mini|hochkant|Agnes E. Meyer (1912)
Agnes Elizabeth Meyer (geborene Ernst; * 2. Januar 1887 in New York, NY; † 1. September 1970 in Mount Kisco) war eine amerikanische Journalistin, Verfechterin der Menschenrechte, Mäzenin und Philanthropin. Sie war mit Eugene Meyer verheiratet und Miteigentümerin und Mitherausgeberin der Washington Post. Mit Thomas Mann führte sie einen 18 Jahre währenden Briefwechsel.
Leben Geboren wurde Agnes Elizabeth Ernst als Tochter von Einwanderern aus Norddeutschland. Ihr Vater Friedrich (später: Frederick) H. W. Ernst stammte aus Großgoltern und war Rechtsanwalt, ihre Mutter Luise (später: Lucy) Schmidt stammte aus Lesum. Ihr Großvater Karl Ernst war evangelisch-lutherischer Pfarrer im Königreich Hannover und gehörte dort zeitweilig der Ständeversammlung an. Ihre Eltern lernten sich in den USA kennen. Luise Schmidt, Tochter eines Seemanns und das älteste von sieben Kindern, war in New York zu Besuch gewesen, Friedrich H. W. Ernst überredete sie zum Bleiben. Sie heirateten am 30. Mai 1878 in New York.Vaget (Hrsg.): Einleitung. In: Thomas Mann, Agnes E. Meyer: Briefwechsel 1937–1955. S. 15.
Agnes Elizabeth war das jüngste von vier Kindern und das einzige Mädchen. Die ersten Jahre ihrer Kindheit verbrachte sie in Pelham Heights, damals ein Dorf am nördlichen Stadtrand von New York.Hans Rudolf Vaget (Hrsg.): Einleitung. In: Thomas Mann, Agnes E. Meyer: Briefwechsel 1937–1955. S. Fischer, Frankfurt am Main 1992, S. 5–71, hier S. 10.
Das Verhältnis zum Vater war eng, bis sie herausfand, dass er ein Doppelleben mit Liebschaften führte und über seine Verhältnisse lebte. Seinen Bankrott verzieh sie ihm nicht. Er hatte den Umzug nach New York zur Folge, wo sie die Morris High School besuchte. Besonders gute Leistungen wies sie in Fremdsprachen auf. Ihren Alterskameradinnen war sie voraus, die Schule schloss sie im Alter von 16 Jahren ab.Vaget (Hrsg.): Einleitung. In: Thomas Mann, Agnes E. Meyer: Briefwechsel 1937–1955. S. 16.
Der Vater wünschte, dass die Tochter Sekretärin werden sollte, um bald Geld zu verdienen. Gegen seinen Willen begann sie am Barnard College mit einem Stipendium Mathematik zu studieren, wandte sich aber schnell der Philosophie und Literatur zu. In ihrem letzten Studienjahr studierte sie bei John Dewey, dessen Pragmatismus, Liberalismus und Einsatz für Bildungsreformen sie prägten. Nach ihrem Abschluss 1907 wurde sie die erste Reporterin der New York Morning Sun. Ihr Interesse galt der New Yorker Kunstszene. In einer Ausstellung über japanische Kunst sah Eugene Meyer die junge Journalistin im Februar 1908 zum ersten Mal. Für ihn stand sofort fest, schilderte die Tochter Katharine Graham in ihren Memoiren, dass er die großgewachsene Blondine mit blauen Augen, die sehr selbstsicher wirkte, heiraten werde. Er scheute sich jedoch, sie anzusprechen; den Kontakt vermittelte kurze Zeit später ein Bekannter.Katharine Graham: Die Verlegerin: Wie die Chefin der „Washington Post“ Amerika veränderte. S. 7–8.
1908/1909 verbrachte sie ein Jahr in Paris – auf Vorschlag des Fotografen Edward Steichen, der ihr Mentor geworden war. Von dort unternahm sie Reisen nach Deutschland, Österreich, Italien und England.Vaget (Hrsg.): Einleitung. In: Thomas Mann, Agnes E. Meyer: Briefwechsel 1937–1955. S. 18. Sie schrieb weiter für die Sun und hörte Vorlesungen über Kunstgeschichte an der Sorbonne. In Deutschland besuchte sie Verwandte mütterlicherseits in Lesum und traf sich in Bremen mit Alfred Walter Heymel, den sie aus New York kannte.
