In der antiken und besonders römischen Rhetorik bezeichnet eine Klausel (Latein clausula) eine metrische Schlusswendung am Ende eines Satzes oder einer Phrase. Es gab eine Vielzahl an populären Klauseln; eine der beliebtesten war der Kretikus + Trochäus (), wie man ihn zum Beispiel in vīta trānscurrit oder illa tempestās oder auch leicht verändert bei Cicero als esse videātur () findet. Diese Gestaltung eines Satz- oder Phrasenendes durch Klauseln wird als Prosarhythmus bezeichnet.

Unterschiedliche Autoren bevorzugten unterschiedliche Klauseln. Zum Beispiel machen der Kretikus + Trochäus und seine Varianten bis zu 35 % aller Klauseln in Senecas Briefen aus, aber nur 11 % aller Klauseln bei Titus Livius. Hingegen macht ein doppelter Spondäus wie in accēpērunt () 36 % aller Klauseln von Livius, aber nur 11 % in Senecas Briefen aus.Keeline & Kirby (2019), S. 170.

Arten von Klauseln Jeder längere Satz lässt sich in Teile teilen, die man auf Griechisch Kola (Singular Kolon) nennt. Im Lateinischen werden sie als membra (Singular membrum) bezeichnet. Die letzten Silben eines Kolons haben ein bestimmtes rhythmisches Muster, das wir Klausel nennen.Habinek (1985), S. 10–11. Kürzere Kola sind bekannt als Kommata (singular Komma) oder auf Latein incīsa bzw. incīsum.Shewring & Denniston (1970), § 16.Cunningham (1957), S. 499.

Der Gebrauch von Klauseln in Ciceros Reden wurde zuerst von dem polnischen Philologen Tadeusz Zieliński 1904 eingehend untersucht, nachdem bereits andere Philologen wie G. Wüst 1881 sich damit beschäftigt hatten.Clark (1905). Nach Zieliński bestünden ciceronische Klauseln aus zwei Teilen: einer „Basis“, für gewöhnlich ein Kretikus oder eine Abweichung, und einer „Kadenz“, meistens ein trochäischer Rhythmus wie , oder .Srebrny (1947 (2013)), S. 150.

Die häufigsten Klauseln bei Cicero sind:Berry (1996), S. 51–2. und Variationen (32,4 % aller Klauseln) (24,4 %) (30,1 %)

Eine Variation kann hierbei durch eine Ersetzung einer langen Silbe durch zwei kurze Silben entstehen (wie im eingangs erwähnten esse videātur statt ) oder durch Substitution der Basis durch oder .Clark (1905), S. 167.

Die obigen Klauseln machen etwa 87 % aller ciceronischen Klauseln aus. Andere tauchen seltener auf. Eine Kadenz kann zum Beispiel aus fünf Elementen oder zwei Spondäen bestehen. Das letztere, welches häufiger bei Titus Livius auftaucht, wurde von Zieliński mit dem Schlag eines Hammers verglichen. Bestimmte Klauseln, wie das Ende eines Hexameters , wurden vermieden. Es erscheint bei Cicero in nur 0,6 % aller Fälle, vermutlich um eine zu große Ähnlichkeit der Prosa zur Poesie zu vermeiden, und diente oft dazu, einen heroisch-komischen Effekt zu verursachen.Berry (1996), S. 52.Adams (2013).

Zieliński bemerkte, dass Ciceros Gebrauch sich über die Jahre änderte. Zum Beispiel war in seinen früheren Reden häufiger, während er ab seinem Konsulat das leichtere bevorzugte.Clark (1905), S. 166.

Laut ihm folge generell bei Klauseln der Wortakzent dem Iktus eines Fußes. Das heißt: Für gewöhnlich steht der Akzent eines Wortes auf der ersten Silbe der Basis oder auf der vorletzten langen Silbe der Kadenz, wie in ílla tempéstās, egéstās audácia, incéndium civitátis, Cáesarī d(e) eius áctīs usw.Clark (1905), S. 168. Es gibt aber Ausnahmen und Cicero war bei weitem nicht so streng wie Augustinus oder Arnobius.Shewring & Dennison (1970), § 16, 20.

Es besteht kein Zweifel, dass der geschickte Gebrauch von Klauseln für den lateinischen Redner geeignet war, sein Publikum zu begeistern. Cicero bemerkte in Dē Orātōre, dass ein Ditrochäus von Carbo dem Jüngeren so wirkungsvoll gewesen sei, dass die Zuhörer aufschrien.Cicero, Orator 214; vgl. Adams (2013), S. 8; Cunningham (1957), S. 498.

