OKeh Records war eines der ersten einflussreichen US-amerikanischen Independent-Labels, das im Jahr 1918 die ersten Schallplatten veröffentlichte. Der Katalog des Labels reflektiert einen wesentlichen Teil der frühen amerikanischen Blues-, Old-Time- und Jazzgeschichte.
Geschichte Gründungsphase Der deutsch-amerikanische Plattenmanager Otto Karl Erich Heinemann (1877–1965), ein Bruder von Henry Heinemann, leitete die US-Niederlassung der deutschen Plattenfirma Odeon Records. Während des Ersten Weltkrieges kam er auf die Idee, selbst eine Plattenfirma ohne deutschen Firmenhintergrund aufzubauen. Nach Gründung der Otto Heinemann Phonograph Corporation im Jahr 1916 nebst Tonstudio und Presswerk in New York City kümmerte er sich um die Akquisition von Künstlern zum Aufbau eines Plattenkatalogs. Dieser sollte ursprünglich Pop-, Tanz- und Vaudeville-Stile enthalten. Auch Platten in Deutsch, Polnisch oder Yiddisch waren geplant. Ralph Peer wurde zunächst als Talentsucher beschäftigt und konnte im März 1918 die ersten Interpreten präsentieren. Ab September 1918 wurde der Labelname OkeH beworben.1919 wurde die Schreibweise in OKeh geändert Hierhinter verbargen sich die Anfangsbuchstaben des Labelinhabers Heinemann. Während die 10 inch-Platten für 75 US-cents im Handel erhältlich waren, kosteten die 12-inch-Versionen US $ 1,25 pro Stück.
1919 erhielt Heinemann erforderliches Kapital durch die deutsche Plattenfirma Carl Lindström AG. Davon wurde im Juni 1923 auch ein Lkw finanziert, der in ein mobiles Aufnahmestudio umfunktioniert wurde und so auch Interpreten vor Ort aufnehmen konnte. 1922 wurde Clarence Williams als musikalischer Direktor eingestellt, um die zahlreicher werdenden „Race-Records“ (so wurde die afro-amerikanische Musik genannt) zu managen; Williams sang aber auch selbst beim Label. Williams galt als der erste afro-amerikanische Plattenmanager bei einem weißen Plattenlabel. Er wurde Nachfolger von Fred Hager, der seit Gründung das Labels als Produzent beschäftigt war.
Erste Platte des Labels war die im April 1918 von der „OKeH Military Band“ aufgenommene amerikanische Nationalhymne Star Spangled Banner (OKeH #1001). Die ersten marktfähigen Platten nach einigen Tests kamen durch die Tenöre Charles Hart und Henry Burr mit When The Boys Come Home / The Trumpeter (#1010) im September 1918 auf den Markt. Auch der hauptamtlich für Victor Records singende Tenor Billy Murray gehörte zum Katalog wie ein halbes Dutzend weiterer Tenöre. Eine der ersten Hitparaden-Notizen für das junge Label schaffte die Band von Patrick Conway, die im Januar 1920 den Titel Tents Of Arabs / Nobody Ever (#4071) aufnahm und damit auf Rang sechs der Pop-Charts vordringen konnte. Wenige Platten später wurde im Mai 1920 Billy Murrays Coverversion des Millionensellers Dardanella als B-Seite von I’ll See You In C-U-B-A veröffentlicht, einer Anspielung auf die beginnende Prohibition.
