mini|Fernhandelsstraßen: die "Seidenstrassen" zwischen China und Italien im 1. Jh. nach Chr.Peter Frankopans Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt (engl. The Silk Roads. A New History of the World, Bloomsbury, London: 2015)Peter Frankopan: Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt. Aus dem Englischen von Michael Bayer und Norbert Juraschitz, 5. Auflage, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch 2018 ist eine 2016 auf Deutsch erschienene historische Monografie. Wie der englische Titel Die Seidenstraßen treffender angibt, beschreibt Frankopan die ökonomische, politische und kulturelle Entwicklung des Mittleren Ostens, eines Hotspots der Weltgeschichte zwischen dem östlichen Mittelmeer und China, wobei er die Gebiete nördlich des Schwarzen Meeres und des Kaspischen Meeres einbezieht.Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 22. In Begriffen heutiger Staaten geht es hauptsächlich um die Territorien der Türkei, des südlichen Westrusslands, der Ukraine, wie Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Usbekistan, Tadschikistan, Kasachstan und Kirgisistan, des Iraks, Irans, Afghanistans und Pakistans.

Frankopans Fokus sind die sich durchdringenden Einflüsse der ursprünglichen Kulturen und ihrer Entwicklung bis heute. „Der Aufstieg zur Macht [bestimmter Gebiete und ihrer Herrscher] beruhte in all diesen Fällen auf dem Zugang zu begehrten Gütern und dem Handel mit ihnen.“Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 194. Der chronologische Bogen der Darstellung reicht vom 6. vorchristlichen Jahrhundert bis 2014. Fast 40 % des Textes beschäftigen sich mit den Beziehungen Russlands bzw. der Sowjetunion und Englands bzw. Amerikas zu den Erdöl fördernden arabischen Staaten, insbesondere zum Iran. Die Interventionen vor allem des Westens während des Kalten Kriegs in diesen Gebieten rund um den Persischen Golf werden von Frankopan scharf kritisiert.

Mehr als einhundert Seiten Anmerkungen, siebzig Seiten Bibliografie und ein Personenregister von mehr als zehn Seiten beschließen das Buch.

Intentionen des Autors Während der englische Titel der Seidenstraßen auf eine der in diesem Gebiet in Antike und Mittelalter gehandelten Luxuswaren anspielt, lässt sich der deutsche Titel Licht aus dem Osten sowohl mit der islamischen Aufklärung im Hochmittelalter verbinden wie auch mit der gigantischen Öl- resp. Energieproduktion für die Industrialisierung des 20. und 21. Jahrhunderts.

Frankopan schreibt gegen „das Mantra des politischen, kulturellen und moralischen Triumphes des Westens“, gegen die Umschreibung aller Geschichte „aus der Perspektive des Siegers der jüngeren Geschichte. [...] Die Geschichte wurde verdreht und manipuliert, bis eine sich hartnäckig haltende Version entstand, der zufolge der Aufstieg des Westens nicht nur naturgemäß und unvermeidlich war, sondern auch das fortsetzte, was inzwischen verloren gegangen war.“Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 14, 21.mini|Der Mittlere Osten im Cedid Atlas der muslimischen Welt, 1803 in Istanbul gedruckt, damals Hauptstadt des osmanischen Reiches.Die Region des Mittleren Ostens, des Vielvölker- und Vielkulturengebietes zwischen dem östlichen Mittelmeer und China, „bildete in Wirklichkeit jahrtausendelang die Achse, um die sich der Erdball drehte“, als „Brücke zwischen Ost und West die Schnittstelle der Zivilisation.“ Den im englischen Titel der Seidenstraßen (im Plural) deutlichere Hinweis auf den Kontakt verschiedener Ethnien und den Austausch ihrer Produkte auf wechselnden Wegen vertieft der Autor durch eine exemplarische politische, Wirtschafts- und Kulturgeschichte. Damit schreibt Frankopan keine Neue Geschichte der Welt, so der Untertitel, sondern die eines ausstrahlenden Zentrums der Zivilisationsgeschichte; und auch keine kontinuierliche Chronologie dieser Region, sondern eine Übersicht mit wechselnden thematischen und geografischen Schwerpunkten in 26 Kapiteln.