Antike Autoren über Klauseln Der erste Autor, der von Rhythmen in der Prosa schrieb, war Aristoteles in seiner Poetik.1408b; vgl. Adams (2013), S. 2. In seiner Rhetorik schrieb er:

Cicero selbst behandelt Klauseln in seinen Werken über Rhetorik, besonders Dē Ōrātōre III 173–198 und Ōrātor 204–226.Clark (1905), S. 164-5; Adams (2013), S. 7. Eine Analyse, die von Cicero selbst vorgenommen wurde, findet man etwas weiter unten in den Beispielen. Terentianus Maurus (2. oder 3. Jahrhundert) behandelt das Thema in seinem Lehrgedicht De litteris, de syllabis, de metris. Er schreibt, dass der Kretikus der beste Versfuß sei, besonders in der vorletzten Position vor einem Daktylus .Clark (1905), S. 165. Der Rhetoriklehrer Quintilian behandelt Klauseln sehr ausführlich in Buch 5 und 9 der Institutio oratoria; genau wie Terentianus befürwortet er einen Kretikus gefolgt von einem Daktylus ,Quintilian 9.4.107; Clark (1905), S. 166. rät aber vom Gebräuch der heroischen Klauseln ab, da sie dem Ende eines Hexameters zu sehr ähnelten.Quintilian 9.4.102; Clark (1905), S. 168.

Beispiele Cicero Hier ist ein Beispiel von Klauseln aus Ciceros Dē provinciīs cōnsulāribus kolometrisch analysiert. Dabei wurden Elisionen in Klammern und die Klauseln fett gesetzt.Grillo (2015), S. 42. Ecc(e) illa tempestās, cālīgō bonōr(um) et subit(a) atqu(e) imprōvīsa formīdō tenebrae rēī pūblicae, ruīn(a) atqu(e) incendium cīvitātis, terror iniectus Caesarī d(ē) eius āctīs, metus caedīs bonīs omnibus, cōnsulum scelus, cupiditās, egestās, audācia!

sī non s(um) adiūtus, non dēbuī; sī dēsertus, sibī fortasse prōvīdit; s(ī) eti(am) oppugnātus, ut quīd(am) aut putant aut volunt, violāt(a) amīcitia (e)st, accēp(ī) iniūriam; inimīcus esse dēbuī, nōn negō. Cicero, dē Prōvinciīs cōnsulāribus, 43.

„Sehet dort, jener Sturm, ein Dunst guter Männer, ein plötzliches und unvorhergesehenes Grauen, die Finsternis des Gemeinweisens, der Niedergang und Brand der Bürgerschaft, der Schrecken, dem Caesar wegen seiner Taten gegeben wurde, die Furcht aller guten Männer vor einem Massaker, das Verbrechen, die Gier, das Elend und die Frechheit der Konsuln! Hätte man mir nicht geholfen, hätte ich es nicht verdient. Wenn man mich verlassen hätte, hätte er für sich gesorgt. Wäre ich angegriffen worden, wie manche denken oder sich wünschten, wäre meine Freundschaft verletzt worden. Mir wurde Unrecht getan; Ich müsste eigentlich sein Feind sein, das verneine ich nicht.“

Die „heroische Klausel“ , die dem Ende eines Hexameters ähnelt, ist selten, aber wurde häufig für einen komischen Effekt gebraucht. Hier ein Ausschnitt aus der Rede Prō Caeliō:pro Caelio § 63; vgl. Adams (2013), S. 42.

„In balneīs dēlituērunt“ Testīs ēgregiōs! „Dein temerē prōsiluērunt“ Hominēs temperantīs!

„‚Sie versteckten sich in den Bädern.‘ Was für bemerkenswerte Zeugen! ‚Dann sprangen sie vorschnell auf.‘ Was für gelassene Menschen!“

Noch lustiger wird der Teil, wie Adams betonte, durch den Umstand, dass testes sowohl „Zeugen“ als auch „Hoden“ bedeuten kann.

Die folgende Passage aus der zweiten Rede gegen Catilina zeigt weniger gebrauchte Klauseln, wie etwa oder den „hammerschlagenden“ Doppelspondäus .in Catilīnam 6; vgl. Riggsby (2010).

nōn est iam lēnitātī locus; sevēritātem rēs ipsa flāgitat. ūn(um) etiam nunc concēdam: exeant, proficīscantur; nē patiantur dēsīderiō suī Catilīnam miserum tābēscere. dēmōnstrāb(o) iter: Aurēliā viā profectus est; s(ī) accelerāre volent, ad vesperam cōnsequentur.

