mini|301x301px|Sitz des Universalen Hauses der Gerechtigkeit auf dem Berg Karmel in Haifa, Israel Das Universale Haus der Gerechtigkeit ist das internationale Leitungsgremium der Bahai-Religion. Die Etablierung dieser Institution, die 1963 erstmals gewählt wurde, hatte Bahāʾullāh bestimmt. Sie ist damit beauftragt, seine Lehren auf die Erfordernisse einer fortschreitenden Gesellschaft anzuwenden. Der Sitz des Universalen Hauses der Gerechtigkeit befindet sich in Haifa auf dem Berg Karmel in unmittelbarer Nähe des Schreins des Bab.
Ursprünge mini|301x301px|Schrein Bahāʾullāhs bei Akkon, Israel. Bahāʾullāh erklärte im Heiligsten Buch, dass das Universale Haus der Gerechtigkeit zu etablieren sei und ging auf dessen Aufgaben auch in weiteren Schriften ein. Bahāʾullāhs ältester Sohn und Nachfolger als Oberhaupt des Bahai-Glaubens, ʿAbdul-Bahāʾ, bekräftigte die Autorität der Institution in seinem Testament und erläuterte spezifische Fragen zu ihrer Errichtung und Funktionsweise.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1, S. 346.Manfred Hutter: Iranische Religionen. Zoroastrismus, Yezidentum, Bahaitum. De Gruyter, Berlin, Boston 2019, ISBN 978-3-11-064971-0, S. 161.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A Guide for the Perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9, S. 3.Todd Smith: The Universal House of Justice. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 317–342.
Aus Vorsicht angesichts der von ihm angenommenen immanenten Gefahr für sein Leben traf ʿAbdul-Bahāʾ zu Beginn des 20. Jahrhunderts Vorkehrungen für die Ermöglichung der Wahl des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, die jedoch nicht umgesetzt werden mussten.Adib Taherzadeh: The Child of the Covenant. A Study Guide to the Will and Testament of ʻAbduʼl-Bahá. G. Ronald, Oxford 2000, ISBN 0-85398-439-5, S. 235–246.Todd Smith: The Universal House of Justice. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 317–342. 320 Nach ʿAbdul-Bahāʾs Tod widmete sich dessen ältester Enkel Shoghi Effendi als Hüter des Bahai-Glaubens verstärkt der Errichtung des Gremiums und bereitete die Bahai-Gemeinde auf dessen Wahl vor. Sein Plan sah vor, dass zuerst Bahai-Institutionen auf örtlicher und nationaler Ebene entstehen sollten.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A Guide for the Perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9, S. 131–132.Todd Smith: The Universal House of Justice. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 317–342. 321 Als Vorläufer des Universalen Hauses der Gerechtigkeit berief Shoghi Effendi 1951 den Internationalen Bahai-Rat ein.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford, Eng. 2002, ISBN 1-85168-184-1, S. 200.
