Die Compagnie des Mines d'Ostricourt () war ein französisches Unternehmen zur Förderung von Steinkohle in den Städten Oignies, Ostricourt und Carvin und anderen Orten des Départements Pas-de-Calais im nordfranzösischen Kohlerevier. 1946 verlor es seine Selbstständigkeit und wurde Teil des Verbundbergwerks Oignies.
Von den Tagesanlagen des Bergwerks ist das Fördermaschinenhaus von Schacht 2 erhalten geblieben. mini|Berechtsame, Schächte und Zechenbahnen Ostricourt mini|Fördermaschine von Ostricourt 2 (nach 1950)
Geschichte Exploration und Gründung der Gesellschaft Bis zum Jahr 1845 beschränkte sich der Bergbau im Revier Nord – Pas-de-Calais ausschließlich auf Orte im Departement Nord, die östlich von Douai liegen und nach Westen hin mit dem Bergwerk von Aniche seinen vorläufigen Abschluss fanden.Der folgende Abschnitt ist fast wortwörtlich dem Kapitel 1.1 von Minot & Vivien S. 23 und 25 entnommen und im Rahmen der Übersetzung mit DeepL gekürzt und ergänzt worden. Zum Inhalt auch É. Vuillemin, Tome II, S. 42 ff. Trotzdem tauchten ab 1850 immer wieder Vermutungen auf, dass sich die Lagerstätten für Steinkohle auch nach Westen hin fortsetzen würden. Am 19. Februar 1855 hinterlegte Émile Vuillemin bei der Präfektur des Departements Nord einen versiegelten Brief, der später geöffnet werden sollte. Er enthielt ein Memorandum mit einer Karte, in der er darlegte, dass die durch die Erkundungsarbeiten gewonnenen Erkenntnisse zeigten, dass sich das Kohlebecken von Quiévrain (Nord) bis Béthune (Pas-de-Calais) über eine Länge von 100 km und eine Breite zwischen 8 und 10 km erstrecken würde. [...] Die Prognosen von Émile Vuillemin wurden durch die zahlreichen Nachforschungen der Kompanien von Ostricourt, Meurchin, Carvin und anderen bestätigt. So hatte sich am 13. Februar 1855 eine Bohrgesellschaft mit einem Kapital von 104.000 Francs, aufgeteilt in 26 Anteile zu je 4.000 Francs, gegründet, um die in Vuillemins Memorandum dargelegten Prognosen zu überprüfen. Sie begann am 7. Februar 1855 mit einer ersten Bohrung südlich von Ostricourt und wurde am 6. Juli desselben Jahres fündig. [Auch ein weiterer] Versuch nördlich von Ostricourt brachte am 29. Mai Kohle ans Licht. Sofort beantragte die Forschungsgesellschaft am 9. Juli 1855 eine Konzession mit einer Fläche von etwa 35 km². Da sie ihre Arbeit aktiver fortsetzen und größere Rechte erhalten wollte, wandelte sie sich, nachdem sie die Rechte von Émile Vuillemin übernommen hatte, am 22. November 1855 in eine Betriebsgesellschaft unter dem Namen „Compagnie Charbonnière Douaisienne“ um. Das Ziel der Gesellschaft war die Fortsetzung der Forschungen und die Ausbeutung der Steinkohle in den Gebieten, die im Umfang des am 9. Juli 1855 gestellten Konzessionsantrags enthalten waren. Das erste Bohrloch war kaum angelegt, als die Gesellschaften von Dourges und l’Escarpelle, die nie geglaubt hatten, dass es nördlich ihrer Konzessionen Kohleflöze gab, Erkundungsbohrungen tätigten. [...] Die örtlichen Ermittlungen ergaben, dass die „Douaisienne“ über eine Konzession von 23,00 km² verfügte, die sogenannte Concession d’Ostricourt. Am 9. Dezember 1860 wurde die Konzession für die Mines d’Ostricourt offiziell bestätigt [...] und am 25. Juni 1856 in Oignies der erste Schacht in Betrieb genommen.
