alternativtext=Druck eines Jungen und eines springenden Rehs.|mini|Diese Illustration von Rockwell Kent zierte das Cover von The Modern School, einer Zeitschrift aus dem Umkreis des Ferrer Centers (1917/18). Das Ferrer Center war ein anarchistisches Kulturzentrum in Manhattan, das eine nach dem Vorbild der Escuela Moderna gegründete und durch Francisco Ferrer inspirierte Schule beherbergte. Diese Schule, die New York Modern School, wurde 1910 in New York gegründet und zog 1915 nach Stelton im Bundesstaat New Jersey um, wo sie bis 1953 den Mittelpunkt einer anarchistischen Siedlung, der Ferrer Colony, darstellte.
Hintergrund alternativtext=Das Cover mit dem Titel „Mother Earth“ zeigt ein schwarz-weiß Porträt eines älteren, bärtigen Manns.|mini|Die von Emma Goldman und Alexander Berkman herausgegebene Zeitschrift Mother Earth erinnerte im November 1909 an Francisco Ferrer. Im Jahr 1909 wurde der Freidenker, Pädagoge und Anarchist Francisco Ferrer, der als Gründer der Escuela Moderna und der International League for the Rational Education of Children berühmt geworden war, während der sogenannten Tragischen Woche in Barcelona festgenommen und hingerichtet. Seine letzten Worte vor dem Hinrichtungskommando waren angeblich: „Zielt gut, Freunde. Ihr seid nicht verantwortlich. Ich bin unschuldig. Lang lebe die Moderne Schule.“ Die Hinrichtung löste einen weltweiten Sturm der Empörung aus, der nicht nur Anarchisten wie Pjotr Kropotkin oder Errico Malatesta ergriff, sondern auch Liberale und Sozialisten wie H. G. Wells, Anatole France und Arthur Conan Doyle. Schnell wurden zu Ferrers Gedenken an vielen Orten Statuen errichtet. Die daraus resultierende Ferrer-Bewegung führte zur Gründung antiklerikaler Privatschulen nach dem Modell seiner Escuela Moderna auf der ganzen Welt. Zwischen 1910 und 1960 gab es in den Vereinigten Staaten 22 Ferrer-Schulen sowie zwölf der Bewegung nahestehende Schulen. In Deutschland verfasste Gustav Landauer in der Münchner Räterepublik 1919 einen durch Ferrer inspirierten Entwurf für ein Bildungsprogramm. Neben Ferrer bildeten Leo Tolstoi und seine Schule in Jasnaja Poljana einen wichtigen Bezugspunkt anarchistischer Diskussionen um Erziehungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Geschichte Gründung Auch die amerikanische Anarchistin Emma Goldman zeigte sich von Ferrers Tod bewegt und widmete sich in Vorträgen und Texten seinem Leben und seinen Ideen. Gemeinsam mit Alexander Berkman, der schon 1905 während seiner Inhaftierung eine Schulgründung vorgeschlagen hatte, um den anarchistischen Nachwuchs auszubilden, trieb sie das Projekt einer Schulgründung in Andenken an und inspiriert durch Ferrer voran.
Am 3. Juni 1910 gründete eine Gruppe von New Yorker Anarchisten und Sympathisanten die Francisco Ferrer Association in New York City, mit anfänglich 22 Mitgliedern, darunter neben Goldman und Berkman auch Hutchins Hapgood, Upton Sinclair, Jack London, Charles Edward Russel. Der Verein hatte drei Ziele: die Verbreitung von Ferrers Schriften, die Organisation von Treffen zum Jahrestag seines Todes und die Gründung von Schulen nach seinem Vorbild in den Vereinigten Staaten. Alle Mitglieder, unabhängig von ihren durchaus unterschiedlichen politischen Ansichten und Biografien, teilten den Glauben an Bildung und Erziehung als zentrales Instrument sozialer und politischer Veränderung. Viele der Gründungsmitglieder waren zugleich Mitglied der Free Speech League, einer Vorläuferorganisation der American Civil Liberties Union (ACLU).
