Technologieoffenheit ist ein Konzept, welches die Ausgestaltung von technologischen Transformationsprozessen charakterisieren soll. Häufig wird Technologieoffenheit in der politischen Debatte jedoch als politisches Schlagwort oder rhetorisches Stilmittel verwendet, um die Einführung spezifischer Technologien zu verlangsamen oder zu verhindern, und somit den Status quo aufrechtzuerhalten.
Technologieoffenheit liegt nur in idealisierten Transformationsprozessen vor. In der Praxis bevorteilen beispielsweise historisch gewachsense Strukturen einzelne Technologien, Anbieter nutzen ihre Marktmacht zum Vorteil bestimmter Technologien oder Konsumenten fehlt das Wissen zur Anwendung neuer Technologien.
Technologieoffenheit, Technologieneutralität und Effizienzhypothese Technologieoffenheit liegt in technologischen Transformationsprozessen dann vor, wenn ein unverzerrtes Entscheidungsumfeld es erlaubt, unterschiedliche Technologien zur Erreichung eines Ziels zu entwickeln und die beste Technologie zur Zielerreichung frei auszuwählen.
Regulierung, welche keine technologiespezifische Auswahl trifft, nennt sich technologieneutral. Technologieneutralität wird eingesetzt, weil davon ausgegangen wird, damit ein Ziel kosteneffizient zu erreichen. Technologieneutrale Regulierung und damit Kostenminimierung kann jedoch nur in einem technologieoffenen Entscheidungsumfeld gelingen.
Technologiespezifische Regulierung zur Herstellung von Technologieoffenheit Technologiespezifische Regulierung ist demnach dann notwendig, wenn das Entscheidungsumfeld verzerrt ist oder neben Zielen wie der Klimaneutralität weitere spezifische Ziele erreicht werden sollen.
Faktoren, welche ein Festhalten an bestehenden Technologien befördern und somit der Technologieoffenheit im Wege stehen sind: Die Technologieoffenheit von Technologie-, Güter- und Dienstleistungsmärkten kann beispielsweise gestört sein, wenn Akteure in diesen Märkten Lobbyismus für oder gegen Technologien betreiben und auch damit Marktmacht zur Auswahl einer bestimmten Technologie ausüben. Informationsdefizite und Informationsasymmetrien können auf Konsumentenseite einen Nachteil für die Auswahl neuer, nicht bekannter Technologien darstellen und so der Technologieoffenheit im Wege stehen. Nicht vorhandene Infrastruktur für neue Technologie und Netzwerke stehen einem technologieoffenen Umfeld ebenfalls entgegen. Tradierte Vorstellungen über die angemessene Organisation eines Systems fördern die Beharrungskräfte des Bestehenden.
Im Verkehrssektor trifft beispielsweise die Auswahl der zukünftig zu nutzenden Antriebe und Energieträger auf ein historisch gewachsenes Entscheidungsumfeld, welches Verbrennungsmotoren und fossile Kraftstoffe begünstigt. Gründe hierfür sind u. a. Pfadabhängigkeiten und unberücksichtigte externe Kosten, die der Allgemeinheit aufgebürdet werden, wie die Klimaschäden und Umweltkosten. Technologiespezifische Regulierung zum Vorteil neuer Technologien ist daher oft notwendig, um sich einer Technologieoffenheit des Verkehrssektors zu nähern.
Technologieoffenheit vs. Technologieklarheit Ein konträres Konzept ist die Technologieklarheit. In einem 2025 publizierten Kommentar in Communications Earth & Environment schrieben die beteiligten Wissenschaftler, dass beim inzwischen erreichten Stand der Energiewende in Deutschland nicht mehr Technologieoffenheit, sondern Technologieklarheit die hilfreichere Strategie sei. Technologien zur Sektorenkopplung wie Elektroautos und Wärmepumpenheizungen seien etablierte und erprobte Mittel zur Dekarbonisierung. Deren Verbreitung zu verzögern, weil man politisch eine Strategie der Technologieoffenheit fahren wolle, erscheine keine kosteneffiziente Strategie zu sein. Statt Hoffnungen auf Wasserstoff und E-Fuels zu setzen, könne eine klare Konzentration auf Batterieelektrische Fahrzeuge inklusive Elektrolastkraftwagen sowie auf Wärmepumpen ein günstiges Umfeld für entsprechende Investitionsentscheidungen von Unternehmen und Bürgern schaffen.
