Die Kikuyu (Selbstbezeichnung Agĩkũyũ) sind eine bantusprachige ethnische Gruppe im ostafrikanischen Kenia, die etwa acht Millionen Menschen umfasst. Im Vielvölkerstaat Kenia sind sie mit ca. 22 Prozent die größte Bevölkerungsgruppe- In den 1950er Jahren dominierten sie den Unabhängigkeitskampf gegen die britische Kolonialmacht und über viele Jahre hinweg große Bereiche in Wirtschaft und Politik des unabhängigen Kenias, was in den vergangenen Jahrzehnten des Öfteren zu Konflikten geführt hat. mini|Treffen der Kikuyu-Ältesten. In der Mitte ein Behälter mit traditionellem Bier, dessen Genuss Vorrecht der Alten war

Geschichte und Gesellschaft bis um 1890 mini|Befestigtes Kikuyu-Dorf in den Nyandarua-Wäldern 1908

Die Ausbreitung der Kikuyu in ihre heutige vornehmliche Heimat im Hochland westlich und südlich des Mount Kenya erfolgte vermutlich ab dem 16. Jahrhundert. Damals wurde ihr Kerngebiet in der Gegend des heutigen Murang’a für die schnell wachsende Gruppe zu eng. Die Kikuyu breiteten sich einerseits gen Norden aus, in das Gebiet um das heutige Nyeri, das äußerst dünn besiedelt war. Hier lebten die Agumba, eine Gruppe kleinwüchsiger Jäger, deren Behausungen Höhlen und Erdlöcher waren. Von ihnen übernahmen die Kikuyu vermutlich das Wissen über Eisenerschließung und -bearbeitung. Über den Verbleib der Agumba ist heute nichts bekannt. Godfrey Muriuki: A History of the Kikuyu 1500-1900. Nairobi 1974, S. 39–43.Jomo Kenyatta: Facing Mount Kenya. London 1938, S. 23–24.

Andererseits wanderten zahlreiche Kikuyu auch in den waldigen Süden in die Richtung um die Ngong-Berge. Dort lebten die Okiek, eine Gruppe von nilotischsprachigen Jägern und Sammlern. Land zu erobern, das rechtmäßig anderen gehörte, war den Kikuyu verboten. Sie gingen davon aus, dass die Ahnengeister der Eroberten weiterhin das Land bewohnen würden und Fruchtbarkeit und Erfolg unter den Eroberern verhindern würden. Aus diesem Grund schlossen sie mit den Okiek komplizierte Kaufverträge ab. Diese Verträge machten sie zu rechtmäßigen Eigentümern des mit Vieh und Ackerfrüchten erworbenen Landes und gleichzeitig zu Verwandten der früheren Eigentümer und deren Ahnengeistern. Die Okiek ihrerseits profitierten von der Kultur und den Technologien der Kikuyubauern, da diese Lebensweise eine leichtere Versorgung der Familien versprach als das Jagen und Sammeln von Waldfrüchten, Honig und essbaren Wurzeln. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte übernahmen die meisten Okiek die Lebensweise der Kikuyu und vermischten sich mit ihnen. Godfrey Muriuki: A History of the Kikuyu 1500–1900. Nairobi 1974.Jomo Kenyatta: Facing Mount Kenya. London 1938, S. 24–32.

Politische Struktur Unter den Kikuyu gab es kein zentrales politisches Oberhaupt. Die politische Struktur war nach dem Prinzip der Seniorität aufgebaut. Damit lag die politische Autorität in den Händen der kĩama, der Ältestenräte. Die Räte ernannten einen Sprecher, der über mehr Ansehen und Respekt verfügte, formell jedoch nicht mehr Macht hatte als jedes andere Mitglied des Rates.

Diese Räte funktionierten dezentral. Der kĩama auf der untersten Ebene stand dem mbarĩ vor, einem erweiterten Familienverband, der als Abstammungsgruppe verstanden wurde. Ihm gehörten die Nachkommen von 5 bis 6 Generationen an sowie zugezogene Landpächter und Arbeiter. Der mũramati stellte als Person das Oberhaupt über den mbarĩ dar. Ihm oblag vor allem die Aufgabe, Land zuzuteilen und zu verwalten. Auch der mũramati unterstand jedoch dem kĩama, dem Ältestenrat.

Für bestimmte Zeremonien wie die Beschneidung, zum Zweck der Verteidigung oder des Handels schlossen sich benachbarte mbarĩ über eine gewisse Zeitspanne zu mĩaka zusammen. Verschiedene mĩaka wiederum verbündeten sich gelegentlich zu bũrũri.H. E. Lambert: Kikuyu Social and Political Institutions. London 1956, S. 100–106. Die Kikuyu sahen ihre Identität jedoch eher an einen mbarĩ oder auch an die lokale Gemeinschaft gebunden als an die Gruppe der Kikuyu insgesamt.

