Arbajo (), auch ārbajo, arbaja und aarbajo, ist eine seltene viersaitige Langhalslaute, die regional in der Volksmusik im Westen Nepals gespielt wird. Üblicherweise diente sie einem Barden der sozial niedrigstehenden Musikerkaste Gaine (Gandharva) zur Begleitung traditioneller Volkslieder. Wesentlich häufiger verwenden Gaine jedoch heute an ihrer Stelle die gestrichene nepalesische sarangi. Die arbajo gehört zusammen mit der tungna in Nepal und der tibetischen dran-nye zu einer Gruppe gezupfter Lauten mit Hautdecke und einem unterschiedlich taillierten Korpus in der Himalayaregion. mini|Der nepalesische Musiker und Schauspieler Prakash Gandharva spielt arbajo
Herkunft und Verbreitung In Mesopotamien war die Langhalslaute – Abbildungen auf Siegeln zufolgeHarvey Turnbull: The Origin of the Long-Necked Lute. In: The Galpin Society Journal, Band 25, Juli 1972, S. 58–66, hier S. 59f – ab der Akkadzeit gegen Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. bekannt.Konrad Volk: Improvisierte Musik im alten Mesopotamien? In: Walter Fähndrich (Hrsg.): Improvisationen II. Amadeus Verlag, Winterthur 1994, S. 160–202, hier S. 179 In Nordindien sind Langhalslauten erstmals auf den Reliefs buddhistischer Stupas aus dem 2./1. Jahrhundert v. Chr. abgebildet. Erkennbar sind ein birnenförmiger Korpus und drei bis fünf Saiten. Besonders genau dargestellt ist eine birnenförmige Langhalslaute auf einem Kalksteinrelief aus dem 2./3. Jahrhundert n. Chr., das sich am Stupa von Amaravati befand und einen Bodhisattva zeigt, der von musizierenden und tanzenden Gottheiten auf die Erde begleitet wird. Im Verlauf des 1. Jahrtausends löste dieser Lautentyp die ältere Bogenharfe ab.
Ein aus der Gegend von Gwalior stammendes Relief aus der Gupta-Zeit (5./6. Jahrhundert) zeigt in einer Tanzszene eine birnenförmige Laute vereint mit einer Bogenharfe (entsprechend der burmesischen saung gauk). Derselbe Lautentyp erscheint mehrfach in den buddhistischen Höhlenmalereien von Ajanta (6. Jahrhundert).Walter Kaufmann: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 8: Altindien. Hrsg. Werner Bachmann. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 100, 160, 172 Dieser Lautentyp mit einem kürzeren Hals, einem birnenförmigen Korpus und zwei bis drei Saiten ist von Reliefs der Region Gandhara aus dem 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. bekannt. Er entspricht dem zentralasiatischen barbat und der chinesischen pipa. Terrakotta-Darstellungen von Kurzhalslauten mit einem ovalen oder runden Korpus und zwei oder drei Saiten aus dem 1. bis 4. Jahrhundert wurden auch in Merw in der historischen Region Margiana (heute im Osten Turkmenistans) gefunden.F. M. Karomatov, V. A. Meškeris, T. S. Vyzgo, 1987, S. 64 Während Kurzhalslauten im 1. Jahrtausend im südlichen Zentralasien in den Regionen Margiana, Sogdien und Baktrien überwogen, waren weiter nördlich, in der historischen Region Choresmien, Langhalslauten verbreitet. Die dort belegten zweisaitigen birnenförmigen Langhalslauten gelten als Vorläufer der kasachischen dombra, deren Verwandte sich mit den zentralasiatischen Nomaden bis nach Kleinasien (tanbur) und Afghanistan (dambura) verbreitet haben.F. M. Karomatov, V. A. Meškeris, T. S. Vyzgo, 1987, S. 66
Neben Abbildungen von Lauten mit einem gerundeten Korpus finden sich in Gandhara und in Merw in der ersten Jahrhunderten n. Chr. auch solche mit einem seitlich eingekerbten oder taillierten Korpus. Leicht tailliert ist der Korpus einer viersaitigen Kurzhalslaute auf dem Airtam-Fries aus dem 2. Jahrhundert, das nahe der usbekischen Stadt Termiz ausgegraben wurde und zur Kultur Baktriens gehört. Die ältesten Darstellungen von solchen Lauten mit einem seitlich eingebuchteten Korpus stammen aus dem 2. Jahrtausend v. Chr., erkennbar etwa auf einem Ostrakon der altägyptischen 18. Dynastie (um 1550–1320 v. Chr.) und auf einem hethitischen Steinrelief aus Alaca Höyük in der Türkei (15. Jahrhundert v. Chr.).F. M. Karomatov, V. A. Meškeris, T. S. Vyzgo, 1987, S. 80 Diese Korpusformen sind entfernte Vorläufer der heutigen, mehr oder weniger stark taillierten Lauten wie der Zupflaute Kabuli rubāb in Afghanistan, den nordindischen Streichlauten sarangi und dilrubaWalter Kaufmann, 1981, S. 36, 144 sowie einigen Langhalslauten im Himalayaraum einschließlich der arbajo. Als etwa im 8. Jahrhundert die Bogenharfen in Nord- und Südindien (im Süden die Bogenharfe yazh) verschwanden, fehlten für mehrere Jahrhunderte in ganz Indien ebenso Lauten. An ihre Stelle traten Stabzithern. Langhalslauten kehrten erst mit der aus Zentralasien kommenden indo-islamischen Kultur kurz vor oder um das 13. Jahrhundert mit dem Beginn des Sultanats von Delhi nach Indien zurück. In der nordindischen Mogulmalerei ab dem 16. Jahrhundert lassen sich zentralasiatische und persische Lautentypen (wie die tanpura) erkennen.James A. Millward: The Silk Road and the Sitar. In: Journal of Social History, Band 52, Nr. 2, Winter 2018, S. 206–233, hier S. 213, 215
In der altindischen Sanskrit-Literatur gehören Lauten zu den allgemein vina genannten Saiteninstrumenten. Wie die einzelnen Lauten damals bezeichnet wurden, ist nicht genau bekannt. Der um die Zeitenwende verwendete Name kacchapi verweist auf ein Saiteninstrument mit einem Korpus aus einem Schildkrötenpanzer (Sanskrit kacchapa, vgl. kacapi). Dieser Name wird auch in der kurz vor der Mitte des 18. Jahrhunderts verfassten musiktheoretischen Schrift Sangitanarayana für eine Langhalslaute angegeben. Die Beschreibung entspricht einer als rabāb mit fünf Saiten bekannten Vorläuferin der hauptsächlich im 19. Jahrhundert in Nordindien gespielten sechssaitigen sursingar.Allyn Miner: Sitar and Sarod in the 18th and 19th Centuries. (Florian Noetzel, Wilhelmshaven 1993) Motilal Banarsidass, Neu-Delhi 1997, S. 63
mini|hochkant|Viersaitige seni rubab mit kreisrundem Korpus und zackenförmigem Übergang zum Hals. Indische Miniatur aus Golkonda, um 1660–1670 Eine auf Arabisch als rubāb bezeichnete gezupfte Langhalslaute mit einem birnenförmigen Korpus und zwei Saiten ist auf einer bemalten Lüsterschale aus dem 9. Jahrhundert abgebildet. Die in Mesopotamien gefundene Schale befindet sich im Museum für Islamische Kunst in Kairo. Am Übergang zum Hals schließt der Korpus mit auf beiden Seiten dreieckig auskragenden Zacken ab.Henry George Farmer: Musikgeschichte in Bildern. Band 3: Musik des Mittelalters und der Renaissance. Lieferung 2: Islam. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1966, S. 38 Dieser besondere Korpustyp wird in der englischsprachigen Literatur barbed lute („Laute mit Widerhaken“) genannt und kommt in einigen Regionen Asiens vor. Tansen (um 1606–1589), der Hofmusiker des Mogulkaisers Akbar, soll der Überlieferung nach die indische Laute rabāb erfunden haben, die auf Abbildungen aus der damaligen Zeit mit ihrem ovalen Korpus und Zacken am Halsansatz persischen Lauten glich. Spätere Abbildungen zeigen unterschiedliche Formen der indischen rabāb. Erhaltene Exemplare aus dem 19. Jahrhundert wurden aus einem Holzblock gefertigt und besitzen eine runde, mit Ziegenhaut bespannte Korpusschale, die in einen ausgehöhlten Hals übergeht und sechs seitenständige Wirbel. Sie sind bis zu 120 Zentimeter lang.Norbert Beyer: Rebāb. II: Schalenhalslauten. 2. Gezupfte Schalenhalslauten. b. Der indische rabāb. In: MGG Online, November 2016 Varianten des zackenförmigen Korpusabschlusses haben beispielsweise in Nordindien bei der sursingar, schwach ausgeprägt bei der Streichlaute kamaica in Rajasthan und in der Himalayaregion bei der arbajo überlebt.Vgl. Curt Sachs: The History of Musical Instruments. W.W. Norton & Company, New York 1940, S. 161 Des Weiteren gehört hierzu die eng mit der arbajo verwandte dran-nye (auch dranyen), die in der tibetischen Musik (sgra-snyan), in Bhutan (sgra-snyan), Nepal (tungna), Sikkim und Ladakh gespielt wird.
