Die 1990 in München errichtete und ansässige Holler-Stiftung ist eine allgemeine Stiftung des bürgerlichen Rechts. Ihre Satzung bestimmt als ausschließlichen und unmittelbaren Zweck die Förderung der Jugendfürsorge, der menschlichen und medizinischen Betreuung Schwerkranker, der Wissenschaft sowie von Kunst und Kultur. Die Holler-Stiftung ist eine reine Förderstiftung, die andere gemeinnützige Organisationen finanziell unterstützt. Bereits 1963 sah ein gemeinsames Testament der Eheleute Christian C. und Asta Holler als alleinigen Erben des zuletzt Versterbenden eine Stiftung vor. Als Erbin der „Holler-Gruppe“ überlebte Asta Holler ihren Mann um zwei Jahrzehnte. 1987 verfügte sie letztwillig die Stiftung in ihrer endgültigen Ausprägung. Als Begünstigte legte sie den „SOS Kinderdorf e. V.“ und den „Hermann-Gmeiner-Fonds Deutschland e.V.“ fest sowie das „Institut für Grenzgebiete der Psychologie e.V.“ (Freiburg/Breisgau), die „Kunststiftung Volkswagen e. V.“ (Wolfsburg) und die „Hildegard Hospiz-Stiftung“ (Basel). Die Holler-Stiftung ist der größte Einzelspender der beiden deutschen SOS-Kinderdorf-Vereine, an die seit 1991 ein dreistelliger Millionenbetrag zur Ausschüttung gelangte.Schriftliche Auskunft des Stiftungsvorstandes vom 11. April 2024. Sie ermöglichte den Bau des Kunstmuseums Wolfsburg und fördert dessen Betrieb mit einem hohen Anteil ihrer Ausschüttungen. Die ungewöhnliche Verschiedenartigkeit der Stiftungszwecke entsprang den Neigungen und Nöten, welche die letzte Phase im Leben Asta Hollers kennzeichneten.

Stifter Christian Konrad („C.“) Josef Holler (* 11. März 1900 in Pasing; † 22. Oktober 1969 in Berlin) war ein deutscher Versicherungsmakler. Nach Volksschule und Realgymnasium in Stuttgart trat er 1912 in das Königlich Bayerische Kadettenkorps in München ein. Bereits 1917 stand Holler an der Front, erhielt eine „Notreifeprüfung“ attestiert und wurde 1919 als Leutnant der Reserve a. D. aus dem Militärdienst entlassen. Da eine Offizierslaufbahn in der nach 1919 im Umfang beschränkten Reichswehr für ihn ausschied, sammelte er zunächst Erfahrungen im Bankwesen und anschließend in der Versicherungsbranche.

Seit 1926 betrieb Holler gemeinsam mit dem Versicherungskaufmann Erich Gradmann (1894–1971), der sich auf die Versicherung von Kraftwerksanlagen spezialisiert hatte, zunächst in Stuttgart, dann in Frankfurt/M. die „Gradmann & Holler ohG“ (G&H) als eine Generalagentur des Allianz-Konzerns, der aus Krieg und Inflation als größter deutscher Versicherer hervorgegangen war. Ende der 1920er Jahre verlegte die Firma ihren Hauptsitz nach Berlin, ins Zentrum der deutschen Versicherungswirtschaft, wo auch die Hauptverwaltungen vieler Großunternehmen saßen. Die Kraftwerke der Kohlenreviere Mittel- und Ostdeutschlands ließen sich von hier aus gut erreichen. Deren Stromerzeugung nahm während der zwanziger und dreißiger Jahre, lediglich unterbrochen durch die Weltwirtschaftskrise, stetig zu, entsprechend Zahl und Größe der zu versichernden Anlagen. Das Hauptgeschäft von G&H bestand in der Vermittlung von Maschinenversicherungen für Energieerzeuger und -versorger sowie von Gruppenlebensversicherungen. Gradmann, Experte für Maschinenversicherungen, und Holler, bald Fachmann für Gruppenlebensversicherungen, ergänzten sich ideal. G&H rückte in die Spitzengruppe der deutschen Versicherungsmakler auf.

Christian Holler wurde im Sommer 1940 zur Wehrmacht eingezogen. Er führte Transportkolonnen der Luftwaffe, zunächst im „Operationsgebiet Westfront“, zwischen 1941 und 1943 an der Ostfront und wurde danach als Sachbearbeiter für Transportangelegenheiten zum Generalstab der Luftwaffe abkommandiert. Zum 1. Dezember 1943 erfolgte seine Beförderung zum „Major d. R. z. V.“. Holler geriet in englische Gefangenschaft, aus der er im August 1945 entlassen wurde.Personalakte Christian Holler, BArch Freiburg PERS 6/19 1658; Kolonnenführerbesprechungen am 6.2. u. 16.5.1941, BArch Freiburg RL 19-31/12, Anlagen 9 u. 16. Vom „Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“ galt er als „nicht betroffen“.Meldebogen Christian Holler vom 23.05.1946, StA Ludwigsburg PL 530.

