mini|Crocus City Hall (2015) Der Anschlag in Krasnogorsk war ein islamistischer Terroranschlag am Abend des 22. März 2024, als mehrere bewaffnete Personen in die Veranstaltungshalle Crocus City Hall in Krasnogorsk, einer Vorstadt im Nordwesten Moskaus, eindrangen und kurz vor dem geplanten Beginn eines Konzerts der russischen Rockband Piknik 149 Personen durch Schüsse und infolge von gelegtem Feuer durch Rauchgasvergiftung töteten, 350 bis 600 wurden verletzt. Die Terrorgruppe „Islamischer Staat“, bzw. ISIS-K als afghanischer Ableger, bekannte sich zu dem Anschlag.
Hintergrund Am 7. März 2024 verkündete der russische Inlandsgeheimdienst FSB die Zerschlagung einer mit dem „Islamischen Staat“ (IS) in Verbindung stehenden Terrorzelle, die einen Angriff auf eine Synagoge beabsichtigt habe.
Wenige Stunden später warnten die Botschaft der USA und die britische Botschaft in Moskau ihre Bürger vor Anschlägen und „dass Extremisten unmittelbare Pläne“ hätten, „große Versammlungen in Moskau ins Visier zu nehmen, darunter auch Konzerte“. Noch am selben Tag warnten die USA auch russische Beamte vor der Gefahr eines bevorstehenden Angriffs durch ISIS-K. Auch Tadschikistan und der Iran warnten russische Behörden.https://web.archive.org/web/20240326210055/https://theins.ru/korrupciya/270236https://www.kommersant.ru/doc/6616010 Russlands Präsident Wladimir Putin bezeichnete am 19. März 2024 die Warnung der US-Botschaft als „offensichtliche Erpressung […] mit der Absicht […] unsere Gesellschaft einzuschüchtern und zu destabilisieren“. Gleichzeitig wies er jedoch den FSB und andere Geheimdienste an, „die Antiterror-Arbeit in allen Bereichen ernsthaft zu verstärken“.Jake Epstein/Chris Panella: Putin dismissed US warnings about a potential terror incident as ‘blackmail’ just 3 days before concert hall attack. Business Insider, 23. März 2024. Laut einem Bericht der Washington Post hatten US-Sicherheitsbehörden russische Behörden direkt vor einem möglichen Terroranschlag auf die Konzerthalle Crocus City Hall gewarnt. Die US-Geheimdienste seien sich sehr sicher gewesen, dass der IS einen Anschlag gerade auf diesen Ort geplant habe. Der Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR, Sergei Naryschkin, bestätigte zwar, dass der russische Inlandsgeheimdienst FSB von den USA gewarnt worden sei. Die Informationen seien aber seinen Mitarbeitern zufolge zu allgemein gewesen, um die an dem Terroranschlag beteiligten Täter zu finden, sagte Naryschkin der Nachrichtenagentur Interfax.
Ablauf des Anschlags mini|Rettungsmaßnahmen am 25. März in der zerstörten Hallemini|SAR-Satellitenbild des teilweise eingestürzten Daches Kurz vor Beginn eines geplanten Konzerts der russischen Rockband Piknik drangen gegen 20 Uhr Ortszeit mindestens drei Männer – laut der Nachrichtenagentur Interfax waren es zwei bis fünf Angreifer – in Tarnkleidung und unmaskiert in die mit 6.200 Karten fast ausverkaufte Halle ein und schossen mit automatischen Schusswaffen auf Anwesende. Zusätzlich wurde mit Benzin ein Brand entfacht. Danach entfernten sie sich vom Tatort. Das Gebäude mit der Konzerthalle auf 13.000 Quadratmetern stand in Flammen. Eine Stunde nach Ende der Attacke war die SOBR Spezialeinheit noch nicht ins Gebäude eingedrungen.https://theins.ru/news/270202 Gemäß Einsatzrichtlinien betraten die Rettungskräfte nicht vor den Sicherheitskräften das Gebäude. Der Brand wurde zwar danach gestoppt, dennoch stürzten Teile des Daches ein. Leonid Gosman erwähnte mehr Tote durch den Brand als durch Schüsse.https://novayagazeta.eu/articles/2024/03/30/ekho-krokusa Die Zahl der Todesopfer erhöhte sich laut dem staatlichen Ermittlungskomitee in den folgenden Tagen auf mindestens 144, darunter drei Kinder. Bis Ende März 2024 wurden 360 Verletzte gezählt, davon mussten 155 in Krankenhäusern behandelt werden. Die Todesopfer waren die Folge von Schussverletzungen oder Rauchgasvergiftung. Im Jahr 2025 wurde seitens Tagesschau von 600 Verletzten berichtet.
