Alexandru Sturdza, auch Alexandre Stourdza oder Alexander Sturdza (, wiss. Transliteration ; * in Iași, RumänienGeburtsdatum nach Petri S. 402, Brockhaus Bd. 14 (1868), S. 216, ebenso Brockhaus Bd. 15 (1886), S. 328; † Brockhaus 15 (1886), S. 329 gibt als Todesjahr 1853 an. auf seinem Gut in Manzâr/Bessarabien, heute Lisne, Rajon Tarutyne/Ukraine), war ein russischer Publizist und Diplomat moldauisch-rumänisch-griechischer Herkunft. Viele seiner Schriften veröffentlichte er unter dem französisierten Namen Alexandre Stourdza.Alexandre Stourdza: Mémoire sur l'état de l'Allemagne, 1818 Er hatte auf die Formulierung konservativer Bildungsziele an Schulen und Hochschulen im Russischen Kaiserreich des frühen 19. Jahrhunderts großen Einfluss und gilt als Beispiel für „transnationalen Patriotismus“.Konstantina Zanou: Transnational Patriotism in the Mediterranean, 1800-1850: Stammering the Nation Oxford : OUP 2018. – In La Grèce en 1821 et 1822. Correspondance politique, publiée par un Grec. (Deutsch u.d.T. Griechenland in den Jahren 1821 und 1822. Ein politischer Briefwechsel herausgegeben von einem Griechen) wird er von den Herausgebern sogar als "Grec" oder "Grieche" bezeichnet. Digitalisat Der vielsprachige, zwischen dem Osmanischen Reich, Russland und Westen Europas aufgewachsene Sturdza zählte zu den großen Grenzgängern Südwesteuropas, der wie sein Landsmann Dimitrie Cantemir zwischen den Kulturen vermittelte. mini|Alexander Skarlatovich Sturdza
Herkunft, Jugend, Erziehung Der Sohn von Skarlat Sturdza (1750–1816), Gouverneur von Bessarabien, und Prinzessin Ekaterina Mourousis, Tochter des Gospodars des Fürstentums Moldau, entstammte dem Adelsgeschlecht Sturdza, einer Familie moldauischer Bojaren, des Adels unterhalb von Fürsten und Zaren; zugleich war Alexander Sturdza über die Mutter, eine geborene Griechin,Enzyklopädie des gesamten Erziehungswesens, Bd. 11 (1878), S. 84 Anm. mit den einflussreichen griechischstämmigen Phanarioten-Familien verwandt, die ursprünglich im Phanar-Viertel von Konstantinopel (Istanbul) wohnten, als sprachgewandte Weltbürger bei der Hohen Pforte Übersetzer-, sog. Dragomandienste verrichteten und in den Donaufürstentümern von Moldau und Walachei eine Phase der Phanarioten-Herrschaft begründet hatten. Seine Schwester war die russische Hofdame und Wohltäterin Roxandra Edling (1786–1844), sein Vetter Mihail Sturdza (1794–1884) wurde 1834 zum Fürsten von Moldau gewählt (bis 1849).
Nachdem die Familie 1792 Bessarabien als politisch Kompromittierte aus Furcht vor osmanischen Repressionen verlassen hatte und nach Russland ausgewandert war,Brockhaus 1868 und 1886 wurde Alexander in Deutschland und Russland erzogen. Der Vater (Skarlat) erhielt in Russland den Titel eines Staatsrats.
Mit starkem religiösen Empfinden ausgestattet, erhielt er seine Ausbildung zunächst zu Hause, besuchte dann Vorlesungen an mehreren deutschen Universitäten und lebte längere Zeit in Wien und Florenz. Nach einem Dienst als Offizier bei Prinz Konstantin Mourousis"Moruzi" in der Südosteuropa-Datenbank ließ er sich in Konstantinopel nieder, wo er aber nicht lange lebte, und zog bald nach Russland. In Moskau hatten der gelehrte griechische Bischof Nikephoros Theotokis (1731–1800) und in St. Petersburg Eugenios Voulgaris, mit dem der Vater eng verbunden war, großen Einfluss auf seine Weltanschauung.