Weitere Langhalslauten vom Typ der arbajo, die in Nepal regional von einzelnen Ethnien gespielt werden oder wurden, sind die dhamaken der eine tibetobirmanische Sprache sprechenden Thakali im Distrikt Mustang (vier Saiten, etwa 70 Zentimeter lang), die dongmen der Sherpa in Ostnepal (sechs bis acht Saiten, 78 bis 90 Zentimeter lang), die hyanjing der zu den Tibetern gehörenden Bhote (auch Ngalog) vom Transhimalaya (acht Saiten, etwa 80 Zentimeter lang und Schafskopf am Wirbelkasten), die hyolmo tungna der Hyolmo-Ethnie im Gebiet Helambu (vier Saiten, etwa 70 Zentimeter lang und Dämonenkopf) und die tamang tungna der Tamang (vier Saiten und Pferdekopf). Die beiden letztgenannten sind regionale Varianten der allgemein bei Schäfern im Himalaya beliebten tungna.Ram Prasad Kadel, 2007, S. 218f, 221f, 224
Die hauptsächlich durch die gemeinsame Region des Himalaya und tibetischen Hochlands vereinte Gruppe von Langhalslauten haben üblicherweise drei Doppelsaiten, aber individuell sehr unterschiedliche Korpusformen (rund, oval, rechteckig) und unterschiedliche Übergänge vom Korpus zum Hals. Typischerweise sind sie 70 bis 100 Zentimeter lang. Allein bei den in Ladakh gespielten sgra-snyan lassen sich drei Varianten nach ihrer Herkunft unterscheiden: solche aus Zentral-Ladakh (ovaler Korpus und breiter rautenförmiger Übergang zum Hals), aus West-Tibet (eher rechteckiger Korpus mit kleinen Zacken am Hals) und solche von den Tibetern im nordindischen Dharamsala (runder Korpus und mit einem längeren Hals, Gesamtlänge 103 bis 115 Zentimeter).Marta Salvatori: The Ladakhi Lute and Related Folk Songs. In: The Tibet Journal, Band 30, Nr. 3, Herbst 2005, S. 63–88, hier S. 63, 65
Eine weitere Korpusform bei Langhalslauten sind Doppelresonatorlauten mit zwei rundlichen Schalen hintereinander, von denen die untere üblicherweise etwas größer ist. Zusammen bilden sie eine liegende Acht wie bei der in Iran, im Kaukasus und Zentralasien vorkommenden Langhalslaute tar sowie im Himalaya bei Varianten der tibetischen dran-nye und der arbajo. Deren tiefer Korpus wird generell aus einem Holzblock geschnitzt. Bei heutigen tar und Instrumenten aus dem 19. Jahrhundert sind beide Korpusteile mit Tierhaut bespannt, während persische Miniaturen aus dem 16./17. Jahrhundert rabab oder shidirghu genannte Langhalslauten mit einer Hautdecke über der unteren und einer Holzdecke über der oberen Korpushälfte zeigen. Bei der tibetischen sgra-snyan kommen beide Arten der Korpusdecke vor. Ein Hinweis auf das Alter und die Verbreitung dieser Korpusform liefert ein Wandbild in einem buddhistischen Tempel in Polonnaruwa (Sri Lanka) aus dem 12. Jahrhundert. Die nur noch in einer Umzeichnung existierende Darstellung von einer Szene aus einem Jataka enthält eine Musikerin, die eine Langhalslaute mit zwei kreisrunden verbundenen Korpushälften spielt.Isuru B. Dehideniya: The Zri-Rab: A New String Instrument from the Ancient Frescos of Sri Lanka. In: Istanbul University Press, Band 9, Nr. 2, 2022, S. 261–281, hier S. 268
In Nepal sind rund 200 oder 250 traditionelle Musikinstrumente bekannt, von denen 108 einschließlich der arbajo bis heute noch mehr oder weniger häufig verwendet werden.Arhan Sthapit: Folk Music Instruments: Highlights of Newar Culture. In: The Newarland, Nr. 3, Januar-Februar 2023
Bauform mini|Nepalesische tungna mit einem doppelten, sich zum Hals verjüngenden Korpus und einem Pferdekopf am Wirbelkasten