Die Gotha WD 4 (zivile Bezeichnung: UWD) war ein deutsches Schwimmerflugzeug des Ersten Weltkrieges und das erste zweimotorige seiner Art, das von der Marine in diesem Konflikt eingesetzt wurde.
Entwicklung Nachdem der von Oskar Ursinus konstruierte, zweimotorige Fernaufklärer Friedel-Ursinus FD am 30. Januar 1915 zum ersten Mal geflogen war, ging er im gleichen Jahr bei der Gothaer Waggonfabrik als Bomber Gotha G.I in eine begrenzte Lizenz-Serienproduktion. Noch während dessen plante Ursinus eine Schwimmerausführung und bot sie dem Reichsmarineamt (RMA) unter der Bezeichnung UWD (Ursinus-Wasser-Doppeldecker) an. Dieses reagierte am 15. April 1915 mit der Erteilung des Bauauftrages über ein Exemplar. Das Flugzeug wurde bis zum Dezember des Jahres vollendet und am 5. Januar 1916 dem Seeflugzeug-Versuchskommando (SVK) in Warnemünde mit der Marine-Nummer 120 zur Überprüfung übergeben. Während der Flugerprobung des für mehrere Personen ausgelegten Typs nutzten Angehörige des SVK das Flugzeug zu inoffiziellen, nicht zum Programm gehörenden Mitflügen, was der WD 4 den Spitznamen „Trojanisches Pferd“ einbrachte. Das Programm wurde ohne größere Beanstandungen mit der Abnahme am 6. Februar 1916 beendet und das Muster an die Seeflieger übergeben.
Einsatz Die Gotha WD 4 war das erste zweimotorige Marineflugzeug, das im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kam. Am 19. März 1916 flog sie ihren ersten Einsatz als Teil eines aus sechs Schwimmerflugzeugen gebildeten Verbandes, der die Hafenanlagen und Infrastruktur der Küstenstädte Deal, Dover, Margate und Ramsgate zum Ziel hatte. Diese Formation, neben der WD 4 noch aus vier FF 33 und einer NW bestehend, war der größte Verband, den die Kaiserliche Marine während des Krieges gegen das britische Mutterland einsetzte. An Bord der WD 4 befanden sich der Flugzeugführer Joseph Kaspar, der Beobachter Max Rund und der als Bordschütze fungierende Flugmechanikermaat Schneider sowie 32 5-kg-Carbonit-Bomben. Trotz heftigen Abwehrfeuers und Angriffen gegnerischer Flugzeuge konnte der Verband seine Bombenlast abwerfen und zu den Stützpunkten zurückkehren, wobei allerdings vier Stück bei der Landung verunfallten. Allein von den auf Dover abgeworfenen 80 Bomben wurden 14 Menschen getötet.
Am 9. Juli 1916 erfolgte ein zweiter Einsatz. Diesmal hatte die WD 4 35 5-kg-Bomben geladen. Von den fünf gegen Dover und Harwich gestarteten Flugzeugen mussten allerdings drei den Einsatz aufgrund technischer Probleme abbrechen; lediglich eine FF 33 und die WD 4 erreichten jeweils ein Ziel und die WD 4 bombardierte den Hafen von Harwich. Auch diesmal konnte sie ihren Stützpunkt erreichen. Allerdings kam sie danach nicht mehr zum Einsatz und wurde an das SVK nach Warnemünde abgegeben, wo sich ihre Spur verliert.Jörg Mückler: Deutsche Bomber im Ersten Weltkrieg. Motorbuch, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-613-03952-0, S. 198–200.
Technische Daten
Kenngröße Daten Besatzung 3 Spannweite 20,10 m (oben)19,00 m (unten) Länge 14,20 m Höhe 4,40 m Flügelfläche 82 m² Flächenbelastung 31,12 kg/m² Leistungsbelastung 7,67 kg/PS Rüstmasse 1940 kg Zuladung 612 kg Startmasse 2552 kg Antrieb zwei wassergekühlte Sechszylinder-Reihenmotorenmit zwei starren Zweiblatt-Holzluftschrauben Integral (⌀ 2,80 m, 1,70) Typ Mercedes D III effektive LeistungNennleistung in Bodennähe bei 1420/min Kraftstoffvorrat 370 l (266 kg) Höchstgeschwindigkeit 137 km/h in Bodennähe Marschgeschwindigkeit 117 km/h Startgeschwindigkeit 74 km/h Steigzeit 6,5 min auf 500 m Höhe8,5 min auf 1000 m Höhe13 min auf 1500 m Höhe21 min auf 2000 m Höhe45 min auf 3000 m Höhe Dienstgipfelhöhe 4000 m Reichweite 500 km Flugzeit 3 h Startlauf 10 s bei 5–6 m/s Wind Bewaffnung zwei bewegliche 7,9-mm-MG
Literatur Hans-Jürgen Becker: Wasserflugzeuge – Flugboote, Amphibien, Schwimmerflugzeuge (= Die deutsche Luftfahrt, Band 21). Bernard & Graefe, Bonn 1994, ISBN 3-7637-6106-3, S. 71/72 und 76. Bruno Lange: Typenhandbuch der deutschen Luftfahrt (= Die deutsche Luftfahrt, Band 9). Bernard & Graefe, Koblenz 1986, ISBN 3-7637-5284-6, S. 63. Rainer Lüdemann: Die deutsche Seefliegerei. Buch I: Schwimmerflugzeuge – Von den Anfängen bis Ende des 1. Weltkrieges. Epubli, Berlin 2020, ISBN 978-3-7529-8719-5, S. 155/156. Jörg Biber: Das Seeflugzeug-Versuchs-Kommando Warnemünde. Media Script, Berlin 2023, ISBN 978-3-9822979-1-0, S. 207, 273 und 285. Günter Kroschel, Helmut Stützer: Die deutschen Militärflugzeuge 1910–1918. Mittler, Herford 1977, ISBN 3-920602-18-8, S. 143.
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Flugzeugtyp (Kaiserliche Marine) Kategorie:G-Flugzeugtyp der deutschen Luftstreitkräfte im Ersten Weltkrieg Kategorie:Schwimmerflugzeug Kategorie:Zweimotoriges Flugzeug mit Kolbenmotoren Kategorie:Erstflug 1916 Kategorie:Nicht realisiertes Militärflugzeugprojekt (Deutschland)