Nutzung als politisches Schlagwort International Bereits seit den 1960er Jahren betrieben Interessenverbände der fossilen Energiewirtschaft wie das American Petroleum Institute (API) unter dem Deckmantel vermeintlicher Technologieoffenheit Lobbyarbeit gegen die Förderung erneuerbarer Energieträger und umweltfreundlicher Technologien wie Elektroautos und Wärmepumpenheizungen. Unter anderem setzte das API Regierungen unter Druck, Förderungen für solche Technologien zurückzufahren, staatliche Gelder für Forschung und Entwicklung zu kürzen und Umweltschutzgesetze aufzuweichen, die solche Technologien begünstigen könnten. Staatliche Förderungen für umweltfreundliche Technologien stellten nach Darstellung der API eine Verzerrung des freien Marktes dar. Z.B. protestierte das API bereits 1967 gegen einen Gesetzentwurf zur Förderung der Entwicklung von E-Autos. 2005 argumentierten Lobbyisten des API dann in einem erneuten Abwehrkampf gegen eine etwaige E-Auto-Förderung, dass E-Autos nicht gefördert werden sollten, weil sie noch nicht weit genug entwickelt seien. Auch setzte sich das API schon 1975 gegen ein Energiespargesetz ein, das Steuergutschriften für Wärmepumpen vorsah.Oil industry has sought to block state backing for green tech since 1960s. In: The Guardian, 8. März 2024. Abgerufen am 17. März 2024.
Deutschland Gerhard Matzig schrieb 2023, dass der „Sound der Technologieoffenheit“ alle zu dem damaligen Zeitpunkt stattfindenden Energiedebatten präge. Insbesondere die FDP mache mit dem Begriff „eine Politik, die vom Symbolismus kaum mehr zu unterscheiden ist“ und nannte beispielhaft die Debatten, um mit E-Fuels angetriebene Verbrennerfahrzeuge, Kernenergie und Heizungstechnologien. Dabei würde der Begriff von FDP und Grünen fundamental unterschiedlich gebraucht. Während Technologieoffenheit für die FDP „paradoxerweise ein Beharren auf dem Status quo“ bedeute, bedeute er für die Grünen einen Wechsel von alten hin zu neuen Technologien. Beides könne negativ zur Chiffre umgedeutet werden. Technologieoffen könne dann auch „rückwärtsgewandt“ bedeuten, oder eben nicht nur technologieoffen, sondern auch „neuerungssüchtig“. So sei Technologieoffenheit in der frühen Phase der Technologieentwicklung „erst einmal eine wirklich kluge Strategie“. Allerdings nur so lange es gehe, da es auch den Faktor Zeit gebe. Der Begriff dürfte aber nicht nur ein einfaches „Weiter so“ bedeuten. Tatsächlich technologieoffen wäre es, alles zu tun, „um zu besseren Lösungen als den bekannten schlechten Lösungen“ zu kommen. Jedoch sei es „technologieverdrossen“, „wenn man Wissenschaft mit Politik, die Zukunft mit der Vergangenheit und Rhetorik mit Handeln verwechselt“. Genau dies täten aber manche Akteure, um sich Zeit zu verschaffen.Wir sind da ganz offen. In: Süddeutsche Zeitung, 23. April 2023. Abgerufen am 17. März 2024.
Der Wissenschaftsjournalist Holger Wormer zählt den Begriff Technologieoffenheit zu einer „Reihe von irreführenden Plastikwörtern aus Politik und Lobbyismus“, die toll klängen. Tatsächlich aber verschleiere „das Mantra von der angeblichen ‚Technologieoffenheit‘ oft nur das Fehlen einer Strategie“. Wer aber wirklich neuer Technologie zum Erfolg verhelfen möchte, der müsse diese aber gezielt fördern, „damit sie bisher dominante, aber veraltete Technologien als neuen Standard ablösen“ könnten. „Besser wissen“: Das Plastikwort „Technologieoffenheit“. In: Tagesspiegel, 12. Mai 2023. Abgerufen am 17. März 2024.