Russischer Diplomat und Publizist Im Außenministerium 1809 trat Sturdza in den russischen diplomatischen Dienst, zunächst als Schreiber, ab 1811 als Dragoman (Übersetzer), da er sechs Sprachen beherrschte: Griechisch, Latein, Russisch, Deutsch, Französisch und Moldauisch. Sein in dieser erarbeitetes Projekt zur materiellen Versorgung von Menschen mit Behinderung blieb ohne Erfolg. 1812 nahm er als Sekretär und Übersetzer unter dem Oberbefehlshaber der Donauarmee, Tschitschagow, am Feldzug gegen Napoleon in Litauen teil.Informationen zur Jugend aus Стурдза, Александр Скарлатович in ru.wikipedia.ort
Wiener Kongress (1815) und erste Publikationen Zurückgekehrt nach St. Petersburg nahm Sturdza, besonders qualifiziert durch seine Sprachenkenntnisse, als Sekretär des griechischstämmigen russischen Diplomaten Ioannis Kapodistrias am Wiener Kongress (1814–1815) teil; seine Schwester Roxandra war Hofdame bei Kaiserin Luise und hatte Kapodistrias, mit dem sie einen Briefwechsel unterhielt und mit dem sie seine Griechenlandleidenschaft teilte, Alexander I. gegenüber als Diplomaten für Wien empfohlen. In seinem Gefolge hielt sich Sturdza zunächst in Wien, dann in Paris auf. In seinen Considérations sur la doctrine et sur l'esprit de l'église orthodoxe (1816) bemühte er sich, „die Zweifel an der Reinheit der Dogmen der orientalischen Kirche zu zerstreuen, die einige westeuropäische Christen unter den Orthodoxen zu verbreiten sich bemühten.“Enzyklopädie Erziehungswesen Bd. 11 (1878), S. 11 Anm. Darin versuchte Sturdza, die Grundlagen der Orthodoxie zu skizzieren; Kopien des Buches schickte er mit Interpretationen in griechischer Sprache an die Patriarchen Kyrill VI. von Konstantinopel und Polykarp von Jerusalem. Das Werk, das Propagandazwecke verfolgte, wurde anschließend ins Deutsche und Englische übersetzt und rief Gegenschriften hervor.Anonym [Ekaterina Petrovna Rostoptschina ?]:Rechtfertigung der Katholischen Kirche gegen die Anfälle eines Schriftstellers, der sich orthodox nennt; oder Widerlegung eines Werkes betitelt: Betrachtungen über die Lehre und den Geist der orthodoxen Kirche von Alexander v. Stourdza. Aus d. Frz.en übs. von C. Fleischer. Mit einem Vorwort von Dr. A. Räß und Dr. N. Weis. XX, 496 S. Mainz : Stenz 1824. Digitalisat - Das frz. Original erschien 1822 unter Pseudonym: L' Église catholique justifiée contre les attaques d'un écrivain qui se dit orthodoxe ou réfutation d'un ouvrage intitulé: Considérations sur la doctrine et l'esprit de l'église orthodoxe par Alexandre de Stourdza, à Weimar, 1816, par M... [i.e. Jean Louis de Rozaven de Leisségues]. Lyon. Paris 1822 Dass die Ausweisung des Jesuitenordens aus St. Petersburg im Jahr 1815 auf diese Schrift zurückgehen soll, ist schon aus zeitlichen Gründen nicht möglich.Sturdza, "Sturdza" in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, Bd. 4 (1981) 219–222 Digitalisat. Zu den Hintergründen siehe Georg Schuppener: Die Jesuiten im Bildungswesen Russlands vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. In: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte/Revue suisse d'histoire religieuse et culturelle/Rivista svizzera di storia religiosa e culturale, Bd. 106 (2012) Digitalisat
Im Unterrichts- und Bildungsministerium Als nach der Gründung und Verkündigung der Heiligen Allianz in Russland (1815) im Jahr 1817 das Unterrichts- und Kultusministerium vereinigt wurden, damit „die christliche Frömmigkeit immerdar die Grundlage der Erziehung sein möchte“Enzyklopädie Erziehungswesen Bd. 11 (1878), S. 82 f., wurde Sturdza im März 1818 zum Mitglied einer der vier Abteilungen, der Oberschulverwaltung, berufen und hatte dort im wichtigen „Gelehrten Komitee“ an der Erarbeitung und Zensur von Lehrinhalten und Lehrmitteln, vor allem der alten Sprachen, bald „hervorragenden Anteil“. Die Reform sollte die Spuren des Liberalismus beseitigen, die seit der Charta von 1804 in der ersten Hälfte von Zar Alexanders I. Regierungszeit in der Schulbildung vorgeherrscht hatten; nun wurde der Akzent vermehrt auf religiöse Bildung gelegt, was auch für das Gebiet der Naturwissenschaften galt.
