Junge Frau in orientalischem GewandEs existieren mehrere deutschsprachige Titel: Die Stiftung Sammlung E. G. Bührle verwendet den Titel Junge Frau in orientalischem Gewand, siehe deren Website; Alternativnamen sind Dame im orientalischen Kostüm in Julius Meier-Graefe: Edouard Manet, S. 239; Galerie Matthiesen: Ausstellung Edouard Manet, 1832–1883, Gemälde, Pastelle, Aquarelle, Zeichnungen, S. 32, Nr. 35; Karl Scheffler: Die Sammlung Max Silberberg. In Kunst und Künstler – Illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe, Nummer 30, Jahrgang 1931, S. 9; Junge Frau in orientalischem Kostüm in Françoise Cachin: Manet, S. 153; Ina Conzen: Edouard Manet und die Impressionisten, S. 142; Sandra Gianfreda, Esther Braun-Kalberer, Yasmin Kiss: Gefeiert und verspottet: französische Malerei 1820-1880, S. 243; Hans Jucker, Theodor Müller, Eduard Hüttinger: Sammlung Emil G. Bührle, S. 98; Sandra Orienti: Das gemalte Werk von Edouard Manet, 1972 S. 105. (Jeune Femme en Costume oriental ist der Alternativtitel im Werkverzeichnis Denis Rouart, Daniel Wildenstein: Edouard Manet, Catalogue raisonné. Bd. 1, S. 154, Nr. 175.) oder Die SultaninDer Titel Die Sultanin in Sandra Orienti: Das gemalte Werk von Edouard Manet, 1972, S. 105; Galerie Matthiesen: Ausstellung Edouard Manet, 1832–1883, Gemälde, Pastelle, Aquarelle, Zeichnungen, S. 32, Nr. 35; Sandra Orienti: Das gemalte Werk von Edouard Manet, 1972, S. 105. ()Französischer Titel gemäß Denis Rouart, Daniel Wildenstein: Edouard Manet, Catalogue raisonné. Bd. 1, S. 154, Nr. 175. Der französische Titel La Sultane wird auch vom Kunsthaus Zürich verwandt, siehe Eintrag auf der Website ist ein Gemälde des französischen Malers Édouard Manet. Das in Öl auf Leinwand gemalte Bild hat eine Höhe von 96 cm und eine Breite von 74,5 cm.Angaben zum Material und den Abmessungen auf der Website der Stiftung Bührle. Unklar ist die Datierung des Werks; angenommen wird die Zeit um 1871 oder früher. Zu sehen ist eine stehende junge Frau in einem langen weißen Gewand, dessen nahezu transparenter Stoff den Blick auf ihren nackten Körper freigibt. Durch die im Gemälde gezeigten Requisiten aus dem türkisch-arabischen Raum lässt sich die Darstellung dem Orientalismus zuordnen, ein Thema, das sich in Manets Werk selten findet. Das Bild stellt keine reale Szene aus einem fremden Kulturkreis dar, sondern gibt eine im Atelier inszenierte erotische Fantasie wieder. Das Gemälde gehört zum Bestand der Stiftung Sammlung E. G. Bührle und befindet sich als Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich. Bei diesem Gemälde, dessen Vorbesitzer bis 1937 der jüdische Sammler Max Silberberg war, besteht der Verdacht auf Raubkunst. Die Eigentumsfrage wurde 2025 zwischen den Silberberg-Erben und der Bührle-Stiftung per Vergleich geklärt.Medienmitteilung der Bührle-Stiftung vom 24. April 2025 über die Einigung mit den Erben.

