Die Migration der Turkvölker bezieht sich auf die historischen Wanderbewegungen und Bevölkerungsverschiebungen von Gruppen, die zur turksprachigen ethnolinguistischen Familie gehören. Diese Migrationen fanden meist unabhängig voneinander über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten statt und führten zu bedeutenden ethnischen, geopolitischen und religiösen Veränderungen in der Besiedlungsgeschichte Eurasiens und angrenzender Regionen und prägten somit nachhaltig das kulturelle und demografische Bild der betroffenen Gebiete.
Die größten Wanderbewegungen der Turkvölker umfassen eine Vielzahl von Migrationen und Wanderungen sowohl innerhalb Zentralasiens als auch über seine Grenzen hinweg. Besonders bekannt ist die Migration der Oghusen im 11. Jahrhundert aus dem nördlichen Zentralasien in verschiedene Regionen, unter anderem nach Persien, Anatolien und in das Kaukasusgebiet. Des Weiteren gab es Wanderbewegungen innerhalb Zentralasiens, in Gebieten wie Khorasan oder Transoxanien, die oft auf politische Instabilität in diesen Regionen, wirtschaftliche Veränderungen, Eroberungslust und die Suche nach neuen Siedlungsgebieten zurückzuführen waren. Reiche, die in diesem Kontext entstanden, waren unter anderem die der Chasaren, der Petschenegen, Karachaniden, Gazhnaviden, Seldschuken und Rum-Seldschuken. Auch vom 13. bis zum 14. Jahrhundert zogen, infolge der Eroberungen durch Mongolen und Timuriden, zahlreiche Turkvölker in das expandierende Osmanische Reich und benachbarte anatolische Fürstentümer ein, was ein charakteristisches Merkmal für die wellenartigen Wanderungsbewegungen der Turkvölker ist.
Insgesamt haben die Wanderbewegungen der Turkvölker maßgeblich zur Entstehung zahlreicher moderner Staaten beigetragen, darunter Turkmenistan, Kasachstan, Usbekistan und Kirgisistan. Auch die Türkei und Aserbaidschan gehören dazu. In diesen Ländern ist die Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor turksprachig, wobei es jedoch beträchtliche Unterschiede in Bezug auf Sprachvokabular, Kultur und Genetik gibt.
Urheimat Genaue Angaben zur Ethnogenese der Turkvölker lassen sich nur schwer machen. Laut moderner Wissenschaft lässt sich die Urheimat der Turkvölker räumlich zwischen kaspischer Steppe und Mandschurei eingrenzen, wobei die Taigasteppen um die Altairegion am wahrscheinlichsten gilt. Turksprachen werden als Teil der altaischen Sprachgruppe betrachtet, zu der auch Mongolisch gehört. Mögliche Verbindungen zu Koreanisch und Japanisch bestehen. Doch auch die Altaische Theorie ist problematisch. Ob diese Beziehung auf genetischen Bindungen beruht oder die Folge langjähriger Entlehnungen und Interaktionen ist, bleibt immer noch eine heftig diskutierte Frage.
Geschichte
Die Ursprünge der Turkvölker sind also komplex, vielfältig und höchstwahrscheinlich auch mit bedeutenden Gruppen von Nicht-Türken (iranische Völker) verbunden, was mit frühen Wanderungen erklärbar sein könnte. Tatsächlich hat ihr Herrscherhaus, die Aschina, ein eindeutig nicht-türkisches Onomastikprofil. Die Aschina treten in der Geschichte zu einem entscheidenden Zeitpunkt im 6. Jahrhundert auf. Die Stammeskonföderation der Tabgatsch waren zusammengebrochen und in zwei Teile geteilt, in die Östliche Wei (534–550) und die Westliche Wei (535–557). Erstere wurden bald von der Qi-Dynastie (550–577) und letztere von der Nördlichen Zhou-Dynastie (557–581) abgelöst. Alles Dynastien, die nur einen schwachen Halt an der Macht hatten. Diese kritischen Umwälzungen ereigneten sich gerade, als die Türk-Aschina den Übergang zu einem mächtigen frühen Staat vollzogen. Die Türken setzten schnell einen ethnisch vielfältigen Staat zusammen, wie es für Steppenreiche typisch war.