Bis 1945 führte Gradmann das Geschäft allein. G&H vermittelte auch Versicherungen staatlicher Großbaustellen, auf denen KZ-Häftlinge eingesetzt wurden, an die Allianz und verdiente als Generalagent mit an den großenteils „ziemlich schmutzige(n) Geschäfte(n)“, welche der Versicherungskonzern besonders „im Osten“ betrieb.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verlor G&H mit den Kraftwerkskunden in den Gebieten, die nun zu Polen gehörten oder in der künftigen DDR lagen, den Großteil des Prämienvolumens. Umso wichtiger wurde die Pflege bestehender und neu zu knüpfender Netzwerke zu Versicherern und Industrieunternehmen im Westen. In G&H-Niederlassungen in Stuttgart und Düsseldorf arbeiteten bald wieder Stäbe kompetenter Versicherungsfachleute. Als Generalagentur der Allianz erlebte G&H in der Aufbauphase der Bundesrepublik und im „Wirtschaftswunder“ einen raschen Aufstieg. In Sparten, wo G&H dem Konzern nicht verpflichtet war, reüssierte die Firma als freier Makler.

Holler ordnete die Versicherungsangelegenheiten des Volkswagenwerkes nach der Währungsreform neu und entwickelte sich zu einer Art „Hofmakler“ des expandierenden Unternehmens. Er vermittelte diesem Versicherungen aller Art, darunter die neuartige Feuerbetriebsunterbrechungsversicherung, ferner Kollektiv-Lebensversicherungen, die eine Betriebsrente ermöglichten, und nicht zuletzt Transportversicherungen im Zusammenhang mit dem wachsenden Export von „Käfern“ nach Übersee. Volkswagen war lange der größte Einzelkunde von G&H.

Im Alleingang, ohne Gradmann einzubeziehen, erwarb Holler sämtliche Anteile an einer 1948 gegründeten, „Volkswagen Versicherungsdienst GmbH“ (VVD), die noch keinen Gewinn abwarf. Zweck des Unternehmens war die Vermittlung von Kfz-Versicherungen, zunächst vor allem Haftpflichtversicherung und Kaskoschutz, sowie die Betreuung von Kunden im Schadensfall. Da der Aufholbedarf bei der Verbreitung von Personenkraftwagen groß war, zog die Nachfrage rasch an. und der VVD gelangte schnell in die Gewinnzone. Die Gesellschaft engagierte sich auch auf Auslandsmärkten des Volkswagenwerkes und errichtete Tochterunternehmen in Österreich (1953), Brasilien (1953) und Südafrika (1959) sowie in den Niederlanden (1960) und Italien (1961), in England (1962) und Frankreich (1962), schließlich in der Schweiz (1965). Die Gewinne der so entstandenen „Holler-Gruppe“ sollten dereinst das Kapital einer Stiftung bilden.

Das Volkswagenwerk, ganz auf die Ausdehnung der Produktionskapazitäten und den Export konzentriert, billigte jahrzehntelang die Arbeitsteilung mit Holler. Da neben der Steuer vor allem die Versicherung eine Kfz-Haltung mit fixen Kosten belastet, förderte eine günstige Kfz-Versicherung mit kulanter Schadensregulierung, wie sie das Geschäftsmodell des VVD ermöglichte, den Absatz von Volkswagen in neue Käuferschichten. Weil VW-Händler die Policen vermittelten, band eine Versicherung über den VVD die Kunden an die Marke. Bei der Gestaltung der Kfz-Steuertarife stützte sich das Bundeswirtschaftsministerium oft auf Statistiken, die der VVD lieferte. Für die regelmäßig erneuerte Genehmigung, den Markennamen „Volkswagen“ zu benutzen und damit zugleich vorteilhaft als Teil des VW-Konzerns zu erscheinen, führte der VVD an diesen jährlich eine Namensführungsgebühr ab. Jahrzehntelang befanden sich Volkswagen und der ausgelagerte VVD in einer Win-win-Situation.

Sämtliche Anteile am VVD lagen seit 1951 bei der von Holler 1939 in Berlin erworbenen Wertschutz GmbH, die in West-Berlin seit 1951 steuerlich von den Gesetzen zur Förderung der Berliner Wirtschaft profitierte. Angesichts der politisch unsicheren Situation der Stadt schaltete Holler der Wertschutz GmbH 1961 mit der Assivalor AG eine Muttergesellschaft in der Schweiz vor, der er auch Anteile an anderen Firmen der Holler-Gruppe übertrug.