Das Ferrer Center alternativtext=Eine Auflistung von „Evening Classes for Adults“, darunter "Art Class (with living model) und „Dressmaking“ sowie „English“ und „Esperanto“. Außerdem die Ankündigung von „Lectures on Social Subjects“, darunter zum Beispiel „Socialism and a Newer Education“ oder „Intellectual Proletarians“, ein Vortrag von Emma Goldman.|mini|Das Januarprogramm des Ferrer Centers 1914, abgedruckt in der Zeitschrift The Modern School. Das Hauptquartier des Vereins, das Ferrer Center, war anfangs an der Adresse 6 St. Marks Place zwischen East Village und Greenwich Village zu finden und veranstaltete eine Vielzahl von Kulturveranstaltungen: Vorträge über Literatur, Debatten über aktuelle Themen, avantgardistische Kunst und Aufführungen wie „Parfümkonzerte“ von Sadakichi Hartmann, Tanzveranstaltungen und Kurse. Auch wenn viele Lehrer eine Anti-Establishment-Haltung vertraten, wurden relativ klassische Themen unterrichtet. Einige Kurse wurden von angesehenen Personen unterrichtet: Die Maler Robert Henri und George Wesley Bellows unterrichteten Aktzeichnen, der Sohn von Hjalmar Hjorth Boyesen, Bayard Boyesen, unterrichtete vergleichende Literatur und Will Durant unterrichtete die Geschichte der Philosophie. Das Zentrum veranstaltete auch einen Abendkurs für Englisch, dessen Themen oft die Geschichte des Proletariats und aktuelle Angelegenheiten umfassten. Eine Gruppe studierte Esperanto. Vorträge behandelten freies Denken, Religion, Sexualität und Hygiene. Margaret Sanger schlug Müttertreffen zur Geburtenkontrolle vor. An Wochenenden veranstaltete das Zentrum Diskussionsrunden mit Rednern wie dem Journalisten Hutchins Hapgood, dem Dichter Edwin Markham und dem Reporter Lincoln Steffens; an einigen Sonntagen wurden auch Kurse für Kinder angeboten. Leonard Abbott, ein anarchistisches Mitglied der Ferrer Association, beschrieb das Ferrer Center als „Klassenzimmer, Sitzungssaal, Garderobe, Hörsaal und Bibliothek in einem“. Moritz Jagendorf, der eine Theatergruppe im Center leitete, beschrieb es als „durch Aktivität und Vitalität pulsierend“, als „brodelnden Ozean der Gedanken und Aktivitäten, wo alle arbeiteten und kreativ waren“.
alternativtext=Karikatur eines Mannes, der steht und liest, auf einem Schaukelstuhl sitzt ein bärtiger Mann (Walt Whitman) und bereitet Spiegeleier zu. Beschriftung: „Sadakichi, trying hard to be a great man, went frying eggs with the great whitman. Sunday, November 14, 1915“|mini|Die Veranstaltung „Sadakichi at the Ferrer Centre“ wurde mit einer Karikatur von Lillian Bonham Hartmann beworben. Walt Whitman war eine wichtige Inspiration für die im Center Aktiven. 1914 hatte die Ferrer Association bereits mehrere hundert Mitglieder. Das Center zog Anarchisten und Sozialisten, Gewerkschafter, Avantgarde-Künstler, Bohemiens und Feministinnen aus aller Welt an. Während die meisten Unterrichtenden der amerikanischen Mittelschicht entstammten, bestand ein Großteil der Mitglieder aus eingewanderten Arbeitern, darunter überwiegend osteuropäischen Juden, aber auch Franzosen, Deutschen, Italienern, Spaniern, Engländern, Iren, Russen, Rumänen und anderen. Das Center bot außerdem Raum für aufstrebende und bereits etablierte Künstler und Autoren wie Mike Gold, Max Weber, Man Ray, Lola Ridge oder Eugene O’Neill, Edwin Markham, Robert Henri und George Bellows. Das Center trug somit laut Kathy E. Ferguson insgesamt dazu bei, eine Brücke zwischen anti-autoritär und freiheitlich eingestellten Angehörigen der Mittelschicht und eingewanderten Radikalen aus der Arbeiterklasse herzustellen.
Die Arbeiterin Minnie Lowensohn, die das Center regelmäßig besuchte, schilderte ihre Erfahrungen dort wie folgt:
ohne|mini|600x600px|Bei der ersten Gruppenausstellung von mit dem Ferrer Center assoziierten Künstlern im Winter 1912/1913 wurde auch A Study in Nudes von Man Ray ausgestellt.
Die Zeitschrift The Modern School alternativtext=Strichzeichnung eines kleinen Jungen, der auf dem Boden sitzt.|mini|Das Cover der Winterausgabe 1912/1913 war mit einer Zeichnung von Helen West Heller geschmückt. 1910 und 1911 hatte die Ferrer Association einen News Letter herausgegeben. Dieser stellte die Grundlage für das Magazin The Modern School dar, das von 1912 bis 1922 von der Association herausgegeben wurde. Die Idee für die Zeitschrift kam von Lola Ridge, die sie anfangs auch redigierte, druckte und verteilte. Nachdem Ridge und ihr Partner und Mitarbeiter David Lawson kurz darauf New York verließen, wechselten die Herausgeber. In den zehn Erscheinungsjahren waren nacheinander Leonard Abbott, Harry Kelly, William Thurston Brown, Carl Zigrosser und Frank V. Anderson als Chefredakteure verantwortlich. Texte stammten von Autoren wie Hart Crane, Wallace Stevens und Maxwell Bodenheim, Mike Gold, Konrad Bercovici, Rabindranath Tagore und Padraic Colum und Illustrationen wurden unter anderem von Rockwell Kent, Max Weber, Man Ray und Raoul Dufy beigesteuert.