Erster Millionenseller Als die Sängerin Sophie Tucker am 11. Februar 1920 nicht zum anberaumten Studiotermin erschienen war, sorgte Peers Produktion der Ersatz-Bluessängerin Mamie Smith im Aufnahmetermin am 10. August 1920 mit dem Crazy Blues / It’s Right Here For You für erste Aufmerksamkeit in der Plattenbranche, denn der von Perry Bradford komponierte Song verkaufte im ersten Monat nach Veröffentlichung im September 1920 zunächst 175.000 Exemplare innerhalb weniger Monate und entwickelte sich danach zum ersten Millionenseller des jungen Labels mit 1,5 Millionen Umsatz.A. H. Lawrence, Duke Ellington And His World: A Biography, 2001, S. 19. Smith ebnete hiermit den Weg für schwarze Bluessängerinnen wie etwa Billie Holiday oder Bessie Smith. Im Jahr 1921 wurde Mamie Smith zur meistveröffentlichten Interpretin des Labels, wobei das im Mai 1921 erschienene You Can’t Keep A Good Man Down / Baby, You Made Me Fall for You (#4305) für die Bluessängerin mit einem dritten Platz die beste Hitparaden-Notiz ihrer Karriere und auch des Labels bislang war. Mamies Stil (mit den Jazz Hounds, einer weißen Band) war genau genommen kein echter Blues, sondern eher „Jazzgesang“ oder „Vaudeville-Blues“.Lawrence W. Levine, Black Culture And Black Conciousness: Afro-American Folk Thought From Slavery To Freedom, 1978, S. 225 f.
Weitere Bluesinterpreten Der legendäre afro-amerikanische Pianist und Sänger Fats Waller begann seine Karriere am 21. Oktober 1922 mit der Aufnahme vom Muscle Shoal Blues (#4757) bei OKeh, bevor er ab 1929 bei Victor zum Durchbruch kam. Sophie Tucker erschien dann im Februar 1922 doch noch im OKeh-Plattenstudio, um ihre Single High Brown Blues (#4565) aufzunehmen, die einen sechsten Rang der Charts erreichte. Dann wurde am 5. Januar 1923 mit dem Altmeister und Komponisten des St. Louis Blues, W. C. Handy, zunächst der Louisville Blues eingespielt. Der inzwischen berühmt gewordene Song über die Stadt am Mississippi River folgte am 4. Juni 1923 und wurde im August 1923 (#4896, Platz #11) auf den Markt gebracht. Am 23. Juni 1923 betrat King Olivers Band das Studio, um die erste Platte, den klassischen Dipper Mouth Blues / Where Did You Stay Last Night? (#4918) aufzunehmen, die eine Nummer 9 der Charts erreichte. In jenem Jahr warb OKeh selbstbewusst mit dem Slogan „Die weltbesten Race-Künstler beim weltgrößten Race-Label“.
Im November 1923 erschien unter #8105 mit Someday Sweetheart die erste Platte des legendären Blues-Pianisten Jelly Roll Morton, der aber erst ab 1927 bei Victor berühmt wurde. Die Jazzband von Benny Moten begann hier am 29. November 1924 mit dem Tulsa Blues (#8184), der einflussreiche Bluesgitarrist Lonnie Johnson startete im selben Jahr mit dem Mr. Johnson’s Blues (aufgenommen am 4. November 1925, #8253) seine Karriere. Erste Platten mit eigener Band – und nicht als Mitglied anderer Orchester – machte der legendäre Louis Armstrong bei OKeh. Zusammen mit seiner Begleitband His Hot Five spielte Armstrong am 12. November 1925 den Gut Bucket Blues / Yes! I Am In The Barrel (#8261) ein, veröffentlicht im Dezember 1925. Sein am 26. Februar 1926 aufgenommenes und im März 1926 veröffentlichtes Muskrat Ramble (#8300) erreichte einen achten Rang in der Hitparade. Duke Ellington kam von Victor, bevor er im Jahr 1927 mit Black and Tan Fantasy / What Can A Poor Fella Do (Aufnahmedatum: 3. November 1927, #40955) eine seiner wenigen Singles für OKeh einspielte. Im Februar 1927 erschien Alexander’s Ragtime Band in der Fassung von Miff Mole (26. Januar 1927, #40758), im Oktober 1927 veröffentlichte Bix Beiderbecke sein berühmtes In A Mist (9. September 1927, #40916), das #20 der Charts erreichen konnte. Am 28. Dezember 1928 kommt Mississippi John Hurt ins Studio und präsentiert den Stack O’Lee Blues (Februar 1929, #8654), im April 1934 bringen die Mississippi Sheiks das Original des Blues-Standards Sitting on the Top of the World heraus (aufgenommen am 17. Februar 1930, #8784). Oktober 1934 ist der Erscheinungsmonat des Blue Minor (6. Juli 1935, #41572), der ersten Platte von Schlagzeuger Chick Webbs Band, der zu den gefragtesten Jazzbands der dreißiger Jahre aufsteigen sollte. Big Bill Broonzy bringt im April 1942 sein klassisches I’m Gonna Move to the Outskirts of Town (6. März 1942, #6651) heraus.
