mini|St. Wendelin in Schnait Die evangelische Pfarrkirche St. Wendelin steht in Schnait, einem Stadtteil der Großen Kreisstadt Weinstadt im Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenbezirk Schorndorf der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Geschichte Der Ort Schnait wurde erstmals im Jahr 1238 unter dem Namen „Snait“ urkundlich erwähnt. Die Ursprünge der Siedlung liegen vermutlich in einem klösterlichen Wirtschaftshof des Klosters Adelberg. An der Stelle der heutigen Kirche befand sich wahrscheinlich eine romanische Kapelle, deren Turmuntergeschoss – das sogenannte „Läuterhäusle“ – als Turmchor dieser frühen Kapelle gedeutet wird.
Um das Jahr 1500 errichtete die Gemeinde eine neue, spätgotische Kirche. Von diesem Bau sind der Turm, die Sakristei (ehemals Teil des Chorraums) sowie zwei Maßwerkfenster neben dem heutigen Hochaltar erhalten. Der damalige Kirchenbau trug das Patrozinium der Jungfrau Maria („Unserer lieben Frau“) und des heiligen Wendelin. mini|Innenansicht 1929 Mit dem Wachstum der Gemeinde wurde die spätgotische Kirche im Laufe der Jahrhunderte baufällig und zu klein. Dokumente erzählen davon, dass nur die Hälfte der Gemeinde hineinpasste. Erste Pläne für einen Umbau oder Neubau existierten seit 1667. Wegen wiederholter Ernteausfälle – insbesondere durch schlechte Weinherbste – war die Gemeinde lange Zeit nicht in der Lage, das Vorhaben umzusetzen. Erst 1747 wurde der Abriss der alten Kirche durchgeführt und ein Neubau begonnen. An den bestehenden Turm wurde 1748 im Auftrag von Herzog Carl Eugen nach einem Entwurf von Johann Christoph David von Leger ein neues Kirchenschiff in Form einer sogenannten Predigtsaalkirche angebaut – ein Baukonzept, das in der evangelischen Kirchenarchitektur des 18. Jahrhunderts weit verbreitet war. mini|InnenansichtDie neue Kirche besteht aus einem Langhaus und einem 22 Meter hohen Chorturm im Osten, dessen mit einem quer angeordneten Walmdach bedecktes oberstes Geschoss die Turmuhr und den Glockenstuhl mit vier Kirchenglocken enthält. Der rechteckige Grundriss mit umlaufenden Emporen und einer zentralen Ausrichtung auf die Kanzel an der Ostwand reflektiert das reformatorische Prinzip der Vorrangstellung der Predigt. Auf einen separaten Chorraum wurde verzichtet. Altar und Taufstein befinden sich in der Mittelachse vor der Kanzel, wodurch Wortverkündigung und Sakramentenspendung optisch und liturgisch im Zentrum stehen.
Lange Zeit hatte die Kirche noch weitere Emporen, eine wurde 1776 unter der Kirchendecke auf der Westseite eingebaut, eine weitere über der Kanzel und diente als Orgelempore. Beide Emporen wurden 1933 entfernt und durch die heutige Empore ersetzt. So konnte über der Kanzel der Hochaltar angebracht werden. Die Orgel fand auf der (unteren) Westempore ihren neuen Platz.
Ausstattung
Hochaltarretabel Zur besonderen Kirchenausstattung gehört das erhaltene Retabel eines spätgotischen Flügelaltars von 1497, der von der Familie Gaisberg gestiftet wurde. Da die Kirche unter dem Patronizium der Jungfrau Maria und des Heiligen Wendelin stand, sind beide Kirchenpatrone im Altar dargestellt, außerdem Johannes der Täufer und die Heilige Katherina als Namenspatrone der beiden Stifter und damaligen Herren des Ortes, Ulrich von Gaisberg und seine Frau Katharina von Wetzhausen. Die Wappen der Stifter sind, zusammen mit verschiedenen Wengertwerkzeugen und einer Erbärmdegruppe aus Johannes, Maria und Christus, auf der Predella abgebildet. mini|Außenbild der Altarflügel mit Darstellung der Verkündigung der Geburt Jesu an Maria durch den Erzengel Gabriel Der Altar zeigte bei geschlossenen Flügeln die Verkündigung der Geburt Jesu . Vorbild für die Darstellung war ein Kupferstich des Colmarer Malers Martin Schongauer von 1480. mini|Flügelaltar von 1497Im geöffneten Zustand zeigte der linke Flügel die Geburt Christi im Stall in Bethlehem ; dieses Bild hatte ebenfalls einen Kupferstich Martin Schongauers zum Vorbild. Der rechte Flügel zeigt in derselben Kulisse, jedoch spiegelverkehrt, die Anbetung der Weisen aus dem Morgenland . Die drei Weisen sind als ein Europäer, ein Afrikaner und ein Asiate (als Vertreter der damals bekannten Erdteile) dargestellt.