Die Entwicklung bis 1914 Wie aus Tabelle 3 (s. u.) hervorgeht, wurden alle Schächte des Bergwerks vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs abgeteuft – die ersten drei Schächte nach Gründung der Gesellschaft in kurzem zeitlichen Abstand zueinander. Dass es dann 30 Jahre lang – bis 1897 – nicht zu einer Erschließung weiterer Felder kam, ist vielleicht damit zu erklären, dass es 1866 zu einem großen Einbruch bei den Förderzahlen gekommen war (siehe Tabelle 1), von dem sich das Unternehmen wahrscheinlich nur langsam erholen konnte. mini|Bohrlöcher und Schächte um 1880 +Tabelle 1: Entwicklung der Gesamtförderung bis 1878Die Zahlen sind der Aufstellung von Vuillemin, Tome II, S. 39 f. und 48 entnommenJahrGesamt-förderungZahl der ArbeiterFörderung pro Arbeiter18592.395 t??18606.990 t??186116.539 t??186222.400 t??186328.962 t??186424.748 t??186524.174 t??186614.477 t??186717.434 t??186819.726 t??186921.623 t153141187012.870 t??187117.274 t11961 t187229.033 t148196 t187328.778 t148194 t1874657.904 t3.303199 t1875715.097 t3.713192 t1876670.089 t??1877627.643 t3.550177 t1878707.003 t3.807186 t Bei diesen durchgängig niedrigen Förderzahlen bietet sich ein Vergleich mit einigen benachbarten Zechen für das Jahr 1872 an. +Tabelle 2: Berechtsame und Förderung von Ostricourt im Vergleich mit anderen Bergwerken im Raum Lens-DouaiDie Zahlen sind den beiden Bänden Tome I und Tome II von É. Vuillemin entnommen.BergwerkBerechtsame in km²Gesamt-förderung in tFörderung in t pro km²Zahl der ArbeiterFörderung pro Arbeiter in tLens69,4583.3458.4062.464236Liévin29,8127.2144.269771169Courrières54,6289.1175.2951.491219Ostricourt23,029.0331.262148196Escarpelle47,2215.8994.5731.020209 Wie die letzte Spalte der Tabelle zeigt, ist die Effektivität von Ostricourt bei der Förderung pro Arbeiter mit der der Nachbarzechen vergleichbar. Eine signifikante Abweichung ergibt sich jedoch 1872 beim Verhältnis zwischen Konzessionsfläche und geförderter Kohlenmenge (Spalte 4). Hier belegt Ostricourt weit abgeschlagen den letzten Platz. Dieses ungünstige Ergebnis ist vielleicht darauf zurückzuführen, dass die Schachtanlagen 1 bis 3 nur einen sehr kleinen Bereich des Konzessionsgebietes erschlossen hatten und im Nordwesten sowie Südosten von Ostricourt zu diesem Zeitpunkt noch keine Schächte niedergebracht worden waren. Diese Vermutung wird durch den sprunghaften Anstieg der Förderzahlen zwischen 1900 und 1903 gestützt, als das Nordwestfeld durch Schacht 4 erschlossen worden war.
+Tabelle 3: Entwicklung der Gesamtförderung von 1900 bis 1913Hamburgisches Weltwirtschafts-Archiv, Press article 00003, 3. Oktober 1923, L’information (Paris) Nr. 224ZeitraumZahl der SchächteGesamt-förderung1899–19003200.000 t1903–19044428.000 t1904–19054444.000 t1905–19064392.000 t1906–19074471.000 t1907–19085489.000 t1908–19095500.000 t1909–19106574.000 t1910–19116675.000 t1911–19126732.000 t1912–19136785.000 t
Die Zeit des Ersten Weltkriegs Im Gegensatz zu den Bergwerken von Lens und Liévin lag Ostricourt während des Ersten Weltkriegs östlich des Frontverlaufs und damit in der von den Deutschen besetzten Zone. Dadurch waren die den Krieg verursachten Schäden an den Tagesanlagen vergleichsweise gering. mini|Schacht 7
Die Phase zwischen den Weltkriegen Über die Entwicklung des Bergwerks nach dem Ende des Ersten Weltkriegs berichtete am 29. Juni 1924 die Nummer 148 der „Deutschen Bergwerkszeitung“: „Die Förderung erreichte [...] 1.080.000 Tonnen, d.h. 27 % mehr als im Vorjahr (1922).“Hamburgisches Weltwirtschafts-Archiv, Press article Nr. 00005, 26. Juni 1924, Deutsche Bergwerks-Zeitung (Essen), (Zugriff am 5. April 2024)
Weitere Förderzahlen aus der Zwischenkriegszeit liefern „l’Information“ (Paris) Nr. 230Hamburgisches Weltwirtschafts-Archiv, Press article Nr. 00012, 8. Oktober 1928, (Zugriff am 5. April 2024) und die Deutsche Bergwerkszeitung vom 17. Januar 1931.Press article Nr. 00029, 17. Januar 1931 +Tabelle 4: Entwicklung der Gesamtförderung von 1920 bis 1930JahrZahl der SchächteGesamt-förderung19207405.000 t19217756.000 t19227850.000 t192371.080.000 t192471.262.000 t192571.308.000 t192671.531.000 t192771.541.000 t192871.511.000 t193071.514.000 t Bereits 1934 hatte die Unternehmensleitung von Ostricourt Pläne entwickelt, Schacht 2 zu einem Zentralförderschaft auszubauen, die Tagesanlagen grundlegend zu modernisieren und danach dort die Förderung der Schächte 1, 2, 3, 5 und 6 zu konzentrieren. Der Zweite Weltkrieg und die Besetzung Frankreichs durch Deutschland verhinderten jedoch die Umsetzung dieser Planungen. Sie wurden erst ab 1950 durch die HBNPC verwirklicht, als das Bergwerk schon zum Verbundbergwerk Oignies gehörteMinot & Vivien, S. 324.