In Paris erhielt sie zweimal Besuch von Eugene Meyer, der ihr schon vor ihrem Europaaufenthalt einen Heiratsantrag gemacht hatte. In der französischen Hauptstadt suchte sie die Bekanntschaft bekannter Persönlichkeiten wie Henri Matisse, Gustav Mahler, Rainer Maria Rilke und Auguste Rodin, der sie vergeblich aufforderte, ihm Modell zu sitzen. Als attraktive und für die Zeit ungewöhnlich selbstständige junge Frau hatte sie viele Verehrer. In ihrer Autobiografie schrieb sie, wenn sich jemand nicht Hals über Kopf in sie verliebt habe, sei das Leben für sie langweilig gewesen. Nichts habe ihr ferner gelegen als der Gedanke an eine Ehe.Hans Rudolf Vaget: Die Meyer. In: Thomas Mann, der Amerikaner. S. Fischer. Frankfurt am Main 2011, S. 157–215.
mini|hochkant=1.5|Künstlergruppe in Mount Kisco im Jahr 1912 (von links nach rechts): Paul Haviland, Abraham Walkowitz, Katharine Rhoades, Emily Stieglitz, Agnes Ernst (Mrs. Eugene Meyer), Alfred Stieglitz, J. B. Kerfoot, John Marin
Dennoch heiratete sie bald nach ihrer Rückkehr in die USA im Februar 1910 Eugene Meyer nach lutherischem Ritus. Beide hatten aus der Sicht ihrer Zeitgenossen einen gesellschaftlichen Makel: Agnes Elizabeth war die Tochter eines Bankrotteurs, Eugene war Jude. Er tilgte die Schulden des Vaters, mit ihr konnte er seinen Wunsch nach einer Familie erfüllen und bekam eine gebildete und gesellschaftlich gewandte Partnerin, die sich auf Repräsentation verstand. Sie nannte die Heirat in ihrer Autobiografie ihr größtes Gut, er befand, dass sie ihn oft irritiert, aber nie gelangweilt habe.Hans Rudolf Vaget: Thomas Mann, der Amerikaner, S. 157–215. Durch die Heirat mit einem Juden war sie entgegen eigenen Erwartungen gesellschaftlicher Ausgrenzung ausgesetzt, was sie tief verletzte.Katharina Graham: Die Verlegerin. S. 24–25.
Mit Eugene Meyer hatte sie fünf Kinder, dennoch gab sie ihre journalistische Arbeit nicht auf und beschäftigte sich vor allem mit sozialpolitischen Problemen, insbesondere mit Bildungsreformen. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes brach sie aus der Ehe aus, fuhr mit dem Schiff im Frühjahr 1914 nach Europa, nahm in Frankreich ihr früheres Bohèmeleben wieder auf und reiste auch nach Deutschland. Ein Wiedersehen mit Alfred Walter Heymel veranlasste sie ernüchtert zur Rückkehr, obwohl sie sich durch Ehe und Mutterschaft nicht ausgefüllt fühlte.Hans Rudolf Vaget: Thomas Mann, der Amerikaner, S. 176.
1915 schlugen Agnes E. Meyer, Paul Haviland und Marius de Zayas als Mitarbeiter in Alfred Stieglitz’ Galerie 291, die unzufrieden mit der Entwicklung der Galerie waren, die Gründung eines neuen Fotomagazins vor. Es wurde wie die Galerie 291 betitelt. Um 1918 ließ Eugene Meyer von Charles A. Platt das Landhaus „Seven Springs“ in Mount Kisco erbauen, das seit 1994 zum Besitz von Donald Trump gehört.Eugene Meyer’s Seven Springs Estate, Mount Kisco, New York mit Bild auf flickr.com
1920 erhielten Frauen in den USA das Wahlrecht, im folgenden Jahr begann Agnes E. Meyers politisches Engagement. Ihr Mentor wurde William L. Ward, mit dem sie nach Angaben ihrer Tochter Katharine eine Affäre hatte. Meyer wurde Republikanerin, sie vertrat innerhalb der Partei die liberalen Positionen dieser Zeit. 18 Jahre lang, von 1923 bis 1941, war sie auf Betreiben Wards Vorsitzende der „Recreation Commission“ im Westchester County. Deren Aufgaben waren vielfältig: vom Parkwesen zum Straßenbau bis zum Kulturleben.Vaget (Hrsg.): Einleitung. In: Thomas Mann, Agnes E. Meyer: Briefwechsel 1937–1955. S. 26. Über die Aufgabe der Tätigkeit schrieb sie am 22. Dezember 1941 nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor aus Washington an Thomas Mann: „Ich habe meine Stelle in Winchester Co. resigniert da ich sonst dort leben müsste wegen der wichtigen Preparation für eine mögliche, plötzliche Evacuation of N.Y. Achtzeen Jahre habe ich dort gearbeitet. Es war nicht leicht abzusagen, meine Mitarbeiter zu verlassen.“Hans Rudolf Vaget (Hrsg.), Thomas Mann, Agnes E. Meyer: Briefwechsel 1937–1955. S. Fischer, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-10-048200-X, S. 344.