Beschreibung Das Bild zeigt im Vordergrund eine stehende junge Frau mit herabhängenden Armen.Originalzitat: „She simply stands there, arms hanging loosely“. In Marni Reva Kessler: Sheer presence: the veil in Manet’s Paris, S. 137. Sie ist frontal als Ganzkörperporträt dargestellt, der Fußbereich wird jedoch vom unteren Bildrand abgeschnitten. Bekleidet ist sie mit einem langen weißen Gewand mit V-förmigem Dekolleté und freiliegenden Unterarmen. Der transparente StoffOriginalzitat: „dont le tissu transparent“ in Adolphe Tabarant: Manet, histoire catalographique, 1931, S. 293. Als „Gazestoff“ bezeichnet in Otto Grautoff: Auktionsnachrichten. In Kunst und Künstler – Illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe, Nummer 12, S. 557. des Gewandes verhüllt den Körper der Frau kaum. Neben den Konturen der Figur sind insbesondere die Brüste, der Bauchnabel und der dunkle Schambereich zu erkennen. Um den leicht zur linken Schulter geneigten Kopf hat sie ein buntes Tuch gebunden,Originalzitat: „la tête coiffée d’un foulard jaune et noir“ in Adolphe Tabarant: Manet, histoire catalographique, S. 293. unter dem ihr schwarzes Haar hervorschaut. Sie trägt eine doppeltgereihte KorallenketteOriginalzitat „un double collier de corail“ in Adolphe Tabarant: Manet, histoire catalographique, 1931, S. 293. um den Hals, ihre Ohren schmücken lange goldene Anhänger. Ihre roten Lippen sind geschlossen, die buschigen Augenbrauen nahezu zusammengewachsen. Ihre dunklen Augen scheinen nach unten zu blicken. Die insgesamt eher dunkle Hautfarbe des Gesichts entsprach dem Typus von Frauen, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich als eindeutig nicht französischer Herkunft assoziiert wurden.Marni Reva Kessler: Sheer presence: the veil in Manet’s Paris, S. 133. Die Frau hält in der rechten Hand einen Stab mit einem daran befestigten quadratischen bunten Papierstück. Bei diesem Accessoire könnte es sich um eine Art Fächer handeln.Marni Reva Kessler spricht von „einer unerklärlichen bunten Flagge in der Hand“. In Marni Reva Kessler: Sheer presence: the veil in Manet’s Paris., S. 133. Auf dem Boden liegt eine durch braune Farbtupfer angedeutete Matte.Adolphe Tabarant: Manet, histoire catalographique, 1931, S. 293, Nr. 240. Rechts hinter der Frau befindet sich ein buntes orientalisches Sitzkissen oder Sofa.Anne Coffin Hanson: Manet and the modern tradition, S. 88. Im Vordergrund steht rechts neben der Frau auf dem Boden eine Wasserpfeife mit verziertem Messingkorpus und von rotem Stoff umwickelten Schläuchen. Das Gemälde ist unten links mit „Manet“ signiert, aber nicht datiert.

Der Malstil orientiert sich nicht an der traditionellen Feinmalerei, wie er an der Académie des Beaux-Arts gelehrt wurde, sondern nimmt – beispielsweise bei den Gesichtszügen – Bezug auf die grobe Formensprache, die auch bei den Künstlern des Realismus zu finden ist. Der getupfte Farbauftrag bei der Fußmatte und die ineinanderfließenden Farben beim Sitzmöbel lassen Merkmale des Impressionismus erkennen. Die Kunsthistorikerin Eugenia Querci hat das sehr helle Licht hervorgehoben, das auf die Frau fällt und sie zu blenden scheint.Eugenia Querci: La sultana. In Maria Teresa Benedetti: Manet, S. 194. Nach Querci ging es Manet darum, neben der thematischen Darstellung scheinbar vor allem die dialektische Beziehung zwischen Schwarz und Weiß hervorzuheben, bei der Farben eine untergeordnete Rolle spielen. Das Weiß des Kleides wirkt demnach fast gedämpft und wird vom tiefen Schwarz des Hintergrunds absorbiert. Ihr Kollege Stéphane Guégan lobt die „bezaubernde Frische“ („charmant par sa fraîcheur“) des Gemäldes, das darüber hinaus durch „seine bittersüße Sinnlichkeit“ („sensualité aigre-douce“) besticht.Lucie Agache: 21 rue La Boétie, S. 187. Der Kunstkritiker Karl Scheffler stellte 1931 fest: „Es ist in dem Bild viel von der immer wieder rätselhaften und kaum analysierbaren Meisterschaft Manets.“Karl Scheffler: Die Sammlung Max Silberberg. In Kunst und Künstler – Illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe, Nummer 30, Jahrgang 1931, S. 14.

Probleme der Datierung Bei der Datierung des Gemäldes sind Kunsthistoriker zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Zunächst hatten Autoren wie Théodore Duret, Julius Meier-Graefe und Adolphe Tabarant angenommen, das Bild sei 1876 entstanden.Théodore Duret: Histoire de Édouard Manet et de son oeuvre, Nr. 214; Julius Meier-Graefe: Edouard Manet, S. 240; Adolphe Tabarant: Manet, histoire catalographique, 1931, S. 293, Nr. 240. Diese zeitliche Zuordnung konnte jedoch nicht aufrechterhalten werden, nachdem Étienne Moreau-Nélaton 1926 eine Inventarliste des Malers veröffentlichte.Etienne Moreau-Nélaton: Manet: raconté par lui-même, Bd. I, S. 134. Diese Liste Manets wurde 1932 auch im Werkverzeichnis Paul Jamot, Georges Wildenstein: Manet: l'oeuvre de l'artiste en 480 phototypies, Bd. 1, S. 89 und 1975 im Werkverzeichnis Denis Rouart, Daniel Wildenstein: Edouard Manet: Catalogue raisonné, S. 17–18. In dieser von Manet Anfang 1872 erstellten Auflistung sind Gemälde enthalten, die er zwischen 1861 und 1871 gemalt hatte,Charles S. Moffett: La Sultane. In Hortense Anda-Bührle, Magrit Hahnloser-Ingold, Charles S. Moffett: The Passionate Eye, Impressionist and Other Master Paintings from the Collection of Emil G. Bührle, Zurich, S. 232. darunter das Bild Junge Frau in orientalischem Gewand, das dort als Une Sultane bezeichnet wird.Etienne Moreau-Nélaton: Manet: raconté par lui-même, Bd. I, S. 134.