Im Altarschrein stehen fünf Figuren, deren Namen im Sockel angegeben sind (von links nach rechts): Johannes der Täufer, Hl. Katherina, Maria mit dem Jesuskind, Hl. Barbara, Hl. Wendelin. Maria ist als Mondsichelmadonna dargestellt. Katharina bekommt vom Jesuskind einen Ring an den Finger gesteckt, dieser Ring ist jedoch im Laufe der Zeit verloren gegangen.
Der Künstler ist unbekannt, wird jedoch der Ulmer Schule zugerechnet.
Das Altarretabel überstand den reformatorischen Bildersturm des 16. Jahrhunderts und wird dann erstmals 1841 wieder von Christoph Friedrich von Stälin erwähnt. Zu dieser Zeit wurden die Flügel als Brüstungswände des Kanzelaufgangs genutzt. 1846 wurden die beiden Flügel restauriert und aufgrund eines Holzwurmbefalls auseinandergesägt, sodass aus den zwei Flügeln mit Vorder- und Rückseite vier einzelne Bilder wurden. Die vier Bilder wurden einzeln an der Wand aufgehängt. 1897 wollte man wie in Stetten das Hochaltarretabel verkaufen, der Verkauf wurde jedoch verhindert. 1898 wurden die Flügel restauriert und wieder zusammengefügt, jedoch in verkehrter Ordnung, die Flügelinnenseiten zeigten nun nach außen, da man die Geburtsszenen als für eine evangelische Kirche besser geeignet hielt als die "katholische" Mariendarstellung. 1933 trennte man die Flügelbilder schließlich wieder, sodass der Altar dauerhaft geöffnet bleiben kann, und hängte die Bilder der ursprünglichen Außenseite mit der Verkündigung der Geburt Jesu an der Wand auf der Nordempore auf.
Ein weiterer Altar, der die Krönung Mariens darstellte, wurde 1863 an die Königliche Staatssammlung Vaterländischer Altertümer verkauft, da man die Marienkrönungsdarstellung als in einer evangelischen Kirche nicht passend empfand. Dieser Altar gehört zum Bestand des Württembergischen Landesmuseums und steht heute im Reutlinger Heimatmuseum. Von einem ursprünglich ebenfalls vorhandenen dritten Altar haben sich keine Spuren erhalten.
Bilder Die 45 Emporen- und 5 Kanzelbilder wurden 1761 von dem Steinhauer und Flachmaler Josef Wagner aus Alfdorf gemalt und zeigen Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. Beim Umbau der Emporen im Jahr 1933 wurde die Anordnung verändert und entspricht nun nicht mehr der biblischen Chronologie. Dabei gingen auch mehrere Einzelbilder verloren. mini|Emporenbilder von Josef Wagner (1761)Die Szenen der Emporenbilder im Einzelnen:
Adam im Paradies Der Sündenfall Die Austreibung aus dem Paradies Kains Brudermord Gemalt nach einer Vorlage von Christoph Weigel dem Älteren. Die Sintflut Noahs Opfer Gottes Engel bei Abraham . Gemalt nach einer Vorlage von Christoph Weigel dem Älteren. Josef wird von seinen Brüdern verkauft Josef deutet die Träume des Pharao Josef wird der zweite Mann Ägyptens . Gemalt nach einer Vorlage von Christoph Weigel dem Älteren. Ankündigung der Geburt Jesu Jesu Darstellung im Tempel . Gemalt nach einer Vorlage von Christoph Weigel dem Älteren. Flucht nach Ägypten . Gemalt nach einer Vorlage von Christoph Weigel dem Älteren. Kindermord des Herodes Der zwölfjährige Jesus im Tempel . Gemalt nach einer Vorlage von Christoph Weigel dem Älteren. Taufe Jesu . Gemalt nach einer Vorlage von Christoph Weigel dem Älteren. Die Sturmstillung . Gemalt nach einer Vorlage von Christoph Weigel dem Älteren. Der Fischfang des Petrus . Gemalt nach einer Vorlage von Christoph Weigel dem Älteren. Die Berufung des Zöllners Levi . Gemalt nach einer Vorlage von Christoph Weigel dem Älteren. Die Enthauptung Johannes des Täufers Das Gleichnis vom verlorenen Sohn Der reiche Jüngling Jesus und die Samariterin Jesus und Nikodemus Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen Das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden Das Gleichnis von den bösen Weingärtnern Jesu Einzug in Jerusalem Das Abendmahl Jesus im Garten Gethsemane Jesu Gefangennahme Jesus vor dem Hohenpriester Jesus vor Pilatus Jesu Geißelung Jesu Kreuzigung Jesu Grablegung Jesu Auferstehung Jesu Himmelfahrt Tempeleinweihung Salomos Jakob segnet Ephraim und Manasse . Gemalt nach einer Vorlage von Christoph Weigel dem Älteren. Untergang der Ägypter im Roten Meer Auszug aus Ägypten Josef gibt sich seinen Brüdern zu erkennen Gemalt nach einer Vorlage von Christoph Weigel dem Älteren. Mose am brennenden Dornbusch Mose wird von Pharaos Tochter gefunden
Die fünf Kanzelbilder zeigen den lehrenden Christus und die vier Evangelisten mit ihren Symbolen.
