Der Tekir-Graben (auch: Ecemiş-Senke, Ecemiş-Graben, Ecemiş-Korridor) ist eine tektonische Grabenstruktur und eine Gebirgspass-Region innerhalb des Taurusgebirges in der Südtürkei zwischen Mittel-Taurus und Ost-Taurus im Norden der Çukurova. Die intramontane Senke gilt als die Hauptverbindung zwischen dem inneranatolischen Hochland und Südost-Anatolien bzw. Syrien und dem Irak.
Geologisch-geotektonische Einordnung Im Übergang vom West-Ost streichenden mittleren Taurus-Bogen in Südanatolien in den Südwest-Nordost streichenden Flügel des inneren Ost-Taurus (Antitaurus) erheben sich nördlich der Çukurova einige der höchsten Teile des südlichen Taurusgebirges wie eine Mauer zwischen den Hochlandbereichen Interanatoliens und den weitgespannten Ebenen Mesopotamiens. Mit den Gipfeln des Mededsiz Dağı (3585 m), des Aydos Dağı (3488 m) im Bolkar-Dağı-Massiv (auch Bolkar Dağları, Bozoğlan Dağı oder Bulgar Dağı) und des Kaldı Dağı im Ala-Dağı-Massivs (3734 m) signalisieren beide Gebirgsteile durch ihre Höhe und mehrere deutlich getrennte Ketten eine starke Epirogenese. links|mini|Blick auf das Massiv der Bolkar Dağları („Reichlich-Schnee-Gebirge“) mit dem Mededsiz Dağı von Ulukışla aus. mini|Blick in das Gelgez Deresi bei İnköyü in der Südabdachung der Bolkar Dağları mit dessen beschneiten Gipfelpartien und den vorgelagerten Schichtstufen. Hier bildet der Lauf des Çakıt Çayı, der hier das Taurusgebirge von Inneranatolien her durchschneidet, eine Art Trennungslinie zwischen zwei Gebirgsteilen. Westlich des Flusses, im Ostteil des Mitteltaurusbogens, entwickelten sich Faltungsstrukturen kristalliner und nicht-kristalliner paläozoischer Kalke zu einem Hauptkamm des Taurusgebirges. Dieser hat hier auch einen zusammenfassenden Namen: Bolkar Dağları („Reichlich-Schnee-Gebirge“). An seiner Südflanke an der Mittelmeerküste zwischen Erdemli und Mersin steigen Miozänkalke, die sich weiter westlich sanft zum Plateautaurus von Mağara emporheben, vergleichsweise steil aufwärts. Hier haben sich tiefe Täler in die Flanke der Miozänkalke eingefressen, die dem Gebirge aufliegen. Am Grunde dieser Täler kommt – zusammen mit mesozoischen Ophiolithen – das gefaltete Mesozoikum zum Vorschein, das dort die Zentralzone des östlichen Mitteltaurus aufbaut. Ihre oberen Nebentäler werden von einer Schichtstufe aus miozänen Kalken parallel zum Gebirgs-Hauptkamm begleitet. Östlich, jenseits der Çakıt Çayı, schwingen sich im Hacın Dağ die älteren Gesteine (Trias, Jura, Kreide) auf über 2000 m hinauf und bilden nordöstlich mit dem Demirkazık-Gipfel des Aladağ bei Çamardı mit 3773 m Höhe hier nochmals ein extrem hohes Glied diesmal des Ost-Taurus, den südlichsten Teilen des Antitaurus. Dieser Gebirgsteil wird sehr häufig auch als Çamardı-Taurus bezeichnet nach der an seinem Westfuß in einem Becken gelegenen Kreisstadt Çamardı. links|mini|Blick in die Ecemiş-Senke bei Kamışlı mit den verschneiten Aladağları im Hintergrund. mini|Blick von den Höhen bei Tekir (Tekir-Pass) in die Senke von Pozantı. Unter Berücksichtigung der verschiedenen Schichtsysteme am Aufbau der Gebietsteile ist zwischen Taurus und Antitaurus kein wirklich bedeutungsvoller Unterschied. Im Antitaurus allerdings, der tiefer entblößt ist, spielen kristalline Schiefer eine größere Rolle. In beiden aber haben Devon, Mesozoikum und eingefaltetes Eozän einen sehr großen Anteil. Man muss also Taurus und Antitaurus, wenn man sie überhaupt als getrennte Gebirge aufführen will, als Teile eines großen, nach Süden und Osten vergenten (gekippten) tertiären Faltengebirgs-Systems ansehen. Bedenkt man, dass Orte, wie Niğde und Karaman im nördlichen Hochland, kaum über 1000 m hoch und im Süden Adana, Tarsus und Mersin im Meeresniveau oder wenig darüber liegen, so wird verständlich, dass die dortigen Ketten des Taurus für Menschen ein schwer zu überwindendes Hindernis bilden. Allerdings öffnet sich in relativ geringer Höhe eine tiefe in etwa Nordnordost-Richtung streichende und von Fritz Daniel Frech beschriebene und als „Tekirgraben“ bezeichnete Senke mitten zwischen den Ketten, die einen leichten Übergang gestattet und die auch der Çakıt Çayı auf dem Weg zum östlichen Mittelmeer partiell benutzt. Es sind dies die berühmten kilikischen Tore (Pylae Ciliciae, Kilikische Pforte), von den Einheimischen „Gülek Boğazı“ (Enge von Gülek) genannten engen Durchlässe durchs Taurusgebirge. Unter anderen bezweifelten allerdings Philippson und Chaput, dass die Tekir-Senke wirklich ein eigentlicher Graben sei. Da sie gerade an einer Stelle liegt, wo die Streichrichtung der Ketten sich stark ändert (von West-Ost nach Südwest-Nordnordost). Da in seiner Senke das Paläozoikum der benachbarten Ketten ansteht, so sind beide Forscher mehr geneigt, hier an eine Art „Torsionsriss“ zu glauben. Der Çakıt durchbricht hier die Ketten in der Gegend bei Çiftehan, wo diese besonders im Frühjahr selbst von der nördlichen Hochebene aus einen gewaltigen Eindruck machen, weil sie dann eine zusammenhängende Schneedecke tragen.
