mini|hochkant=0.85|Louis Salomon

Louis Arje Salomon (geboren 17. April 1872 in Schwersenz bei Posen; gestorben 16. Dezember 1955 in Ein Charod, Israel) war ein deutscher Kaufmann jüdischen Glaubens und der letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Berlin-Spandau.

Leben Louis Salomon war der zweite von drei Söhnen des Glasers Gabriel Salomon und dessen Frau Liebchen Salomon (geb. Schmuckler). Der ältere Bruder Josef (genannt Julius) wurde am 26. November 1868 geboren, der jüngere Benno (Baruch) am 15. Januar 1875. Neben der Glaserei betrieben die Eltern einen Handel mit Landprodukten (Felle, Metalle, Wolle, Flachs und Honig). Die Kinder besuchten in Schwersenz die jüdische Volksschule und wurden von zwei Lehrern unterrichtet. Die Schule wurde von der großen jüdischen Gemeinde von Schwersenz betrieben, zu der 100 Kinder gehörten. Aus finanziellen Gründen konnten Louis und seine Brüder nicht das Gymnasium in Posen besuchen, da die Eltern keinen der Söhne bevorzugen wollten, aber das Schulgeld für drei Kinder zu teuer war.

Louis Salomon begann mit 14 Jahren eine Lehre als Verkäufer in einem Geschäft für Kurz-, Weiß- und Wollwaren sowie Damen- und Herrenhüte in Kurnik (Inhaber: Max Oelsner). Nach der Lehre wurde er von der Firma übernommen. Um 1890 wechselte er als Verkäufer nach Posen.Louis Salomon: Lebenserinnerungen, S. 25–28.

Am 1. März 1896 kam Salomon aus der Kleinstadt Schwersenz zunächst nach Berlin in eine „sehr angenehme Vertrauensstellung“ bei einem Berliner Textilienhändler und dann nach Spandau, wo sein Arbeitgeber an der Adresse Markt 6 (Ecke Breite Straße) ein Filialgeschäft besaß. Am 15. Februar 1897 konnte Louis Salomon es kaufen und wurde selbständig. Er schrieb dazu: „Dieses war zwar klein, aber ich war Detaillist und traute mir zu, es ertragsfähig zu machen.“ Er verkaufte es bald wieder und erwarb das benachbarte Haus Markt 7, wo er sein Geschäft neu eröffnete und bis 1929 leitete.Louis Salomon: Lebenserinnerungen, S. 29, 47 (Geschäftsaufgabe 1929).Vivien Lietz: Das Haus Breite Straße 33. (= Schriftenreihe der Jugendgeschichtswerkstatt Spandau, Band 6) Berlin 2014, S. 25 (Umzug nach Markt 7). mini|Louis und Franziska (Fränze) Salomon (vermutlich Hochzeitsfoto, 1897) Am 29. Juni 1897 verlobte er sich mit Fränze (Franziska) Brasch, die aus Posen stammte und dort zeitweise im selben Unternehmen wie Salomon gearbeitet hatte; am 30. November 1897 fand die Hochzeit statt. Das Ehepaar wohnte im 2. Stock über dem Geschäft in Spandau, Markt 7. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor: Margot Salomon, später verheiratete Weiss, und Gerta Salomon, verheiratete Kallner. 1901 wurde als drittes Kind ein Sohn geboren, der nach kurzer Zeit starb. Fränze Salomon wollte nach dem Tod des Kindes nicht in der Wohnung bleiben, und so zog die Familie um in die Potsdamer Straße 40 (heute Carl-Schurz-Straße 39) in das Haus des jüdischen Apothekers Julius Siegmann.Louis Salomon: Lebenserinnerungen, S. 29 ff. Weil Fränze wegen eines Herzfehlers leidend war, besuchte die Familie verschiedene Seebäder und Kurorte (u. a. Swinemünde, Misdroy, Bad Sulza und zuletzt Bad Nauheim und Bad Oeynhausen). Fränze Salomon starb am 17. November 1917.Louis Salomon: Lebenserinnerungen, S. 32, 34.

Salomon vertrat die Spandauer Kaufmannschaft in verschiedenen Gremien und Körperschaften und war als städtischer Amtsvormund, als Delegierter der Berliner Handelskammer beim Finanzamt Spandau sowie als Schöffe beim Amtsgericht in Spandau tätig. 1915 ließ er sich im Alter von 43 Jahren im Ersten Weltkrieg als Soldat einziehen, was er als „Ehrenpflicht“ betrachtete.Louis Salomon: Lebenserinnerungen, S. 9 f., 22, 37 f.

