Die Geschichte der Dresdner Philharmonie umfasst den Zeitraum von 1870 bis heute und wird hier mit detaillierten Informationen dargestellt, die ihrerseits den Rahmen des Artikels Dresdner Philharmonie gesprengt hätten.

Gewerbehaussaal 1870, Gewerbehaus-Orchester 1871 und bis zum „Dresdner Philharmonischen Orchester“ 1915 Vorgeschichte mini|hochkant=0.8|Moritz Erdmann Puffholdt Von der Mitte des 18. Jahrhunderts an gab es Bemühungen um die Etablierung einer bürgerlichen Musikpflege als Pendant zur höfischen Musiktradition in Dresden. Dabei spielten vor allem die „Dilettanten-Konzerte“ bis weit in das 19. Jahrhundert hinein eine besondere Rolle. Bemühungen um die Etablierung eines regelmäßigen bürgerlichen Konzertlebens, wie die von Carl Maria von Weber (ab 1821) und Richard Wagner (1848) scheiterten zunächst daran, dass es ein einheitliches Orchester nicht gab.Härtwig, Philharmonie, 1992, S. 8, 9. Einen ersten großen Erfolg verzeichnete der Musikdirektor Hugo Hünerfürst, der von 1851 bis 1858 die zur Zivilkapelle umgestaltete Musikkorps (damalige Schreibweise bis um 1880: Musikchor, so auch im weiteren Artikel zu interpretieren) der Dresdner Kommunalgarde übernahm und zu überregionaler Popularität führte. Ab 1861 übernahm Moritz Erdmann Puffholdt das Musikerensemble, sah sich einerseits zwar laufend wirtschaftlichen Schwierigkeiten ausgesetzt, sowie dem Desinteresse des Rates der Stadt an einer „Stadtmusik“. Gleichwohl konnte Puffholdt mit seinem Puffholdt’schen Musikchor (später Stadtmusikchor) die künstlerische Spitze der verschiedensten Kapellen halten und zugunsten der Musiker mit der Gründung des Musiker-Vereines 1869 noch ausbauen.

Gewerbehaussaal und Gründung der „Gewerbehaus-Kapelle“ mini|Dresdner Gewerbehaus-Orchester mit Dirigent Henrik Willy Olsen (1913) Am 29. November 1870 wurde im neu eröffneten Gewerbehaus auf der Ostra-Allee 13 ein für die Bürger der Stadt zugänglicher Veranstaltungssaal (Gewerbehaussaal) mit 2057 Sitzplätzen eröffnet.Paul Schumann, Friedrich Kummer: Dresden und das Elbgelände. Verlag des Vereins zur Förderung Dresdens und des Fremdenverkehrs, 1918 Der Gewerbeverein Dresden, gleichzeitig auch Bauherr für diesen Saal, band vertraglich das Stadtmusikchor unter Puffholdt für die regelmäßige musikalische Bespielung des Saales. Noch 1870 wurde das erste Sinfoniekonzert u. a. mit Beethovens 5. Sinfonie gegeben, ihm folgte eine Beethoven-Säcularfeier noch 1870 und schließlich eine Konzertpflege, die es „in dieser Intensität, Regelmäßigkeit, Breitenwirkung … bis dahin in Dresden nicht gegeben hatte“.Härtwig, Philharmonie, 1992, S. 12. Puffholdt etablierte die „Großen Sinfonie-Konzerte“ mit einem dem damaligen Zeitgeschmack entsprechenden Programm ebenso, wie es im März 1871 ein erstes Gastdirigat gab (Michail Slatinn mit Werken u. a. von Rubinstein, Glinka und Serow).Härtwig, Philharmonie, 1992, S. 10–15.

Gleichwohl hatte der Gewerbe-Verein nicht im Sinn, das Stadtmusikchor dauernd an das Gewerbehaus und seinen Saal mit hervorragenden Klangeigenschaften zu binden (Puffholdt war Stadtmusikdirektor und hatte mit seinem Orchester Pflichten gegenüber dem Rat der Stadt zu erfüllen), sondern verfolgte die Idee, eine eigene Kapelle zu gründen und zu unterhalten, auf die er alleinigen Einfluss hatte.Adreßbuch für Dresden und seine Vororte, 1904 Im April 1871 verpflichtete er Hermann Gustav Mannsfeldt, ein in Dresden lange bekannter Dirigent, ein eigenes Orchester zu bilden. Mannsfeldt, der mit einem Teil seines Orchesters aus Kassel gekommen war, gelang es, durch Abwerbung eines Großteils der Musiker des Stadtmusikchors ein ständiges Orchester mit 56 Musikern zu bilden,Dieter Härtwig: Die Dresdner Philharmonie. Altis, Berlin 1992, ISBN 3-910195 04-0, S. 16. das fortan als Gewerbehaus-Kapelle (öffentlich auch als Mannsfeldt-Kapelle bezeichnet) firmierte.