Der Tekir-Graben als Teil der Ecemiş-Störungszone
mini|Senke des Tekir-Grabens im Taurus-Gebirge zwischen Bolkar Dağları und Aladağları Flugaufnahme Ende September 2011. links|mini|306x306px|Situations-Skizze des Tekir–Grabens im östlichen Mittleren Taurus, Südtürkei. Der Tekir-Graben bildet einen der südlichsten Teile der Ecemiş-Störungszone: Die türkischen Geologen Ali Mehmet Celâl Şengör, Naci Görür und Fuat Şaroğlu stellten Mitte der 1980er Jahre fest, dass die zentralanatolische Platte aufgrund des seitlichen Drucks der Arabischen sowie der Eurasischen Platte seit dem späten Miozän auf der relativ homogen ozeanischen Lithosphäre des östlichen Mittelmeers entlang den nordanatolischen und ostanatolischen Verwerfungszonen nach Westen ausweicht. Aufgrund dieser Bewegung ist der westliche Teil der anatolischen Platte durch nach Osten, Westen, Nordwesten und Nordosten ausgerichtete Horst- und Grabenstrukturen und durch neotektonische Ausdehnungsprozesse gekennzeichnet. Ali Koçyiğit und Ali Beyhan vermerkten Ende der 1990er Jahre, dass der östlichste Teil der anatolischen Platte durch mehrere Blattverschiebungen (dextrale bis sinistrale Störungen) innerhalb der Platte selbst deformiert wird und von dazugehörigen Becken gekennzeichnet ist. Dies sind die Tuz-Gölü-Störung, der Salanda-Graben, die Göksu-Yazyurdu-Störungszone, die Malatya-Ovacık-Störungszone und die Zentralanatolische Störungszone. Sie befassten sich vor allem mit letzterer großen tektonischen Verwerfung, einer nach Nordosten gerichteten aktiven linksseitigen Transformstörung (Blattverschiebungszone, Strike-Slip-Verwerfungszone) mit einer Länge von etwa 730 km und einer Breite von 2–80 km, die das anatolische Hochland zwischen Düzyayla im Nordosten nördlich von Hafik (Sivas) und dem Kreis Anamur im Südwesten durchschneidet, eben der „zentralanatolischen Verwerfungs-Zone“.
Im mittleren Teil dieser breiten tektonischen Störung, die von den Forschern in 24 Segmente unterteilt wurde, liegt die Ecemiş-Verwerfungszone als eines dieser Teilglieder. Diese „Ecemiş-Senke“, die auf eine „schmale“ und lineare topografische Senkenzone beschränkt ist, erstreckt sich vom Südwesten des Bezirks Yahyalı südlich von Kayseri bis nach Pozantı im Tekir-Graben und weiter nach Anamur. Ihr Verlauf wurde von Hans Spreitzer Ende der 1950er Jahre bereits kartographisch erfasst und ist auch auf der Geologischen Karte der Türkei des Tübinger Atlas des Vorderen Orients sehr deutlich zu erkennen. Sie ist nach Cengiz Yetiş eine N25°E verlaufende, linksseitige „Streichverschiebungsverwerfung“ (Englisch: „strike-slip fault“, Horizontalverschiebung, Blattverschiebung). Die Länge der Verwerfung zwischen dem Vulkan Erciyes Dağı bei Kayseri und der Provinz Mersin beträgt etwa 300 km und ihre Breite beträgt etwa 80 km. Sie teilt sich etwa 2 km südlich der Kleinstadt Dündarlı (Kayseri) in viele Zweige, erstreckt sich von dort bis zum Dorf Elekgölü, um dann versetzt in den Kamışlı-Talbereich (Yoksuu-Tal bei Fritz Danbiel Frech, wohl: Yoksuyu = kein Wasser/Kamışlı-Çayı) zu münden und sich zwischen den Dörfern Aşçıbekirli, Kamışlı und Alpu in die gleiche Richtung fortzusetzen. Sie durchschneidet dabei zumeist Kalksteine und Ophiolithe, aber auch Sedimente aus dem Quartär und Oligozän, und verläuft größtenteils vor Kalkstein-Steilhängen, die die Basiseinheiten bilden. Generell gesehen ist die zentralanatolische Verwerfungszone eine sehr junge neotektonische Struktur. Sie entwickelte sich mit der Reaktivierung der Ecemiş-Verwerfung, einer älteren tektonischen Struktur, die sich in NO-SW-Richtung ausbreitete, dem „Ecemiş Korridor“.
