Als Weltchronik in Form eines Fliegenwedels werden kunsthandwerkliche Schaustücke bezeichnet, bei denen auf einem Holzstab bis zu 200 beschriebene Pergamentstreifen befestigt sind.Eva Leistenschneider: Fliegenwedel oder Bußgeißel? Zwei Weltchroniken des Ulmer Schreibmeisters David Seltzlin im Museum Ulm. In: Jahrbuch für Buch- und Bibliotheksgeschichte. Band 6, 2021, ISBN 978-3-8253-4868-7, S. 173–179, hier S. 174. Die Streifen sind beidseitig mit Versen beschrieben,Ulrich Müller, Margarete Springeth: Die Weltgeschichte als Geißel? Das 'Flagellum'-Manuskript der British Library, London (Add. 16280). In: André Schnyder, Claudia Bartholemy-Teusch, Barbara Fleith, René Wetzel (Hrsg.): Ist mir getroumet mîn leben? Vom Träumen und vom Anderssein. Festschrift für Karl-Ernst Geith zum 65. Geburtstag (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 632). Kümmerte Verlag, Göppingen 1998, S. 73–88, hier S. 74. die biblische oder geschichtliche Ereignisse schildern. Die Objekte wurden wahrscheinlich an der Wende zum 17. Jahrhundert geschaffen. Sie werden dem Ulmer Schreibmeister David Seltzlin zugeschrieben.Eva Leistenschneider: Fliegenwedel oder Bußgeißel? Zwei Weltchroniken des Ulmer Schreibmeisters David Seltzlin im Museum Ulm. In: Jahrbuch für Buch- und Bibliotheksgeschichte. Band 6, 2021, ISBN 978-3-8253-4868-7, S. 173–179, hier S. 173. Weltweit sind fünf Exemplare dieser Art bekannt,Eva Leistenschneider: Fliegenwedel oder Bußgeißel? Zwei Weltchroniken des Ulmer Schreibmeisters David Seltzlin im Museum Ulm. In: Jahrbuch für Buch- und Bibliotheksgeschichte. Band 6, 2021, ISBN 978-3-8253-4868-7, S. 173–179, hier S. 175. wovon sich zwei im Bestand des Museums Ulm befinden. Die Objekte wurden anscheinend in erster Linie als Kuriosität in einer Kunst- und Wunderkammer ausgestellt, andere Veröffentlichungen legen einen Verwendungszweck als Bußgeißel nahe.Eva Leistenschneider: Fliegenwedel oder Bußgeißel? Zwei Weltchroniken des Ulmer Schreibmeisters David Seltzlin im Museum Ulm. In: Jahrbuch für Buch- und Bibliotheksgeschichte. Band 6, 2021, ISBN 978-3-8253-4868-7, S. 173–179, hier S. 176.

Bekannte Exponate Die Wissenschaft nimmt an, dass der Künstler derartige Weltchroniken in größerer Zahl anfertigte. Neben Objekten für den freien Verkauf ist heute ein signiertes Exemplar für einen bestimmten Auftraggeber bekannt.

Das Museum Ulm hat zwei Fliegenwedel-Weltchroniken in seinem Bestand. Weltweit sind außerdem drei Exemplare bekannt: eines in der British Library in London, eines im New Yorker Morgan Library & Museum und eines im Museum Schloss Ambras Innsbruck. Über die Herkunft des Exponats der British Library ist aus den frühen Katalogeinträgen nichts zu entnehmen.Catalogue of additions to the manuscripts in the British Museum in the years MDCCCXLVI–MDCCCXLVII. British Museum, London 1864, S. 174 (englisch; Digitalisat). Zum Exemplar in New York ist nur ein einzeiliger Provenienzhinweis auf einen Buchhändler bekannt.

Die Provenienz der beiden Fliegenwedel-Chroniken im Museum Ulm lässt sich am besten zurückverfolgen. Einer der beiden Wedel stammt aus der Sammlung des Ulmer Kaufmanns Christoph Weickmann (* 1617; † 1681), der ab 1653 in Ulm ein Kunst- und Naturalienkabinett anlegte.Michael Roth (Hrsg.): Schrift als Bild. Zur Ausstellung „Schrift als Bild“, Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Kulturforum, 29. Oktober 2010 – 23. Januar 2011. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2010, ISBN 978-3-86568-620-6, S. 146 (Katalogeintrag). Das Kabinett enthielt einst bis zu 1000 Exponate, von denen heute noch 80 erhalten sind. 1655 und 1659 inventarisierte Weickmann seine Sammlerstücke in Katalogen, die die Fliegenwedel-Chronik noch nicht enthalten. In einem weiteren Sammlungskatalog, der 1716 – also nach Weickmanns Tod – angelegt wurde, ist die Chronik dann verzeichnet. Forschende vermuten, dass Weickmann die Chroniken selbst erwarb, seine Nachfahren dürften nicht an einer Sammlungserweiterung interessiert gewesen sein.

