mini|Logo der PSF mini|La Rocque (Fotografie Boissonnas) Die Parti social français (Französische soziale Partei, PSF) war eine rechtskonservative französische politische Partei der Dritten Republik mit nationalistischen Tendenzen, die am 6. Juli 1936 nach der Auflösung des Croix-de-Feu von ihrem Führer, Oberst François de La Rocque, gegründet wurde. Die Partei ging Ende 1941 unter.

Obwohl die PSF keine direkt gewählten Vertreter besaß, war sie die erste Massenpartei der französischen Rechten und eine der mitgliederstärksten Bewegungen in der Geschichte der politischen Parteien Frankreichs. Sie vertrat eine christliche, konservative und patriotische Ideologie und gründete auch Selbsthilfeorganisationen mit sozialen Zielen.

Geschichte

Nach den Verbotsmaßnahmen des Gesetzes vom 10. Januar 1936 über die Kampfgruppen und privaten Milizen, das von Innenminister Roger Salengro als Reaktion auf die Unruhen vom 6. Februar 1934 durchgesetzt wurde, wurden sowohl Croix-de-Feu als auch Mouvement social français (das eigentlich als Nachfolgeorganisation gedacht war) trotz eines Aufschubs durch den Staatsrat am 18. Juni 1936 unter der Volksfrontregierung durch Dekret aufgelöst.

Das Croix-de-Feu war von diesem Gesetz trotz ihres Republikanismus betroffen, der im Gegensatz zu den meisten reaktionären oder faschistischen Ligen der extremen Rechten stand, deren Aktivismus und systematische Opposition gegen den Republikanismus La Rocque verurteilte. Die Fähigkeit der Bewegung, große und organisierte Menschenmengen zu mobilisieren, und ihr soziales Aktionsprogramm, das dem der Volksfront sehr ähnlich war, konnten viele Aktivisten aus der Arbeiterklasse anziehen. Neben dieser politischen Gefahr war es jedoch die Organisationsform, die den Regierenden Sorgen bereitete. Aus der Asche von Croix-de-Feu und Mouvement social français entstand die Parti social français. Diese hielt ihre Gründungsversammlung am 12. Juli 1936 in der Salle Wagram ab, an der u. a. Jean Mermoz und Jean Ybarnégaray teilnahmen.Winock 2006, S. 3–27

Die PSF verzeichnete 1937 bereits 800.000 Mitglieder; 1939 waren es 1,2 Millionen.Thomas 1999, S. 61–83 Die PSF stellte damit die sozialistischen und kommunistischen Parteien deutlich in den Schatten (diese lagen 1936 jeweils bei ungefähr einer Viertel Million Mitglieder).Jackson 1988, S. 219 f. Die PSF erreichte 1938–1939 bei den Kommunalwahlen (die letzten fanden 1935 statt und waren für die Linke günstig verlaufen) 15 % der Stimmen.Nobecourt 1996, S. 646 Diese Aussicht hätte ihr, dem Historiker Jacques Nobécourt zufolge, bei den nächsten Parlamentswahlen (die wegen des Krieges nicht stattfanden) dank des Verhältniswahlrechts etwa 100 Abgeordnete eingebracht. Im Jahr 1939 kandidierten 11 Abgeordnete für die PSF sowie fast 3.000 Bürgermeister, 541 Generalräte und Tausende von Gemeinderäten.Nobécourt, Mitteilung an die Akademie von Rouen, 1998

Die PSF war grundsätzlich als nicht-antisemitische Partei ausgerichtet: „Der Oberst de La Rocque erklärt sich unmissverständlich als Gegner des Antisemitismus und es gelingt ihm im Wesentlichen, seine Partei auf seine Linie zu bringen, mit Ausnahme der Sektionen Algerien und Elsass-Lothringen.“Serge Berstein beim Kolloquium über die PSF. Berstein, Thomas 2016, S. 158 Antisemitische Aktivisten versuchte er, zum Austritt zu bewegen.Wievorka, Schor 1998, S. 186 f.

Sie vertrat die von La Rocque in seinem Traktat „Service Public“ ausgearbeiteten politischen Ziele, darunter den sozialkatholischen Korporatismus, die Einführung eines Mindestlohns und bezahlten Urlaubs, das Frauenwahlrecht und die Reform des parlamentarischen Verfahrens.De la Rocque, Service Public Das Parteiprogramm entwickelte diese Themen weiter, indem es für die „Vereinigung von Kapital und Arbeit“ eintrat, eine traditionelle Plattitüde des französischen Konservatismus, und für die Reform der politischen Institutionen Frankreichs nach dem Vorbild des Präsidenten, um die Stabilität und Autorität des Staates zu stärken.