Laut Karl Metz ist diese Verwerfung postkreidezeitlich bis vorpaläozän alt und wird von einer Oligozän-Miozän-Bedeckung aus überwiegend fluvialen Klastiken überlagert. Cengiz Yetiş ordnete 1978 der „Ecemiş-Verwerfungszone“ ein postpaläozänes bis vorlutetisches Zeitalter zu, indem er die Stratigraphien und Stellung der östlichen und westlichen Blöcke der „Ecemiş-Verwerfungszone“ zueinander untersuchte. Er schlug als Ergebnis eine Gesamt-Horizontalverschiebung von 80 ± 10 km für die „Ecemiş-Verwerfungszone“ vor, nachdem er den stratigraphischen Kontakt des Perm-Untertrias-Maden-Kalksteins und des Obertrias-Jura-Demirkazık-Kalksteins auf beiden Seiten der „Ecemiş-Verwerfungszone“ miteinander verglichen hatte. Die Stratigraphie dieser „Ecemiş Strike Slip Fault“ wurde 1984 auch von Mehmet Ali Gül und Kollegen untersucht, die ihr ein spätes Eozän zuordneten. Demnach ähnelt die Stratigraphie der Bolkardağları auf der Westseite sehr der des Aladağlar-Gebirges auf der Ostseite der Ecemiş-Verwerfungszone. Die Bolkardağları waren hinsichtlich der Aladağlar durch die Ecemiş-Strike-Slip-Verwerfung in südwestlicher Richtung verschoben worden. Man berechnete einen sinistralen Versatz von 75 km (s. o.) und konstatierte zudem, dass die Ecemiş Strike-Slip-Verwerfung zu Beginn des frühen Miozäns aktiv war und dass die lakustrinen Ablagerungen des Miozäns sowie der quartären Flusskonglomerate um 24 bzw. 75 m linksseitig verschoben wurden.
Dieser zentrale Teil der Ecemiş-Verwerfungszone ist mit dicken, gefalteten und überschobenen oligozän-miozänen fluvial-lakustrinen Sedimenten und pliozän-quartären Fächersedimenten (insgesamt Tertiär bis Quartär) gefüllt und besteht dort in Form einer linearen Senke aus sechs Segmenten: den Kleinbecken von Demirkazık-Sulucaova, Cevizlik, Kamışlı, Asaryaylası, Akça-Kızılcık und Hamidiye-Fındıklı. Darüber hinaus folgen die stromaufwärts gelegenen Oberläufe großer Gewässer, wie Ecemiş, Çakıt und Körkün Çayı, typischen Verwerfungstälern. Die entsprechende morphologische Senke wird durch die Aladağlar, das Ulukışla-Becken und das Niğde-Massiv begrenzt, und ihre morphologischen Formen sind auf Luftbildern, Satellitenbildern und im Gelände äußerst deutlich zu erkennen. Die wichtigsten morphologischen Hinweise auf diese tektonische Linie zeigen sich in einer auffälligen Folge von Hügeln, Druckkämmen, Quellen, verschobenen oder umgelenkten Gewässerläufen, die sich entlang der Verwerfung entwickelt haben. Bei dieser Horizontalverschiebung entstand im Gebiet zwischen Sulucaova im Nordosten (etwa 15 km südlich der Develi Ovası) und Tekir im Südwesten (etwa 10 km südlich von Pozantı) eine lineare Senke oder rissartige Struktur. Sie ist ungefähr 2–8 km breit, 100 km lang, 0,9–2,3 km tief. Obwohl zur Ecemiş-Verwerfungszone viele wissenschaftliche Studien durchgeführt wurden, für deren Aufzählung hier nicht der Raum ist, gibt es nur sehr wenige historische Erdbebenaufzeichnungen, obwohl die tektonische Situation entsprechende seismische Aktivitäten erwarten lässt.
Der Tekir-Graben, die kilikischen Pässe und die Kilikische Pforte