mini|hochkant=1.6|„Ein Wurm, der Stein frisst“ – der Schamir nach der mittelalterlichen Vorstellung als Wurm (Eberhard Werner Happel, 1707) In der Mischna und Tosefta ist der Schamir ( šāmīr, für „ein Dorn“ oder kollektiv „Dornen“) eine nicht weiter charakterisierte Entität, die die Fähigkeit besitzt, das härteste Material zu spalten sowie Gestein zu brechen. Im Talmud erscheint der Schamir als Lösung für das Problem, den Jerusalemer Tempel gemäß Gottes Wunsch ohne den Einsatz von Eisenwerkzeugen zu errichten. Der Überlieferung nach gelangte Salomon durch den „Steinbrecher“ – den Wiedehopf – an das Geheimnis, wie sich Gestein spalten lässt. Die genaue Natur des Schamir ist nicht zweifelsfrei geklärt: Einige Auslegungen sehen darin ein Kraut, das gelegentlich als SteinbrechAkademie Gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt: Denkschrift der Königlichen Akademie gemeinnütziger Wissenschaften in Erfurt: herausgegeben am Seculartage ihrer Gründung den 19. Juli 1854. Villaret, 1854. S. 91 ff. identifiziert wird, andere vermuten dahinter Wurmblut. Nach Chronikern des Mittelalters sollen die Steine des Jerusalemer Tempels mit einer Substanz bestrichen worden seien, wodurch sie sich spalteten.
Die Erzählung vom Schamir ist eng mit der Geschichte vom „versperrten Nest“ verknüpft. Laut der Folklore soll ein Vogel – oft als oft als Specht oder Wiedehopf beschrieben – ein „Werkzeug“ verwendet haben, um seine Nester in Felsen zu bauen oder seine Jungen zu befreien, wenn der Zugang zum Nest versperrt war. Hellenistische und römische Quellen, darunter die Kyraniden, Trebius Niger, Plinius der Ältere und Claudius Aelianus, ebenso wie der Midrasch Levitikus Rabba, identifizieren dieses „Werkzeug“ als ein Kraut oder den Saft einer Pflanze. Spätere Quellen hingegen sprechen von einem Wurm, von Wurmblut oder einem Gemisch aus Wurmblut und Pflanzensaft. Die Erzählung, dass Vögel mithilfe einer bestimmten Pflanze ihre versperrten Nester wieder öffnen, zirkuliert mindestens seit hellenistischer Zeit und war in lateinischer, hebräischer, griechischer und vermutlich auch arabischer Sprache verbreitet. In den Kyraniden wird berichtet, dass die vom Specht verwendete Pflanze die Fähigkeit besaß, Lehm, Holz und Gestein aufzulösen.Allegra Iafrate: The long life of magical objects: a study in the Solomonic tradition. Pennsylvania State University Press, 2020.
Laut der Bibel scheint der Schamir kein Lebewesen zu sein. Im Talmud wird nirgends angedeutet beim Schamir handle es sich um ein Lebewesen oder Mineral. Die Vorstellung vom Schamir als kleines Lebewesen oder Wurm kam im Mittelalter auf. Der Schamir soll nach den mittelalterlichen Legenden die Fähigkeit gehabt haben, beim „Erblicken“ oder beim „Gleiten über die Oberfläche“ Steine zu entzweien.Marc Michael Epstein: Dreams of Subversion in Medieval Jewish Art and Literature. Pennsylvania State University Press, University Park [PA] 1997, S. 98.