Über alle kleinen Einheiten hinweg verband die Kikuyu das Prinzip der Altersgruppen. Die Altersgruppen verhinderten, dass sich die einzelnen Nachbarschaften als Gruppen isolierten. Jeweils alle jungen Männer und alle jungen Frauen, die unter den Kikuyu im gleichen Jahr beschnitten wurden, waren in einer riika, einer Altersgruppe, lebenslang miteinander verbunden, unabhängig von Clan oder Abstammungsgruppe. Diese Verbindung war besonders eng. Sie bildete die Basis für gegenseitige Unterstützung bei der Arbeit und Tanzgruppen, aber auch für formelle Angelegenheiten wie militärische Formationen und juristische Vorgänge. Godfrey Muriuki: A History of the Kikuyu, 1500–1900. Nairobi 1974.

Im Laufe der Kolonialzeit führten unterschiedliche Auffassungen über Alterszugehörigkeit zwischen der Kolonialverwaltung und den Einheimischen häufig zu Konflikten. So vollzog sich der Generationswechsel bei den Kikuyu im Rahmen ihres Altersgruppensystems ursprünglich alle 13 Jahre. Unter der britischen Kolonialregierung verkürzte sich dieser Zeitraum jedoch auf sechs Jahre, weil die Briten bereits ab einem Alter von 16 Jahren Steuern einziehen wollten; Steuerhinterziehung wurde mit Gefängnis oder Zwangsarbeit bestraft. Junge Kikuyu-Männer weigerten sich jedoch weiterhin, die Steuer zu zahlen, da dies ihrer Ansicht nach eine Teilnahme am sozialen Leben der Gemeinde darstellte und nur erwachsenen Männern gestattet sei. Die meisten 16-jährigen Kikuyu-Jungen hatten aber noch keine Initiation durchlaufen und hatten daher noch kein Recht, am sozialen Leben der Gemeinde teilzunehmen. Aufgrund des Drucks der Kolonialbehörden auf die führende Altersgruppe sah diese sich gezwungen, die vierjährige Pause zwischen den Initiationen aufzuheben und jährlich junge Männer in die nächste Altersgruppe aufzunehmen.

Religion mini|hochkant|Einer der heiligen Feigenbäume (mũgumo), in dem sich die Gegenwart Ngais repräsentierte.

Die Religion der Kikuyu bis zum Beginn der Missionierung kann in zwei Sphären geteilt werden. Die höchste übergeordnete Macht wurde, wie auch bei den benachbarten Kamba oder Massai, Ngai genannt. Ngai war nach der Vorstellung der Kikuyu der Schöpfer der Welt und nicht nur Gott der Kikuyu, sondern aller Menschen. Allerdings unterhielt er zu den Kikuyu eine besondere Beziehung. Daher war der Mount Kenya bzw. Kĩrĩ-Nyaga („strahlender Berg“) neben anderen Bergen im Kikuyu-Gebiet Ngais bevorzugter Wohnsitz, sonst wohnte er im Himmel. Er konnte sich auch in Feigenbäumen oder in Naturphänomenen zeigen.

Die zeremonielle Anrede Ngaio lautete: mwene-nyaga. Die arathi („hellsichtige und hellhörige Männer“) fungierten als Medien zwischen Ngai und den Menschen, sie übermittelten Ngais Botschaften, teilweise gegen Bezahlung. Ein mũrathi (Singular von arathi) konnte jedoch nicht mit einem mũndũ mũgo (Medizinmann und Zauberer) gleichgesetzt werden, der Rituale, Heilungen und Gerichtsverfahren leitete. Um Regen zu erbitten, brachte ein Mũrathi gemeinsam mit den Dorfältesten ein Opfer – ein Schaf oder eine Ziege – dar, um Ngai zu besänftigen. Die religiösen Würdenträger verfügten durch ihre enge Bindung zu Ngai über beträchtlichen politischen Einfluss. Ohne sie wurde keine Entscheidung innerhalb der Ältestenräte gefasst.

Die zweite religiöse (und eng mit der ersten verbundene) Sphäre war die Beziehung zu den Ahnen. Wie in Afrika südlich der Sahara sehr verbreitet, kommunizierten auch die Kikuyu mit ihren Ahnen. Die Verstorbenen wurden nicht als tot angesehen, sondern als Lebende in einem anderen Zustand, die weiterhin am diesseitigen Leben teilnahmen. Missachtete Ahnen konnten Leid und Unglück über die Lebenden bringen, geachtete dagegen für Wohlstand und Zufriedenheit sorgen. John Mbiti: African Religion and Philosophy London 1969, S. 25 In der Regel wurden die Verstorbenen in den Wald gebracht, wo sie von wilden Tieren gefressen wurden. Gründer von mbarĩ oder andere verdiente Mitglieder der Gemeinschaft wurden hingegen auf dem Land der Familie bestattet und gingen damit in die Erde ein. Der Brauch, etwas Bier vor dem Genuss auf den Boden zu schütten oder Lebensmittel an bestimmten Orten zu platzieren, dient dazu, die Ahnen an Mahlzeiten teilhaben zu lassen. Die Ahnen waren vor allem für Belange auf der Ebene der Familienverbände zuständig.