Ihr stand der Weg ins Repräsentantenhaus offen, doch zog sie es vor, durch andere Gremien Einfluss zu nehmen, etwa ab 1929 als Mitglied im „Library of Congress Trust Fund Board“, das für die Vermögensverwaltung der Nationalbibliothek zuständig ist. Ihre altliberalen Positionen machte sie bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs zur Gegnerin Franklin D. Roosevelts; während des Krieges und in der Nachkriegszeit änderte sie ihre Haltung. Den Ausschuss für unamerikanische Umtriebe lehnte sie strikt ab, Joseph McCarthy hielt sie für einen gefährlichen Demagogen und Psychopathen. 1956 unterstützte sie die Präsidentschaftskandidatur Adlai Stevensons, 1960 John F. Kennedy gegen Richard Nixon. Im selben Jahr machte sie ihren Austritt aus der Republikanischen Partei öffentlich. Sie trat gegen den Rüstungswettlauf der Atommächte ein und forderte, eine internationale Frauenfriedenskonferenz in Genf einzuberufen.Hans Rudolf Vaget: Thomas Mann, der Amerikaner. S. 177–179. mini|hochkant|links|Eugene Meyer (zwischen 1940 und 1946) 1933 ersteigerte ihr Mann Eugene Meyer die vom Vorbesitzer fast in den Ruin gewirtschaftete Washington Post. Agnes E. Meyer wurde Miteigentümerin und später Mitherausgeberin.Vaget (Hrsg.): Einleitung. In: Thomas Mann, Agnes E. Meyer: Briefwechsel 1937–1955. S. 34. Anders als ihr Mann hatte Agnes E. Meyer journalistische Erfahrung, sie war zudem eine gute Schreiberin und Rednerin. Beider Ziel war es, die offiziell unabhängige Zeitung, die noch mehrere Jahre rote Zahlen schrieb, als Instrument gegen Präsident Franklin D. Roosevelts New Deal einzusetzen. Agnes E. Meyer bemühte sich zusammen mit den Ressortleitern, das Niveau und das Ansehen der Zeitung zu heben, indem sie die bestmöglichen Reporter und Autoren an die Zeitung zu binden versuchten, die damals auf dem letzten Platz der fünf Zeitungen der Hauptstadt Washington stand.Hans Rudolf Vaget: Die Meyer. In: Ders.: Thomas Mann, der Amerikaner. S. 161.
Während des Zweiten Weltkriegs berichtete die New York Herald Tribune über Agnes E. Meyers Entdeckung, dass fünf Millionen junge Amerikaner nicht zum Militärdienst zugelassen worden waren, weil sie entweder physische oder Ausbildungsdefizite hatten. Bildung wurde damit als verteidigungswichtig für die USA eingestuft.
mini|Paul Cézanne: Stillleben mit Äpfeln und Pfirsichen (um 1905) aus der Sammlung Meyer Zusammen mit ihrem Mann sammelte Agnes E. Meyer Kunstwerke von Antoine-Louis Barye, Constantin Brâncuși, Paul Cézanne, Charles Despiau, Édouard Manet, Pierre-Auguste Renoir und Auguste Rodin, die sie später der National Gallery of Art in Washington, D.C. stiftete. Der Agnes and Eugene E. Meyer Fund und die Eugene and Agnes E. Meyer Foundation in Washington wirken heute noch.
Familienleben In ihrer Rolle als Mutter von fünf Kindern ging Agnes E. Meyer nicht auf. Die Erziehung überließen sie und ihr Ehemann zumeist Kindermädchen und Gouvernanten, zum Vertrauten der Kinder wurde außerdem der Chauffeur der Familie. Als das Ehepaar Meyer 1917 nach Washington zog, ließ es die Kinder für vier Jahre in New York zurück. Die Kinder waren damals zwei, vier und sechs Jahre alt, Katharine erst wenige Monate. Tochter Ruth wurde 1921 geboren. Die Eltern begründeten das Zurücklassen nach Angaben der Tochter Katharine damit, dass sie nicht absehen konnten, wie lange ihr Aufenthalt dort dauern würde. Als weitere Argumente führten sie an, Washington hätte zu viele Einwohner, oder etwa, dort herrsche eine epidemische Lungenentzündung. Die Kinder besuchten ihre Eltern gelegentlich in Washington, und diese kamen sporadisch nach New York.
Auf die späteren Vorhaltungen ihres Sohns Bill wegen der langen Trennungszeit entgegnete Agnes E. Meyer, sie seien doch alle in der Schule gewesen.Katharine Graham: Die Verlegerin. S. 32–33. Nach der Geburt des zweiten Kindes beklagte sie eine Zerstörung ihrer Persönlichkeit und schrieb später: „Ich wurde eine gewissenhafte, aber kaum eine sehr liebevolle Mutter.“Katharine Graham: Die Verlegerin. S. 28. Von ihren Töchtern erwartete sie, kämpferisch, sportlich und gesellschaftlich erfolgreich zu sein.Katharina Graham: Die Verlegerin. S. 37, S. 57. Gewollt hatte sie ausschließlich Söhne; nach der Geburt von Eugene Meyer III, genannt Bill, gestand sie „das lächerliche Gefühl“ ein, „etwas Besonderes geleistet zu haben“.Katharine Graham: Die Verlegerin. S. 38.