Nach vier Jahren als Witwer heiratete er im Januar 1922 Ernestine (genannt Alma) Tarnowski, verwitwete Rosenheimer, und zog mit ihr in das Haus Breite Straße 33, das er 1917 gekauft hatte; das Ehepaar bewohnte eine große Wohnung im 2. Stock.Vivien Lietz: Das Haus Breite Straße 33. Berlin 2014, S. 27. Almas Mann, ein Kegelbruder Salomons, war plötzlich gestorben. Dessen Möbelgeschäft führte zunächst die Witwe weiter, nach der Heirat übernahm es ihr ältester Sohn Fredy Rosenheimer.Louis Salomon: Lebenserinnerungen, S. 22, 39 f.; Ernestine Alma Salomon war geboren am 4. Juni 1879; ihr standesamtlicher Vorname war Ernestine, ihr Rufname offenbar Alma (ebd. S. 40 Anm. 12). Für den jüngeren Stiefsohn Gerd richtete Salomon eine Filiale ein, doch dieser wählte einen anderen Beruf. mini|Das Haus Breite Straße 33 in Spandau, das Louis Salomon erbauen ließ

Unternehmenstätigkeit

Louis Salomon war vielfältig als Unternehmer tätig. Er gründete und verlagerte Geschäfte für sich und Familienangehörige in ganz Berlin, baute sie um und erweiterte sie. Bereits am 1. Oktober 1898 errichtet er am Lutherplatz 3 eine erste Filiale seines im Februar 1897 gegründeten Geschäfts. „Da meine Frau sehr tüchtig war, hatte ich viel Zeit“, schreibt er als Begründung in seinen Erinnerungen. Nach der Geburt seiner beiden Töchter stellte er einen Vetter namens Powidzer als Filialleiter ein.Louis Salomon: Lebenserinnerungen, S. 30. Dieses Geschäft für Modewaren übernahm sein Bruder Benno, nachdem Louis es hatte umbauen lassen; als Benno erkrankte und 1924 starb, führte es dessen Frau Zilka (auch Cella), eine Schwester von Louis’ erster Frau Fränze. Sie wurde mit ihren Kindern Gerhard und Leonie 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.Gudrun O'Daniel-Elmen: Jüdische Familiengeschichte rund um die Lutherkirche. In: Zeitlupe. Neues aus der Luther-Kirchengemeinde, 12/2023, S. 12, 16.

1904 eröffnete er eine Filiale seines eigenen Geschäfts an der Pichelsdorfer Straße 16Louis Salomon: Lebenserinnerungen, S. 31, Abbildung 9: Eintrag „Salomon“ im Spandauer Adressbuch von 1914; heute: Pichelsdorfer Straße 97, so Vivien Lietz: Das Haus Breite Straße 33. Berlin 2014, S. 33., „die eine Goldgrube für uns wurde“. Margot erhielt diese Filiale zu ihrer Hochzeit als Geschenk; Inhaber wurde ihr Ehemann Julius Weiss. Als seine Tochter Gerta 1925 Alfred Kallner heiratete, nachdem dieser sein Medizinstudium beendet hatte, überschrieb Salomon ihr dreiviertel seiner Häuser als Heiratsgut.Vivien Lietz: Das Haus Breite Straße 33. (= Schriftenreihe der Jugendgeschichtswerkstatt Spandau, Band 6) Berlin 2014, S. 17. Für seinen Bruder Joseph (genannt Julius) und dessen Sohn Martin kaufte er auf der Neuendorfer Straße 98 ein Textilwarengeschäft, das diese bis zur Reichspogromnacht 1938 führten.Vivien Lietz: Das Haus Breite Straße 33. Berlin 2014, S. 71. 1929 errichtete er ein kleines Geschäft in der Seegefelder Straße „mehr zum Sport, damit später [sein Stiefsohn] Gerd eine Existenz haben sollte“, doch dieser hatte „die Lust zum Kaufmann verloren“, so dass Salomon es Anfang 1933 wieder auflöste. Für seine Schwägerin Jenny Hartmann, der es in Lissa „sehr schlecht“ ging, errichtete er ein Lebensmittelgeschäft in der Lynarstraße, bis sie nach kurzer Zeit nach Posen übersiedelte, als ihr Mann dort eine Anstellung erhalten hatte. Weitere Geschäfte eröffnete er als „Starthilfe“ für seine Schwägerinnen Hedwig (1912 in Tegel) und Marta (1913 in Neukölln). 1918 kaufte er die Häuser an der Breiten Straße 33 und 34 in Spandau (heutige Adresse: Breite Straße 33), ließ sie instand setzen, „moderne Läden“ ausbauen und wegen der Wohnungsknappheit Notwohnungen in ehemaligen Gesellenzimmern einbauen.Louis Salomon: Lebenserinnerungen, S. 31 ff., 37 f., 41 (Seegefelder Straße). Im Haus Breite Straße 33 richtete er ein Wäschegeschäft für seine Schwägerin Margarete Brasch, eine Schwester seiner ersten Frau, ein; diese erkrankte jedoch bald, und er löste es wieder auf. Louis Salomon nahm auf die Partnerwahl seiner Töchter Einfluss und achtete auch auf das kaufmännische Geschick der Schwiegersöhne.Louis Salomon: Lebenserinnerungen, S. 16 Anm. 39, S. 36. mini|Die Woolworth-Filiale in den 1930er-Jahren, links das Schuhhaus Tack 1929 unterbreitete die Firma Woolworth Salomon und seiner Tochter Gerta Kallner das Angebot, im Erdgeschoss der Häuser Breite Straße 33 und 34 eine Filiale zu errichten. Salomon ließ die Häuser abreißen und bis 1931 einen großen Neubau errichten. Woolworth übernahm einen großen Teil der Baukosten. Im Erdgeschoss befand sich ein 660 m² großer Laden, in dem Woolworth als Mieter 1931 eine der ersten Filialen der Firma in Deutschland eröffnete, daneben lag ein zweiter von 100 m² Größe für die Firma „Babybasar“ von A. Baer, die bereits vorher dort Mieterin gewesen war. Später folgte auf den „Babybasar“ das Schuhgeschäft Tack. Im ersten Stock lagen die Praxis des Frauenarztes Dr. Hans Löwenstein und des Nervenarztes Dr. Rudolf Mansbacher, im zweiten Stock wohnte Louis Salomon mit seiner Familie, im vierten Stock der Hauswart Fritz Fila, weitere Wohnungen waren vermietet. Als das Kaufhaus Pieck zur selben Zeit Salomons Haus mit dem Stammgeschäft am Markt 6 (Ecke Markt/Breite Straße 53, heute Woolworth) kaufen wollte, zögerte er zunächst, doch „auf Anraten der Kinder und auf Grund des fabelhaften Preises ließ ich mich dazu überreden“.Louis Salomon: Lebenserinnerungen, S. 41 f., zu Pieck bes. S. 42 Anm. 18.