Ende 1933 hatten Christian Holler und Josepha Adamek, geborene Griessler (* 15. Dezember 1904 in Wien; † 17. August 1989 in München), geheiratet. Über die ersten Jahrzehnte im Leben der Tochter Josef Griesslers (1863–1934), eines Wiener Amtsdieners im Parlament, und dessen Ehefrau Anna, geb. Zechner (1868-vermutlich 1961) ist wenig bekannt. Wahrscheinlich arbeitete Josepha Griessler zunächst in einer Bank, dann als Schneiderin. Sie verfügte über ein beachtliches Zeichentalent und ließ sich später „Asta“ rufen. Die Ehe blieb kinderlos.

Die G&H oHG wurde 1958 in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. Nach dem Ausscheiden der beiden Gründer ging deren Leitung auf Kurt Stroh (1921–2010) und Walther Leisler Kiep über, die 1968 zu persönlich haftenden Gesellschaftern ernannt worden waren. Asta Holler verband mit der G&H KG nur noch ein Kommanditanteil, der sie zu jährlichen Beteiligungsvergütungen berechtigte. Da ihren Erben nur eine Abfindung nach dem Buchwert zustand, würde dem Grundstock der geplanten Stiftung von dieser Seite nur eine vergleichsweise geringfügige Summe zufallen. Deshalb machte es sich Asta Holler als Geschäftsführerin der Wertschutz GmbH und als Präsidentin des Verwaltungsrates der Assivalor AG in den zwei Jahrzehnten nach dem Tod ihres Mannes zum Lebensinhalt, die Firmen der Holler-Gruppe mit dem VVD als Herzstück zu erhalten.

Stiftungszwecke Bereits 1963 hatte ein gemeinsames Testament der Eheleute Holler als alleinigen Erben des zuletzt Versterbenden eine „rechtsfähige öffentliche Stiftung des bürgerlichen Rechts“ vorgesehen. Es forderte, die zum Nachlass gehörenden Beteiligungen des Ehemannes an der Wertschutz GmbH und der Assivalor AG „solange wie möglich“ für diese Stiftung zu erhalten und nur deren Erträge für die Aufgaben der Stiftung zu verwenden. Eine dem Testament beigegebene Satzung bestimmte, dass die eine Hälfte der Ausschüttungen dem „SOS-Kinderdorf e. V.“ zugutekommen sollte. Das Konzept der „Mutter-Kind-Dörfer“ überzeugte die Hollers; jahrelang unterstützte Asta Holler persönlich ein SOS-Kinderdorf in Brasilien und nahm an dessen Entwicklung regen Anteil. Zur anderen Hälfte sollten Stiftungsmittel „bedürftigen Begabten“ ein Hochschulstudium ermöglichen. Die Hollers wollten jungen Menschen eine Ausbildung zukommen lassen, die ihnen einst nicht zuteilgeworden war.

Zutiefst besorgt um den Bestand der Holler-Gruppe und da ihr unternehmerische Erfahrung und Detailkenntnis fehlten, stützte Asta Holler sich auf loyale Mitarbeiter ihres Mannes, vertraute aber auch Horoskopen und versuchte, auf okkultischen Sitzungen den Rat ihres verstorbenen Ehemannes einzuholen. Sie begeisterte sich für Uri Gellers Künste und ließ dem umstrittenen Freiburger „Institut für Grenzgebiete der Psychologie e. V.“ (IGPP), dessen Leiter die vereinsamende Unternehmerin hofierte, Spenden zukommen. 1976 errichtete Asta Holler die „Christian C. und Asta Holler-Stiftung“ mit einem Kapital von 500.000 DM als Pilotprojekt für die geplante posthum zu errichtende „Holler-Stiftung“. Um einer zukünftigen Stiftungsverwaltung den Aufwand zu ersparen, unter „bedürftigen Begabten“ eine Auswahl treffen zu müssen, fiel dieser Förderzweck 1976 weg. Zu dem bereits im Testament von 1963 vorgesehenen Destinatär „SOS Kinderdorf e.V.“ traten der „Hermann-Gmeiner-Fonds Deutschland e. V.“ und mit Anspruch auf 25 % der Ausschüttungen das IGPP.Stiftungsverzeichnis des Bayerischen Landesamtes für Statistik, abgerufen am 2. April 2024. Da dem dubiosen Institut über kurz oder lang die Aberkennung der Gemeinnützigkeit gedroht hätte, verschob die Holler-Stiftung später dessen Forschungsschwerpunkt, indem sie die Leitung einem renommierten Hochschullehrer übertrug. Eine Reform des Stiftungsrechts ermöglichte es, das Vermögen der „Christian C. und Asta Holler-Stiftung“ 2023 auf dem Wege einer Zulegung auf die „Holler-Stiftung“ zu übertragen.Gesetz zur Vereinheitlichung des Stiftungsrechts und zur Änderung des Infektionsschutzgesetzes vom 16. Juli 2021, BGBl. I, S. 2947.