mini|Gebäude der ehemaligen Hasenhaarschneiderei Stein in Rüsselsheim In der Hasenhaarschneiderei wurden durch Scheren oder Rupfen von Hasenfellen und Kaninchenfellen, fachsprachlich Kaninfell, sowie eventuell anderen geeigneten Fellarten Haare für Hutfilze und Garne gewonnen.
Allgemein mini|Stellenangebot im Neuen Wiener Tagblatt für „Mädchen und Frauen“ in der Hasenhaarschneiderei (Wiener Bezirksteil Breitensee, 1895) Die Verwertung des Fells des Feldhasen als Scherware war bedeutender als seine Nutzung für Pelzkleidung, auch der Anteil der weniger gut filzenden Schneidekaninchenfelle bei der Kaninfellverwertung ist erheblich. Aus einem mittelgroßen Kaninfell können etwa 40 Gramm Haare gewonnen werden.Klaus Löhle, Ulf. D. Wenzel: Kaninchen und Edelpelztiere. VEB Deutscher Landwirtschaftsverlag, Berlin 1987, S. 120, ISBN 3-331-00154-6.
Aus Hasenhaaren oder Kaninchenhaaren wurden besonders feine Hutfilze und Garne hergestellt. Zusammen mit Baumwolle oder Seide versponnen ergaben sie Fäden, hauptsächlich für Samtgewebe und für die Strumpfwirker.Johann Heinrich Moritz Poppe: Johann Christian Schedels neues und vollständiges Waaren-Lexikon, Erster Teil A bis N, Vierte durchaus verbesserte Auflage. Verlag Carl Ludwig Brede, Offenbach am Mayn 1814, S. 448–449.Meyers Konversations-Lexikon. 1885, S. 8.201. Auch von weiteren, eigentlich der Pelzmode zugeordneten Fellarten wurde das Haar zeitweise für spezielle Filze verwendet. Die besondere Eignung zum Filzen hängt wesentlich davon ab, dass die Haare nicht hart und starr, sondern weich sind sowie eine gewisse Kräuselung aufweisen.
Es lässt sich wohl nicht genau bestimmen, seit wann Filzhüte hergestellt wurden. Die letzten Hinweise auf die vielleicht um 1800 entstandenen Hasenhaarschneidereien verlieren sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1824 wird eine in England eingesetzte erste Haarschneidemaschine erwähnt. Mit der Einführung von Rupf- und Schermaschinen wurde sehr viel weniger Personal für das Trennen der Haare vom Leder benötigt. Immer mehr, zumindest größere Hutfabriken übernahmen diesen Arbeitsschritt selbst. Die Heimarbeiterbetriebe verschwanden ganz. Einen massiven Rückgang der Nachfrage brachte die Veränderung der Mode. Trugen insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch fast alle Männer und viele Frauen immer und fast überall einen Filzhut, schrumpfte diese Zahl seit den 1960er Jahren auf einen Bruchteil. Hutfilze kommen heute aus der allgemeinen Filz- beziehungsweise Hutstoffindustrie, die sich vor allem mit der Herstellung von Filzen aus Schafwolle befasst.
Führend in der DDR war in Guben, von 1961 bis 1990 Wilhelm-Pieck-Stadt Guben genannt, die Hut- und Hutstoffindustrie im VEB Vereinigte Hutwerke Guben. Ein nach der Wende gegründetes Unternehmen erinnert mit einer als „Gubhut“ angebotenen Kopfbedeckung daran.Gubhut. Homepage des Unternehmens, gegründet 14. Juli 2000; abgerufen am 31. März 2024. Hasenhaarhüte, wie beispielsweise der Fedorahut oder Biberfilzhüte (Sumpfbiber?) werden jedoch weiterhin angeboten. Als heute wesentliche Lieferanten von Hutstumpen werden neben anderen die USA, die Tschechische Republik, Polen, Portugal und China genannt.Felt Manufacturing. In: The HatMagazine (englisch); abgerufen am 31. März 2024.
Gewinnung, Geschichte mini|Belegschaft der ehemaligen Rüsselsheimer Hasenhaarschneiderei Schildge (um 1900) mini|Hasenfell mini|Kaninhaar wird verfilzt, in einer englischen Fabrik für Hüte aus Hasen- und Kaninfilz (1940)
Allein in Rüsselsheim bestanden früher vier Hasenhaarschneidereien. Mit 20 Personen lag die Zahl der Mitarbeiter höher als in anderen Handwerksbetrieben. In der Rüsselsheimer Manufaktur Stein arbeiteten 1820 etwa 20 Personen, im Jahr 1860 waren es 51. Die große Beschäftigtenzahl erklärt sich, weil die Haargewinnung hier noch von Hand, nicht mit Maschinen ausgeführt wurde.Informationstafel Manufaktur Hasenhaar-Schneiderei Stein in Rüsselsheim, Foto von 2019.
