mini|Aleksandar Vučić und Wladimir Putin in Moskau (2014) Die Russisch-serbischen Beziehungen sind das bilaterale Verhältnis zwischen Russland und Serbien. Im Jahr 1816 nahmen die beiden Länder als Russisches Reich und Fürstentum Serbien offizielle diplomatische Beziehungen auf, wobei die kulturellen Kontakte beider Gesellschaften auf das Mittelalter zurückgehen. Serbien und Russland sind zwar geografisch keine Nachbarn, sind aber beide slawische und christlich-orthodoxe Länder und haben daher ein gemeinsames kulturelles Erbe. Ab dem 19. Jahrhundert war Russland die Schutzmacht der orthodoxen Serben auf dem Balkan und die enge Beziehung beider Länder spielte eine wichtige Rolle während der Russisch-Osmanischen Kriege und zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Während des Zweiten Weltkriegs unterstützten die Sowjets die jugoslawischen Partisanen gegen die Achsenmächte. Nach dem Ende des Krieges kam es allerdings zur Distanzierung des sozialistischen Jugoslawiens von der Sowjetunion. Während des gesamten Kalten Krieges behielten die Jugoslawen ihre unabhängige Linie bei und gehörten der Bewegung der Blockfreien an. Nachdem in den 1990er Jahren der Zerfall Jugoslawiens begonnen hatte, versuchte die neu entstandene Russische Föderation zwischen den Kriegsparteien zu vermitteln und beklagte eine einseitig „antiserbische“ Haltung der NATO-Staaten in dem Konflikt. Russland verurteilte auch die Operation Allied Force gegen Serbien. Unter Wladimir Putin ab ca. 2000 hat Russland wieder sehr enge Beziehungen zu Serbien etabliert. Zwischen beiden Ländern bestehen zahlreiche bilaterale Abkommen und enge wirtschaftliche, politische und kulturelle Kontakte, so z. B. in Form von russischen Energielieferungen an Serbien. Nach dem Beginn der russischen Invasion der Ukraine 2022 verurteilte Serbien zwar den russischen Angriff, schloss sich allerdings nicht den Sanktionen gegen Russland an.
Geschichte
Vorgeschichte mini|Neuserbien im Oblast Kirowohrad Der Serbe Rastko Nemanjić (Sava I.) wurde 1191 im russisch-orthodoxen Kloster Rossikon auf dem Athosberg zum Mönch geweiht. Er gründete die Serbisch-Orthodoxe Kirche und wird heute als Apostelgleicher verehrt. Nach der osmanischen Invasion von Serbien im 14. Jahrhundert fanden serbische Flüchtlinge Zuflucht in Russland. Lazar der Serbe und Pachomius der Serbe waren einige der bekanntesten Serben des russischen Mittelalters. Auch Helena Glinskaja, die Mutter des russischen Zaren Iwan des Schrecklichen, war mütterlicherseits Serbin. Die orthodoxe Verehrung des Heiligen Sava in Russland begann im 16. Jahrhundert. Im 18. Jahrhundert ließen sich eine große Zahl orthodoxer Serben, die größtenteils aus den von der Habsburgermonarchie kontrollierten Gebieten stammten, in der russischen Militärgrenzregion Neuserbien nieder. Die meisten davon siedelten auf dem Gebiet der heutigen ukrainischen Oblast Kirowohrad) sowie in Slawenoserbien (heute hauptsächlich das Gebiet der Oblast Luhansk). Im Jahr 1764 wurden beide territorialen Einheiten als Teil von Neurussland in den russischen Staat eingegliedert. Im 18. Jahrhundert erhofften sich die orthodoxen Serben Hilfe von den russischen Zaren sowohl gegen die muslimischen Osmanen als auch gegen die katholischen Habsburger. Mit dem Friede von Küçük Kaynarca von 1774 wurde Russland zum Protektor der orthodoxen Bevölkerung des Osmanischen Reiches. Das russische Verhältnis zu den Serben sollten danach eine große Rolle für den russisch-türkischen Wettbewerb auf dem Balkan spielen.
