Nils Rabenius (* 24. Oktober24. Oktober nach Ahnlund, Nils Rabenius, S. 12 f., und Platen, Nils Rabenius, S. 600; Muncktell, Nils Rabenius, S. 10, schreibt 27. Oktober. 1648 in Tortuna, Gemeinde Västerås; † 7. September7. September nach Muncktell, Nils Rabenius, S. 12, und Ahnlund, Nils Rabenius, S. 28; Platen, Nils Rabenius, S. 600, schreibt 7. August. 1717 in Hedemora, Provinz Dalarna) war ein schwedischer Pfarrer sowie Fälscher von Urkunden, erzählenden Quellen, Runentexten, Exlibris und Münzen. Ungewöhnlich ist nicht nur das Ausmaß seiner Fälschungen, sondern auch ihre vielschichtige Motivation (persönlich, genealogisch, nationalistisch, lokalpatriotisch, literarisch-belletristisch). Rabenius’ Fälschertätigkeit wurde 1927 durch den schwedischen Historiker Nils Ahnlund aufgedeckt und durch weitere Geschichtswissenschaftler bestätigt und ergänzt. Der schwedische Historiker Gunnar Scheffer bezeichnete Rabenius 1948 als „den unerreicht durch die Zeiten hinweg berüchtigtsten historischen Urkundenfälscher unseres Landes“.Scheffer, Insignia Rabenorum, S. 1 („utan all jämförelse vårt lands genom tiderna mest beryktade förfalskare av historiska urkunder“).
Leben mini|Kirche von Hedemora; hier war Nils Rabenius von 1702 bis zu seinem Tod 1717 Pfarrer Nils Rabenius war Sohn des Pfarrers Nicolaus Nicolai Rabenius (latinisiert aus Nils Nilsson mit Herkunftszusatz nach Råby bei Tortuna; 1607–1684), der aus einer Bauernfamilie stammte. Nils Rabenius besuchte das Gymnasium in Västerås, wurde dann zunächst Kaufmannsgehilfe in Stockholm und studierte von 1671 bis 1673 Theologie in Uppsala. Mit einer Ausnahmegenehmigung wurde er am 9. Februar 1673, noch vor seinem 25. Geburtstag, ordiniert, um seinen Vater als Hilfspfarrer in Säby zu unterstützen. Von 1674 bis 1676 arbeitete er als Hausprediger und -lehrer bei Kammerrat Isaac Cronström. Anschließend war Nils Rabenius von 1676 bis 1691 Kaplan (schwedisch: komminister) in Munktorp. Diese Stelle hatte er sich auf unlautere Weise verschafft: Konsistorium und Gemeinde hatten sich bereits auf Olof Aroselius als geeignetsten Kandidaten geeinigt, als Rabenius ein Empfehlungsschreiben zu seinen Gunsten einreichte, das sich als von ihm selbst manipuliert herausstellte. Er wurde mit Suspendierung und achttägigem Arrest bestraft, doch nachdem sich seine Gönner an die Königinwitwe Hedwig Eleonora gewandt hatten, wurde nicht nur die Suspendierung aufgehoben, sondern Rabenius doch noch auf die Kaplansstelle in Munktorp berufen.Ahnlund, Nils Rabenius, S. 16–18. Nach Magnus von Platen (1997) zeigt bereits diese Amtserschleichung typische Charakterzüge, die sich auch später bei Rabenius manifestierten: kriminelle Skrupellosigkeit, Hang zu Urkundenfälschungen und das Talent, sich die Gunst hoher Herren zu sichern.Platen, Nils Rabenius, S. 600.
Nachfolgend gelang es Rabenius, König Karl XI. auf sich aufmerksam zu machen, angeblich indem er in vollem Pastorenornat eine Predigt laut memorierend die Straße befuhr, auf der auch der König entlangritt. 1690 wurde er als Hofprediger ordiniert. 1700/01 begleitete er König Karl XII. als Regimentspastor des angesehenen Livdrabant-Korps. Er nahm an den Feldzügen nach Dänemark und Livland teil, verlor aber nach der Schlacht an der Düna den Geschmack am Soldatenleben. Am 5. Oktober 1702 trat er eine Pfarrstelle in Hedemora an und wurde zugleich Propst. Rabenius’ Umgang mit seiner Gemeinde in Hedemora war oft von Eigensinn geprägt, z. B. hielt er am Fest der Verkündigung Mariens 1705 eine Predigt, in der er die berühmten Frauen der Bibel mit Frauen seiner Zeit und seines Ortes verglich. Dies empörte die Gemeinde, und besonders Madam Brodina, die Tochter des verstorbenen Bischofs Brodinus, fühlte sich dadurch öffentlich angegriffen. Das führte zu einem jahrelangen Prozess vor mehreren Gerichten, den Rabenius schließlich durch einen Vergleich beenden musste. Rabenius lag auch mehrfach mit dem Magistrat im Streit, der ihn der Nachlässigkeit, Närrischkeit und des eigennützigen Umgangs mit den Einkünften der Kirche beschuldigte.Muncktell, Nils Rabenius, S. 11; Ahnlund, Nils Rabenius, S. 19–27. Rabenius war ein eifriger Bücher- und Handschriftensammler, soll sich allerdings manche Archivalien aus öffentlichen und privaten Sammlungen angeeignet haben. Bereits bei seinem Weggang aus Munktorp 1691 soll er alle Antiquitäten der Kirche einfach mitgenommen haben.