Neben literarischen Texten enthielt die Zeitschrift auch viele pädagogische Beiträge und empfahl den Lesern entsprechende Werke von zum Beispiel Jean-Jacques Rousseau, Johann Heinrich Pestalozzi, Friedrich Fröbel, John Dewey oder Alexander Sutherland Neill. Ein wiederkehrendes Thema war die Kritik öffentlicher Schulen. Der Historiker Paul Avrich bezeichnet das Magazin als „eine der schönsten Kulturzeitschriften, die jemals in Amerika veröffentlicht wurden, inhaltlich und gestalterisch reichhaltig.“ Carl Zigrosser, der das Magazin in seiner Blütezeit führte, schrieb darüber: „Ich habe versucht, daraus ein schönes Ding zu machen, ein Medium, in dem sich kreative Denker und Künstler ausdrücken können. Es beschäftigt sich mit radikalen Ideen zu Erziehung, und mit Erziehung meine ich jegliche Aktivität, die das Leben erweitert und verbessert.“
Die New York Modern School Die am St. Mark’s Place genutzten Räumlichkeiten waren für das eigentlich geplante Unterrichten von Kindern ungeeignet, sodass die Ferrer Association Spenden sammelte und am 1. Oktober 1911 an einen neuen Standort, 104 East Twelfth Street, umziehen konnte. Am 13. Oktober begann der reguläre Schulbetrieb. Dieser verlief allerdings ungeplant und chaotisch und es kam zu häufigen Wechseln von Lehrern und Schulleitern. Nur wenige der involvierten Erwachsenen hatten Erfahrungen mit pädagogischer Arbeit, sodass die Anarchistin Voltairine de Cleyre, die selbst an Modern Schools in Philadelphia und Chicago gearbeitet hatte, die kritische Frage stellte: „Was wissen Leute wie Emma Goldman […] über das Betreiben einer Schule?“ Einige Mitglieder der Ferrer Association sahen in ihrer Planlosigkeit aber einen Ausdruck eines „libertären Impulses“.
alternativtext=Eine Gruppe von Kindern, davon einige mit übers Gesicht gezogenen Mützen, sitzt auf einer Treppe vor einem Gebäude, das mit „The Modern School“ beschriftet ist. Hinten steht ein junger Mann im Anzug.|mini|Schulleiter Will Durant mit den Schülern der New York Modern School, ca. 1912. Nachdem sich schnell zeigte, dass die neuen Räumlichkeiten wegen ihrer Entfernung zu den Wohnorten der Schüler ungeeignet waren, zog die Schule in ein Gebäude in Harlem, nicht weit entfernt vom Central Park, um. Beim Betreten des Gebäudes zog das Gemälde The Path of Progress des sozialistischen Karikaturisten Baljour Ker die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich, die Räume waren mit Gemälden und Porträts berühmter Anarchisten und Vordenker wie Tolstoi, Ibsen, Whitman, William Morris und Kropotkin geschmückt. Der erste Schulleiter der Schule, Bayard Boyesen räumte seinen Posten aber nach wenigen Monaten wieder. Auf ihn folgte John Coryell, ein Autor von Groschenromanen, der nach dem Suizidversuch eines Schülers das Amt an seine Frau Abby übergab. Auf sie folgte für ein Jahr (1912–1913) der 26 Jahre alte Will Durant, der sein Theologiestudium abgebrochen und sich dem Anarchismus zugewandt hatte. Nachdem dieser sich in die vierzehnjährige Schülerin Ida Kaufmann, die er später heiratete, verliebt hatte, gab er den Lehrerberuf auf. Von 1913 bis 1914 war die eher traditionelle Cora Bennet Stephenson Schulleiterin, auf die von 1914 bis 1915 Robert H. Hutchinson folgte. Nachdem Hutchinson und seine Frau Delia beschlossen hatten, eine noch radikalere libertäre Schule zu gründen, empfahlen sie Henry T. Schnittkind als ihren Nachfolger, der die Schulleitung aber nur im Herbst 1915 innehatte.