1800–1918 mini|Prinzessin Elena von Serbien (aus dem Haus Karađorđević) und Prinz Iwan Konstantinowitsch Romanow (aus dem Haus Romanow) Während des Ersten Serbischen Aufstands reiste Erzpriester Matija Nenadović 1804 im Geheimen nach St. Petersburg um Hilfe bei den Russen zu ersuchen. Nachdem sich das Osmanische Reich Ende 1806 mit Napoleon verbündet hatte und von Russland und Großbritannien angegriffen wurde, war es bereit, die Forderungen der serbischen Rebellen unter Karađorđe zu erfüllen. Der russische Repräsentant in Serbien, Konstantin Rodofinikin, schlug zunächst vor, Serbien zu einem Protektorat des Russischen Reiches zu machen und russische Garnisonen in Serbien zu stationieren sowie einen hohen Repräsentanten einzusetzen, der die Angelegenheiten des Landes überwachen sollte. Karađorđe lehnte den Vorschlag mit der Begründung ab, dass Serbien dadurch zu einer russischen Provinz werden würde. Die Serben akzeptierten das russische Angebot der Autonomie unter den Osmanen (wie im „Frieden von Ičko“ festgelegt) und schlossen im Juli 1807 ein Bündnis mit dem Russischen Reich. Nach dem Frieden von Bukarest (1812) wurde Serbien allerdings wieder von den Osmanen besetzt. Der Zweite Serbische Aufstand (1815–1817) erreichte erneut die serbische Autonomie innerhalb des Osmanischen Reiches, die durch die russisch-türkische Akkerman-Konvention und den Vertrag von Adrianopel international anerkannt wurde. Serbien wurde damit unter russischen Schutz gestellt.
Im Juni 1876 erklärte Serbien zusammen mit dem Fürstentum Montenegro seine Unabhängigkeit und den Krieg gegen das Osmanische Reich. Der Krieg endete schließlich (auch dank russischer Unterstützung) mit einem serbischen Sieg gegen die Osmanen im März 1878. Durch den Frieden von San Stefano und später dem Berliner Kongress erhielt Serbien seine Unabhängigkeit. Unter dem Einfluss des österreichisch-ungarischen Diplomaten Gyula Andrássy überließ Russland bei den Verhandlungen in Berlin Serbien allerdings dem Einflussbereich von Österreich-Ungarn und wendete sich stattdessen dem Fürstentum Bulgarien als Verbündetem zu, was für Bestürzung in Belgrad sorgte. Unter dem Einfluss des Panslawismus und der Gründung der Radikalen Volkspartei durch Nikola Pašić 1881, welche Serbien vom österreichischen Einfluss lösen wollte, nahmen die Spannungen zwischen Serbien und Österreich-Ungarn zu. Die serbischen Bestrebungen zur Schaffung eines südslawischen Staates (Jugoslawismus im Gegensatz zum Austroslawismus) weckten in Österreich-Ungarn Befürchtungen. Auf der anderen Seite wurde Russland zunehmend unzufrieden mit Bulgarien, wo die Herrscher der deutschen Dynastien, Alexander von Battenberg und ab 1887 Ferdinand I., eine Politik verfolgten, die Russland missfiel. Der Besuch des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. in Sankt Petersburg und seine Konferenz mit Nikolaus II. von Russland im Jahr 1897 führten zu einer geheimen Vereinbarung zwischen den beiden Reichen, den Status quo auf dem Balkan zu respektieren und aufrechtzuerhalten, was den Versuchen Österreich-Ungarns entsprach, das Entstehen eines großen slawischen Staates in der Region zu verhindern.