Ngai hingegen wurde nur angerufen, wenn Gefahren für alle oder viele Kikuyu drohten, wie etwa bevorstehende Konflikte mit benachbarten Völkern oder bedeutende Konflikte innerhalb der Kikuyu, bei Dürren oder Epidemien. Auch bei gemeinsamen Zeremonien, wie Beschneidung, Hochzeit und Bestattung, bat man um Ngais Segen. Ein Mensch allein galt als zu gering, um Ngai seine persönlichen Sorgen vorzutragen.Jomo Kenyatta: Facing Mount Kenya. The Tribal Life of the Gikuyu. London 1938.

Beziehungen zu den Nachbargruppen mini|hochkant|Kikuyukrieger um 1902

Obwohl es immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit Nachbarn, den Kamba, Okiek und Massai, kam, waren die Beziehungen zugleich auch freundlich und von Zweckmäßigkeit bestimmt. Besonders in den Grenzgebieten kam es häufig zu Heiraten zwischen den Gruppen. Auch der Raub von Mädchen führte zu verwandtschaftlichen Beziehungen, die von den Frauen in fortgeschrittenem Alter gepflegt wurden. Die Bewohner einer Region verbündeten sich auch über ethnische und sprachliche Grenzen hinweg gegenüber einem gemeinsamen Feind. Zu den Massai hatten die Kikuyu besonders enge Beziehungen. Sie tauschten Kinder untereinander aus und verbanden Familien durch Heirat. Es war auch möglich, als Massai zum Kikuyu zu „konvertieren“ und umgekehrt. Vermutlich übernahmen die Kikuyu auch viele Elemente der Kriegerkultur von den nilotischsprachigen Massai. Die Krieger führten die gleichen Waffen mit sich, kleideten sich ähnlich, hatten sehr ähnliche Formen des Körperschmucks und die Kulttänze glichen sich.

Darüber hinaus pflegten die Kikuyu rege Handelskontakte mit ihren Nachbarn, insbesondere mit Massai, Okiek, Meru, Embu und Kamba. Da die Kikuyu ein sehr fruchtbares Gebiet bewohnten, produzierten sie reiche Lebensmittelüberschüsse, die sie mit den Nachbargruppen gegen Rinder und andere Waren tauschten. Dafür unternahmen sie längere Handelsreisen, die oft von älteren Frauen organisiert wurden, die unter dem Schutz eines Handelsfrieden standen. Nicht selten handelte es sich dabei um Frauen, die aus dem bereisten Gebiet stammten und durch Heirat oder Raub zu den Kikuyu gekommen waren. Die Kikuyu verkauften Felle und Häute, Töpferwaren, Tabak und Honig, vor allem aber Elfenbein und Lebensmittel. Umgekehrt handelten sie von den Massai Lederumhänge, Kaurimuscheln, Kupfer- und Messingdraht ein, von den Kamba und Okiek Salz, Wildfleisch und Felle wilder Tiere.Murikui: History of the Kikuyu. S. 137–143.

Kolonialzeit Als die ersten Europäer gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Gegend bereisten, priesen sie die dichtbesiedelten und mit ertragreichen Feldern und Gärten bebauten Ländereien. Zwischen den Ebenen, die die über Jahrhunderte mit den Kikuyu in Feindschaft lebenden Massai bewohnten, und dem eigenen Wohngebiet hatten die Kikuyu einen ein bis drei Meilen breiten Waldstreifen stehen lassen, der zum Schutz und zur Verteidigung diente. Hinter und auch auf diesem Waldstreifen waren befestigte Dörfer der Kikuyu, die Raubzüge der Massai erschwerten.

Als die britische Verwaltung 1902 jedoch die ersten Landenteignungen im Kikuyu-Gebiet vornahm, hatten vier schwerwiegende Katastrophen die Lebensverhältnisse unter den Kikuyu entscheidend verändert. Eine Blatternepidemie mit einer geschätzten Sterberate von 20 bis 50 % hatte die Gebiete entvölkert, die Rinderpest hatte die Viehbestände drastisch dezimiert, eine Dürre und eine Heuschreckeninvasion führten zu einer verheerenden Hungersnot.Godfrey Muriuki: A History of the Kikuyu 1500–1900. Nairobi 1974