1937 erwarb die Partei die Tageszeitung Le Petit Journal, die zu dieser Zeit eine Auflage von nahezu 200.000 Exemplaren erreichte und damit zu den reichweitenstärksten französischen Publikationen gehörte.

mini|Weder Faschismus noch Kommunismus (PSF) Der stärkste Konkurrent im rechtsextremen Spektrum für die PSF war Jacques Doriots Parti populaire français (Französische Volkspartei, PPF). Doriot gründete die Freiheitsfront als Sammelbewegung der antikommunistischen Bewegungen. Die PSF trat dieser nicht bei. La Rocque begründete dies mit der Sorge, eine solche Bewegung würde Gegenmaßnahmen der Volksfront herausfordern. Allerdings vermutet der Historiker Robert Soucy, dass La Rocque Angst hatte, die ideologische Nähe der Parteien würde der PSF eher schaden.Soucy 2007, S. 219–236 Ebenso grenzte sich die PSF von der sehr gewalttätigen Cagoule ab; auch, um einem Verbot der Partei zu entgehen.

Ende der 1930er Jahre kam es zu einer Annäherung zwischen der Radikalen Partei und der PSF. Die PSF stimmte im April 1938 für die Nominierung von Édouard Daladier und unterstützte ihn mehr oder weniger bis zum Ende.

Pierre de Léotard, ein PSF-Funktionär und späterer Abgeordneter, berichtete über seine vertraulichen Kontakte zu den kommunistenfeindlichen Radikalen und sprach von „gemeinsamen Aktivitäten der PSF und der Radikalen“.Nobécourt 1996, S. 648 Auch die SFIO-Zeitung Le Populaire schrieb, dass „der Block PSF-Radikale eine alltägliche Realität des politischen Lebens wird“.Nobécourt 1996, S. 1063

Organisation Unter der Leitung ihres Präsidenten, Oberst François de La Rocque, der von einem Exekutivausschuss, einer ständigen Verwaltungskommission und einem politischen Büro unter der Leitung von Edmond Barrachin unterstützt wurde, deckte die PSF das gesamte französische Staatsgebiet mit Ortsgruppen ab, die in Départements- und Regionalverbänden zusammengeschlossen waren.

Die PSF verfügte über zwei wichtige Presseorgane: die interne Zeitung Le Flambeau, die Tageszeitung Le Petit Journal sowie einige regionale Zeitschriften von unterschiedlicher Bedeutung.

In der Abgeordnetenkammer war die Partei ab Dezember 1936 mit einer Fraktion mit bis zu 11 Abgeordneten (1939) vertreten, die an die Stelle einer kurzlebigen interfraktionellen Gruppe von konservativen Parlamentariern trat, die mit der Bewegung sympathisierten.

Die PSF gründete auch eine Frauen- und eine Sozialsektion, die sich vor allem mit den Sozialwerken der Partei befassten.

Sozialwerke Wie alle Massenparteien der 1930er Jahre und entsprechend ihrem Namen, ihrer Ideologie, die teilweise vom sozialen Christentum inspiriert war, und ihrer Parole „la sociale au premier lieu“ (das Soziale zuerst) verfügte die PSF über eine Vielzahl von Organisationen mit sozialen Zielen: Suppenküchen, Volksbildung, Jean Mermoz Aero-Clubs (1937), Ferienkolonien, Sportvorbereitungs- und Erziehungsgesellschaften (SPES), Arbeiter- und Handelspropaganda (POC), Universitätszentren für Studenten usw. Die sozialen Aktivitäten der PSF ermöglichen es ihr, in die Gesellschaft hineinzuwirken, in Konkurrenz zu den linken Parteien soziale Gruppen aus der Arbeiterklasse anzuziehen und im Rahmen einer Partei, die sich als große Familie von Männern, Frauen und Kindern präsentiert, kämpferische Energien zu mobilisieren.Berstein, Thomas 2016

Zweiter Weltkrieg Die Niederlage von 1940 ließ der PSF keine Zeit, ihre Stärke in Wahlergebnisse umzusetzen. Nach dem Ende der politischen Parteien wurde sie in Progrès social français umbenannt und überlebte dank ihres Netzwerks sozialer und zivilgesellschaftlicher Organisationen und den persönlichen Bindungen zwischen ihren Mitgliedern. Obwohl das Motto der PSF „Arbeit, Familie, Vaterland“ von Vichy übernommen wurde, unterstützte die Partei das Regime aufgrund dessen antisemitischen und defätistischen Charakters nicht.