Wenige Stunden nach dem Anschlag bekannte sich der IS über den Telegram-Kanal seiner Nachrichtenagentur Amaq zu der Tat. Die Angreifer hätten sich „sicher in ihre Stützpunkte zurückgezogen“. Der IS veröffentlichte ein Video des Terroranschlags, welches von einer Body-Cam eines der Attentäter aufgenommen wurde.
Der deutsche Terrorismusexperte Peter Neumann vom King’s College London hielt das Bekennerschreiben für echt und warnte vor Fake News, die auf russischen Telegram-Kanälen kursierten. Dort werde das Schreiben als gefälscht bezeichnet, „vermutlich, um das Narrativ zu spinnen, die Ukraine sei für den Anschlag verantwortlich“. Er vermutete ISIS-K, den IS-Ableger in Afghanistan, als Urheber der Tat. Auch der deutsche Politologe Markus Kaim (Stiftung Wissenschaft und Politik) hielt das Bekennerschreiben des IS bzw. ISIS-K für authentisch, das Motiv sei ihm jedoch unklar.
Festnahmen mini|Zwei mutmaßliche Täter wurden von einer öffentlichen Überwachungskamera aufgenommen, als sie in einem weißen Renault flüchteten. Die russische Nationalgarde wurde zum Anschlagsort entsandt. Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko erklärte, die Angreifer hätten zunächst die Flucht nach Belarus versucht, seien aber wegen der Grenzkontrollpunkte umgekehrt und hätten sich daraufhin zu einem Abschnitt an der ukrainisch-russischen Grenze begeben. Damit widersprach er russischen Behauptungen, die Angreifer hätten zunächst versucht, in die Ukraine zu fliehen.++ Ukraine: Viele russische Schiffe zerstört oder beschädigt ++ www.tagesschau.de, 26. März 2024
Der FSB erklärte, dass elf Personen festgenommen worden seien, darunter alle vier direkt an dem Terroranschlag beteiligten Täter. Das Fluchtauto, ein weißer Renault, sei in der Oblast Brjansk nach einer Verfolgungsjagd gestoppt worden; zwei der vier Insassen seien zunächst in einen Wald geflohen. Die Festgenommenen seien auf dem Weg zur ukrainischen Grenze festgenommen worden und hätten Kontakte in die Ukraine, so die Behauptungen des FSB. Im Fluchtwagen befanden sich nach offiziellen Angaben Waffen und tadschikische Pässe; es soll sich um Männer aus der zentralasiatischen Ex-Sowjetrepublik Tadschikistan handeln. Tadschikistan wies dies jedoch zunächst zurück.Terroranschlag bei Moskau: Was zur Tat bekannt ist. Frankfurter Rundschau, 24. März 2024.
Russische Medien veröffentlichten ein Video der Vernehmung eines der festgenommenen Männer. Dieser gab an, am 4. März 2024 aus der Türkei eingereist zu sein; ein „Prediger“ habe ihm vor einem Monat per Telegram Geld versprochen. Er habe den Kanal des „Predigers“ kontaktiert, wo er den Auftrag und detaillierte Anweisungen erhalten habe. Ein „Assistent des Predigers“ habe die Waffen besorgt, diese seien versteckt worden und die Hälfte des Geldes von 500.000 Rubel sei überwiesen worden. Die staatliche Nachrichtenagentur RIA Novosti meldete basierend auf Angaben des FSB, die Terroristen hätten Kontakte in die Ukraine gehabt und versucht, die Grenze zu überqueren. Einem anderen Mann wurde beim Verhör ein Teil eines Ohres abgeschnitten, danach wurde er mit bandagiertem Kopf und offensichtlich gebrochener Nase verhört. Das Abtrennen von Ohrteilen wird als grausame, aber gängige Verhörmethode der russischen Sicherheitskräfte dargestellt, um Islamisten zu schnellen Aussagen zu bewegen, da diese glauben würden, ohne Ohren nicht Märtyrer zu werden. Das russische Exilmedium Meduza aus Lettland geolokalisierte das Video bei der Fernstraße M3 bei Brjansk, in der Nähe eines Kreuzungspunktes von wichtigen Straßen in Richtung Ukraine und Belarus. Der Bericht gab allerdings zu bedenken, dass russischen Strafverfolgungsbehörden schon in der Vergangenheit vorgeworfen wurde, Festnahmen filmisch zu inszenieren. So sei die Festnahme der mutmaßlichen Attentäter des Terroranschlags am 3. April 2017 in Sankt Petersburg in der Nähe von Moskau inszeniert worden, obwohl diese tatsächlich woanders stattgefunden habe.Meduza geolocates arrest video of Moscow terrorism suspect to town 85 miles from Ukrainian border. Meduza, 23. März 2024.