Jakob Reifmann (Historiker der altjüdischen Literatur) erklärt 1861, dass es sich beim Schamir um eine Pflanze handle und beruft sich dabei auf die alttestamentliche Schrift Kohelet und den Midrasch Levitikus Rabba.Moritz Steinschneider: Hebraeische Bibliographie; Blätter für neuere und ältere Literatur des Judenthums; Zugleich eine Ergänzung zu allen Organen des Buchhandels. Band 18. Berlin 1878, S. 59
Die Schamir-Sage ist eng mit der Sage von der Springwurzel verbunden und weist neben der Verbindung zu Steinbrech auch Verbindungen zu Christusdorn auf. Möglicherweise bezieht sich auch die Bezeichnung „Salomonssiegel“ auf die Schamir-Sage.Hoffmann-Krayer, Eduard, Hanns Bächtold-Stäubli (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 8: Silber–Speck. De Gruyter, 1936, S. 460. Stichwort: Weißwurz
Etymologie Schamir taucht in vielen Passagen der Bibel nur in Kombination mit Schajit auf und wird mit Dornen und Disteln (Schamir und Schajit) übersetzt. Das Wort ist ebenso assoziiert oder möglicherweise identisch mit samûr bzw. samurAllegra Iafrate: The long life of magical objects: a study in the Solomonic tradition. Pennsylvania State University Press, 2020., eine Bezeichnung der Araber des Jordantals und Aramäer für Christusdorn (Fam. der Euphorbiaceae). Zudem ist es verwandt mit samar („emporstarren“) auch im Sinne von emporstarrenden Stacheln und Nägeln.Peter Schegg: Biblische Archäologie. Herder, 1887, S. 272
Erwähnung in der Mischna Die älteste rabbinische Quelle, die den Schamir erwähnt ist, die Mischna, die zweimal Bezug auf den Schamir nimmt. Es wird erwähnt, dass er nach der Zerstörung des zweiten Tempels aufhörte zu existieren. Die zweite Erwähnung zählt den Schamir zu den ersten zehn Dingen, die am Vorabend des ersten Sabbats geschaffen wurden. In beiden Erwähnungen wird der Schamir nicht weiter charakterisiert.Allegra Iafrate: The long life of magical objects: a study in the Solomonic tradition. Pennsylvania State University Press, 2020.
Eigenschaften und Aufbewahrung In einer Passage der Tosefta werden die besonderen Eigenschaften des Schamirs im Umgang mit hartem Material sowie seine Aufbewahrung beschrieben: Er soll in Wolle gewickelt und in einer bleiernen Röhre voller Gerstenkleie aufbewahrt worden sein, da man glaubte, dass alles, was er berühre, zerbersten würde. Einige Rabbiner waren überzeugt, dass der Schamir beim Bau des salomonischen Tempels zum Schneiden der Steine verwendet wurde oder sogar unverzichtbar dafür war. Andere wiederum sahen seine Funktion in der Herstellung der Brustplatte (Choschen) des Hohepriesters. Etwa um 500 n. Chr. finden sich dieselben Vorstellungen, die bereits in der Mischna und der Tosefta überliefert wurden, auch im Babylonischen Talmud. Dort heißt es, der Schamir sei so klein wie ein Gerstenkorn.Allegra Iafrate: The long life of magical objects: a study in the Solomonic tradition. Pennsylvania State University Press, 2020.
Anwendung Konstruktion des Jerusalemer Tempels Bau des heiligen Tempels ohne Eisen Nach jüdischer Folklore befahl Gott König Salomon, beim Bau des heiligen Tempels in Jerusalem kein Eisen zu verwenden, da Eisen als Werkzeug des Krieges galt. Während Salomon darüber rätselte, wie der Tempel ohne Eisen errichtet werden könne, verwies ihn der Prophet Nathan auf den Schamir, der Gestein durchschneiden könne. Einer Legende zufolge erhielt Salomon einen Hinweis von einem Albatros, der auf eine Vogelart am nördlichen See aufmerksam machte. Diese Vögel sollen ein besonderes Werkzeug verwenden, um ihre Nester in Felsen zu bauen – den Schamir. Daraufhin beauftragte König Salomon den Anführer seiner Leibwache, Benaiah Jehoiada, den Schamir aufzuspüren und nach Jerusalem zu bringen.Sharon Barcan Elswit: The Jewish Story Finder: A Guide to 668 Tales Listing Subjects and Sources. 2nd ed. McFarland, 2012. S. 65: The Wonderful Shamir.