Vichy versuchte immer wieder, die zahlreichen Aktivisten der PSF zurückzugewinnen, indem es insbesondere ihren Führern einige Posten anbot (François de La Rocque im symbolischen und ineffizienten Conseil national (Vichy), Charles Vallin in verschiedenen Ausschüssen, Jean Borotra als Generalkommissar für Erziehung und Sport usw.). La Rocque lehnte jedoch stets jede Unterstützung des Vichy-Regimes durch die PSF ab, insbesondere eine Fusion mit der Légion française des combattantsDie Légion française des combattants war eine Organisation, die vom Vichy-Regime eingerichtet wurde und aus der Fusion aller Veteranenverbände hervorging. Weiterführendes dazu in der französischen Wikipédia unter dem entsprechenden Lemma. (Französische Legion der Kämpfer). Wie in jeder politischen Partei (von den Trotzkisten bis zur Cagoule) reichte auch das Spektrum der PSF-Mitglieder vom Widerstand bis zur Kollaboration.

Die allgemeine Haltung der PSF lässt sich so zusammenfassen: Persönliche Loyalität zu Marschall Pétain. Kritische Unterstützung der Révolution Nationale. So war Jean Ybarnégaray zu Beginn der Vichy-Regierung Minister (er war bereits seit dem 10. Mai 1940 Minister in der Regierung Paul Reynaud). Ablehnung des Antisemitismus (deutsche Polizeiberichte und Antisemiten wie Louis-Ferdinand Céline (in seinem Werk L’École des cadavres) berichten immer wieder von jüdischen Freundschaften und Einflüssen in der PSF). Ablehnung der Kollaboration (im Sinne Maxime Weygands): Der Waffenstillstand vom 22. Juni 1940 sollte der Stärkung Frankreichs dienen, was zu geheimen Widerstandsaktionen parallel zur kritischen Unterstützung von Vichy führte. François de La Rocque verbot den PSF-Mitgliedern den Eintritt in den Service d’ordre légionnaireDer Service d’ordre légionnaire war eine politische und paramilitärische Organisation des Vichy-Regimes während des Zweiten Weltkriegs. Näheres führt dazu die französischsprachige Wikipédia unter dem entsprechenden Lemma aus. (Legionärsordnungsdienst), in die Miliz oder in die Légion des volontaires français contre le bolchévisme (Legion der französischen Freiwilligen gegen den Bolschewismus). Die Weigerung, General de Gaulle in eine dissidentische Position zu folgen.

Die PSF wurde in der besetzten Zone verboten, da die Deutschen ihr vorwarfen, nicht prodeutsch und antisemitisch genug zu sein. François de La Rocque erhielt jedoch einen bescheidenen Posten als Beauftragter im Kabinett Pétain, während Félix Olivier-Martin 1943 Generalsekretär für Jugend und Paul Creyssel Generalsekretär für Propaganda wurden. Ende 1941 existierte die PSF als solche auf der politischen Bühne des besetzten Frankreichs nicht mehr.Paxton 1973, S. 240 f.

François de La Rocque nutzte die PSF als Widerstandsnetzwerk zur Informationsbeschaffung (Klan-NetzwerkDas Réseau Klan (1942–1944) war ein auf Nachrichtendienste spezialisiertes Netzwerk des innerfranzösischen Widerstands, das 1942 von Oberst François de La Rocque innerhalb der Parti social français (PSF) gegründet wurde. Ausführlich dazu unter dem genannten Lemma in der französischsprachigen Wikipédia.), das mit dem britischen Intelligence Service verbunden war. 1943 wurde der PSF-Stab von der Gestapo unter der Leitung des SS-Hauptmanns Hugo GeisslerHugo Wilhelm Geissler, geboren am 25. Februar 1908 in Straßburg und gestorben am 12. Juni 1944 in Murat, war während des Zweiten Weltkriegs ein untergeordneter Offizier der SS im Rang eines Hauptmanns und war auch Kommandeur der Sicherheitspolizei (Sipo) und des Sicherheitsdienstes (SD) in Vichy. Siehe dazu auch den Artikel „Hugo Geissler“ in der französischsprachigen Wikipédia. einer Razzia unterzogen, bei der 152 Personen verhaftet wurden. Ein Teil des Führungspersonals wurde inhaftiert oder deportiert: La Rocque kehrte sehr krank zurück, Noël Ottavi (Vizepräsident) starb in der Deportation.

Neben dem sehr geheimen Klan-Netzwerk (das nur einigen PSF-Führern bekannt war) schlossen sich zahlreiche Mitglieder und Funktionäre der PSF der Résistance an:

Das innerfranzösische Widerstandsnetzwerk Ceux de la Libération bestand zu einem großen Teil aus PSF-Mitgliedern.