mini|Haifa: Haus Nr. 10, Rechov haParsim, 1926 erbaut, 2006 Nach dem unerwarteten Tod von Shoghi Effendi im Jahre 1957 wurde sein Plan von den Händen der Sache Gottes, einer Gruppe angesehener Bahai, die er ernannt und kurz davor als „Chief Stewards“ des Bahai-Glaubens bezeichnet hatte, weitergeführt. Diese sorgten dafür, dass die erste Wahl des Universalen Hauses der Gerechtigkeit stattfinden konnte.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A Guide for the Perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9, S. 156–157, 162.Todd Smith: The Universal House of Justice. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 317–342. 322 Zum hundertsten Jubiläum der öffentlichen Verkündigung des Religionsstifters in Bagdad, im April 1963, nahmen die Mitglieder von 56 Nationalen Geistigen Räten an dieser teil.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford, Eng. 2002, ISBN 1-85168-184-1, Seite wie gesondert angegeben.Manfred Hutter: Iranische Religionen. Zoroastrismus, Yezidentum, Bahaitum. De Gruyter, Berlin/Boston 2019, ISBN 978-3-11-064971-0, S. 192. Seinen ersten Sitz fand das Internationale Haus der Gerechtigkeit in dem 1926 von William Harry Randall finanzierten so genannten zweiten Westlichen Pilgerhospiz im Rechov haParsim 10 (, ). Es diente unter anderem dem Internationaler Bahāʾī-Rat (1951–1963), dem Universalen Haus der Gerechtigkeit (1963–1983) und dem Internationalen Lehrzentrum (1983–2000). Im Jahre 1978 bestanden 112 Nationale Geistige Räte,Eunice Braun und Hugh E. Chance (Mitw.), Krone des Karmel: Die Bahá’í-Religion und das Heilige Land [‹A Crown of Beauty›, 1982; engl.] Oxford, Eng.: George Ronald und ‹Nationaler Geistiger Rat der Bahá’í in Österreich›, 1983, ISBN 3-900443-04-1, S. 9. im Jahre 1992 waren es 130.Moscheh Zur Zurich (), מקדש הבהאים והגנים על הר הכרמל, חיפה, ישראל: סיור חזותי / Bahá’í Shrine and Gardens on Mount Carmel, Haifa, Israel: A visiual journey, Stadt Haifa / (Hrsg.), Jerusalem: / , 2001, ISBN 965-05-1105-9, S. 15.
Aufgaben und Befugnisse mini|301x301px|Sitz des Universalen Hauses der Gerechtigkeit Das Universale Haus der Gerechtigkeit hat die Aufgabe, die Lehren Bahāʾullāhs gemäß den Anforderungen einer Gesellschaft, die sich stets weiterentwickelt, zur Anwendung zu bringen.
Das Haus der Gerechtigkeit ist für die Bahai die letzte Instanz in allen Fragen, die die soziale und geistige Entwicklung der Menschheit hin zu der von Bahāʾullāh angestrebten Vision betreffen. Bahāʾullāh beauftragte das Universale Haus der Gerechtigkeit damit, weltweiten Frieden zu fördern sowie die Bahai-Lehren für die „Erziehung der Völker, den Aufbau der Nationen, den Schutz des Menschen und die Sicherung seiner Ehre“Bahāʾallāh: Botschaften aus ʿAkká. Offenbart nach d. Kitáb-i-Aqdas. Baháʾí-Verlag, Hofheim-Langenhain 1982, ISBN 3-87037-143-9, 8:50. anzuwenden.Todd Smith: The Universal House of Justice. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 317–342. 332–333 Das Gremium soll zudem die Integrität und Flexibilität der Bahai-Lehren sicherstellen und die Einheit der Bahai-Gemeinde bewahren.Todd Smith: The Universal House of Justice. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 317–342. 330
Das Universale Haus der Gerechtigkeit wurde in den Bahai-Schriften auch konkret damit befugt, Gesetze und Verordnungen zu erlassen, wenn der Gegenstand nicht bereits ausdrücklich in den heiligen Schriften der Bahai geregelt ist.Moojan Momen: BAYT-AL-ʿADL. In: Ehsan Yarshater (Hrsg.): Encyclopædia Iranica. Routledge & Kegan Paul, London 1989, ISBN 0-7100-9121-4 (online). Zu den weiteren Befugnissen des Universalen Hauses der Gerechtigkeit gehören beispielsweise die Aufhebung von zuvor von der Institutionen selbst erlassenen Bestimmungen, die Verwaltung aller religiösen Stiftungen sowie der Erhalt der und die Verfügung über die Huqúqu’lláh.Moojan Momen: BAYT-AL-ʿADL. In: Ehsan Yarshater (Hrsg.): Encyclopædia Iranica. Routledge & Kegan Paul, London 1989, ISBN 0-7100-9121-4 (online).
Nach den Schriften Bahāʾullāhs ist das Universale Haus der Gerechtigkeit bei seinen Entscheidungen göttlich inspiriert. In den Bahai-Schriften werden die Bahai aufgefordert, der als verbindlich bezeichneten Führung des Universalen Haus der Gerechtigkeit zu folgen.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A Guide for the Perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9, S. 20–22.