Im Moskauer Bezirksgericht Basmanny waren am Abend des 24. März 2024 bei den vier vorgeführten Tadschiken Folterspuren zu sehen. Einer der Vorgeführten hatte „Blutergüsse um die Augen, das rechte war fast ganz zugeschwollen. Zudem trug er Reste einer Plastiktüte um den Hals, die über den Kopf gezogen werden kann, um Atemnot hervorzurufen.“ Auch beim Zweiten waren „Blutergüsse, auch sein rechtes Auge war fast ganz zugeschwollen. Zudem trug er einen großen Verband am rechten Ohr respektive dem, was davon übrig blieb: Ein großes Stück war ihm bei der Festnahme in einem Waldstück abgeschnitten worden.“ Er war gezwungen worden das Ohr zu essen. Beim nächsten war die „linke Wange dick angeschwollen. Er war zuvor allem Anschein nach mit Stromstößen über an die Genitalien geklemmte Induktoren gefoltert worden.“ Der Vierte wurde „auf einer Trage in den Saal gebracht. Ihm war angeblich bei der Festnahme das linke Auge so aus der Höhle gesprungen, dass es nicht mehr schloss.“ Er war anscheinend nicht bei Bewusstsein. Das Gericht verfügte eine Untersuchungshaft bis zum 22. Mai 2024.
Die vier tadschikischen Verdächtigen lebten und arbeiteten vor dem Anschlag erst relativ kurz in Russland. Die Gastarbeiter waren als Friseur, Taxifahrer und in einer Parkettfabrik tätig. Familienangehörige berichteten, sie seien nicht besonders religiös gewesen. Die Radikalisierung rührt nach Angaben des US-amerikanischen Tadschikistan- und Terrorismusforschers Edward Lemon (Texas A&M University) aus den teils sklavenähnlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen, denen Tadschiken in Russland oft ausgesetzt sind. Dass Russland zum Anschlagsziel von ISIS-K wurde, hat nach einer Einschätzung auch mit einem intensiven diplomatischen Austausch Russlands mit dem islamischen Emirat Afghanistan bzw. der dortigen Taliban-Führung, mit der ISIS-K verfeindet ist, zu tun.
Türkische Behörden nahmen am 24. März 2024 bei landesweiten Razzien in 30 Städten 147 Verdächtige mit mutmaßlichen Verbindungen zu IS-Milizen fest. Die Behörden stellten fest, dass einer der vier mutmaßlichen Täter, Shamsidin Fariduni, am 20. Februar in die Türkei eingereist war und am 2. März über den Flughafen Istanbul nach Russland zurückgekehrt war. Ein weiterer der Vier, Saidakrami Muradali Rachabalizoda, kam am 5. Januar in Istanbul an und kehrte am 2. März mit demselben Flug wie Fariduni nach Moskau zurück. Darüber hinaus nahmen tadschikische Behörden am 25. März 2024, laut RIA Novosti in Zusammenarbeit mit russischen Ermittlern, neun Personen in Wahdat wegen Verdachts auf Verbindungen zu den Angreifern und zur Terroristengruppe ISIS-K fest.
Die Ermittlungen wurden im Juni 2025 abgeschlossen. Alle 19 Angeklagten waren gefoltert worden. Ein mutmaßlich Unbeteiligter war zu Tode gefoltert worden.https://theins.ru/news/282408
Reaktionen Russland mini|Gedenken in Wyborg (25. März 2024). Zu lesen ist u. a.: „Wir trauern“. Das russische Außenministerium bezeichnete den Anschlag als „ungeheuerliches Verbrechen“ und forderte die internationale Gemeinschaft auf, den Angriff zu verurteilen. Der russische Fernsehsender NTW strahlte am Abend des Anschlages ein gefälschtes Deepfake-Video aus, in dem Oleksij Danilow, der Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats der Ukraine, eine Beteiligung der Ukraine an dem Angriff mit den Worten bestätigt haben soll: „Es macht heute Spaß in Moskau. Ich denke, es macht sehr viel Spaß. Ich würde gerne glauben, dass wir solchen Spaß ihnen noch öfters bieten werden.“ Das KI-Video wurde aus zwei älteren Interviews von Danilow generiert. Der Sender ist einer der drei größten Sender in Russland.