Nils Rabenius war seit 1676 mit Christina Samuelsdotter Buskagria (1655–1716) verheiratet, der Tochter des Kaplans Samuel Tunensis, und hatte mit ihr eine Tochter und vier Söhne, die alle den Nachnamen Rabbe führten.Muncktell, Nils Rabenius, S. 12. In den letzten Lebensjahren durch allgemeine Schwäche und schwindendes Augenlicht beeinträchtigt und zuletzt bettlägerig, starb Nils Rabenius 1717 in Hedemora. Ein halbes Jahr zuvor war auch sein Bruder Olof Rabenius (1651–1717) gestorben, der als bester schwedischer Altgriechisch-Kenner seiner Zeit galt, aber keine kirchliche Karriere verfolgte und von Lehraufträgen lebte.
Rezeption und Persönlichkeit In der schwedischen Volksüberlieferung des 18. und 19. Jahrhunderts erschien Nils Rabenius als ein zu burlesken Späßen aufgelegter „schwedischer Eulenspiegel“.Ahnlund, Rabenius, S. 174 (Rückumschlag). Mit seinen Streichen soll er oft Angehörige der Oberschicht vorgeführt haben. Ein Niederschlag davon findet sich noch in dem seinerzeit viel gelesenen Roman Karl XI., Rabenius und der Hexenprozess des schwedischen Schriftstellers Carl von Zeipel von 1845. Hier wird Rabenius als schelmischer Hofprediger idealisiert, der seinen König durch einen Streich von seiner abergläubischen Teufelsfurcht abbringt.Ahnlund, Nils Rabenius, S. 20. Eine Figur im Roman bezeichnet Rabenius dabei als „einen aufgeklärten Theologen (…), der am besten das Wahre vom Falschen zu unterscheiden wisse“.Carl von Zeipel, Karl XI., Rabenius und der Hexenprozess, S. 336.
Im 20. Jahrhundert entlarvten Nils Ahnlund, Gunnar Scheffer, Magnus von Platen und andere Rabenius als notorischen Fälscher. Ahnlund betont, dass Rabenius’ Fälscherkarriere durch eine zwar historisch interessierte, dabei aber noch sehr kritiklose Zeit erleichtert wurde. Rabenius, der niemals eine Schrift unter seinem eigenen Namen publizierte, habe trotz allem Schalk jedoch auch psychopathische Züge gehabt.Ahnlund, Nils Rabenius, S. 156, 158. Platen beurteilt dessen Persönlichkeit am Ende seines Artikels im Svenskt biografiskt lexikon folgendermaßen: „Er war reich begabt, und in seinen jungen Jahren muss er eine gewinnende und charmante Art gehabt haben sowie einen Sinn für Humor, der dem Zeitgeschmack entsprach. Gleichzeitig zeigt Rabenius kriminelle Züge und war offenbar aggressiv und labil. […] Vielleicht hätte […] sein Fleiß am Schreibtisch ein legitimes Ventil gefunden, wenn der historische Roman zu dieser Zeit bereits ein etabliertes Genre gewesen wäre.“
Fälschungen (Auswahl) Genealogische Fälschungen mini|Von Nils Rabenius um 1700 gefälschtes Exlibris mit dem Wappen der fiktiven Adelsfamilie Rabbe. Unten die falsche Herkunftsangabe auf Schwedisch: „Aus einem Exemplar der Liturgie von 1588.“ In einigen seiner Fälschungen ließ Rabenius ein selbst erfundenes schwedisches Adelsgeschlecht namens Rabbe auftreten. Auf dieses wollte er den Ursprung seiner Familie zurückführen, obwohl es erst sein Vater gewesen war, der sich den Nachnamen Rabenius nach seinem Geburtsort Råby beigelegt hatte.Ahnlund, Nils Rabenius, S. 11. Hierzu fälschte Rabenius eine Steuerbefreiungsurkunde von angeblich 1416 (Svenskt Diplomatarium Nr. 2276) und eine Reihe anderer Dokumente, die von der bedeutenden Stellung und den bemerkenswerten Leistungen des Geschlechtes Rabbe handeln. Da eine Adelsfamilie auch ein Wappen brauchte, fälschte Rabenius eine Urkunde des polnischen Erzbischofs Nikolaus Dzierzgowski. Darin bescheinigt dieser einem „Andreas