Am 8. August 2022 kam der Senegalese Mouhamed Lamine Dramé infolge eines Polizeieinsatzes in der Dortmunder Nordstadt durch Schüsse eines Polizisten ums Leben. Die fünf mit Hinblick auf den Einsatz angeklagten Polizisten wurden erstinstanzlich am Ende eines einjährigen Strafprozesses im Dezember 2024 in allen Anklagepunkten freigesprochen. Die Begründung wurde in der Presse unterschiedlich rezipiert. Zum Teil wurde für die handelnden Beamten Erlaubnistatbestandsirrtum als Urteilsbegründung angegeben. Der Bundesgerichtshof bestätigte die Freisprüche.

Biografie Mouhamed Dramé

Mouhamed Lamine Dramé stammte aus einem Dorf der knapp 50.000 Einwohner umfassenden, landwirtschaftlich geprägten Gemeinde Ndiaffate im Département Kaolack im Senegal. Diese liegt in direkter Nähe zur Großstadt Kaolack und zum Fluss Saloum. Im Alter von zwölf Jahren wurde Dramé von seinem Vater auf eine Koranschule im Nachbarland Guinea-Bissau geschickt. Über Dramés Alter existieren unterschiedliche Angaben. Während er selbst behauptete, 16 Jahre alt zu sein, recherchierte Spiegel TV, dass er „nicht 16, sondern wohl 25 Jahre alt war“.Tod nach Polizeieinsatz: Der Fall Mouhamed Dramé. Spiegel TV vom 14. Oktober 2024, abgerufen am 17. Oktober 2024. Nach eigenen Angaben hatte sich Mouhamed Dramé nach Ende 2019 aus dem Senegal auf den Weg nach Europa begeben, um dort Geld zu verdienen und seine Familie finanziell zu unterstützen. Seine Familie gab im Prozess jedoch an, dass die Abreise erst 2021 erfolgt sei. Zusammen mit einem Freund, der bei Dramés Familie aufwuchs, führte der Weg über Mali und Mauretanien nach Marokko. Ende 2021 fuhr er mit einem Boot von Marokko nach Spanien, wobei sein Begleiter im Mittelmeer unter unbekannten Umständen ertrunken sein soll.

Aus einer Unterkunft für Asylsuchende in Sevilla machte er sich, da es ihm „dort nicht gefallen habe“, mit dem Zug via Paris auf nach Deutschland.Tödliche Staatsgewalt. In: taz.de. 19. August 2022, abgerufen am 1. April 2024. Nach seiner illegalen Einreise im April 2022 machte Dramé mehrere falsche Angaben: So gab er an, malischer Staatsbürger zu sein, dass seine Mutter verstorben sei und er seinen Vater nie getroffen habe. Der angeblich im Mittelmeer ertrunkene Begleiter war laut Dramé sein „einziger jüngerer Bruder“.Landgericht Dortmund, 39 Ks 6/23 Reporter von Spiegel TV und der Welt trafen Dramés Eltern im Senegal, die angaben, zehn Kinder zu haben. Zwei Brüder von Dramé traten im späteren Prozess als Nebenkläger auf.

Zunächst war Dramé in einer Jugendeinrichtung in Worms und Zornheim untergebracht. Von dort war er mehrfach nach Aussage der Jugendamtsleiterin des Rhein-Pfalz-Kreises abgängig. Sein Ziel sei jedes Mal ein BVB-Heimspieltag in Dortmund gewesen, da Fußball und der BVB seine große Leidenschaft gewesen seien.

Schließlich kam Dramé nach Dortmund und war dort ab 1. August 2022 in der katholischen Jugendeinrichtung St. Elisabeth in der Nordstadt untergebracht. Am 6. August brachte man ihn aufgrund einer vermuteten Suizidabsicht in die LWL-Klinik Dortmund -Elisabeth-Klinik-, aus der er auf eigenen Wunsch einen Tag später wieder entlassen wurde. Die behandelnde Ärztin beschrieb ihn als „sehr freundlich und kooperativ“ und erläuterte, dass er keine Suizidabsichten gehabt habe. Ebenfalls zwei Tage vor seinem Tod wurde Dramé laut einem Chatverlauf bedrängt und darauf angesprochen, dass bei seiner Familie im Senegal noch kein Geld aus Deutschland von ihm eingetroffen sei.

Dramé sprach, entgegen anderweitig lautenden ersten Schilderungen, gebrochen Deutsch sowie Französisch und die senegalische Landessprache Wolof.

