De Waag ist ein Gebäude aus dem 15. Jahrhundert am Nieuwmarkt in Amsterdam. Ursprünglich ein Stadttor und Teil der Stadtmauer von Amsterdam, diente es später unter anderem als städtisches Waaghaus (daher kommt auch der Name) und Zunfthaus, Anatomisches Theater sowie Feuerwache und Museum.

Der Komplex bestand zu Beginn des 16. Jahrhunderts aus einem Vortor mit zwei Türmen auf der Seite des Stadtgrabens sowie einem Haupttor mit vier Türmen auf der Stadtseite. Zwischen Vor- und Haupttor befand sich ein Innenhof, unter dem ein Kanal fließt, die Bijleveld-Schleuse. Das Gebäude ist aus Backstein erbaut und mit Verzierungen aus Kalkstein versehen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde es mehrfach umgebaut und erweitert und ist seit 1970 ein Rijksmonument.Monumentnummer: 3848, Nieuwmarkt 4 1012 CR te Amsterdam, Monumentenregister, Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed (niederländisch). Heute ist das Bauwerk Sitz der De Waag Society.History of the Waag building, Waag Society.

Stadttor Sint Antoniespoort mini|220px|Sint Antoniespoort mit Bijleveld-Schleuse, 1604

mini|Café in De Waag und rechts der Turm mit dem Aufgang zum Theatrum Anatomicum, 2017 mini|Blick auf den Nieuwmarkt und die Waag, der große Turm in der Mitte ist der 1691 aufgestockte Kuppelsaal, Luftaufnahme um 1930 mini|Die Anatomie des Dr. Tulp, Rembrandt, 1632, Mauritshuis mini|Kuppeldecke des Anatomischen Theaters mit den Wappen der Chirurgen, erbaut 1691 mini|Bijleveld-Schleuse, Nordseite Geldersekade, 2020 mini|Bijleveld-Schleuse, Südseite Kloveniersburgwal, Amsterdamer Brücke 495, 2017 mini|hochkant|Maurerturm, 1971 mini|120px|Lukasgilde

Das Gebäude wurde als Stadttor Sint Antoniespoort (wörtlich: St.-Antonius-Pforte) erbaut. 1425 wurde Amsterdam erweitert und die Kanäle Geldersekade und Kloveniersburgwal gegraben. Laut der Bauhistorikerin Jacqueline de Graauw wurde in der Folgezeit wahrscheinlich das Haupttor die Sint Antoniespoort erbaut. Die Sint Antoniespoort wird 1466 urkundlich erwähnt, könnte aber bereits zuvor gebaut worden sein. Die Mauern der beiden Haupttürme sind fast 2 m dick.

Später wurde das Vortor angebaut. Dafür wurde der Stadtgraben mit einem Ziegelbogen überbrückt. So konnten kleine Boote auf dem Stadtkanal unter dem Vorstor durchfahren und auf die andere Seite gelangen. Dieser Durchlass heißt Bijleveld-Schleuse (nl. Bijleveldschesluis). Das Vortor bestand aus einem ummauerten Innenhof über der Schleuse mit zwei Türmen an den Ecken. Im Zuge dieses Umbaus wurde das Haupttor aufgestockt. Auf der Seite des Haupttors, am Maurerturm Ecke Zeedijk und Geldersekade, befindet ein Stein mit der Aufschrift MCCCCLXXXVIII de XXVIII dach in April wart d’eerste steen van dese poert gheleit. (Am 28. April 1488 wurde der erste Stein dieses Tores gelegt.)J. Kruizinga, Gerrit Vermeer (2002): Waag op de Nieuwmarkt, publiziert auf "Eerste Nederlandse Systematisch Ingerichte Encyclopaedie", www.ensie.nl, 22. Juni 2018. Diese Inschrift bezieht sich vermutlich auf das Vortor.

Die Sint Antoniespoort war Teil der mittelalterlichen Stadtmauer, die von einem Graben umgeben war. Diese Stadtmauer wurde in den Jahren 1481–1494 errichtet und bestand aus Wehrtürmen und Stadttoren, die durch eine Stadtmauer verbunden waren. Der Stadtgraben bestand aus mehreren Kanälen, dem heutigen Singel, dem Kloveniersburgwal und der Geldersekade. Von dieser Mauer sind nur in der Kaimauer der Geldersekade noch einige Steine erhalten. Der Schreierstoren ist der einzige erhaltene Wehrturm. Von den Stadttoren ist nur noch die Sint Antoniespoort (heutige De Waag) übrig. Ein Teil der ehemaligen Regulierspoort ist in der heutigen Munttoren erhalten.