Die zweite Chronik erstand der 1841 gegründete Verein für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben im Jahr 1856 für seine Sammlung. Eine Inventarliste des Vereins erwähnte im folgenden Jahr, es existierten „mehrere solcher Wedel in der Stadt.“

Beide Sammlungen gingen wenige Jahrzehnte später im neu gegründeten städtischen Kunstgewerbemuseum auf, dem Vorgänger des heutigen Museums Ulm. Im Museumsführer von 1904 sind beide Exemplare fälschlicherweise als Teile der Sammlung Weickmann verzeichnet. Heute lässt sich nicht feststellen, welche der beiden Chroniken aus welcher Sammlung stammten, weil die Beschreibungen in den Inventaren zu unspezifisch sind.

Name Die Bezeichnung „Fliegenwedel-Chroniken“ geht auf Weickmann zurück. Ein Katalog von Weickmanns Sammlung listet 1716 in der Kategorie „Fremde Kunst und curiose Sachen“ folgende Beschreibung auf: „Ein Pergamenten Fliegen Wedel / darauf viele Historien zu lesen und allerhand Farben Buchstaben.“ Auch die Chronik des Kunstvereins wurde ehedem in den Inventurlisten als „Fliegenwedel“ bezeichnet.

Gestaltung Es liegen keine vollständigen Beschreibungen aller Exponate vor. Zwei Wedel wurden genau beschrieben, die anderen drei nur fragmentarisch. Der generelle Aufbau der Stücke ist gleich, doch die verschiedenen Maße und die Anzahl der Pergamentstreifen weichen voneinander ab. Auf einem Stab aus Holz sind auf der Spitze um die 165 bis maximal 200 beschriebene Pergamentstreifen befestigt. Die Form des gedrechselten Holzstabes erinnert an ein Zepter. Der Stab hat in einem Fall eine Länge von 45,8 cm, im anderen Fall von 34,5 cm. Der kürzere Stab ist zudem mit Zierwülsten und Bemalungen verziert. In den Stab wurde eine sich konisch verjüngende Krone eingepasst. In diesem Verbindungsstück sind die Pergamentstreifen eingelassen und durch einen Holzpfropf fixiert. Die Maße der Pergamentstreifen bewegen sich um die 30 cm Länge und unter 1 cm Breite.

Herstellung Auf den Objekten ist kein Herstellungsdatum verzeichnet. Deshalb lässt sich die Zeit der Herstellung nur anhand der jüngsten Daten der beschriebenen Ereignisse ableiten. Die Herstellung der Wedel liegt offensichtlich um die Wende zum 17. Jahrhundert. In der modernen Forschungsliteratur weichen die genannten Jahreszahlen minimal voneinander ab: 1595,Ulrich Müller, Margarete Springeth: Die Weltgeschichte als Geißel? Das 'Flagellum'-Manuskript der British Library, London (Add. 16280). In: André Schnyder, Claudia Bartholemy-Teusch, Barbara Fleith, René Wetzel (Hrsg.): Ist mir getroumet mîn leben? Vom Träumen und vom Anderssein. Festschrift für Karl-Ernst Geith zum 65. Geburtstag (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 632). Kümmerte Verlag, Göppingen 1998, S. 73–88, hier S. 88. 1598 und 1608.

Ebenso verhält es sich mit dem Ort der Herstellung. Auf den Objekten ist auch er nicht genannt, doch aus der Häufigkeit der genannten Regionen und Städte sowie der Sprachform lässt sich die Gegend der Herstellung ableiten. Demzufolge stammen die Chroniken aus dem württembergischen und oberbayerischen Raum, speziell stehen Ulm und Augsburg im Mittelpunkt der Überlegungen.

Künstler Von den heute noch fünf erhaltenen Exemplaren ist jenes in der New York Library als einziges signiert. Auf dem chronologisch jüngsten Streifen mit dem Datum 1608 findet sich diese Angabe zum Hersteller: „Verehrt und gemacht dürch David Seeltzelln teütscher schul Rechen Maister Burger zu Ulm.“ Genannter David Seltzlin oder Seltzel (* 1536/1540; † 1609) war ab 1567 als Schreib- und Rechenmeister sowie als Kartograph in Ulm tätig. Im Jahr 1578 arbeitete Seltzel als Modist (Kunstschreiber) und Rechenmeister in Biberach, kehrte aber spätestens 1588 wieder nach Ulm zurück, wo er dann als Spätwerk die Fliegenwedel-Chroniken verfasste.

