mini|Emmanuel Macron und Wladimir Putin (2017) Die Französisch-russischen Beziehungen wechselten in der Vergangenheit zwischen Bündnissen und Spannungen. Die diplomatischen Kontakte beider Regierungen gehen auf das 17. Jahrhundert zurück. Während der napoleonischen Ära (1799–1815) wollten beide Nationen Mittel- und Osteuropa beherrschen. Napoleon startete 1812 eine groß angelegte Invasion von Russland, die jedoch scheiterte und die russische Vorherrschaft in Osteuropa zur Folge hatte. Russland wollte auch das Osmanische Reich besiegen und Istanbul einnehmen, aber Frankreich und Großbritannien gewannen als Verbündete der Osmanen den Krimkrieg (1854–1856), um dies zu verhindern. In den 1890er Jahren war Frankreich diplomatisch isoliert und schloss ein Bündnis mit Russland. Gemeinsam mit Großbritannien kämpfte diese Allianz im Ersten Weltkrieg (1914–1918) gegen das Deutsche Kaiserreich und die anderen Mittelmächte. Nachdem die Bolschewiki in der russischen Revolution von 1917 die Macht übernommen hatten, unterzeichnete Sowjetrussland 1918 den Vertrag von Brest-Litowsk mit den Mittelmächten und schied aus dem Krieg aus. In den 1930er Jahren schloss Frankreich ein Bündnis mit den Sowjets gegen das wiedererstarkte NS-Deutschland, wurde aber schließlich von Deutschland besetzt. Nach 1945 waren die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten die verbliebenen Supermächte, die sich in einem langen Kalten Krieg (1947–1989) gegenüberstanden. Frankreich unterstützte die Vereinigten Staaten im Rahmen des NATO-Bündnisses gegen den Warschauer Pakt. Ab 1989 waren die Beziehungen zuerst gut, bevor mehrere Probleme die Beziehungen trübten, wie z. B. der Krieg im Donbas (der 2022 zur russischen Invasion in der Ukraine führte) und Russlands zunehmendes Engagement in Westafrika, das sich gegen den dortigen Einfluss Frankreichs richtet.
Geschichte
Frühe Beziehungen Da sich der im 15. und 16. Jahrhundert bildende russische Zentralstaat fast ständig in einer diplomatischen und militärischen Konfrontation mit dem katholischen Polen-Litauen befand, vermieden die katholischen Herrscher Frankreichs lange Zeit die Aufnahme direkter diplomatischer Kontakte mit Moskau. Ein wirkliches Interesse an Russland entstand in Frankreich erst nach der Veröffentlichung des Werks des hugenottischen Söldners Jacques Margeret „Der Zustand des russischen Staates und des Großfürstentums Moskau“ im Jahr 1607, dessen Informationen in der „Geschichte seiner Zeit“ (1620) des berühmten Historikers Jacques Auguste de Thou (1553–1617) verwendet wurden. 1615 schickte der Zar einen Repräsentanten an den Hof von Ludwig XIII., was die Grundlage für die späteren diplomatischen Beziehungen legte. Im Sommer 1668 reiste eine russische Gesandtschaft von Spanien nach Paris. Unter der Leitung des Verwalters Pjotr Potjomkin, der eine Audienz bei Ludwig XIV. und Jean-Baptiste Colbert hatte, erörterte die Gesandtschaft die Aufnahme von für beide Seiten vorteilhaften Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern. mini|Der russische Zar Peter der Große besucht 1717 den jungen König Ludwig XV. von Frankreich Die erste diplomatische Vertretung Russlands in Frankreich entstand 1702 durch ein Dekret Peters I., der aufgrund der Annäherung zwischen England und Schweden an einem Bündnis mit Ludwig XIV. interessiert war. Ein Besuch Peters I. in Frankreich im Jahr 1717 bildete den Ausgangspunkt für die Aufnahme ständiger diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Peter und die Kaiserinnen Elisabeth und Katharina förderten französische Intellektuelle, die nach Russland kamen und dort lehrten. So dominierten französische Künstler nach 1758 die russische Kaiserliche Kunstakademie. Mitte des 18. Jahrhunderts vermittelte Voltaire den Intellektuellen der französischen Aufklärung ein positives Bild, indem er Russland als Land großer Möglichkeiten darstellte, in der ein allmächtiger Staatsmann wie Peter der Große per Dekret eine rationale und aufgeklärte Gesellschaft schaffen könnte. Andererseits zeichneten andere einflussreiche französische Aufklärer, insbesondere Denis Diderot, ein düsteres Bild von Russland, indem sie das Fehlen einer aufklärerischen Tradition oder einer Mittelschicht sowie die historische Neigung zum Despotismus hervorhoben.Peter Lang (2006) Ezequiel Adamovsky, Euro-orientalism: Liberal Ideology and the Image of Russia in France (c. 1740–1880) S. 36, 83