Wahl und Mitgliedschaft mini|328x328px|ʿAbdul-Bahāʾ, der älteste Sohn und Nachfolger Bahāʾullāhs als Oberhaupt des Bahai-Glaubens Der Prozess zur Wahl des Universalen Hauses der Gerechtigkeit beinhaltet drei Stufen oder Schritte. Zuerst sind alle Bahai, die mindestens 18 Jahre alt sind, berechtigt, an jährlichen Wahlversammlungen an der Basis teilzunehmen. Auf diesen wählen sie Delegierte, die wiederum im Rahmen von nationalen Tagungen ein Mal im Jahr das nationale Leitungsgremium der Bahai wählen.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A Guide for the Perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9, S. 15–20.Todd Smith: The Universal House of Justice. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 317–342. 322–325 Die Mitglieder aller solcher Nationalen Geistigen Räte wählen ihrerseits schließlich alle fünf Jahre die neun Mitglieder des Universalen Hauses der Gerechtigkeit. Diese Wahl wird in der Regel im Rahmen einer mehrtägigen internationalen Tagung in Haifa, bei der sich die Wahlberechtigten durch Besuche der Heiligen Stätten der Bahai auf die Wahl vorbereiten können, durchgeführt.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A Guide for the Perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9, S. 17–20.Todd Smith: The Universal House of Justice. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 317–342. 322–325
Entsprechend den allgemeinen Prinzipien für Wahlen in der Bahai-Verwaltungsordnung sind auch hier keine Nominierungen und keine Wahlwerbung zulässig.Todd Smith: The Universal House of Justice. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 317–342. 322–325
Die Mitgliedschaft im Universalen Haus der Gerechtigkeit ist gemäß den Vorgaben Bahāʾullāhs auf Männer beschränkt. Laut ʿAbdul-Bahāʾ wird die Weisheit dieser Regelung, die vor dem Hintergrund der Betonung der Gleichberechtigung der Geschlechter als zentrales Glaubensprinzip in den Bahai-Schriften überrascht, in der Zukunft verstanden werden. Die Bahai sehen darin kein Zeichen der Überlegenheit von Männern.Todd Smith: The Universal House of Justice. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 317–342. 323
Wirken mini|451x451px|Schrein des Bab samt Gartenterrassen auf dem Berg Karmel in Haifa. Das Universale Haus der Gerechtigkeit fördert seit seiner ersten Wahl das Vorankommen der Bahai-Religion durch mehrjährige globale Pläne. In deren Folge ist die weltweite Bahai-Gemeinde von etwa einer halben auf bis zu acht Millionen Mitglieder gewachsen. Dabei kam es auch zu einer Verschiebung in der ethnischen Zusammensetzung der Gemeinde und zu einer höheren Diversität. Die Zahl der Nationalen Geistigen Räte wuchs von 56 auf über 190 an.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A Guide for the Perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9, S. 4, 209.
In dieser Zeit veröffentlichte das Universale Haus der Gerechtigkeit eine Verfassung auf Basis der Bahai-Schriften, ernannte erstmals kontinentale Beraterämter, gründete das Internationale Lehrzentrum, bezog seinen ständigen Sitz auf dem Berg Karmel in Haifa, überwachte die Fertigstellung weiterer angrenzender Verwaltungsgebäude, widmete sich der Erhaltung und Verschönerung der Heiligen Stätten der Bahai in Israel und sorgte für die Fertigstellung der Hangterrassen der Bahaʾi-Gärten am Schrein des Bab.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A Guide for the Perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9, S. 196–197. Zudem wurden Kontinentale Häuser der Andacht in Panama, Westsamoa, Uganda, Indien sowie Chile eingeweiht.Manfred Hutter: Iranische Religionen. Zoroastrismus, Yezidentum, Bahaitum. De Gruyter, Berlin, Boston 2019, ISBN 978-3-11-064971-0, S. 189.