mini|hochkant=1.0|Der Wiedehopf in A comprehensive dictionary of the Bible (1871) In einer Passage des Babylonischen Talmud wird berichtet, dass Salomon während der Errichtung des Tempels angewiesen wurde, den Schamir zu beschaffen, da er das einzige Mittel sei, um die Steine ohne Eisen zu bearbeiten. Salomon sandte seinen Diener aus, um den Schamir zu finden. Die Teilnehmer der Expedition wussten, dass der Schamir einer bestimmten Vogelart anvertraut worden war. Durch eine List gelang es ihnen, den Schamir in ihre Hände zu bekommen: Sie versperrten dem Vogel den Zugang zu seinem Nest mit einem Stück Glas. Um zu seinen Jungen zu gelangen, war der Vogel gezwungen, den Schamir einzusetzen, um das Glas zu sprengen. Als die Männer auftauchten, erschrak der Vogel und ließ den Schamir fallen. So gelangte Salomon in den Besitz des Werkzeugs, mit dem die Tempelsteine ohne Eisen bearbeitet werden konnten.Allegra Iafrate: The long life of magical objects: a study in the Solomonic tradition. Pennsylvania State University Press, 2020. Das hebräische Wort für den Vogel, der Salomon den Schamir brachte, wurde von chaldäischen Übersetzern sowie von Luther und anderen Hebraisten mit „Nagar tura“ („Berghacker“) wiedergegeben – eine Bezeichnung für den Wiedehopf. Dieser wurde aufgrund der Legende, er könne Felsen spalten, auch „Berghacker“ genannt – in Anlehnung an den „Baumhacker“, eine Bezeichnung für den Specht.Monika Amsler: The Babylonian Talmud and Late Antique Book Culture. Cambridge University Press, 2023. S. 21Akademie Gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt: Denkschrift der Königlichen Akademie gemeinnütziger Wissenschaften in Erfurt: herausgegeben am Seculartage ihrer Gründung den 19. Juli 1854. Villaret, 1854. S. 91 ff. Eine weitere, aus einer talmudischen Überlieferung stammende Bezeichnung für den Wiedehopf ist „Steinbrecher“.Mark Podwal: A Jewish Bestiary: Fabulous Creatures from Hebraic Legend and Lore. Pennsylvania State University Press, 2021, S. 34In der Geschichte der Königin von Saba taucht der ebenso der Wiedehopf auf, als Bote Salomons.
Der Folklorist Eli Yassif sieht in der Geschichte um die Suche nach dem Schamir eine jüdische Variante eines Sagentyps, in dem ein Held – oft der jüngste Sohn des Königs – eine schwierige Aufgabe erfüllen muss, um ein heilendes Kraut oder eine Zauberpflanze zu erlangen. Im Talmud wird diese Aufgabe Benaja übertragen.Eli Yassif: The Hebrew Folktale: History, Genre, Meaning. Indiana University Press (2009), S. 88
Im 1. Buch der Könige heißt es: „Beim Bau des Hauses wurden Steine verwendet, die man schon im Steinbruch fertig behauen hatte; Hämmer, Meißel und sonstige eiserne Werkzeuge waren beim Bau des Hauses nicht zu hören.“ ().Sabine Baring-Gould: Curious myths of the Middle Ages., 1868, Band 2, S. 121 Der Autor des Reinfried von Braunschweig bezeichnet den beim Tempelbau verwendeten Schamir als „krût“ (Kraut).Martin Przybilski: Kulturtransfer zwischen Juden und Christen in der deutschen Literatur des Mittelalters., De Gruyter, 2010, S. 237 Anstatt die Stille auf die bereits im Steinbruch bearbeiteten Steine zurückzuführen, wie es die Bibel tut, erklärt dieser Text, dass die Steine durch das Krauts miteinander verbunden wurden.Wolfgang Achnitz: Sinnkonstituierung im »Reinfried von Braunschweig« und im »Apollonius von Tyrland« Heinrichs von Neustadt. Band. 98. Walter de Gruyter, 2011, S. 180 Rudolf von Ems beschreibt in seiner Weltchronik, dass die Tempelsteine mit einer Mischung aus Wurmblut und dem Saft eines Krauts bestrichen wurden, wodurch sie sich von selbst spalteten. Da er den „Tamur“ (Schamir) hier sowohl mit einem Wurm als auch mit einer Pflanze in Verbindung bringt, ist dem Text eine eindeutige Zuordnung (Tier oder Pflanze) nicht zu entnehmen. Jans der Enikel berichtet in seiner Weltchronik, dass Salomon dazu aufrief, Schamir-Exemplare aufzusuchen und nach Jerusalem zu bringen. Zahlreiche Menschen brachten daraufhin Exemplare, die Salomon zerschneiden ließ, um das Wurmblut in Gefäße abzufüllen. Mit Federn wurde dieses Wurmblut dann auf die Tempelsteine aufgetragen, sodass sie sich spalteten.Martin Przybilski: Kulturtransfer zwischen Juden und Christen in der deutschen Literatur des Mittelalters., De Gruyter, 2010, S. 239 ff. Die Septuaginta überliefert, dass der salomonische Tempel aus unbehauenen Steinen bestand, die sich in ihrem natürlichen Zustand befanden. Salomons besondere Fähigkeit habe darin bestanden, diese unbearbeiteten Steine harmonisch zusammenzufügen. Flavius Josephus berichtet ebenfalls, dass die Steine auf eine harmonische Art ineinanderpassten.Sabine Baring-Gould: Curious myths of the Middle Ages., 1868, Band 2, S. 124
Geschichte des „versperrten Nests“