Überregionale Bekanntheit erlangte David Seltzlin als Kartograph. Er unternahm das Projekt, alle Kreise des Heiligen Römischen Reiches in einem umfangreichen Kartenwerk neu aufzunehmen. Beenden konnte er davon lediglich die Karten des Schwäbischen und des Fränkischen Kreises, was ihm noch zu Lebzeiten Ruhm einbrachte. Auch heutzutage ist er für seine kartographischen Arbeiten am bekanntesten.

Fachleute sagen, dass alle fünf bekannten Chroniken von derselben Hand geschrieben wurden. Die Texte und ihre Zusammenstellung auf den Pergamentstreifen entsprechen einander teilweise wortgenau. Daher wird angenommen, dass Seltzlin auch der Schreiber der übrigen Objekte war. Als Autor der Verse gilt er hingegen eher nicht, wenngleich noch nicht zu ermitteln war, welche Chronik er als Vorlage verwendete.

Auf dem signierten Werk ist neben dem Autor auch ein Empfänger und eventueller Auftraggeber genannt: Christoph oder Christoff Vöhlen, seinerzeit Ratsherr und Verwalter des städtischen Pflegamtes in Ulm.

Beschriftung mini|Detailansicht der Pergamentstreifen einer Weltchronik in Form eines Fliegenwedels (Museum Ulm) Gestaltung Die Pergamentstreifen der Wedel sind beidseitig beschriftet. Die Verteilung der Farben auf der Vorder- und Rückseite des Pergaments lässt vermuten, dass die Seiten zunächst beidseitig beschrieben und anschließend in Streifen gleicher Länge zerschnitten wurden. Die Beschriftung beginnt an dem Ende des Streifens, an dem er am Handstab befestigt ist.Ulrich Müller, Margarete Springeth: Die Weltgeschichte als Geißel? Das 'Flagellum'-Manuskript der British Library, London (Add. 16280). In: André Schnyder, Claudia Bartholemy-Teusch, Barbara Fleith, René Wetzel (Hrsg.): Ist mir getroumet mîn leben? Vom Träumen und vom Anderssein. Festschrift für Karl-Ernst Geith zum 65. Geburtstag (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 632). Kümmerte Verlag, Göppingen 1998, S. 73–88, hier S. 75. Auf beiden Seiten der Streifen stehen jeweils dreiteilige, einheitlich gereimte Verse. Vorder- und Rückseite wurden mit Tinten verschiedener Farben beschrieben. Ein Ulmer Exemplar weist rote und grüne Tinte auf, das Exemplar der British Library variiert zusätzlich mit brauner Tinte. Auf manchen Streifen ist die Rückseite nachträglich wieder ausgelöscht worden.

Die leicht kursive Frakturschrift ist zum größeren Teil gut lesbar. Einige Stellen sind schwierig zu entziffern und mussten eher erraten werden. Die Buchstaben e, i, r sowie u und v sind oft sehr ähnlich im Aussehen. Groß- und Kleinschreibung am Wortanfang sind häufig nicht eindeutig zu unterscheiden. Die Enden der Verse sind oft durch Schrägstriche markiert.

Jahreszahlen Vor jedem Vers steht eine Raute mit einer Jahreszahl, zu der das im Vers genannte Ereignis stattgefunden hat. Diese Jahreszahlen errechnen sich nach zwei vermeintlichen Begebenheiten: Die Erschaffung der Welt. Dieser Bezug wird als anni ab origine mundi bezeichnet und ist abgekürzt als „A. Mund“ verzeichnet. Die Geburt von Jesus Christus. Dieser Bezug wird als anni Christi gratie bezeichnet und ist abgekürzt als „A. Christ“ verzeichnet. Nach der zugrunde liegenden Zählweise liegt die Geburt Christi im Jahr 3962 nach der Erschaffung der Welt.

Transkription Bis zum Jahr 2021 waren die beiden Ulmer Exemplare und 57 Pergamentstreifen der Londoner Chronik transkribiert. Die letztere stimmt mit nur geringen Abweichungen mit den Ulmer Werken überein. Die Wedel verwenden dieselbe Textvorlage, auch wenn nicht alle Verse übereinstimmen.