Ob es während diesen ersten Turk-Kaghanaten zu nennenswerten Völkerwanderung kam, lässt sich schwer sagen. Die Göktürken sind als die früheste bekannte ethnische Einheit, in der Turkvölker unter dem Namen Turk auftreten, bekannt. Dennoch erscheinen turksprachige Völker in schriftlichen historischen Quellen bereits vor ihrer Zeit, nämlich als oghurisch-turksprachige Stämme im 5. Jahrhundert in den nördlichen pontischen Steppen, viel früher als der Aufstieg des Göktürk Khaganats. Somit bleiben die frühen Phasen der Verbreitung der Turkvölker schlecht verstanden, und unser Wissen über ihren Lebensraum bleiben sehr hypothetisch. Dennoch ist es klar, dass die Migrationsrichtung der Steppenvölker, ob Türk oder nicht, ausschließlich von Osten nach Westen ablief (wie etwa bei Hunnen, Avaren, Oghusen und Mongolen). Im Kontext der frühen Turkvölker ist dies vor allem auf den Druck der chinesischen Dynastien zurückzuführen, die ihre nördlichsten Grenzen zu sichern versuchten.
Oghusen Die Migration der Oghusen war ein bedeutendes Ereignis in der Geschichte Zentralasiens und des Nahen Ostens. Sie fanden in mehreren Wellen statt und hatten, langfristig gesehen, die mit Abstand weitreichendsten Auswirkungen auf die politische, kulturelle und demografische Entwicklungen der Region.
Die Oghus-Konföderation entstand in den Tälern von Orkhon und Selenga in der Mongolei. Sie wanderten im 8. Jahrhundert in großen Zahlen über Sibirien nach Westen in Richtung Irtysch, Aralsee und Syr-Darya. Oghusen waren bereits etwa zwei Jahrhunderte vor dieser großen Migration in die oberen Oxus-Länder und die Qara-Qum- und Dehistan-Steppen gezogen. Die weitaus größere und bedeutendere Migration brachte die gesamten Oghus-Völker in die Reichweite der muslimischen Geschichtsschreiber, die nun über sie berichteten. Man könnte grob annehmen, dass im 8. Jahrhundert die Migration von Stämmen aus der Mongolei (und möglicherweise auch aus anderen Gebieten) an die Grenzen Transoxaniens und Choresmiens sowie der Kampf um eine neue Heimat und der Druck der überbevölkerten Steppen im Osten den Hintergrund bildeten, aus dem sich die Oghusen schließlich als ein festes Stammesbündnis herausbildeten. Das Stammesbündnis, das sich hier bildete, nahm dennoch weiterhin neue Elemente auf und sollte nicht als ein ethnischer Monolith gesehen werden. Dies zeigt sich am Beispiel der Anwesenheit eines Stammes (qabiia) namens Bäjânäg (Petschenegen) unter den zweiundzwanzig oder vierundzwanzig Stammesgruppen der Oghusen.K. Jahn, Geschichte der Oguzen des Rasid ad-Din, S. 46Mahmud Kashgari, Divanii Lugat-it-Tiirk (Facs. ed. Atalay)
Petschenegen Die Petschenegen selbst stammten von einer früheren Welle turkstämmiger Einwanderer ab, die sich in den Steppen um die iranischen Oasenstädte in Transoxanien niedergelassen oder als Nomaden gelebt hatten. Im 6. Jahrhundert, also zwei Jahrhunderte vor der Migration des Großteils der Oghusen-Stämme, begann eine turkstämmige Einwanderungswelle in das Gebiet, was zu einer allmählichen Turkisierung der iranischen Sprecher in der Region führte. Aus dieser Symbiose in der Region entstanden die Petschenegen, die in den Kökturk-Inschriften als die Kangaiuls (nach der chinesischen Bezeichnung für die Region östlich des Oxus, K'ang-kiu) erscheinen. Die Petschenegen tauchen erneut im 9. Jahrhundert in der Wolgaregion auf, wo sie in Konflikt mit den Magyaren geraten und im 10. Jahrhundert befinden sie sich im Konflikt mit den Kiewer Rus und den Chasaren. Die Petschenegen sind also im Laufe der Ankunft der neuen oghusischen Stämme und den Karluken und Kimeken über die Wolga gedrängt worden.
Konstantin Porphyrogenitus schrieb zwischen 948 und 951, dass etwa fünfzig Jahre zuvor die Chasaren und Oghusen einen Bund geschlossen hatten und gemeinsam die Petschenegen aus ihren Gebieten zwischen der Wolga und dem Ural vertrieben. Die erzwungene Migration der meisten Petschenegen nach Westen führte wiederum zur Migration der Ungarn, die nach einem Krieg mit den einfallenden Petschenegen zunächst in die westlichen Pontischen Steppen zogen. Solche Kettenreaktionen sind häufig der Grund für etliche Völkerwanderungen gewesen.