Die französische Diplomatie war besorgt über die Vorherrschaft der Deutschen am Hof der Kaiserin Anna Ioannowna (1730–1740) und förderte aktiv den Palastumsturz von 1741 und die Inthronisierung von Elisabeth von Russland, die seit ihrer Jugend mit Frankreich und König Ludwig XV. sympathisierte, den sie erfolglos zu heiraten versucht hatte. Eine aktive Rolle spielte der Marquis de la Chétardie, der von 1739 bis 1744 als diplomatischer Gesandter am russischen Hof tätig war. Nach den Bemühungen des Kanzlers Alexei Petrowitsch Bestuschew-Rjumin fiel de la Chétardie jedoch in Ungnade, und 1748 schwächte sich der Einfluss der pro-französischen Partei am Hof merklich.
Politisch blieben die Beziehungen im 18. Jahrhundert angespannt, trotz des Einflusses der französischen Kultur und Sprache auf die Hofkultur der russischen Zaren. Frankreich war die dominierende Nation in Westeuropa und Russland in Osteuropa, so dass sich ihre Interessen nur selten überschnitten. Wenn sie in denselben Krieg verwickelt waren, kämpften ihre Truppen selten gemeinsam als Verbündete oder direkt gegeneinander als Feinde auf denselben Schlachtfeldern. Beide spielten als Großmächte immer eine wichtige Rolle im europäischen Gleichgewicht der Kräfte. Frankreich war im Allgemeinen mit Schweden, Polen-Litauen und dem Osmanischen Reich verbündet, in expliziter Opposition zu den österreichischen Habsburgern, aber implizit auch gegen Russland. Zwischen den beiden Ländern gab es keinen direkten Krieg. Im Polnischen Erbfolgekrieg (1733–1738) und im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748) kämpften sie jedoch auf entgegengesetzten Seiten; im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) waren sie Verbündete gegen Preußen.John P. LeDonne (2003), The Grand Strategy of the Russian Empire, 1650–1831 S, 40, 63, 85–92.
19. Jahrhundert
Koalitionskriege mini|Abbildung der Schlacht von Smolensk (1812) Russland und Frankreich waren in den Koalitionskriegen meist verfeindet. Russland kämpfte im Zweiten Koalitionskrieg gegen Frankreich. Als Napoleon Bonaparte 1799 an die Macht kam, blieb Russland feindlich gesinnt und kämpfte in dem Dritten und Vierten Koalitionskrieg, die für Frankreich siegreich verliefen und die französische Macht auf Mitteleuropa ausdehnten. Nach der Niederlage der kaiserlich-russischen Armee in der Schlacht von Friedland trafen sich Napoleon und Zar Alexander I. an Bord eines Kahns auf dem Fluss Memel, um in einer Zeremonie nach dem Vorbild der Verhandlungen der römischen Kaiser einen Separatfrieden auszuhandeln. Obwohl Napoleon und Alexander herzliche persönliche Beziehungen unterhielten, führten der Frieden von Tilsit im Jahr 1807 zu einem instabilen Bündnis. Sowohl Napoleon als auch Alexander wollten den Osten Europas kontrollieren. Napoleon gründete einen polnischen Marionettenstaat – das Herzogtum Warschau –, was Russland verärgerte. Napoleon störte sich daran, dass Russland mit dem Vereinigten Königreich Handel trieb, entgegen seiner Kontinentalsperre. Das Ziel war nicht, Russland zu erobern oder zu absorbieren, sondern den Zaren zu bestrafen und ihn zurück auf Linie zu bringen. Napoleon stellte eine riesige Armee von 600.000 Soldaten aus Frankreich und seinen Verbündeten zusammen, um 1812 in Russland einzumarschieren. Nur ein Zehntel überlebte die Kämpfe und die extreme Kälte. Es war eine spektakuläre Niederlage für Frankreich und ein Wendepunkt in den Koalitionskriegen, der zu einem massiven sechsten Bündnis gegen Napoleon führte, in dem Russland die führende Rolle spielte. Paris fiel, Bonaparte dankte ab und die bourbonischen Könige kehrten 1814 an die Macht zurück. Napoleon kehrte 1815 für kurze 100 Tage zurück, musste aber bei der Schlacht bei Waterloo erneut kapitulieren.