„Für die Nachsicht gibt es keinen Platz mehr. Die Angelegenheit selbst verlangt Strenge. Aber eines möchte ich zugeben: Lasst sie rausgehen, lasst sie aufbrechen; Sie sollen nicht zulassen, dass Catilina vor Sehnsucht nach ihnen elendiglich vergeht. Ich werde ihnen den Weg zeigen: Er ist über die aurelianische Straße abgereist. Wenn sie bereit sind, sich zu beeilen, werden sie ihn bis zum Abend einholen.“

Für den emphatischen Doppelspondäus ist es typisch, dass Cicero einen Wortwechsel zwischen der Basis und der Kadenz einfügt. Mit der Klausel hingegen, wie in illa tempestās, ist am typischsten der Wortwechsel nach der zweiten Silbe.

Der folgende Abschnitt ist aus Pro Scaurō, welche Cicero in Ōrātor selbst als vier incīsa (Kommata) analysierte, die von zwei membra (Kola) und dann eine lange spondäische Periode, die mit einem Dichoreus oder einem Doppeltrochäus endet:Cunningham (1957), S. 499–500; Orator, 67 (224).

domus tibī deerat? at habēbās. pecūnia superābat? at egēbās. incurrist(i) āmēns in columnās, in aliēnōs insānus īnsānistī; dēpressam, caecam, iacentem domum plūris quam t(e) et quam fortūnās tuās aestimāstī.

„Hat dir ein Haus gefehlt? Nein, du hattest eines. Hattest du zu viel Geld? Nein, du hattest nicht genug. Du bist wie verrückt gegen die Kolonnen gerannt, du hast wie verrückt gegen andere Leute gewütet; du hast ein heruntergekommenes, dunkles, verfallenes Haus für mehr wert gehalten als dich und dein Vermögen.“

Cicero kommentiert, dass die incīsa wegen ihrer Kürze etwas freier im Rhythmus seien und wie „kleine Dolche“ genutzt werden sollen. Eine rhythmische Periode (numerōsa comprēhensiō) sei ein längerer Satz, der aus mindestens zwei Kola bestehe und seltener genutzt werden solle. Der Stil, der aus einer Mischung aus Kommata, Kola und gelegentlicher längerer Periode besteht, sei besonders wirksam in Passagen, die einen Fall begründen oder widerlegen.

Andere Autoren Klauseln finden sich nicht nur bei Cicero, sondern bei vielen römischen (wie auch griechischen und mittelalterlichen) Schriftstellern, insbesondere in der Redekunst, aber auch in anderen literarischen Gattungen. Jeder Schriftsteller hat seine eigenen Vorlieben und seine eigene „rhythmische Signatur“. Livius zum Beispiel vermeidet Klauseln, die bei Cicero üblich sind, wie , sondern beendet einen Satz häufig mit einer Abfolge von langen Silben, zum Beispiel lēgātī Rōmān(i) occurrērunt.Clark (1905), S. 167, 171.

Der früheste Redner, der einen intensiven Gebrauch von rhythmischer Prosa im Griechischen gemacht habe, sei der Sophist Thrasymachos von Chalkedon gewesen (dieselbe Person, die in Buch 1 von Platons Politeia auftritt).Clark (1905), S. 164. Platon selbst benutzte gerne zum Beispiel die Klauseln , und . Seine Präferenzen veränderten sich im Laufe seines Lebens und er nutzte gerne und in seinen späteren Werken.Shewring & Denniston (1970), § 11. Lysias, Aeschines, Isaios, Plutarch und andere benutzten ebenfalls Klauseln und hatten ihre Präferenzen. Klauseln tauchen besonders prominent bei Demosthenes auf, besonders der Ditrochäus , Dispondäus , Kretikus + Trochäus und Chorjambus + Trochäus . Am charakteristischsten bei Demosthenes (von Friedrich Blass erstmals einhergehend untersucht) ist die Vermeidung von mehr als drei kurzen, aufeinanderfolgenden Silben.Shewring & Denniston (1970), § 10. In der Prosa mancher Autoren, wie etwa des Thukydides, kann man fast gar keine Klauseln erkennen.Shewring & Denniston (1970), § 8.

Im Lateinischen war rhythmische Prosa charakteristisch für den Asianismus, einen Stil in der Rhetorik, während Befürworter des schlichteren Attizismus sie eher zu vermeiden versuchten. Plinius der Jüngere, Seneca, Sueton, Apuleius und Tertullian folgten mehr oder minder Cicero, was auch für spätere Autoren als vorbildlich galt (Ciceronianismus), aber viele Autoren vermieden , und das berühmte esse videātur blieb hauptsächlich auf Cicero beschränkt.Shewring & Denniston (1970), § 17f.

Klauseln im Mittelalter (cursūs)