Der serbische König Aleksandar Obrenović wurde 1903 durch einen Staatsstreich ermordet, was das Ende der Obrenović-Dynastie und die Rückkehr des Hauses Karađorđević einleitete, welches familiäre Beziehungen zur Romanow-Dynastie unterhielt. Premierministers Nikola Pašić richtete Serbien neu auf Russland aus. Serbien wurde von Russland im Schweinekrieg (1906–1908) mit Österreich-Ungarn unterstützt. Während der Bosnienkrise von 1908 hielt sich Russland dagegen zurück. Obwohl Russland und Serbien nicht formell verbündet waren, bemühte sich Russland offen um politischen und religiösen Einfluss in Serbien. Nach der Ermordung des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo durch den bosnisch-serbischen Nationalisten Gavrilo Princip kam es zur Julikrise und zur Kriegserklärung von Österreich-Ungarn gegenüber Serbien. Russland mobilisierte Ende Juli seine Streitkräfte zur Verteidigung Serbiens, aber auch um seine Position auf dem Balkan zu verteidigen. Dies veranlasste das mit Österreich verbündete Deutsche Reich, Russland am 1. August den Krieg zu erklären, wodurch der lokale Konflikt schließlich zum Ersten Weltkrieg wurde. Der Krieg führte zum Sturz der russischen Zaren 1917 und der Gründung von Jugoslawien 1918 als Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen.
Sowjetisch-jugoslawische Beziehungen
Sowjetunion und das Königreich Jugoslawien in der Zwischenkriegszeit mini|Russische Exilanten in Belgrad (1927) Wenige Monate nach der Russischen Revolution im November 1917 kam es zum Russischen Bürgerkrieg, in dem eine kleine Anzahl von Söldnern aus Jugoslawien sowohl für die Weißen als auch für die Bolschewiki kämpfte. Nachdem der Bürgerkrieg 1922 mit einem Sieg der Bolschewiki geendet hatte, waren die Beziehungen zwischen dem Königreich Jugoslawien und der Sowjetunion eisig. Jugoslawien nahm zehntausende antibolschewistische Flüchtlinge auf, darunter Pjotr Nikolajewitsch Wrangel, der hier die Russische All-Militärische Union gründete. Das Königreich Jugoslawien wurde zur Heimat von 40.000 Exilanten, die dem alten Russischen Reich die Treue hielten. 1921 zog die Führung der Russischen Exilkirche auf Einladung des serbischen Patriarchen nach Serbien und gründete im September 1922 in Karlowitz (bis 1920 Sitz des abgeschafften Patriarchats von Karlowitz) eine de facto unabhängige kirchliche Verwaltung, die einige Jahre später zur Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland (ROKA) wurde. Der große Einfluss der russischen Exilanten in Belgrad verhinderte in Folge eine Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem Sowjetregime. Dieses versuchte Jugoslawien mit seinen Geheimagenten zu infiltrieren. 1938 unterstützten die Sowjets einen geplanten Staatsstreich, um die mit Edvard Beneš, dem Präsidenten der Tschechoslowakei, verfeindete Regierung von Milan Stojadinović abzusetzen und ein antideutsches Militärregime zu errichten. Der sowjetische Geheimdienstoffizier Pjotr Subow erhielt 200.000 Dollar in bar für die serbischen Militäroffiziere, die von den Tschechoslowaken für den Staatsstreich ausgewählt worden waren. Der Plan scheiterte, da Subow, nachdem er die serbischen Offiziere als ungeeignet für die Operation beurteilt hatte, die Vorauszahlung verweigerte.
Zahlreiche Kommunisten aus Jugoslawien, welche von der jugoslawischen Monarchie verfolgt wurden, unterhielten Kontakte in die Sowjetunion. 1937 ließ Josef Stalin den Generalsekretär des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens, Milan Gorkić, während der Großen Säuberung in Moskau exekutieren.
Zweiter Weltkrieg mini|Die Rote Armee in Belgrad (1944)