mini|Kompositum ohne Fugen-s

Fugenlaute werden in der deutschen und einigen anderen Sprachen mehr oder weniger regelmäßig bei Wortzusammensetzungen (Komposita) sowie, seltener, bei Wortableitungen an den Nahtstellen (Fugen) eingefügt.Hadumod Bußmann (Hrsg.) unter Mitarbeit von Hartmut Lauffer: Lexikon der Sprachwissenschaft. 4., durchgesehene und bibliographisch ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-520-45204-7, Lemma: „Fugenelement“. Beispiele sind: Arbeit-s-zeit, Seite-n-zahl, Gelenk(-s-)rheumatismus (hier optional).

Die Bezeichnung Fugenlaut ist traditionell gängig, es kann sich aber um eine Einheit aus mehreren Lauten (im Sinne von Segmenten) handeln, z. B. -es in Tag-es-zeit. Alternative Bezeichnungen sind Fugenelement, Fugenzeichen, Fugenmorphem, Kompositionsfuge, Fusem. Die alternativen Bezeichnungen als „Laut“ oder als „Morphem“ zeigen an, dass der Status von Fugenelementen in der Sprachwissenschaft unterschiedlich bewertet wird.

Das Fugenelement kann als ein Spezialfall der Epenthese eingestuft werden, wenn im Vordergrund steht, dass ein zusätzlicher Laut in der Fuge erscheint. Wird das Fugenelement als Bestandteil mit einer Funktion für den Wortaufbau gesehen (also als Morphem), zählt es als Spezialfall eines Interfixes.

Abgrenzung Fugenelemente können bei diachronischer Betrachtung mit Flexionsendungen aus dem Plural (Mehrzahl) oder Genitiv (Wesfall) in Verbindung gebracht werden. Tatsächlich und somit synchron gesehen haben die Fugenelemente diese Bedeutung jedoch verloren: Zum Beispiel sind Gästehaus und Gasthaus einfach zwei verschiedene Ausdrucksformen desselben Begriffs; es geht dabei nicht um einen Unterschied darin, ob es einen oder mehrere Gäste aufnehmen kann. Im Kindergarten befinden sich zwar mehrere Kinder, während die Kindsmutter die Mutter eines bestimmten Kindes ist; aber nicht jede Kinderfrau und nicht jedes Kindermädchen hat sich um mehr als ein Kind zu kümmern. Ein Kirchenschiff ist ebenso wie ein Kirchturm ein Teil einer Kirche.

Im Deutschen Bildung zusammengesetzter Wörter Bei der Bildung zusammengesetzter Wörter im Deutschen erscheint der erste Teil in verschiedenen Formen: Das Vorderwort erscheint ohne Fugenelement als der gewöhnliche Wortstamm. Beim Substantiv entspricht dies der Einzahlform: Haustür, Gasthaus Beim Verb entspricht der Wortstamm einer Form ohne Endungen, die sonst kaum frei vorkommen kann: Rührgerät, Fahrgemeinschaft, Senkfuß (Senk-Knick-Spreizfuß) Das Vorderwort ist ein gekürzter Substantiv-Stamm, bei dem ein auslautendes -e wegfällt: Kronprinz, Seelsorger, … Das fehlende e wird gelegentlich als Subtraktionsfuge,Peter Eisenberg: Grundriss der deutschen Grammatik. Band 1: Das Wort. Metzler, Stuttgart/Weimar 1998, ISBN 3-476-01639-0, S. 227. subtraktive FugeBeantwortung einer Frage an die Gesellschaft für deutsche Sprache. In: Der Sprachspiegel 54, 2010, S. 112–113. Zitat: S. 113. Kursiv gedruckt: e. oder Schwundfuge bezeichnet. Das Vorderwort erscheint mit einem Fugenelement, das der Mehrzahlform gleicht: Kartenhaus, Gänsebraten, … Das Vorderwort erscheint mit einem Fugenelement, das einer Genitivform gleicht: Bundesbank, Verkehrszeichen usw. – Diese Fälle sind aus der Zusammenrückung zweier ursprünglich selbständiger Wörter entstanden („des Institúts Diréktor“ → der Institútsdirektor). Ebenso stehen in der Genitivform die Vorderwörter von Bildungen wie keinesfalls, nötigenfalls usw. Auch sie sind ursprünglich Zusammenziehungen (aus „keines Fall[e]s“, „nötigen Fall[e]s“ usw.). Schließlich steht manchmal ein reiner Fugenlaut zwischen Vorder- und Hinterwort: Mauseloch u. Ä. Dieser Fall findet sich auch bei Wörtern, die keine Komposita, sondern Wortableitungen sind: eigentlich, wesentlich, aber morgendlich (!), hoffentlich (aus *hoffend-lich) u. v. a. m. – All dies entstammt einesteils Aussprache-Erleichterungen oder anderenteils einem „parasitären“ -t (/-d) (wie in „Saf-t“, aus althochdeutsch “saf”). In seltenen Fällen verändert die Dativform des Vorderworts nach dem Einfügen des Fugenlautes t ihre Gestalt: meinetwegen, deinetwegen usw. (aus „von meinentwegen“, „von deinentwegen“ usw.).Wegen: Genetiv oder Dativ? belleslettres.eu. Website von Belles Lettres – Deutsch für Dichter und Denker. Abgerufen am 21. Oktober 2012. Das Fugen-s, auch Binde-s genannt, ist der häufigste Fugenlaut und gleicht oft der Genitivform des Vorderworts. Es erscheint jedoch auch bei Wörtern, die gar kein Genitiv-s kennen, beispielsweise Wohnungsmiete, Hochzeitskleid, Liebeslied, Abfahrtszeit, Arbeitsamt.