Rabenowski“, von einem alten schwedischen Adelsgeschlecht abzustammen, und beschreibt dabei dessen Wappen so: „Ein rotes und weißes Kreuz, mit einer goldenen Krone bekrönt und in der Mitte mit fünf Edelsteinen in der Form eines Herzens geschmückt“ (crux rubra et candida, aurea corona coronata, et in medio qvinqve gemmis ad figuram cordis ornata). Damit auch entsprechende Abbildungen existierten, fälschte Rabenius um 1700 zwei Exlibris, die dieses Wappen zeigen und im 20. Jahrhundert von Gunnar Scheffer wiederentdeckt wurden. Die Exlibris waren u. a. in die Sammlung des schwedischen Reichsherolds Daniel Tilas gelangt. Postum waren Rabenius’ genealogische Fälschungen sehr erfolgreich: Seine Enkel, der Kanzleirat Sten Rabbe und der Staatskommissar Samuel Rabbe, wurden 1770 bzw. 1773 unter dem Namen „af Rabbe“ (d. h. „von Rabbe“) geadelt und erhielten das Recht zur Führung eines Wappens, das eng an die Exlibris-Abbildungen angelehnt war.Der gesamte Abschnitt nach Scheffer, Insignia Rabenorum (wie unter Literatur).
Bulle des Papstes Agapitus II. Nach einer Überlieferung aus dem Västergötland-Gesetz (13. Jahrhundert) sollen sich um 1050 die Könige Schwedens (Emund der Alte), Dänemarks („Sven Tjuguskägg“, wohl Sven Estridsson) und Norwegens (Harald Hardråde) auf der kleinen Insel Danaholmen getroffen und dort die Grenzen zwischen ihren Reichen festgelegt haben.Dieter Strauch, Mittelalterliches nordisches Recht bis ca. 1500, Berlin: Walter de Gruyter 2016, S. 382 f. Dabei soll der dänische König das Zaumzeug und der norwegische den Steigbügel des schwedischen Königs gehalten haben, so dass diesem also symbolisch ein Vorrang eingeräumt worden sei.Ahnlund, Nils Rabenius, S. 81. Von dänischer Seite wurde diese Überlieferung in Zweifel gezogen. Zu ihrer Absicherung fälschte Rabenius daher eine Bulle des Papstes Agapitus II., angeblich vom 27. September 954 (Svenskt Diplomatarium I Nr. 16), wo dieselbe Grenzbeschreibung wie in der Danaholms-Tradition vorkommt ebenso wie die Behauptung, dass der schwedische König über den dänischen die Prärogative haben sollte.Joh. Gust. Liljegren: Diplomatarium Suecanum Bd. 1, Stockholm 1829, Nr. 16 S. 24–27 (Digitalisat bei Google Books). Die Publikation der neu aufgefundenen Papsturkunde erfolgte 1703 durch den Uppsalenser Juraprofessor Carl Lundius.Agapeti bulla „Quantum ad regnorum detrimentum … altineat“: Med C. Lundii Prolegomena och Notae & observationes. Stockholm 1703 (Digitalisat bei Google Books). Rabenius lässt sich als Fälscher überführen, da Lundius im Vorwort ausdrücklich seinem engen Freund („amicissimus“) Rabenius für dessen Mitwirkung dankt (offenbar hatte dieser also den „Fund“ geliefert).Ahnlund, Nils Rabenius, S. 84 f. Außerdem konnte Rabenius nicht widerstehen, im Text der Urkunde einen „Gaseus, Sohn des Rabbe aus Westermannia“ (d. h. Västmanlands län) als Setzer von Grenzsteinen unterzubringen und so wiederum seine fiktiven Vorfahren zu beglaubigen.Ahnlund, Nils Rabenius, S. 92 f. Ahnlund bezeichnet die Agapitus-Bulle als besonders dummdreiste, plumpe Fälschung.Ahnlund, Nils Rabenius, S. 85 f. Flankierend zu dieser Papsturkunde fälschte Rabenius auch einen in Runen geschriebenen Text, der ebenfalls den sogenannten Danaholmen-Vertrag bestätigen soll und in dem ein „Gasæ Rabbesun“ vorkommt.Ahnlund, Nils Rabenius, S. 94 f.
Bischofschronik von Västerås mini|Titelblatt der Bischofschronik von Vesterås, 1744 nach einer von Nils Rabenius gefälschten Handschrift gedruckt