Mit der Stadterweiterung um das Lastage-Viertel gegen 1590 verlor die Sint Antoniespoort ihre Bedeutung als Stadttor. Zwischen 1603 und 1613 wurde die Stadtmauer abgerissen. Der heutige Nieuwmarkt entstand 1614 durch Abdeckung des Stadtgrabens auf beiden Seiten der Sint Antoniespoort.The municipal building company, The organization of Public Works in the seventeenth century Dutch Republic, Gea van Essen, These verteidigt am 14. Oktober 2011, Universität Utrecht, PDF

De Waag Im Jahr 1617 wurde das ehemalige Stadttor zur öffentlichen Waage umgenutzt. Eine neue Waage wurde benötigt, weil die alte Waage Waag op de Dam auf dem Dam für die schnell wachsende Stadt zu klein geworden war. In den Jahren 1617–1618 wurde der Innenhof zwischen Vorder- und Haupttor überdacht.

In den oberen Stockwerken des Gebäudes wurden mehrere Zünfte und die Schützenbruderschaft untergebracht, jede mit einem eigenen Eingang durch einen der Türme.Geschiedenis: de Waag, auf waag.org Über den Eingängen sind noch heute die Zunftwappen zu sehen. Der Turm der Malerzunft ist mit dem Heiligen Lukas, dem Schutzpatron der Künstler, geschmückt und liegt hinten links am Haupttor, der Turm hinten rechts am Haupttor war für die Maurer und ist mit Skulpturen von Hendrick de Keyser verziert. Die Schmiede hatten den Eulogius-Turm vorne links am Haupttor, und der Eingang zur Schützenbruderschaft befand sich vorne rechts vom Haupttor. Links vom Vortor ist der Turm der Holzschuhmacher-Zunft.

Theatrum Anatomicum Rechts vom Vortor ist der Turm mit dem Eingang, der zum Anatomischen Theater der Chirurgen- und Barbierzunft führte. Über dem Eingang befindet sich die Inschrift Theatrum Anatomicum. Ein Anatomisches Theater war ein Hörsaal mit tribünenartiger Anordnung der Sitzplätze und freier Sicht auf einen Tisch, auf dem anatomische Untersuchungen stattfanden.Christoph Schweikardt: Anatomisches Theater. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 61. Im Theatrum Anatomicum wurden Leichen seziert, meist die Leichen von hingerichteten Verbrechern, aber auch von Tieren. Zunächst war es das Ziel, die Anatomie besser zu verstehen, zur Weiterentwicklung der Medizin beizutragen und Studenten auszubilden. Später wurden diese Sektionen zu Veranstaltungen, bei denen nicht nur Mediziner oder Studenten, sondern einmal im Jahr auch interessierte Bürger teilnehmen konnten. Für dieses Publikum waren die Plätze weiter oben auf den Amphitheaterbänken zu günstigen Preisen erhältlich. Für ihr Zunfthaus in der Waag gab die Chirurgenzunft bei Rembrandt das berühmte Gemälde Die Anatomie des Dr. Tulp aus dem Jahr 1632 in Auftrag. mini|ohne|Anatomisches Theater, um 1780 Für das Sezieren wurde ein heller, kühler Raum mit guter Belüftung benötigt. Daher stockte die Chrirurgenzunft von 1690 bis 1691 einen großen Saal mit einer Kuppel auf, der von einem achteckigen Turm gekrönt ist. Die treibende Kraft hinter dem Kuppelsaal war der Anatom, Zoologe und Botaniker Frederik Ruysch. Der Kuppelsaal war zum Experimentieren, Beobachten, Lernen und als Hörsaal gedacht. In der Waag wurde bis zum Jahr 1869 Anatomie gelehrt. Die Kuppeldecke ist mit insgesamt 84 Wappen von Mitgliedern der Amsterdamer Chirurgenzunft geschmückt, 36 Wapen sind in drei Reihen in der Kuppel gruppiert, die restlichen 48 Wappen befinden sich auf den Holzpaneelen darunter. Frederik Ruyschs Wappen ist im Zentrum der Kuppel zu sehen. Er war der Vater der Stillleben-Malerinnen Rachel Ruysch und Anna Ruysch.