Diese Chronologie (und die weiteren geschichtlichen Ereignisse) haben die Dresdner Philharmonie veranlasst, ihr eigenes Gründungsdatum auf das Jahr 1870 zu fixieren: Am 18. November 1930 fand erstmals ein repräsentatives „Jubiläums-Konzert“ zu „60 Jahre Orchester Dresdner Philharmonie“ unter Leitung von Fritz Busch im Gewerbehaus statt, womit das Orchester selbst „seine“ Traditionslinie endgültig fixierte.Härtwig, Philharmonie, 1992, S. 64.

Erstes Auslandsgastspiel und Aufschwung des bürgerlichen Konzertlebens in Dresden Unmittelbar nach Dienstantritt von Hermann Mannsfeldt gelang ihm Anfang 1871 ein erster „Coup“: Johann Strauss war in Pawlowsk auf Grund seiner Amerika-Reise vertragsbrüchig geworden und auf der Suche nach Ersatz wurde die Dresdner Gewerbehaus-Kapelle unter Hermann Mannsfeldt für die Sommersaison 1871 in Pawlowsk verpflichtet – und auf Grund ihres Erfolges auch für die Folgesaison 1872.Härtwig, Philharmonie, 1992, S. 19. In der Geschichte der Dresdner Philharmonie ist dies damit das erste „Auslandsgastspiel“, 1879 folgte dann eines in Warschau, 1883 in Amsterdam und weiteren holländischen Städten.

Der ausgeschiedene Puffholdt wiederum musste für seine Kapelle neue Musiker verpflichten, gleichwohl gelang es ihm nicht umfassend, und an frühere Erfolge anzuknüpfen war ihm dadurch verwehrt: 1872 wurde die Stadtkapelle nach insgesamt über 450-jährigem Wirken (einschließlich deren Vorgänger) aufgelöst.Härtwig, Philharmonie, 1992, S. 16.

Mannsfeldt wiederum leistete mit seiner Gewerbehaus-Kapelle, der er 14 Jahre, bis 1885, vorstand, ein immenses Arbeitspensum: Regelmäßig wurden in den Wintermonaten an allen Wochenenden, zusätzlich donnerstags, später zusätzlich auch noch dienstags konzertiert. Sommerferien gab es nicht, hier wurden sommerliche Konzerte im Belverdere, im Großen Garten und weiteren freien Plätzen (heute: „Freiluft-Konzerte“) angesetzt (eine Konzerttradition in Dresden, die erst in den 1990er Jahren zum Erliegen kam). Dazu kamen seit 1876 regelmäßige Konzerte mit dem Dresdner Kreuzchor sowie zusätzliche Oratorien- und Chorkonzerte mit den Dresdner Musikvereinigungen, Benefizkonzerte, Vereinsabende usw. Als Konzertmeister diente u. a. bis 1879 der belgische Violinist Eugène Ysaÿe, der von hier aus seine internationale Karriere starten konnte.Härtwig, Philharmonie, 1992, S. 17–18. Mannsfeldt selbst richtete seine Konzerte zunehmend programmatisch aus, indem er sie in „Abteilungen“ gliederte. Ab 1883 gehörten programmatische „Historische Concerte“ (z. B. „Von Bach bis Wagner“) dazu. Die Beethoven-Pflege und sein Einsatz für Johannes Brahms, Richard Wagner und Anton Rubinstein in „Extra-Concerten“ gehörten genauso zu Mannsfeldts Wirken, wie auch die Einführung von Solokonzerten oder auch – völlig neuartig – „Concerte ohne Tabakrauch“.

In der Spielzeit 1885/1886, nach dem Ausscheiden Mannsfeldts 1885, begründete schließlich der Berliner Hermann Wolff (ohne eine formale Position im Orchester selbst innezuhaben) auch in Dresden seine Idee Philharmonischer Konzerte – womit erstmals philharmonisch im Zusammenhang mit der Gewerbehaus-Kapelle nachweisbar ist.Härtwig, Philharmonie, 1992, S. 20. Für diese Abende wurde die Gewerbehaus-Kapelle auf 70 Musiker vergrößert, sie wurden von Jean Louis Nicodé bis zur Spielzeit 1888/1889 geleitet und waren danach bis 1894 ausgesetzt; von diesen ab 1894 bis 1915 durchgeführten Konzerten führt eine direkte Linie zu den „Außerordentlichen Konzerten“ der Dresdner Philharmonie.Härtwig, Philharmonie, 1992, S. 21, 23.

25 Jahre Gewerbehaus-Orchester unter August Trenkler und Willy Olsen Das Gewerbehaus-Orchester, das nach dem Ausscheiden Mannsfeldts trotz der Bindung an den Gewerbeverein und seinen Saal praktisch auf sich selbst gestellt war, wurde zunächst künstlerisch von den Kapellmeistern Michael Zimmermann in der Saison 1885/1886 und Ernst Stahl von 1886 an bis 1890 geleitet. Spätestens mit dem Ende der philharmonischen Konzerte 1888 war ein künstlerischer Abstieg unüberhörbar, der sich auch in einem starken Rückgang der Besucherzahlen bemerkbar machte. Auch eine beträchtliche Musikerabwanderung war festzustellen.Härtwig, Philharmonie, 1992, S. 29, 30.