Orgel mini|Orgel Die heutige Orgel wurde 1862 von dem Heilbronner Orgelbauer Karl Schäfer mit einem Manual und 14 Registern erbaut. Im Rahmen der Kirchenrenovierung 1983/84 wurde sie von der Orgelbaufirma Reinhart Tzschöckel grundlegend umgebaut und auf zwei Manuale mit 20 Registern erweitert. 2009 wurde sie durch die Orgelbaufirma Mühleisen gereinigt und restauriert.
Glocken Das Geläut besteht aus drei Nachkriegsglocken, 1950 gegossen von der Firma Heinrich Kurtz in Stuttgart, und einer historischen Glocke aus dem Jahr 1521, auf der keine Signatur vorhanden ist. Anhand der Inschrift wird sie einem Gießer aus dem Umfeld der Biberacher Gießhütte zugeschrieben, namentlich Martin Kisling, der ein Jahr zuvor die beiden großen Glocken für die Stuttgarter Stiftskirche goss, da die Ähnlichkeit zu den Stuttgarter Glocken recht deutlich ist. Die Inschrift ist in Minuskeln abgefasst. Auf der Flanke befindet sich eine Darstellung des Heiligen Wendelin. +Glocken von St. WendelinA. Schahl, S. 1379.Glocke Name GlockengießerGussort Schlagton Gewicht GussjahrDurchmesser InschriftI.SterbeglockeHeinrich KurtzStuttgartf'ca. 950 kg1950117,7 cmJESUS CHRISTUS GESTERN UND HEUTE UND DERSELBE AUCH IN EWIGKEITII.Gebetsglockevermutlich Martin Kislingunbekanntg'717 kg1521106,5 + Ave ∫ gracıa ∫ plena ∫ domınvs ∫ tecvm ∫ Anno ∫ domını ∫ 1521 s· lvx ∫ s· marx ∫ s· mathevs / ∫ s ıohannesIII.RuferglockeHeinrich KurtzStuttgarta'ca. 480 kg195093 cmKOMMT, DENN ES IST ALLES BEREIT!IV.TaufglockeHeinrich KurtzStuttgartc''ca. 280 kg195078,9 cmFREUT EUCH, DASS EURE NAMEN IM HIMMEL GESCHRIEBEN SIND!
Literatur Adolf Schahl (Bearb.): Die Kunstdenkmäler des Rems-Murr-Kreises, Band II. In: Die Kunstdenkmäler in Baden-Württemberg. (Hrsg.) Landesdenkmalamt Baden-Württemberg; München/Berlin 1983, S. 1361–1379.
Weblinks
Beschreibung der Kirche auf der Website der Kirchengemeinde Informationen zur Orgel auf OrganIndex Geläut der Wendelinskirche (YouTube)
Einzelnachweise
Kategorie:Kirchengebäude im Rems-Murr-Kreis St Wendelin St Wendelin Kategorie:Wendelinuskirche Kategorie:Kirche in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg Kategorie:Saalkirche in Baden-Württemberg Kategorie:Chorturmkirche Kategorie:Barocke Kirche Kategorie:Barockbauwerk im Rems-Murr-Kreis Kategorie:Erbaut in den 1740er Jahren Kategorie:Kirchengebäude in Europa Kategorie:Geläut