Moreau-Nélaton datierte das Bild Junge Frau in orientalischem Gewand danach auf „um 1871“. Diese Datierung übernahmen später auch die Autoren Rouart/Wildenstein im Manet-WerkverzeichnisDenis Rouart, Daniel Wildenstein: Edouard Manet: Catalogue raisonné, S. 154. und die Stiftung Sammlung E. G. Bührle sowie das Kunsthaus Zürich.Datierung „um 1871“ auf den jeweiligen Websites der Institutionen. Andere Autorinnen wie Carol ArmstrongCarol Armstrong: Manet Manette, S. 64. oder Ina ConzenIna Conzen: Edouard Manet und die Impressionisten, S. 140. näherten sich dem Datum an und nannten zur Entstehung „um 1870“. Der Autor Paul Colin gab an, die Junge Frau in orientalischem Gewand sei das erste Gemälde gewesen, das Manet nach der Pariser Kommune 1871 und seiner anschließenden Rückkehr nach Paris gemalt habe. Colin gab jedoch keinen Hinweis, worauf sich diese Annahme bezog.Paul Colin: Edouard Manet, S. 38. Dem Datum 1871 schloss sich der Kunsthistoriker Charles S. Moffett an, der es als nachvollziehbar und stilistisch passend empfand. Sein Kollege Stéphane Guégan verortete das Gemälde hingegen zeitlich „sicherlich vor 1871“.

Andere Autoren datierten die Entstehung des Bildes aufgrund stilistischer Kriterien deutlich früher in die 1860er Jahre. So zog Eduard Hüttinger Parallelen zu Manets Einzelfigurenbildern wie der 1866 entstandenen Frau mit Papagei (Metropolitan Museum of Art, New York). Darin sei eine „romantisierende[n] Auffassung“ zu erkennen, von der sich der „späte Manet“ entfernt habe.Eduard Hüttinger: Junge Frau in orientalischem Kostüm: «La Sultane». In Hans Jucker, Theodor Müller, Eduard Hüttinger: Sammlung Emil G. Bührle, S. 98. Ähnlich sieht es Eugenia Querci, die auf ein kompositorisches Element hinwies, das Manet wiederholt in den 1860er Jahren nutzte. Hierbei handelt es sich um Accessoires, die Manet – nach Vorbild des von ihm besonders geschätzten Malers Diego Velázquez – neben der stehenden Figur platzierte. Bei der Jungen Frau in orientalischem Gewand ist es die Wasserpfeife, im 1865–1867 entstandenen Gemälde Der Philosoph (Art Institute of Chicago) liegen Austern auf dem Boden, beim 1868 gemalten Bildnis Théodore Duret steht ein Tisch mit einem Glas Wasser neben dem Porträtierten. Querci vermutet darüber hinaus eine Datierung in den frühen 1860er Jahren, da sich Manet zu dieser Zeit häufiger mit dem Genre der Kostümmalerei befasste.

Ronald Pickvance warf die Frage auf, in welchem Werk Manets die Dargestellte in Junge Frau in orientalischem Gewand weiterhin zu sehen ist. Wegen mangelnder Ähnlichkeit scheidet für ihn sowohl die Frau in Manets motivisch naheliegendem Aquarell Odalisque von 1862 aus, noch kommt für ihn Victorine Meurent in Frage, die für die Gemälde Olympia (Musée d’Orsay, Paris) und Frau mit Papagei als Modell diente.Ronald Pickvance: Manet, S. 230. Stattdessen sieht Pickvance eine große äußere Übereinstimmung mit der sitzenden Figur im Bild Badende am Seineufer (Museu de Arte de São Paulo), dessen Entstehung allerdings erst um 1874 vermutet wird.

Französische Orientdarstellungen im 19. Jahrhundert