutionen. Beiträge zu einer vergleichenden Kriegsgeschichte. Berlin 2005, S. 35–60, hier S. 39 f. (uni-heidelberg.de [PDF; 10,7 MB]).

Die kleineren Staaten an der Peripherie, darunter Israel, reagierten auf die assyrische Bedrohung nach einem sich wiederholenden Muster: Konfrontiert mit starker assyrischer Präsenz, unterwarfen sie sich und zahlten Tribut. Ließ der assyrische Druck nach, bildeten sie Koalitionen untereinander und stellten die Zahlungen an Assur ein. Die Zentrale reagierte nach Möglichkeit direkt durch militärische Strafmaßnahmen, erhöhte Abgabenforderungen und Gebietsverkleinerungen. Widerständige Bevölkerungsgruppen wurden in andere Gebiete des Reichs deportiert und an ihrer Stelle neue Bevölkerungsgruppen, die aus anderen Reichsteilen stammten, angesiedelt (Zwei-Wege-Deportation).Barbara Schmitz: Geschichte Israels. Paderborn 2015, S. 75.

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