19. Jahrhundert Während der Republik wurden Hinrichtungen noch vor dem Rathaus am Dam-Platz durchgeführt. Unter König Louis Bonaparte, einem Bruder Napoleons, wurde das Rathaus 1808 jedoch in einen Palast umgewandelt. Aus diesem Grund wurde der Nieuwmarkt zur Hinrichtungsstätte bestimmt. Die ersten Todesurteile mit der Guillotine wurden am 15. Juni 1812 an der Giftmörderin Hester Rebecca Nepping und ihren Komplizen, ihrem Liebhaber Gerrit Verkerk und ihrer Magd Adriana van Rijswijk, vor der Waag vollstreckt.Guillotine voor de Waag, Stadtarchiv AmsterdamDe Guillotine in Amsterdam, Eva Bleeker, Oneindig Noord-Holland, 6. Mai 2015

Die Zünfte wurden um 1800 abgeschafft, im Jahr 1812 die Schützenbruderschaft. 1819 wurde als letztes Gut eine Truhe mit Indigo gewogen und die Waag verlor schließlich auch ihre Funktion als Waage. 1827 entstand der Plan, die Waag abzureißen, um Platz für eine Kathedrale für die Diözese Amsterdam zu schaffen. Der Stadtarchitekt Jan de Greef entwarf eine neoklassizistische Kreuzbasilika mit zwei Türmen als optischen Abschluss des Kloveniersburgwals. Infolge der Abspaltung Belgiens im Jahr 1830 wurden das Vorhaben aufgegeben, und die Waag blieb vom Abriss verschont.Kathedraal op de Nieuwmarkt?, www.onsamsterdam.nl; mei 2003. Zie: T.H.von der Dunk, Een kathedraal voor Amsterdam. De voorgeschiedenis van de Mozes en Aäronkerk aan het Waterlooplein (Zutphen 2003).

Bis zum 19. Jahrhundert gab es in Amsterdam mehrere historische Waagengebäude. Die Waag op de Dam am Dam gegenüber dem Palast wurde jedoch 1808 abgerissen,De Waag die niet won (1561-1808), Maarten Hell, auf onsamsterdam.nl/ die Waage auf dem Westermarkt in der Nähe der Prinsengracht wurde 1857 abgerissenHal Westermarkt, Stadsarchief Amsterdam, 23. April 2019 und die Boterwaag am Botermarkt, dem heutigen Rembrandtplein, wurde 1874 abgerissen.Reguliersplein, auf theobakker.net (PDF; 1,8 MB)

Im 19. Jahrhundert erfüllte die Waag auf dem Nieuwmarkt verschiedene Funktionen. Sie beherbergte unter anderem ein Anatomiemuseum, eine Fechtschule, die Cholera-Kommission, eine Möbelschreinerei und eine Werkstatt für die Straßenbeleuchtung, die damals noch mit Öllampen erfolgte. Von 1874 bis 1888 diente sie als Feuerwache.Restaurant - Café In De Waag (nl) Der Stadtarchitekt Adriaan Willem Weissman baute die Waag für das Stadtarchiv um, das von 1888 bis 1914 in der Waag ansässig war.Doeltreffende schoonheid. Adriaan Willem Weissman en Lizzy Cottage (1901–1904), Coert Peter Krabbe, Jos Smit, Bulletin KNOB 2007, S. 179–2005276: Archief van de Gemeentelijke Archiefdienst, Stadsarchief Amsterdam

20. Jahrhundert Am 2. November 1926 anlässlich des 650. Jahrestags der Stadtgründung von Amsterdam wurde im Gebäude der Stadtwaage das historische Museum Amsterdam eingeweiht., auf www.amsterdammuseum.nl Ab dem Jahr 1932 hatte das Jüdische Historische Museum hier seinen Standort.

Während des Zweiten Weltkriegs standen die Niederlande vom Mai 1940 bis zum Mai 1945 unter deutscher Besatzung. Ab dem Jahr 1941 wurden der Nieuwmarkt mit dem Gebäude der Stadtwaage und die Jodenbuurt („Judenviertel“) von den Nationalsozialisten zum Ghetto erklärt und stetig wachsenden Einschränkungen unterworfen.

Während dieser Zeit mussten die Museen zwangsläufig schließen und wurden erst ab 1955 wieder eröffnet. 1975 zog das historische Museum Amsterdam in die Kalverstraat um, www.amsterdammuseum.nl und 1987 verlegte auch das Jüdische Historische Museum seinen Standort in den Jonas Daniël Meijerplein im Jüdischen Kulturviertel in Amsterdam.

Mitte der 1970er Jahre wurde die Metro Amsterdam durch das Viertel gebaut. Für den Bau der Station Nieuwmarkt wurden Teile des Nieuwmarkt-Viertels abgerissen, was die Nieuwmarktrellen genannten Proteste auslöste. Trotz der Proteste wurde im Dezember 1974 mit dem Abriss der Wohnhäuser begonnen und der Bau der Metrostation Nieuwmarkt begann im Sommer 1975.