Nordfrankreich im Zweiten Weltkrieg Ab Juli 1940 waren große Teile Frankreichs von den Deutschen besetzt. Der besetzte Norden und damit auch die Bergbauregion wurde dem Militärbezirk Belgien (Sitz des Militärbefehlshabers in Belgien) angegliedert.
Für das Bergwerk von Ostricourt liegen aus der Besatzungszeit durch Deutschland folgende Informationen vor:
In 16 Monaten des Geschäftsjahres 1939/40 förderte das Bergwerk 1,581 Mio. t Steinkohle und konnte die aufgehaldeten Vorräte fast vollständig auf den Markt bringen.Hamburgisches Weltwirtschafts-Archiv, Press article Nr. 00029, 17. Juni 1941, Nachrichten für Außenhandel Nr. 138 Die in diesem und anderen Zeitungsartikeln erwähnten Neubauarbeiten haben nicht stattgefunden. Sie wurden erst ab 1950 durch die HBNPC realisiert.Minot & Vivien, S. 324 Die vom „Weltwirtschafts-Archiv“ veröffentlichten Zahlen über den Reingewinn und die Dividenden des Bergwerks Ostricourt für die Jahre 1936 bis 1942 legen nahe,Hamburger Weltwirtschafts-Archiv, Scans der Dokumente 00017 (Mai 1936), 00025 (Juni 1939), 00027 (Juni 1941), 00001 (August 1941), 00030 (Mai 1942) und 00032 (Dezember 1942) (Zugriff am 5. April 2024) dass die Förderung und Weiterverarbeitung der Kohle bis zur Befreiung der Region durch die Truppen der Alliierten ziemlich ungestört hat ablaufen können.
Ostricourt nach der Verstaatlichung 1946 wurde der gesamte Steinkohlenbergbau in Frankreich verstaatlicht und kam im Norden der Republik unter die Verwaltung der Houlliers Bassin Nord – Pas-de-Calais (HBNPC). In einem ersten Schritt erfolgte die Zusammenlegung mit Carvin zum neuen Verbundbergwerk Oignies, bevor mit der Errichtung von Schacht 10 eine weitere Umstrukturierung von Förderung und Aufbereitung von Magerkohle einsetzte.
Lagerstätten Wie in allen Zechen am Nordrand des Reviers wurde auch auf Ostricourt fast ausschließlich Magerkohle gefunden.
Die Situation von 1880 schildert É. Vuillemin wie folgt:
Schachtanlagen und Förderungen Von seiner Gründung bis zur Verstaatlichung 1946 und der Fusion mit Carvin und Teilen von Dourges existierten folgende fördernden Schachtanlagen: +Tabelle 4: Fördernde Schachtanlagen des BergwerksDie Zahlen und Daten sind dem Kapitel 3.1 (S. 120 ff) des Werkes von Minot & Vivien entnommenNameOrtSchacht-nrGründungEnde der FörderungSchließungmax. Teufegesamte Fördermenge in Mio. tAuguste DupireOignies1185619291969533 m6Henri ChavetOignies2186019341976505 m21Zahlen nach Minot & Vivien S. 315–Libercourt3186619411946533 m3,8Maurice TilloyCarvin4189719611976354 m17Henri BuchetLibercourt5190619511969363 m8,5Charles TilloyOstricourt6190719541966402 m?max. Förderung 1949 von 425.484 t, Minot & Vivien, S. 132Alphonse LecocqOstricourt7/7bis191419561968481 m?
Weitere Industrieanlagen Weil auf Ostricourt ausschließlich Magerkohle gefördert und diese weitgehend zu Heizzwecken genutzt wurde, verfügte das Bergwerk weder über Kokereien noch über Kraftwerke zur Erzeugung elektrischen Stroms. Lediglich die Verpressung zu Briketts und Eierkohlen spielen in der Wertschöpfungskette eine Rolle.
Fusionen Mit der Verstaatlichung des Steinkohlenbergbaus in Frankreich und der Schaffung der HBNPC erfolgte eine Neugliederung und Zusammenfassung der fünf zwischen Lens und Douai liegenden Bergwerke zu zwei Verbundbergwerken. Während die Bergwerke von Courrières und Drocourt ganz im Verbundbergwerk Hénin-Liétard aufgingen, wurde das Baufeld von Dourges aufgeteilt. Der südliche Teil kam ebenfalls zu Hénin-Liétard, während der nördliche zusammen mit den Bergwerken Ostricourt und Carvin zum Verbundbergwerk Oignies fusionierte. Damit verfügte letzteres über vier Schächte von Carvin, sieben Schachtanlagen von Ostricourt und eine von Dourges.Minot & Vivien, S. 284 f
Die Verkehrsinfrastruktur
Anbindung an das öffentliche Schienennetz