mini|Landfestung von Korykos mini|Blick vom Seetor der Landburg zur Seeburg

mini|Korykos im Atlas antiquus von 1865

Korykos (, ) war eine antike Stadt an der Küste Kilikiens. Sie lag beim heutigen türkischen Ferienort Kızkalesi im Bezirk Erdemli in der Provinz Mersin. Der Ort ist seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. bekannt und gehörte zunächst zum Seleukiden-, dann zum Römischen Reich. Nach einer unruhigen Zeit unter der Kontrolle der kilikischen Piraten war der Ort unter byzantinischer Herrschaft und blühte in christlicher Zeit wirtschaftlich auf. Im 10. und 11. Jahrhundert verfiel die Stadt, bis 1099 Byzanz die Landburg errichtete. Es folgte ab dem 12. Jahrhundert die Zugehörigkeit zum Königreich Kleinarmenien mit der Erbauung der Seefestung, später zu Zypern, bis die Stadt schließlich von Karamaniden, Mamluken und 1482 vom Osmanischen Reich erobert wurde.

Seit dem 19. Jahrhundert war das Raue Kilikien Ziel vieler westlicher Reisender und Archäologen. Ab dem Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Stadt Korykos mit ihren Bauwerken und Inschriften eingehend erforscht. Von der bedeutenden Hafenstadt sind heute ausgedehnte, in großen Teilen stark überwachsene Ruinenfelder zu sehen. Dazu gehören zahlreiche Kirchen, Reste der Stadtmauer und drei weitläufige Nekropolen mit Felsengräbern und Sarkophagen. Als Ruinen erhalten sind die Land- und die Seeburg aus spätbyzantinischer beziehungsweise armenischer Zeit. Aus römischer Zeit sind nur wenige Gebäudereste vorhanden, in den christlichen Bauten und vor allem in der Landburg sind jedoch zahlreiche Bauteile aus früherer Zeit als Spolien verbaut.

Seit 2014 steht Korykos auf der Tentativliste der Bewerber um den Status als Kulturwelterbe der UNESCO.Ancient City of Korykos

Lage Die Hafenstadt Korykos lag beim heutigen Kızkalesi, im Rauen Kilikien im Gebiet zwischen den Flüssen Kalykadnos (heute Göksu) im Westen und Lamos (heute Limonlu Çayı) im Osten. Die benachbarten Hafenstädte sind im Westen Seleukia am Kalykadnos, das heutige Silifke, und Korasion (Atakent) sowie im Osten Elaiussa Sebaste (Ayaş) und Lamos (Limonlu). Im bergigen Hinterland liegen zahlreiche Orte aus hellenistischer bis byzantinischer Zeit, die fast alle zum Einflussbereich des Priesterstaates von Olba und Diokaisareia gehörten. Letzteres ist am Auftreten von Olbischen Zeichen an verschiedenen Gebäuden und vor allem an Türmen zu erkennen. Dazu zählen unter anderem Cambazlı, Çatıören, Öküzlü, Emirzeli, Işıkkale, Tekkadın, Mancınıkkale und Kanytelleis. Der Einfluss des Priesterstaates reichte allerdings nie bis Korykos oder eine andere der genannten Hafenstädte.Kai Trampedach: Tempel und Großmacht: Olba in hellenistischer Zeit. In: Éric Jean, Ali M. Dinçol, Serra Durugönül (Hrsg.): La Cilicie. Espaces et pouvoirs locaux (2e millénaire av. J.-C. – 4e siècle ap. J.-C.). = Kilikia. Mekânlar ve yerel Güçler (M.Ö. 2. binyıl – M.S. 4. Yüzyıl) (= Varia Anatolica. Band 13). Institut français d’études anatoliennes d’Istanbul u. a., Beyoglu-Istanbul u. a. 2001, ISBN 2-906053-64-3, S. 270. Um Korykos und Elaiussa Sebaste, die sich um die Jahrtausendwende als Metropolis der Region abwechselten, zieht sich ein Ring von fünf Türmen (Akkum, Boyan, Gömeç, Sarayın und Yalama). Sie dienten zur Abwehr von Feinden, waren aber gleichzeitig als Lager- und Wohntürme ausgebaut, die bei Angriffen von der Bevölkerung als Rückzugsort genutzt wurden. Diese Türme tragen olbische Zeichen, was darauf hindeutet, dass sie unter anderem das olbische Territorium gegen Angriffe der Kilikischen Seeräuber schützen sollten.Serra Durugönül: Türme und Siedlungen im Rauhen Kilikien. (= Asia Minor Studien. Band 28). Rudolf Habelt, Bonn 1998, ISBN 3-7749-2840-1, S. 94.