Nach dem Wiener Kongress Auf dem Wiener Kongress von 1814/15 spielte Russland als Anführer der konservativen, antirevolutionären Kräfte eine wichtige diplomatische Rolle. Dies kam den Bourbonen-Königen entgegen, die nach der Restauration erneut Frankreich regierten. Sowohl Russland als auch Frankreich unterstützten den erfolgreichen griechischen Aufstand gegen die osmanische Herrschaft in den Jahren 1821–1831. In Bezug auf die unter osmanischer Herrschaft lebenden christlichen Minderheiten sah sich Russland als Beschützer des orthodoxen Christentums, während sich das restaurierte Königreich Frankreich als Beschützer des Katholizismus verstand.
Russland führte die konservativen Kräfte an, die dazu beitrugen, die Revolutionen von 1848/1849 in ganz Osteuropa niederzuschlagen. In Frankreich hingegen gelang es den Revolutionären, den liberalen Louis-Napoleon Bonaparte an die Macht zu bringen. Bald darauf ließ sich der ehrgeizige Neffe Napoleons zum Kaiser Napoleon III. des Zweiten Kaiserreichs krönen. Die intellektuelle Stimmung in Frankreich fürchtete den russischen Expansionismus, die militärische Stärke und eine angeblich vormoderne asiatische (oder „tatarische“) Kultur Russlands, die als Gegenmodell zur westlichen Aufklärung angesehen wurde. Diese Stimmung förderte die öffentliche Unterstützung für den Krimkrieg, bei dem britische und französische Truppen auf der Halbinsel Krim einmarschierten und Russland 1856 besiegten. mini|Schlacht im Krimkrieg (1855) Nach dem Krimkrieg bemühte sich Napoleon III. um ein freundschaftliches Verhältnis zu Russland, was ihm mit einem im März 1859 unterzeichneten Geheimvertrag auch gelang, der die Neutralität Russlands bei einem französischen Angriff auf Österreich vereinbarte. Laut dem britischen Historiker Alan J. P. Taylor ermöglichte dies die folgende Einigung Italiens. Als jedoch 1863 der Januaraufstand in Kongresspolen ausbrach, sandte das empörte Frankreich eine Reihe von Noten an Russland, in denen es Reformen forderte und das Bündnis von 1859 beendete. In Preußen nahm Otto von Bismarck in Bezug auf Polen und andere Fragen eine freundliche Haltung gegenüber Russland ein und sorgte dafür, dass Russland beim Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 neutral blieb, wie alle anderen Mächte auch.
Russisch-französische Annäherung Die Außenpolitik des kaiserlichen Russlands war im 19. Jahrhundert dem republikanischen Frankreich gegenüber feindlich eingestellt und eher deutschfreundlich. Der Erste und Zweite Dreikaiserbund der 1870er und 1880er Jahre, an dem Deutschland, Österreich und Russland beteiligt waren, verfolgte das Ziel, die monarchische Ordnung in Europa gegen das Frankreich der Dritten Republik zu erhalten. Nach der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 kamen die französischen Eliten zu dem Schluss, dass Frankreich Deutschland niemals allein besiegen könnte und das Reich nur mit Hilfe einer anderen Großmacht zu besiegen sei. Bismarck kam zum selben Schluss und setzte alles daran, Frankreich diplomatisch zu isolieren und war zunächst erfolgreich darin, eine französisch-russische Allianz zu verhindern.