Mehrere Autoren heben ein Essay von Carsten Pfeiffer vom Bundesverband Neue Energiewirtschaft als Beitrag zum Thema Technologieoffenheit hervor. Pfeifer schrieb 2020, dass Technologieoffenheit „in gewissen Kontexten und Phasen ein starker strategischer Ansatz“ sei. So sei es, solange noch nicht klar sei „welche Technologien sich durchsetzen werden oder auch relevante volkswirtschaftliche Vorteile haben“, „unklug, sich zu früh festzulegen“, sofern „ausreichend Ressourcen sowohl an Kapital als auch an klugen Köpfen“ vorhanden seien. Allerdings sei Technologieoffenheit „in den vergangenen Jahren aber erkennbar zum Dogma geworden“ und werde „wie eine Monstranz von etlichen Lobbyisten vor der Politik hergetragen“. So gelte das „Primat der Technologieoffenheit grundsätzlich und phasenübergreifend“, womit jedoch „technologiespezifische ökonomische Vor- und Nachteile, grundsätzliche Effizienzprinzipien oder reale Durchsetzungschancen einer Technologie“ nur noch von nachrangigem Wert seien. Eine so dogmatisch vertretene Technologieoffenheit verhindere aber „die ab einem bestimmten Zeitpunkt erforderliche Priorisierung“ und werde „zum Synonym für Strategieunfähigkeit“, welche die irgendwann notwendige „Priorisierungsentscheidung erschwert, verzögert oder sogar verhindert“. Wenn klar sei, „welche Technologien bedeutende Vorteile haben und offensichtlich ist, dass Wettbewerber […] dies erkannt haben“, dann werde es Zeit eine Entscheidung zu treffen. Werde diese Priorisierungsentscheidung zu lange hinausgezögert, gingen wertvolle Ressourcen und Zeit verloren. Dies könne z. B. an der deutschen Automobilindustrie nachvollzogen werden, die zu lange am Verbrennungsmotor festgehalten habe, während „Tesla sowie die chinesische Regierung“ bereits Jahre zuvor erkannt hätten, „dass das Elektroauto die Zukunft des Automobils sein wird“. Dieser Fehler sei nun aber korrigiert, wie an den Investitionen erkennbar sei. Insgesamt sei es jedoch so, dass Technologieoffenheit „auf jeden Fall eine bewährte Kommunikationsstrategie der Vertreter des ‚Weiter so‘“ sei und der „Begriff als Bindemittel beim Betonrühren“ diene. Klimaschutz und Energiewende würden nicht mehr offen abgelehnt, stattdessen hieße der Slogan nun „Klimaschutz ja, aber technologieoffen“. Damit sei aber „oft Klimaschutz unter Beibehaltung von Öl und Gas“ gemeint, nur eben „verbunden mit dem Versprechen, diese irgendwann einmal technologieoffen CO2-frei zu gestalten“. Zusammenfassend sei es so, dass Technologieoffenheit „als Strategie in bestimmten Phasen sehr sinnvoll“ sei. Werde sie aber zum Dogma, dann schlage sie „in Strategieunfähigkeit um“ und werde „von Akteuren genutzt, die sehr technologiespezifische Interessen“ hätten.Technologieoffenheit – Strategie, Magie, Dogma. In: Tagesspiegel Background, 24. Juni 2020. Abgerufen am 17. März 2024.
Christoph Bornschein schrieb 2023 im Manager-Magazin, der „so oft beschworene“ Begriff Technologieoffenheit sei ein „argumentatives PowerTool“ geworden, der mittlerweile „jede Fortschrittlichkeit verloren“ habe. „Übrig geblieben“ sei nur „ein Pseudoargument, eine leere Hülle, ein Mittel zur Diskursverweigerung“. Im besten Fall stehe Technologieoffenheit „für eine Angst vor Entscheidungen und vor Verantwortung“ und „das Gegenteil einer konstruktiven Zukunftserzählung“. Mit jeder Wiederholung scheine „aber leider der schlechteste Fall wahrscheinlicher“. Nämlich dass den Befürwortern der Technologieoffenheit „die Leere ihres Leitspruchs durchaus bewusst“ sei, und es nur wichtig sei, „dass ihr Argument es ermöglicht, jeden Gestaltungsanspruch zum ideologisch motivierten Angriff auf die technologieoffene Hochvernunft zu erklären“. Diese komme „bewusst oder unbewusst“ der von Steve Bannon genutzten Strategie „flood the zone with shit“ sehr nahe, die „zwischen Gaslighting, Halbwahrheit, Rhetorik und Fakt jede Orientierung“ auflöse, bis schließlich die Botschaft „des Veränderungsstopps, des Verharrens, der Rückkehr zu besseren Zeiten“ die einzige „noch Halt versprechende Botschaft“ sei.Die haben doch die Technologie offen. In: Manager-Magazin, 31. Juli 2023. Abgerufen am 17. März 2024.