Übersicht deutscher Fugenelemente In der deutschen Sprache ist das Vorkommen von Fugenelementen besonders ausgeprägt, während es im Englischen auf s beschränkt ist. Deutsche Fugenelemente sind: -e-, -s-, -es-, -n-, -en-, -er-, -ens-.

Das Fehlen eines segmentierbaren Fugenelements wird häufig aus systematischen Gründen als „Nullfuge“Peter Eisenberg: Grundriss der deutschen Grammatik. Band 1: Das Wort. Metzler, Stuttgart/Weimar 1998, ISBN 3-476-01639-0, S. 228. (auch: „-ø-Fuge“)Lorelies Ortner, Elgin Müller-Bollhagen, Hanspeter Ortner, Hans Wellmann, Maria Pümpel-Mader, Hildegard Gärtner: Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. Vierter Hauptteil: Substantivkomposita. de Gruyter, Berlin/New York 1991, ISBN 3-11-012444-0, S. 103. bezeichnet und der Liste der Fugenelemente hinzugefügt. In der Literatur finden sich dann Notationen wie: „Haus-ø-tür“, „Tisch-ø-decke“, „Wald-ø-weg“. Da Fugenelemente keinerlei morphologische Merkmale tragen, fallen sie aber dennoch nicht unter Standarddefinitionen des Nullmorphems.

Fasst man rein lautliche Erscheinungen ebenfalls als Fugen auf, kann man ergänzen: -o- (nur bei Konfixkomposita) und -i- (sehr selten). Die Liste kann um vergleichbare Phänomene bei Ableitungen ergänzt werden, etwa um -t- (willen-t-lich).

Je ein Beispiel in der angegebenen Reihenfolge: Hundeleine, Ansichtskarte, Freundeskreis, Urkundenfälschung, Heldentat, Kindergeld, Schmerzensgeld; Haustür (Nullfuge: Haus-ø-tür); Elektroschock, Bräutigam; eigentlich.

Die Fugenelemente treten auf: Nicht bei Komposita, bei denen an erster Stelle ein Adjektiv steht, wohl jedoch bei Komposita von Nomen + Adjektiv (z. B. erfolgsorientiert, liebestoll, mausetot, personenzentriert) oder von Verb + Adjektiv (werbewirksam) Ausnahme hierzu: Eigennamen (zum Beispiel Altenburg) Ebenfalls nicht bei Komposita, bei denen an erster Stelle ein Adverb oder ein Pronomen steht Bei Komposita mit Verben an erster Stelle nur als -e- (zum Beispiel Lesebuch, Ratefuchs)