Etwa fünf Kilometer westlich von Korykos liegen die Korykischen Grotten (griechisch ), heute Cennet ve Cehennem (türkisch für „Himmel und Hölle“) genannt. Die beiden Dolinen sind durch einen unterirdischen Fluss entstanden, der bei Narlıkuyu, zwei Kilometer westlich von Kızkalesi, ebenfalls unterirdisch ins Mittelmeer mündet. In der griechischen Mythologie wird dort der Kampf zwischen Zeus und dem Ungeheuer Typhon angesiedelt. Die größere der beiden Dolinen ist begehbar, sie war schon in der Antike durch den dort wachsenden Safran bekannt und wird bei Strabon erwähnt.Friedrich Hild, Hansgerd Hellenkemper: Kilikien und Isaurien (= Tabula Imperii Byzantini. Band 5). Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1990, ISBN 3-7001-1811-2, S. 315.Strabons Geographika, Buch XIV, S. 105 Oberhalb der Grotte stehen die Reste eines Tempels des Zeus Olbios oder Zeus Korykios, an dessen nordöstlicher Ante Listen von olbischen Priesterherrschern eingemeißelt sind.Serra Durugönül: Die Felsreliefs im Rauhen Kilikien. (= BAR International Series. 511). BAR, Oxford 1989, , S. 58.

In der Steilwand des Tales Şeytan Deresi, das sich in Kızkalesi westlich von Korykos ins Landesinnere zieht, ist in etwa drei Kilometern Entfernung eine Gruppe von Felsengräbern mit bemerkenswerten Reliefs, Adamkayalar genannt, eingearbeitet. Eine ähnliche Gräberwand mit dem Namen Yapılıkaya findet sich etwa zwei Kilometer östlich davon in einem Paralleltal. Bei einigen der Grabstätten wiederholt sich in den Beischriften eine Reihe der Namen aus den Priesterlisten von Korykion Antron, sodass angenommen werden kann, dass einige der olbischen Herrscher hier bestattet sind.Serra Durugönül: Die Felsreliefs im Rauhen Kilikien. (= BAR International Series. 511). BAR, Oxford 1989, , S. 58–64.

Durch Korykos führte die römische Küstenstraße von Side nach Seleukia Pieria, im Ort zweigte nach Norden eine Straße nach Cambazlı und Olba ab. Nach der Einrichtung der Provinz Cilicia wurden unter Vespasian die Straßen erneuert, für die Küstenstraße nach Korasion wurden Hohlwege in den anstehenden Felsen geschlagen. Bemerkenswert dabei ist, dass sowohl dieser Abschnitt als auch der nach Norden führende Weg stellenweise gestuft waren, also nicht für das Befahren mit Wagen, sondern nur für Fußgänger, Reiter und Lasttiere geeignet waren.Friedrich Hild, Hansgerd Hellenkemper: Kilikien und Isaurien (= Tabula Imperii Byzantini. Band 5). Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1990, ISBN 3-7001-1811-2, S. 128–130.

Namen Neben dem griechischen Korykos und dem latinisierten Corycus hatte der Ort im Laufe der Zeit verschiedene Namen. Für die hethitische Zeit gibt Massimo Forlanini den Namen Kudupa an, von wo eine Straße über Olbia (Uzuncaburç) und durch den Taurus nach Laranda (Karaman) führte.Massimo Forlanini: How to infer Ancient Roads and Intineraries from heterogenous Hittite Texts: The Case of the Cilician (Kizzuwatnean) Road System. In: Kaskal. Bd. 10, 2013, S. 27. In byzantinischer Zeit wurde der Ort Gorhigos oder Kourikos (beim Historiker Leontios Machairas) genannt. Der arabische Name war Qurquš (al-Idrisi), der armenische Gurigos oder Gorigos. Fränkische Bezeichnungen waren Cure (Wilbrand von Oldenburg), Curta, Culchus, Curchus und Le Courc. Im Rizo-Portolan von 1490 wird er als Churcho bezeichnet, in anderen italienischen Seekarten als Curcho, Curco oder Colco.Hansgerd Hellenkemper: Burgen der Kreuzritterzeit in der Grafschaft Edessa und im Königreich Kleinarmenien. Studien zur historischen Siedlungsgeographie Südost-Kleinasiens (Geographica historica. Band 1). Habelt, Bonn 1976, ISBN 3-7749-1205-X, S. 242.