Polizeieinsatz und Tod Am 8. August 2022 rief der Leiter einer Jugendhilfeeinrichtung in der Dortmunder Nordstadt den Notruf wegen einer Suizidgefährdung des nach eigenen Angaben 16-jährigen Mouhamed Dramé. Als die Polizeibeamten in der Jugendhilfeeinrichtung erschienen, saß Dramé apathisch im Hof und richtete ein Küchenmesser mit einer 20 Zentimeter langen Klinge gegen sich. Dramé lehnte in einer Nische. Zwölf Polizeibeamte waren vor Ort. Nach dem erfolglosen Einsatz von Pfefferspray (RSG8) soll er aufgestanden sein und sich auf die Beamten zubewegt haben, woraufhin zwei Polizeibeamte mit Tasern auf ihn schossen. Fast zeitgleich feuerte ein Polizist sechs Schüsse mit einer Maschinenpistole auf ihn. Getroffen von fünf Schüssen ging Dramé zu Boden. Nach Zeugenaussagen hat ein Beamter den am Boden liegenden reglosen Dramé angebrüllt, dass er liegen bleiben solle. Dann wurden ihm Handschellen angelegt. Ein weiterer Zeuge schilderte, dass der Einsatzleiter später dem am Boden liegenden und vor Schmerzen schreienden Mouhamed Dramé einen leichten Tritt in den Bauch versetzt habe und ihn angesprochen habe.Tod von Mouhamed Dramé in Dortmund Getöteter 16-Jähriger nach Schüssen mit Handschellen gefesselt? Ruhr Nachrichten, 17. Januar 2024 Nach Angaben der Rettungssanitäter, die bereits vor den Schüssen vor Ort waren, war Dramé trotz der Schussverletzungen zunächst stabil und atmete selbständig, lediglich der Blutdruck sei nicht festzustellen gewesen. Im Rettungswagen habe er sich gewehrt und damit die notwendige Behandlung erschwert. Sein Tod wurde erst „rund eineinhalb Stunden später“ im Krankenhaus festgestellt. Im Gegensatz dazu berichtet der untersuchende Gerichtsmediziner vor Gericht, dass das Leben Dramés schon zu diesem Zeitpunkt kaum noch zu retten war. Im Rahmen der Obduktion stellte der Zeuge drei weniger schwerwiegende Verletzungen an den Armen und im Gesicht fest, aber auch schwerwiegende Verletzungen durch Projektile in der Beckenvene und im Lungenflügel, welche zu erheblichen inneren Blutungen führten. Alle Organe von Mouhamed Dramé hätten sich im Schockzustand befunden. Die Schüsse wurden laut Zeuge aus 2–4 Metern Entfernung abgegeben.Mouhamed D. bei Polizeieinsatz erschossen Woran der 16-Jährige wirklich gestorben ist Ruhr Nachrichten, 9. September 2014 Das Geschehen wurde von der Notrufleitstelle aufgezeichnet, da der Leiter der Jugendhilfe während des gesamten Einsatzes mit der Leitstelle telefonierte und der Polizei Fragen zu Dramé beantwortete.Tödliche Polizeischüsse: Prozess gegen Polizisten beginnt - tagesschau.de

Die Bodycams der zwölf eingesetzten Polizisten waren alle ausgeschaltet, was den Vorschriften entspricht; das Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen verweist auf eine Dienstvorschrift, welche das Filmen „höchstpersönlicher Lebenssachverhalte“ (darunter Suizidversuche) nicht gestatte.

Dramés Leichnam wurde auf Kosten der Stadt Dortmund nach Senegal überführt und in seinem Heimatdorf begraben.Erschossener Dramé im Senegal beigesetzt. In: jungewelt.de. 20. August 2022, abgerufen am 4. April 2024.

Ursprüngliche Falschinformation durch die Polizei und Innenministerium

Die Polizei schrieb am selben Abend in einer Pressemitteilung, dass der Geflüchtete die eingesetzten Beamten mit einem Messer bedroht und versucht habe, sie anzugreifen, woraufhin zuerst Pfefferspray und Taser eingesetzt worden seien und nachdem das keine Wirkung gezeigt habe, ein Polizist das Feuer eröffnet habe. Diese ursprüngliche, inzwischen widerlegte Falschdarstellung wurden von vielen Medien übernommen und inzwischen aus dem Pressearchiv der Polizei entfernt.Alles nur Einzelfälle, Mohamed Amjahid, Piper Verlag GmbH, München 2024 (S. 232–236) Auch der Innenminister Herbert Reul gab eine entsprechende Schilderung des Vorfalls dem WDR. So sagte er, dass Mouhamed Dramé immer aufgeregter, angespannter und aggressiver auf die Polizisten zugerannt sei und es in dieser Situation dann nur noch um die Frage gegangen sei, ob Dramé zusteche oder die Polizei schieße. Der leitende Oberstaatsanwalt äußerte am Ende des Prozesses in einem Interview, dass Herr Reul wohl falsch informiert worden sei. Er habe daraufhin allerdings den Behörden klargemacht, dass Ermittlungsergebnisse nur noch von ihm persönlich an die Presse weitergegeben werden.„Hätten sich viel ersparen können“ Wie Oberstaatsanwalt Dombert den Dramé-Prozess sieht Ruhr Nachrichten, 12. Dezember 2024