Old-Time-Hits
Plattengeschichte schrieb OKeh mit dem wohl ersten auf Platte aufgenommenen Song eines ländlichen Musikers Little Old Log Cabin in the Lane / The Old Hen Cackled, veröffentlicht im Juli 1923. Der Titel war nach überwiegender Meinung der FachweltDavid Hatch / Stephen Millward, From blues to rock, 1987, S. 47 mit weiteren Nachweisen unter Regie von Ralph Peer in einem leerstehenden Lagerhaus in Atlanta am 14. Juni 1923 mit dem mobilen OKeh-Tonstudio als OKeh #4890 mit Fiddlin’ John Carson aufgenommen worden. Bei der gleichen Session in Atlanta nahm Peer auch die Bluesvokalistin Fannie May Goosby auf (Grievous Blues, Okeh 8079).ATL 2067 research Am 7./8. November 1923 nahm Carson – diesmal in New York – You'll Never Miss Your Mother Till She's Gone / Papa's Billy Goat (#4994) auf, das nach der Veröffentlichung im Januar 1924 über eine Million Mal verkauft wurde.Joseph Murrells, Million Selling Records, 1985, S. 18. Carson blieb dem OKeh-Label von allen Interpreten am längsten treu, nämlich bis zum 31. Oktober 1931. Henry Whitter, der im Dezember 1923 sein selbstgeschriebenes Stück The Wreck of the Old ‘97, das von einer Eisenbahntragödie handelt, zusammen mit acht anderen Titeln bei OKeh aufnahm, spielte damit einen Klassiker ein. Der Titel (#40015) drang bis auf Rang 12 der Hitparade vor.
Auch wenn oftmals von Country-Musik gesprochen wird, handelt es sich tatsächlich um Old-Time Music, einen Stil der Folk-Musik, der vornehmlich von der ländlichen Bevölkerung der Appalachen gespielt wurde und als eine Grundlage der heutigen Country-Musik gilt. Mit der Kommerzialisierung dieser von den anderen Plattenlabels vormals ignorierten Musik schuf OKeh eine Basis für die Entwicklung weiterer Genres, wie beispielsweise auch Country. Es muss jedoch auch erwähnt werden, dass OKeh nicht – entgegen weit verbreiteten Annahmen – das erste Label war, das Old-Time Music veröffentlichte. Die Musikindustrie begann bereits mit Columbia Records im Jahr 1916 mit dem Fiddler Don Richardson und seinem „Arkansaw Traveler“. Victor wiederum war mit dem Fiddler Eck Robertson im März 1923 nur um einige Monate OKeh zuvorgekommen.
Das Repertoire in diesem Genre wurde so stark erweitert, dass OKeh im Oktober 1925 begann, hierfür eine eigene Katalogisierung einzuführen, die von der Plattenfirma als „Old-Time Tunes“ bezeichnet.Thomas Turino, Music as Social Life: The Politics of Participation, 2008, S. 163. und im Januar 1928 nochmals ergänzt wurde.Tony Russell / Bob Pinson, Country Music Records: A Discography 1921–1942, 2004, S. 22. Im März 1937 wird mit dem Steel Guitar Chimes / Steel Guitar Blues (#04376) der Country-Mentor Roy Acuff entdeckt, am 25. April 1940 nahm mit dem Steelgitarristen Ted Daffan einer der bedeutendsten Old-Time-Komponisten seine ersten Songs für OKeh auf. Seine erste Single war I'm A Fool To Care / Put Your Little Arms Around Me vom Juni 1940 (#5573), sein größter Hit wurde der Millionenseller Born To Lose / No Letter Today vom Oktober 1943. Bob Wills brachte zwei Nummer-1-Hits heraus, nämlich Smoke On The Water / Hang Your Head In Shame im Februar 1945 und Stars And Stripes On Iwo Jima / You Don't Care What Happens To Me im Mai 1945.
Weitere Hits