Oghus-Yabgu Staat Die Oghusen verfestigten nach ihrer zuvor erwähnten Migration im späten 8. Jahrhundert ein oghusisches Stammesbündnis, der als Oghus-Yabgu Staat bezeichnet wird. Eingeengt zwischen dem verfallenden Chasarenreich und dem anhaltenden Druck von Turkstämmen aus dem Osten und Nordosten sowie aus Choresmien, beginnen sie jedoch, in das Gebiet der Chasaren überzulaufen.
Der anschließende Zusammenbruch des Chasarenreiches war ein wichtiges Ereignis in der Steppengeschichte: der Weg nach Westen war wieder frei, die erste Verteidigungslinie der Oströmer gegen nomadische Invasionen aus dem Osten war ebenfalls gefallen. Nach 965 würden Nomaden, welche die Wolga überquerte, schließlich auch die Donau überqueren und sich letztendlich an den geschwächten westlichen Grenzen des Oströmischen Reiches bemerkbar machen. Jeglicher Konflikt an den nördlichen Grenzen chinesischer Dynastien würden nun Konsequenzen bis nach Europa mit sich bringen. Auch mit dem bevorstehenden Zusammenbruch der Samaniden in den 990er Jahren war der Weg frei für die Invasion Europas und des Nahen Ostens durch große Gruppen von Steppennomaden.
Das Oghusen-Bündnis begann aufgrund interner Schwierigkeiten sowie des Drucks anderen Turkvölker auseinanderzufallen. Schon 985 spalteten sich die Seldschuken ab. Mit dem Anfang des 11. Jahrhunderts hatte sich das Bündnis selbst aufgelöst. Während sich Teile der Oghusen unter den Seldschuken in die Politik der turko-persischen islamischen Welt Zentralasiens verwickelten, besetzten die wolgaorientierten Oghusen die Länder des Chasariens an der Wolga.Marquart, Komanen, S. 56.
Seldschuken Die Stadtstaatenwelt des islamisch-iranischen Raums war von Befestigungen umgeben, die als Barriere gegen die stetige Bedrohung durch die Steppennomaden dienten. Im Laufe der Zeit fanden einige Stammesgruppen oder Teile von ihnen ihren Weg zum Islam, beeinflusst durch die vermehrte Präsenz und den Einfluss muslimischer Kaufleute sowie der spirituellen Lehren der Sufi-Orden. Sie wurden in den folgenden Jahrzehnten zu neuen Verteidigern des islamischen Glaubens. Eine Rolle, die zunehmend mit Turk-Dynastien in Verbindung gebracht wurde und schließlich im entstehenden Reich der Seldschuken (1040–1194) seine endgültige Gestalt annahm.
Im Chasarenreich finden wir die ersten Erwähnungen des Gründers der Seldschuken-Dynastie, Seldschuk. Es wird angenommen, dass er als Militärkommandant in den Diensten der Chasaren stand. Schließlich zog er mit seiner Familie oder seinen Anhängern in die Stadt Jand im westlichen Kasachstan, wo sie dem Islam beitraten. Gemäß dem Maliknama, eine Zusammensetzung aus mündlichen Überlieferungen und auf Persisch niedergeschrieben, war die Migration unter der Führung von Seldschuk keine Massenbewegung von Menschen. Vielmehr handelte es sich um einen kleinen Exodus, der von jenem bestimmten aristokratischen nomadischen Anführer, Seldschuk, und seinen engen Gefolgsleuten orchestriert wurde. Sie war so geringfügig, dass sie von muslimischen Chronisten unbemerkt blieb.
Die Enkel von Seldschuk, Tughrul und Chaghri, sicherten sich einen bedeutenden Sieg gegen die Ghaznawiden, eine turko-persische Dynastie, in der Schlacht von Dandanqan. Dies führte zu einem Machtwechsel in Persien, wobei die einstige Nomadenfamilie nun als das herrschende Haus über das neu gegründete Seldschukenreich etabliert wurde. Dieses Reich umfasste bedeutende Städte wie Isfahan, Merw, Nischapur, Bukhara und später auch Bagdad, Sitz des Kalifen und Zentrum der sunnitisch-islamischen Welt.