Ende des Jahres 1898 gab es in Wien 287 Gewerbeinhaber, die Mitglieder der gewerblichen Genossenschaft der Hutmacher und Hasenhaarschneider waren.
In einer Arbeit des amerikanischen Hutmachers John Thomson aus dem Jahr 1868 wird die damalige Praxis der Haarschneiderei beschrieben:
Das verbleibende Leder wurde der Lederindustrie zugeführt, nicht verwendbare Leder wurden, auch in Europa, zu Leim verarbeitet. Weitere, für Hutfilze neben Hasen- und Kaninfellen verwendete Fellarten waren zu der Zeit Biberfelle, Sealfelle (Felle der Pelzrobbe), Bisamfelle, wie es hieß auch eine Sorte der Affenfelle sowie Schafwolle aus Sachsen und Spanien, Kamelhaar und Ziegenhaar. Insbesondere war das Biberhaar gefragt, zur Anfertigung des Kastorhuts (castor = lat. Biber), eines Vorläufers des Zylinders. Für die vom 17. Jahrhundert bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts von Männern und Frauen getragene Kopfbedeckung eignete sich zum Verfilzen am besten die Sorte „Castor gras“, fette Biber. Das waren bereits verarbeitete Felle, die von den Indigenen Nordamerikas schon so lange getragen oder als Bettdecken benutzt waren, dass die Grannenhaare ausgefallen und das Wollhaar völlig verfettet war. Für sie wurden 4 ½ bis 5 Franc für das halbe Kilo bezahlt. Die nächste Qualität war „Castor demi gras“, noch nicht so lange getragene Biberpelze, mit einem Preis von 3 ½ Franc und zuletzt frische Felle mit 2 ½ Franc.Emil Brass: Aus dem Reiche der Pelze, 2. verbesserte Auflage. Verlag der „Neuen Pelzwaren-Zeitung und Kürschner-Zeitung“, Berlin 1925, S. 43, 64. Viel verwendet wurde auch das Unterhaar des Nutriafells, des Pelzes des Sumpfbibers.
In einer Beschreibung der Haarschneiderei aus dem Jahr 1828 wurden die überstehenden, festeren Haare des Hasenfells nicht völlig entfernt, sondern in einem als „Spitzen“ bezeichneten Arbeitsprozess nur bis zur Unterhaarlänge, im Bauch auch mehr, gekürzt. Der weitere Vorgang war ebenfalls äußerst diffizil und unterscheidet sich etwas von späteren Schilderungen:
Im Jahr 1898 wurde dann eine Maschine beschrieben, die das unerwünschte, abgeschnittene oder ausgerupfte Grannenhaar arbeitszeitsparend und ganz, also ohne vorheriges Spitzen, im Luftstrom eines Gebläses separiert.Antionette Prudence Van Hoesen: Scientific Sewing and Garment Cutting. Silver, Burdett & Co., Boston / New York / Chicago 1898; books.google.de
Laut einer Statistik der während einer Epidemie von 1879 in Hessen an Menschenblattern (Pocken) Erkrankten befanden sich einige Kranke im Kreis Groß-Gerau, von denen drei starben. Als mögliche Urheberin wurde eine 18-Jährige vermutet, die in einer Hasenhaarschneiderei arbeitete. Bekannt ist, dass die Ansteckung mit Pocken durch Einatmen von Staub möglich ist, wie zum Beispiel beim Ausschütteln von Kleidung. Das Unternehmen bezog Ware aus Polen und Russland, unter der sich nicht selten getragene Pelze befanden.Beiträge zur Statistik des Großherzogtums Hessen. Grossherzogliche Centralstelle für Landesstatistik. G Jonhaus’sche Hofbuchhandlung, Darmstadt 1887, Band 28, Heft 1, S. 52; books.google.de Eine derart lange Überlebenszeit des außerhalb des Körpers recht langlebigen Pockenvirus ist allerdings eher nicht anzunehmen.
Eine wesentliche Gefährdung der in der Hutindustrie arbeitenden Menschen, auch der Hasenhaarschneider, war die als „Hutmachersyndrom“ bekannt gewordene Erkrankung. Der Engländer Lewis Carroll hat den „Verrückten Hutmacher“ in Alice im Wunderland in Erinnerung gehalten, der mit der Redewendung „verrückt wie ein Hutmacher“ besonders in die englischen Redensarten Aufnahme fand. Die Wendung „mad as a hatter“ geht darauf zurück, dass Hutmacher wegen der bei ihrem Handwerk eingesetzten Materialien oft an den Folgen von Quecksilbervergiftungen litten.