Leitungsaufgaben in der jüdischen Gemeinde Ab 1901 wurde Salomon von der jüdischen Gemeinde mehrfach zum Mitglied der Repräsentantenversammlung gewählt. Er war Mitglied der Vorstände im Humanitätsverein „Gemiluth Chassodim“ und in „Chevra Kadischa“ (‚Heiliger Verband‘), in dem sich Männer ehrenamtlich bei Krankheit und Todesfällen einsetzten, etwa als Beerdigungsbruderschaft, außerdem gehörte er zum Kuratorium des jüdischen Altenheims in der Feldstraße 8. Die Spandauer Gemeinde war mehr oder weniger liberal ausgerichtet. Salomon war Logenmitglied des „Unabhängigen Ordens B’nai B’rith“ in der Kleiststraße. Louis Salomon: Lebenserinnerungen, S. 10, S. 15 (mehr oder weniger liberale Ausrichtung der Spandauer Gemeinde), S. 39, 39 Anm. 11.

Nach dem Tod von Joseph Kallner am 20. Juni 1938 übernahm er dessen Amt als Vorsteher der jüdischen Gemeinde Spandau. Er war der letzte Vorsteher der Gemeinde, die nach dem 4. Juli 1938 zwangsweise aufgelöst und mit der Berliner Gemeinde zusammengefasst wurde. Die Berliner Gemeinde wollte die Spandauer bereits vorher zur Aufgabe ihrer Selbständigkeit überreden, doch dies konnten die Spandauer Juden ablehnen, bis die Behörden nicht mehr mehrere jüdische Gemeinden in Berlin zulassen wollten. In seine Amtszeit fielen die Novemberpogrome 1938 und die zwangsweise Auflösung des gemeindeeigenen Friedhofs. Louis Salomon: Lebenserinnerungen, S. 44–47; Zusammenlegung mit Berlin: S. 44, Anm. 13.

Zeit des Nationalsozialismus Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden seine Geschäfte wie andere von Juden geführte Unternehmen am 1. April 1933 boykottiert. Louis Salomon war nicht mehr in der unmittelbaren Leitung tätig, aber besaß zu dem Zeitpunkt Immobilien in der Breiten Straße 33/34, am Lutherplatz 3 und an der Pichelsdorfer Straße 16 (Inhaber: Julius Weiss), sein Neffe Martin auf der Neuendorfer Straße 98, die alle auf hektographierten Handzetteln aufgeführt waren, die als Boykottaufruf von der SA herausgegeben wurden. Sein Enkel wurde mit Steinen beworfen. Die Enkel Fritz und Hans Weiss mussten 1936 das Kant-Gymnasium verlassen, weil sie Juden waren; vorher waren sie von Mitschülern diskriminiert worden.Uwe Hofschläger (Hrsg.): Unvergessen. Die Pogromnacht in Spandau vor 80 Jahren. (= Schriftenreihe der jugendgeschichtswerkstatt Spandau, Band 8) Berlin 2019, S. 44. Die Familie besaß seit den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ein Landhaus in Jörsfelde, das zum Refugium wurde.