Auf dem von ihm maßgeblich mitentworfenen Programm fußte die Revision der jungen Universität Kasan, wo unter ihrem Kurator, dem ehemaligen Militär Michail Leontjewitsch Magnizki, in den Jahren 1824–1826 zahlreiche Professoren entlassen wurden und auch die Reorganisation der dortigen Schulen in Angriff genommen wurde„Alle Wissenschaften richten sich auf das einzige allgemein heilsame Ziel, das menschliche Wissen auf die Prinzipien der wahren Frömmigkeit und des Glaubens zu gründen. Die Gymnasien zu Kasan, Jrkutsk, Wjatka, Nischninowgorod und Simbirsk folgen der Universität auf dem Fuß; das zu Pensa verspricht dasselbe; so lassen von den zehn Gymnasien des L.-B. schon sechs Gutes von sich hoffen“ (Bericht an den Zaren, 1821, orthographisch modernisiert); in: Enzyklopädie der Erziehungswissenschaft 11 (1878), S. 91, durchaus auch mit positiven Resultaten im pädagogischen Sinn (Verbot von Züchtigungen in Gegenwart der Eltern u. a. m.).
Kongress von Aachen (1818) Der Eklat um seine Mémoires sur l'état actuel de l'Allemagne Schon in der Jugend religiös veranlagt,Enzykl. d. ges. Erziehungswesens, Band 11 (1878), S. 84. setzte sich Sturdza in seinen Schriften zeitlebens für die Festigung und Ausbreitung der Orthodoxie auch in Westeuropa ein, so u. a. mit seinen Considérations sur la doctrine et l'esprit de l'Église orthodoxe (Stuttgart 1816). Vom Zaren mit Geldmitteln ausgestattetSaeculum Band 27 (1976), S. 276., nennt 20.000 Rubel bemühte er sich gar, die katholische Bewegung und die Jesuiten in Russland zum Stehen zu bringen. Sein Mystizismus und seine Bemühungen, die russische und griechische Nation zu einigen, blieben Konstanten in seinem Leben. Bei der Abfassung des Projekts der Heiligen Allianz hat er „dem vom Zaren mit Bleistift niedergeschriebenen Konzept die endgültige Fassung gegeben“ und leistete so bedeutsame Formulierungshilfe.Petri, Stourdza S. 419 und Mihail-Dimitrie Sturdza: "Sturdza". In: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Band 4. Hgg. v. Mathias Bernath und Karl Nehring. München 1981, S. 219–222 Digitalisat Die glänzend formulierte Schrift, mit der der französische König Ludwig XVIII. während der Besatzung seines Landes (1815–1818) unter Androhung der Abdankung jegliche Gebietsabtretung an die Alliierten ablehnte, soll aus Sturdzas Feder stammen,von Paunel, Das Geschwisterpaar. S. 87–88 und Petri, Stourdza. S. 418. ebenso das Antwortschreiben des Zaren an den Papst, als dieser sich weigerte, der Heiligen Allianz beizutreten.Petri, Stourdza. S. 423.