Situation in der Nordstadt

Die Dortmunder Nordstadt ist ein Drogenkriminalitätsschwerpunkt, weswegen 2016 eine eigene „Ermittlungskommission Nordstadt“ eingeführt wurde. Zudem überwachen Kameras ganze Straßenzüge und die Polizei ist überall präsent. Zum Todeszeitpunkt von Mouhamed Dramé sei die Situation besonders angespannt gewesen, da es kurz zuvor zwei gewaltsame Vorfälle mit der Polizei gegeben habe, bei der diese sich auch rassistisch geäußert habe.viel Rassismus gibt es in der Polizei? Süddeutsche, 17. März 2023Wut, die auch Mut macht Süddeutsche, 19. November 2022Dortmund: Fall Mouhamed erschüttert Vertrauen in die PolizeiWAZ, 19. August 2022Ein Jahr nach den Todesschüssen Hat das Drama um Mouhamed D. (†16) in Dortmund etwas veränder Ruhr Nachrichten, 8. August 2023 Nach dem Tod Dramés initiierte die Dortmunder Polizei einen Dialog mit vielen migrantisch geprägten Organisationen der Zivilgesellschaft,Vertrauen in die Polizei stärken: Intensiver Dialog mit der Zivilgesellschaft PM Polizei Dortmund, 13. Februar 2023 denn der Dortmunder Polizeipräsident Gregor Lange hatte festgestellt, dass die Polizei nicht bei allen Dortmundern ein hohes Vertrauen genieße. Dieser Dialog mündete im Juni 2024 in einer Kooperationsvereinbarung zwischen zivilgesellschaftlichen Gruppen und Polizei.Für mehr Vertrauen: Dortmunder Polizei und Vereine beschließen KooperationWDR, 5. Juni 2024Kooperationsvereinbarung nach dem Tod von Mouhamed DraméNordstadtblogger, 21. Juni 2024

Ein wiederholt kritisierter Aspekt des Falls war, dass die Polizei Recklinghausen die Ermittlungen gegen die Dortmunder Kollegen übernahm, während zeitgleich die Dortmunder Behörde in einem Fall tödlicher Polizeigewalt der Recklinghausener Polizei ermittelte; dieser „Kreuztausch“ weckte Zweifel an der tatsächlichen Unabhängigkeit der polizeiinternen Kontrolle.

Reaktionen mini|Demo Justice for Mouhamed in Dortmund am 19. November 2022

Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen Herbert Reul kündigte an, die Schusswaffengebräuche sowie sämtliche Zwangsmaßnahmen mit Todesfolge der letzten fünf Jahre darauf überprüfen zu lassen, ob sich aus diesen „Anhaltspunkte ergeben, die einen Anpassungsbedarf in der Aus- und Fortbildung nahelegen“. Auch kündigte er an, einen unabhängigen Polizeibeauftragten zu installieren.

Der ehemalige Ministerpräsident Abdoul Mbaye des Senegals schrieb in einem Tweet, dass der Vorfall eine Reaktion der Regierung provozieren müsse.Sénégalais tué en Allemagne : Abdoul Mbaye tacle le gouvernement seneweb, 17. August 2022

Eine Petition mit über 30.000 Unterschriften forderte eine unabhängige Untersuchungskommission zur Aufarbeitung des Polizeieinsatzes.

Vier Tage nach Dramés Tod kamen rund 500 Menschen zur Trauerfeier in den Innenhof der Abu-Bakr-Moschee, darunter der Dortmunder Oberbürgermeister Thomas Westphal (SPD). Nach der Trauerfeier folgte eine Demonstration auf dem Friedensplatz gegen Polizeigewalt und Rassismus. Es gab Rufe „Justice for Mouhamed“.

Der Solidaritätskreis „Justice4Mouhamed“ organisierte in den Monaten nach der Tat zahlreiche Gesprächsrunden für Angehörige, sammelte Spenden für die Familie und koordinierte bundesweite Demonstrationen. Auch Anhänger des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund sowie weiterer Fanszenen in Deutschland forderten in Choreografien und Spruchbändern Gerechtigkeit für Mouhamed Dramé und machten den Fall in deutschen Stadien sichtbar.