Der Gewerbeverein reagierte darauf, indem er seinen Saal ab der Saison 1890/1891 an August Trenkler als „Unternehmer auf eigene Rechnung“ verpachtete. Der in Dresden überaus populäre Militärkapellmeister hatte seine Tüchtigkeit längst unter Beweis gestellt, mit ihm setzte bei dem Gewerbehaus-Orchester vor allem die Tradition volkstümlicher „Unterhaltungskonzerte“ ein, die Trenkler meisterhaft beherrschte. August Trenklers Geschäftssinn garantierte nicht nur den Fortbestand der Kapelle, Besucherschwierigkeiten gab es fortan nicht mehr. Seinen „Tischkonzerten“, bei der auch der Ausschank erlaubt war, wurde dermaßen zugesprochen, dass der Saal häufig wegen Überfüllung geschlossen werden musste, regelmäßig gab es „Konzerte mit Ball“. Das Unternehmen florierte wirtschaftlich besser denn je, die Kapelle und sein Dirigent wurden in zahlreichen sächsischen Städten engagiert und vergrößerten den Wirkungskreis, wie auch die Bekanntheit des Gewerbehaus-Orchesters beträchtlich. Überdies wurden zu den Konzerten vorbildlich ausgestattete Programmhefte ausgegeben. August Trenkler trat auch weiterhin mit „Philharmonischen Konzerten“ auf, wenngleich musikerzieherische Aspekte in den Hintergrund traten, er vergrößerte aber vor allem die Zahl der Solisten, die mit dem Orchester auftraten, beträchtlich.Härtwig, Philharmonie, 1992, S. 31. In der Sommerpause musizierte das Orchester täglich als „Königliches Belvedere-Orchester“ (Trenkler hatte durch seine zahlreichen Verbindungen die Nutzung des Vorsatzes „Königlich“ erhalten).

Als 1903 August Trenkler 67-jährig hochgeehrt in den Ruhestand trat, übernahm der 1900 als Konzertmeister in den Dienst der Gewerbehauskapelle getretene Däne Willy Olsen ebenfalls als „Unternehmer auf eigene Rechnung“ das Orchester. Anders als Trenkler konnte er zwar auf ein Stammpublikum aufbauen, jedoch wurden die immer zahlreicher werdenden Variétes in Dresden sowie die Konkurrenz durch das Medium Film, das als Stummfilm stets auf Begleitmusik (d. h. begleitende Musiker, die großen Häuser unterhielten sukzessive eigene Orchester) zu einer ernsten Problematik für die wirtschaftliche Basis des Gewerbehaus-Orchesters.

Seine Amtsperiode bis 1915 war nach der von Hermann Mannsfeldt die zweite mit einer verstärkten Auslandstätigkeit des Orchesters. Nach einem Gastspiel im Februar 1907 in Prag ging es im April bis Juni 1907 nach Kopenhagen und weitere Städte Skandinaviens. 1909 trat das Gewerbehaus-Orchester wohl als eines der ersten deutschen, wenn nicht überhaupt als erstes deutsches, Orchester unter dem Namen „The Dresden Philharmonic Orchestra“ eine Nordamerika-Tournee per Ozeandampfer und Sonderzug durch die USA und Kanada an und gastierte in 60 Tagen in 30 Städten mit insgesamt 56 Konzerten, u. a. in New York (Carnegie Hall), Toronto, Detroit, Cincinnati, New Orleans, Atlanta und Buffalo, vielfach im Rahmen großer Musikfeste. Trotz der Strapazen (die Tournee wurde auch als „wilde Jagd“ bezeichnet), war der künstlerische Triumph ein großer Lohn für die Mühsal.Härtwig, Philharmonie, 1992, S. 33, 34.

Die enorme positive Wirkung in der Dresdner Presse wurde nur wenige Monate später wesentlich für das Orchester und seinen Bestand: Spätestens ab 1911 wandte sich Olsen an den Rat der Stadt und erbat eine jährliche finanzielle Unterstützung für die Musiker seines Orchesters und wies nach, dass das Jahressalär kaum zur Begleichung der regelmäßigen Ausgaben für die Familien ausreichte, mithin die Musiker gezwungen waren, sich einen Nebenverdienst zu suchen. Olsens Anliegen wurde jedoch akzeptiert, bot er sich und das Orchester als Gegenleistung an, regelmäßig „Volkssinfoniekonzerte“ durchzuführen. Das akzeptierte der Rat und mit dem erstmaligen städtischen Finanzierungsbeitrag in der Geschichte des Orchesters begannen 1912 die „Städtischen Volkssinfoniekonzerte“Härtwig, Philharmonie, 1992, S. 35.