Schwerpunkte der Darstellung

Mit und nach Alexander d. Großen und durch die römische Eroberung Ägyptens 30 v. Chr. sei der Mittlere und Ferne Osten hellenisiert worden, sodass der bis nach Indien explodierende Fernhandel auch das Schicksal Roms veränderte.Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 27 ff., 38 ff. Vor der Eroberung Ägyptens hat die Geschichte Roms den Umfang weniger Zeilen.

Die Seidenstraße habe Mittelasien durchzogen und sich durch den Handel auch von chinesischen Luxusgütern erweitert, in dem Seide sowohl als Luxusware und auch als Zahlungsmittel fungierte. In dem durch die Ausdehnung der islamischen Herrschaft sich verstetigende Fernhandel seien auch Sklaven aus allen Richtungen in alle Richtungen von allen großen Akteuren gekauft und verkauft worden.Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 33 ff., 156 ff., 177 ff.

Religionen seien aufgestiegen und hätten sich verbreitet, so das Christentum und Judentum, der Buddhismus und Zoroastrismus sowie der Islam, sowohl gefördert als auch behindert durch Konkurrenz, politische Ränke, Kriegszüge und Eroberungen.Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 58 ff., 97 ff., 116 ff., 126 ff.

Der Islam habe mit Hilfe eines „fast perfekten Expansionsmusters“ über alle Konkurrenten gesiegt, zunächst mit dem persischen Reich als politischem Zentrum, das die Macht der Kalifen vom westlichen Ausgang des Mittelmeeres bis in die Einflussbereiche Chinas ausdehnte und so „das wohl größte Reich errichtete, das die Welt bislang gesehen hatte“.Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 126 ff., 135, 154.

Nach dem kurzen Intervall der siegreichen Kreuzfahrer sei die Dominanz des Ostens durch das mongolische Großreich des 13. Jahrhunderts und seine hochentwickelte Verwaltung wieder hergestellt worden, die entgegen westlicher Propaganda auf technischem Fortschritt, Handelskontrollen, der Förderung der Künste, des Handwerks und der Güterproduktion beruhte.Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 234 ff., 257 ff.

Ein erster, wirklich globaler Handel entwickelte sich durch die europäischen Entdeckungen Amerikas, die Einbeziehung des indischen Mogulreiches und Chinas in ein umfassendes System der Land- und Seewege, sowie durch den Aufbau des englischen Kolonialreiches.Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 294 ff., 337 ff., 376 ff.

Wegen der Ausdehnung des russischen Einflusses in Persien und Afghanistan sei England in das Große Spiel eingetreten, um seine Interessen in Indien abzusichern.Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 399 ff. Das „Große Spiel“ ist ein von Frankopan aufgegriffener Topos für den Kampf von England und Russland um Einfluss im Nahen und Mittleren Osten. (ebenda, S. 424, 458, 481.)

Der Mangel Deutschlands an Rohstoffen und vor allem an Nahrungsmitteln habe die nationalsozialistische Führung motiviert, die Sowjetunion anzugreifen; mit der südlichen Stoßrichtung und der Eroberung Nordafrikas sollte England von seinen arabischen Ölquellen abgeschnitten werden, was England die Fortsetzung des Krieges unmöglich gemacht hätte.Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 508 ff.

US-Interventionen nach 1945 im Mittleren Osten mini|Öl- und Gas-Infrastruktur im Mittleren Osten (US-Energieministerium 2009) Seit den 1850er Jahren hätten geologische Untersuchungen den Ölreichtum der Gebiete rund um den Persischen Golf bestätigt. Der Treibstoffbedarfs des sich industrialisierenden Westens habe zur Sicherung von Konzessionen durch zunächst englische, dann amerikanische Unternehmen geführt. Diese Ereignisse und ihre Folgen beschreibt Frankopan aus einer entschieden pro-arabischen Perspektive.Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 462 ff. Die Deutlichkeit von Frankopans Vorwurf einer imperialistischen Politik an die Adresse der USA liest sich wie eine Selbstreflexion Amerikas aus der Schule der „realistischen Historiker“ der 1960er Jahre, z. B. von David Horowitz: Kalter Krieg. Hintergründe der US-Außenpolitik von Jalta bis Vietnam, ISBN 3-8031-1013-0