Forschungsgeschichte mini|Zeichnung von Victor Langlois (1861): oben Land- und Seefestung, unten Nekropole N1 mit Kriegerrelief

Der britische Kapitän Francis Beaufort, der im Auftrag der Admiralität in den Jahren 1811–12 die kilikische Küste erkundete, lieferte den ersten Bericht über Korykos und die Umgebung. Nach den laut Alois Machatschek „sehr phantasievollen Stahlstichen“ des Léon Marquis de Laborde von 1838Léon de Laborde, Alexandre de Laborde: Voyage de l’Asie mineure. Didot, Paris 1838, S. 132–134 (Digitalisat). folgte 1861 der kilikische Reisebericht des französischen Orientalisten Victor Langlois mit der ersten wissenschaftlichen Beschreibung der Region und des Ortes. Daran schlossen sich Forschungsreisen und Veröffentlichungen über das westliche Kilikien von Louis Duchesne und Maxime Collignon (1877),Louis Duchesne, Maxime Collignon: Sur un voyage archéologique en Asie Mineure In: Bulletin de correspondance hellénique 1, 1877, S. 361–373 (Digitalisat). Louis Duchesne (1883),Louis Duchesne: Les Nécropoles chrétiennes d’Isaurie In: Bulletin de correspondance hellénique 4. 1880, S. 195–205 (Digitalisat). James Theodore Bent (1891)James Theodore Bent: A Journey in Cilicia Tracheia In: The Journal of Hellenic Studies. 12 1891, S. 206–224. und Edward L. Hicks (1891),Edward L. Hicks: Inscriptions from Western Cilicia. In: The Journal of Hellenic Studies. 12, 1891, S. 225–273. an, der zahlreiche Inschriften kopierte. Darauf folgten 1896 Rudolf Heberdey und Adolf Wilhelm,Rudolf Heberdey, Adolf Wilhelm: Reisen in Kilikien 1891–1892 (= Denkschriften der Akademie der Wissenschaften. Band 44, 6). Wien 1896 S. 67–70. 1906 Gertrude Bell,Gertrude Bell: Notes on a Journey throug Cilicia and Lycaonia. In: Revue archéologique. 4. Serie, Band 8, (Juillet-Décembre 1906) S. 7–36. 1907/1909 Ernst HerzfeldErnst Herzfeld: Eine Reise durch das westliche Kilikien In: Petermanns Geographische Mitteilungen 1909/2 S. 25–34. sowie 1914 Roberto Paribeni und Pietro Romanelli.Roberto Paribeni, Pietro Romanelli: Studii e ricerche archeologiche nell’Anatolia meridionale In: Monumenti Antichi. Band 23, 1914, S. 1–274.

Ernst Herzfeld und Samuel Guyer veröffentlichten 1930 die erste Untersuchung, die sich speziell mit Korykos befasste. Darin beschrieben sie mit Ausnahme der Nekropolen sämtliche Bauwerke der Stadt. Im folgenden Jahr 1931 lieferten Josef Keil und Adolf Wilhelm eine nahezu vollständige Aufnahme der Grab- und sonstigen Inschriften des Ortes, ohne allerdings die Grabbauten zu behandeln.Josef Keil, Adolf Wilhelm: Denkmäler aus dem rauhen Kilikien. (= MAMA 3), Manchester 1931, S. 192 Nr. 122–213 Letzteres holte 1967 der österreichische Bauforscher Alois Machatschek nach.Alois Machatschek: Die Nekropolen und Grabmäler im Gebiet von Elaiussa Sebaste und Korykos im rauhen Kilikien, Wien 1967. Friedrich Hild und Hansgerd Hellenkemper besuchten Korykos mehrfach zwischen 1968 und 1989 und veröffentlichten die Ergebnisse in verschiedenen Publikationen.Hansgerd Hellenkemper: Burgen der Kreuzritterzeit in der Grafschaft Edessa und im Königreich Kleinarmenien. Studien zur historischen Siedlungsgeographie Südost-Kleinasiens (= Geographica historica. Band 1). Habelt, Bonn 1976, ISBN 3-7749-1205-X, S. 242–249.Friedrich Hild, Hansgerd Hellenkemper: Kilikien und Isaurien (= Tabula Imperii Byzantini. Band 5). Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1990, ISBN 3-7001-1811-2, S. 315–320.Hansgerd Hellenkemper, Friedrich Hild: Neue Forschungen in Kilikien. (= Veröffentlichungen der Kommission für die Tabula Imperii Byzantini. Band 4). Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1986, ISBN 3-7001-0771-4. Im Rahmen eines Surveys der School of Architecture der University of Maryland in den 1990er-Jahren wurden 1995 einige Tauchgänge im Hafenbereich von Korykos unternommen, bei denen die Reste der Molen, die von der Landburg und vom westlichen Ende der Bucht zur Inselburg führten, in Augenschein genommen wurden. Dazu kam eine Untersuchung der Hafenanlagen und sonstiger Architekturreste östlich der Landburg, wo der erste Hafen der Stadt vermutet wird.Robert L. Vann: A Survey of Ancient Harbors in Rough Cilicia: The 1995 Season at Korykos In: Araştırma sonuçları toplantısı. Band 14, Ankara 1996, Eski Eserler ve Müzeler Genel Müdürlüğü S. 259–271. In den Jahren 2004 bis 2011 führte das Kilikia Arkeolojisini Araştırma Merkezi (Forschungsinstitut für kilikische Archäologie) der Universität Mersin unter der Leitung von Serra Durugönül Oberflächenuntersuchungen im Bereich der Stadt und dem Hinterland durch.

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