Kelsterbach Im Jahr 2005 erhielten drei Schüler aus Mainz aus der Hand von Bundespräsident Horst Köhler einen von bundesweit fünf ersten Preisen für ihre Arbeit Das geschlossene Fenster. Hasenhaarschneider in Kelsterbach. Der Titel bezieht sich darauf, dass selbst ein kleiner Luftzug die feinen Haare durcheinandergewirbelt hätte. Entsprechend den Recherchen der Schüler kam das Hasenhaarschneiden mit den Hugenotten ins heutige Rhein-Main-Gebiet. Die Nachfrage wurde durch führende Hofbeamte aus dem Rhein-Main-Gebiet belebt, die Interesse an Hüten aus Hasenhaar zeigten. Auch wurde der Nachschub von Biberpelzen durch den 1763 von Frankreich verlorenen Krieg, bei dem die nordamerikanischen Kolonien an die Briten fielen, weitgehend abgebrochen, was die wenigen noch produzierten Biberhaarhüte erheblich verteuerte. Nachdem die örtliche Fayence-Fabrik ihren Betrieb eingestellt hatte, bot sich für die arme Bevölkerung des 1200 Einwohner zählenden Ortes mit der Hasenhaarschneiderei eine neue Erwerbsquelle, die dann fast jeden zweiten Einwohner ernährte.Heike Schmidt: Von Hasenhaarschneidern und anderen vergessenen Berufen. Körber-Stiftung ehrt Teilnehmer des diesjährigen Geschichtswettbewerbs. In: Das Parlament, Oktober 2005, Nr. 43/24; abgerufen am 25. März 2024.
Auf einer Sandbank im Mainbogen von Kelsterbach wuschen Frauen und Kinder die Felle. In Holzrahmen spannten sie die Felle zum Trocknen auf oder breiteten sie auf einer Wiese aus. Nachdem sie gewalkt und aufgeraut waren, wurden sie in einer Lösung aus Salpetersäure und Quecksilber zur Öffnung der Oberflächenstruktur gebeizt. Zeitzeugen konnten noch von dem „unerträglichen Gestank“ berichten, der von der Beizküche in der Kelsterbacher Schulstraße ausging. Die Arbeit muss äußerst gesundheitsschädlich gewesen sein (bei einer Wiener Hasenhaarschneiderei wurde 1895 explizit von „einer sehr gesundheitsschädlichen Arbeit“ gesprochen). Das Gefährlichste war eine schleichende Vergiftung durch Quecksilberdampf. Bereits 1912 schrieb der Arzt und Sozialhygieniker Ludwig Teleky in einer Schrift des Instituts für Gewerbehygiene in Frankfurt am Main, dass sich „[e]rhebliche Gefahren der Quecksilbervergiftung […] auch in der Hasenhaarschneiderei“ zeigten. Es handele sich um eine „Mittelform“ der Quecksilbervergiftung. Erst um das Jahr 1932 wurde eine quecksilberfreie Beize entwickelt. Aber auch ein Teil der beim Scheren oder mit dem Rupfeisen abgetrennten Härchen wurde von den Arbeitern eingeatmet. Die meisten litten daher unter chronischen Brust-, Lungen- und Kehlkopferkrankungen, klagten über verstärkten Speichelfluss und entzündete Augen.
Neben den Haarschneidebetrieben bestanden in Kelsterbach zahlreiche Hausbeizen, von denen jedoch die meisten nicht beizten, sondern sich nur auf das Haarschneiden beschränkten. Das Schneiden der Haare geschah mit speziellen Scheren und Kämmen, von denen sich noch einige im Fundus des Stadtmuseums „Haus zum Löwen“ befinden. Aus den gebeizten Haaren entstand ein Filz, der zum „Hutstumpen“ geformt wurde. Die Isenburgerin Marianne Streb berichtete 2015, dass sie sich noch an die Hasenhaarschneiderei erinnern konnte: „In Isenburg gab es damals zwei Hutstumpenfabriken“. Harald Streb besaß ein Dokument, das den 1842 geborenen Peter Streb und den 1870 geborenen Peter Ignaz Streb als Mitglieder der Zunft der Hasenhaarschneider in Isenburg auswies.
Meyers Konversations-Lexikon von 1905 erwähnte Hasenhaarschneidereien, neben Kelsterbach, auch für Münster (Hessen). Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wandten sich die Haarschneider anderen Berufen zu, die besser bezahlt waren und meist humanere Arbeitsbedingungen boten.
Ober-Roden und Urberach