Öl und Antikommunismus Die Ausbeutung der arabischen Ölfelder durch ausländische Unternehmen habe bald innere Widerstände verursacht, sodass sehr früh schon „abscheuliche Regime und Herrscher“ unterstützt wurden, die die Proklamationen von Demokratie und Fortschritt behinderten. Der Persische Golf lieferte Öl an den Westen, Amerika exportierte seine Horchposten und militärischen Stützpunkte in den Osten. Um die Expansion der Sowjetunion zu verhindern, expandierten die USA in die Region – im Interesse der „nationalen Sicherheit“ von allen Skrupeln befreit: „Auf der ganzen Welt kamen die Menschenrechte weit hinter den US-Interessen.“ Auch Pakistan sei als „Vorposten für die Durchführung verdeckter Operationen gegen die Sowjetunion“ genutzt worden. Es war dieser „Gebietsstreifen im weichen Unterleib der Sowjetunion, in dem die eigentliche Schachpartie des Kalten Krieges ausgetragen wurde.“Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 596 ff., 612, 677, 711 f. Gary Powers, der U2-Pilot, der am 1. Mai 1961 in 20 Kilometer Höhe von einer neuen sowjetischen Rakete abgeschossen wurde, war in Peschawar, im Norden Pakistans gestartet. Mossadegh und seine Erben Die nationale Bewegung im Iran unter Führung von Mohammad Mossadegh, dem zweimal gewählten Premierminister zwischen 1951 und 1953, ließ 1951 die Anglo-Iranische Ölgesellschaft verstaatlichte. Die USA reagierten darauf 1953 in Absprache mit England mit einem Staatsstreich der CIA und einer erneuten Inthronisierung des Schahs Mohammad Reza Pahlavi, der seine Herrschaft nun auf den SAVAK, seinen berüchtigten Geheimdienst, stützte.Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 588 ff.mini|Mohammad Mossadegh (Foto vor 1967)

Für Frankopan ist „Mossadegh der geistige Vater zahlreicher Erben in der ganzen Region. Die Ziele, Methoden und Ziele von nationalen Vertretern wie Ayatollah Khomeini, Saddam Hussein, Osama bin Laden oder der Taliban wichen zwar erheblich voneinander ab, aber sie alle vereinte die Kernthese, dass der Westen scheinheilig und bösartig sei. [...] Nasser machte [mit der Verstaatlichung des Suez-Kanals] dort weiter, wo Mossadegh aufgehört hatte“ – und die Engländer und Franzosen dort 1956, wo die CIA 1953 aufgehört hatte. Die Aktivität des Westens im Nahen und Mittleren Osten – „ein Propagandadesaster für die erklärten Wächter der ´freien Welt´“: Die USA, England und Frankreich schürten „antiwestliche Stimmungen im gesamten Nahen Osten. [...] Unter den antiamerikanischen Parolen vereinigten sich [...] fast alle Länder dieser Region.“Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 594, 603 ff., 648. Neukonzeptionen des Mittleren Ostens Die Hochrüstung mit konventionellen Waffen und sogar die Weitergabe von Kerntechnik an regionale Regierungen sei für Jahrzehnte ein wichtiger „Anreiz für die Kooperation mit den USA und Unterstützung gegen den sowjetischen Block“ gewesen, was für den Schah von Persien sogar das Angebot einer Wiederaufbereitungsanlage zur Produktion von Plutonium implizierte.Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 636 ff., 641 ff., 677 f.

Aber schon 1979 brachte „die Revolution im Iran [...] das Kartenhaus, das die USA in dieser Region errichtet hatte, zum Einsturz.“ Nach ersten Konfrontationen mit der neuen iranischen Regierung kooperierten beide partiell gegen den sowjetisch unterstützten Irak, weshalb die Sowjetunion beschloss, die Sicherheit an ihrer Südgrenze und ihren Einfluss in der Region durch den Einmarsch nach Afghanistan zu erhöhen. Das wiederum habe in den USA den Rückfall in „die alte imperiale Politik“ ausgelöst: Nachdem Saddam Hussein in die Falle der US-Politik getappt sei, habe eine westliche Allianz in einem ersten Schritt Kuwait dem Irak entrissen und in einem zweiten Saddam Hussein gestürzt.Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 658 ff.