Herkunft In der einschlägigen Literatur werden zumeist zwei mögliche Quellen für Fugenelemente genannt: zum einen stammbildende Suffixe, zum anderen Flexionssuffixe.Vgl. Damaris Nübling, Renata Szczepaniak: Linking elements in German Origin, Change, Functionalization. In: Morphology 23 (2013), S. 67–89, hier: S. 68f. Im Germanischen verbanden stammbildende Suffixe die sog. Wortwurzel mit Flexionssuffixen und Wortbildungselementen, z. B. ðag-a-z 'Tag': Die Wurzel ðag und das Suffix -a bilden zusammen den Wortstamm, das Flexionssuffix -z markiert Nominativ Singular. Im Althochdeutschen ist aus dem einstigen stammbildenden Suffix ein Fugenelement entstanden, das in sog. eigentlichen Komposita (deren Erstglied keine Flexionsendung aufweist) die Wortbildungskonstituenten verknüpft, z. B. tag+a+sterro ‚Morgenstern‘.Vgl. Damaris Nübling, Renata Szczepaniak: Linking elements in German Origin, Change, Functionalization. In: Morphology 23 (2013), S. 67–89, hier: S. 69. Die Hypothese, dass sich alle Fugenelemente außer -(e)s auf stammbildende Suffixe zurückführen lassen,Vgl. Heide Wegener: The Regrammaticalization of Linking Elements in German. In: Elena Seoane, María José López-Couso (Hrsg.): Theoretical and Empirical Issues in Grammaticalization. Amsterdam/Philadelphia 2008, S. 333–355. hält der empirischen Überprüfung jedoch nicht stand: Lediglich einige -e-Fugen im Gegenwartsdeutschen lassen sich auf stammbildende Suffixe zurückführen; dieses Fugenelement tritt jedoch nur selten auf und ist nicht mehr produktiv.Vgl. Damaris Nübling, Renata Szczepaniak: Linking elements in German. Origin, Change, Functionalization. In: Morphology 23 (2013), S. 67–89, hier: S. 70f. Die zweite Quelle, nämlich vorangestellte Genitivattribute, ist daher die deutlich wichtigere, z. B. des Tages Licht > Tageslicht.Vgl. Duden Bd. 4: Die Grammatik. 7. Auflage. Mannheim u. a. 2006, S. 722. Aus synchroner Sicht haben die Fugenelemente diese Genitivbedeutung jedoch verloren. Zwar stimmen verfugte Erstglieder in vielen Fällen mit der Genitiv- oder Pluralform des entsprechenden freien Wortes überein: des Tages – des Tageslichts; die Hühner – das Hühnerei. In solchen Fällen spricht man von paradigmischen Fugenelementen. Daher wird gelegentlich auch versucht, die produktive Verwendung von Fugenelementen zumindest teilweise semantisch zu erklären.So z. B. Nanna Fuhrhop: Zeigen Fugenelemente die Morphologisierung von Komposita an? In: Rolf Thieroff et al. (Hrsg.): Deutsche Grammatik in Theorie und Praxis. Tübingen 2000, S. 201–213, hier: S. 203, über die Fugenelemente -en- und -e-: „Produktiv verwendet werden sie paradigmisch bei Pluralbedeutung wie Schilderwald (vs. Schildbürger), Ärztekongress (vs. Arztpraxis).“ Psycholinguistische Evidenz legt indes den Schluss nahe, dass die Genitiv- bzw. Pluralbedeutung bei der Verarbeitung verfugter Komposita nicht aktiviert wird.Vgl. z. B. Wolfgang U. Dressler, Gary Libben, Jacqueline Stark, Christiane Pons, Gonia Jarema: The processing of interfixed German compounds. In: Geert Booij, Jaap van Marle (Hrsg.): Yearbook of Morphology. Dordrecht 2001, S. 185–220. Von unparadigmischen Fugenelementen spricht man, wenn das verfugte Erstglied keiner Flexionsform des freien Wortes entspricht. In einigen Fällen lassen sich unparadigmische Fugenelemente auf historische Genitivformen zurückführen (z. B. Schwanengesang: alte Genitivform des Schwanen, heute: des Schwans); vor allem bei zahlreichen mit -s- verfugten Feminina ist dieses jedoch weder historisch noch synchron im Paradigma enthalten (z. B. Geburt-s-tag, Religion-s-freiheit).Vgl. Damaris Nübling, Renata Szczepaniak: Merkmal(s?)analyse, Seminar(s?)arbeit und Essen(s?)ausgabe: Zweifelsfälle der Verfugung als Indikatoren für Sprachwandel. In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 30 (2011), S. 45–73, hier: S. 54.

Häufigkeit und Gesetzmäßigkeit der Fugen in Substantivkomposita Die Fugenelemente sind in deutschen Komposita (Zusammensetzungen) mit deutlich unterschiedlicher Häufigkeit vertreten, je nachdem, ob man gesprochene oder geschriebene Sprache, Gemein- oder Fach-/Wissenschaftssprache und so weiter untersucht. Als Beispiel folgt eine Tabelle, in der die Verteilung der Fugen in Substantivkomposita fachsprachlicher Artikel verschiedener Provenienz dargestellt wird. Die Tabelle enthält zugleich die Anpassung der 1-verschobenen Singh-Poisson-Verteilung, die zeigt, dass die Häufigkeiten, mit denen die einzelnen Fugen auftreten, einer speziellen Form des Diversifikationsgesetzes folgen.Die Beobachtungswerte stammen aus: Hans Wellmann, Nikolaus Reindl, Annemarie Fahrmeier: Zur morphologischen Regelung der Substantivkomposition im heutigen Deutsch. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 93, 1974, S. 358–378. Daten: S. 365.Die Anpassung der Singh-Poisson-Verteilung stammt aus: Karl-Heinz Best: Verteilungen von Fugenelementen im Deutschen. In: Göttinger Beiträge zur Sprachwissenschaft 16, 2008, S. 7–16; Modellanpassung S. 11. Der Beitrag gibt Übersichten zur Häufigkeit von Fugenelementen in 10 Texten beziehungsweise Textkorpora.

RangFugenelementn(x)AnteilNP(x) 1 -ø- (Nullfuge) 2405 72,8 % 2402,76 2 -(e)s- 489 14,8 % 532,87 3 -(e)n- 321 9,7 % 258,66 4 -e- 43 1,3 % 83,71 5 -er- 23 0,7 % 20,32 6 sonstige 22 0,7 % 4,68