Der Fiat 15 war ein leichter Lastkraftwagen, der von Fiat Veicoli Industriali in verschiedenen Varianten von 1911 bis 1922 hergestellt wurde. Er gehört zu den meistgebauten Lkw-Typen seiner Zeit.
Geschichte
Fiat 15 rechts|mini|Ziviler Fiat 15, beladen mit Wollballen, südlich von Winton, Queensland, ca. 1915
Das Ausgangsmodell Fiat 15 ist im einschlägigen Schrifttum kaum erwähnt. Sein Konstrukteur soll Carlo Cavalli gewesen sein, der den Typ im Jahr 1911 als leichten Lkw mit einer Tonne Nutzlast konstruierte. Der Motor entstammte dem seit 1909 gebauten Pkw-Modell Brevetti Fiat 15/25 HP Tipo 2: Vierzylinder, Bohrung × Hub 90 × 120 mm, Hubraum 3052 cm³, 20–25 PS. Die Höchstgeschwindigkeit des Fiat 15 lag bei 35 km/h. Als Besonderheit wird erwähnt, dass das Benzin aus dem Tank mittels Kraftstoffpumpe und nicht mehr mittels Schwerkraft (Fallbenzin) zum Vergaser befördert wurde. Möglicherweise blieb der Wagen ein Unikat.Das Standardwerk für FIAT-LKW "Carlo F.Zampini Salazar: Ottant' anni di camion FIAT. Gruppo Editoriale Forma, Turin 1983" erwähnt Lkw dieses Typs überhaupt nicht, auch die auf Militärfahrzeuge spezialisierten Publikationen von Benussi und Pignato/Cappellano behandeln nur die späteren Varianten Fiat 15 bis und 15 ter.
Fiat 15 bis Im Italienisch-Türkischen Krieg stellte sich für die Italiener das Problem heraus, in Libyen, dessen Größe damals auf 1.100.000 km² mit 723.000 Einwohnern geschätzt wurde,Hübners: Tabellen der Erde 1913. S. 31. Tatsächlich misst heute Libyen rund 1.760.000 km². Indessen muss man, um die damaligen Vorstellungen der Italiener und ihre Pläne zu bewerten, von den damals bekannten Größen ausgehen. Dies galt umso mehr, als die Grenzen zu den französischen Kolonialgebieten im Süden und Westen und Ägypten im Osten noch völlig unklar waren und erst in nachfolgenden Verhandlungen mit Frankreich und Großbritannien festgelegt wurden. die dort eingesetzten Truppen mit Nachschub zu versorgen. Unmittelbar an der Küste war dies über zahlreiche (wenn auch meist kleinere) Häfen durchaus möglich, nicht indessen über hunderte Kilometer im Landesinnern ohne jegliche Eisenbahnlinien, zumal das Land vielfach noch völlig unerforscht war und kaum Karten vorlagen, aus denen geographische Hindernisse (Sand, Gebirge, Flussläufe) und deren Ausmaß ersichtlich waren. Um den Nachschub sicherzustellen, wurden vor allem leichte Lkw benötigt, die in der Lage waren, die bestenfalls vorhandenen Karawanenwege zu benutzen.
Dementsprechend entwickelte Fiat 1911 eine als Fiat 15 bis bezeichnete Variante speziell für Militärdienst, die sich hauptsächlich durch eine höhere Nutzlast (bis 1,5 Tonnen) und ein dementsprechend erhöhtes Gewicht eines robusteren Fahrgestells von ihrem Vorgänger unterschied. Der Dreiliter-Motor mit 20 PS wurde beibehalten. Landläufig wurde diese Variante in der italienischen Armee auch als „Tipo Libya“ bezeichnet. Für die italienische Armee wurden folgende Mengen bestellt, wobei das Fahrzeug nicht als „Fiat 15 bis“, sondern als „Fiat XV ter modello 1911“ bzw. „modello 1912“ bezeichnet wird:
September 1911: 6 Fiat XV ter 1911 Februar 1912: 60 Fiat XV ter 1911 Februar – November 1912: 237 Fiat XV ter 1912 Zusammen also 303 Stück.Pignato/Cappellano: autoveicoli tattici e logistici. S. 24. Diese Stückzahlen erscheinen uns heute als recht unbedeutende Mengen, waren zur damaligen Zeit jedoch (als das Militär Kraftfahrzeuge in Einzelstücken, bestenfalls in ein oder zwei Dutzend Exemplaren zu Testzwecken bestellte) ganz enorme und in keinem anderen Staat der Erde beschaffte Mengen und zeigen, welchen Aufwand Italien betrieb, um seine neu erworbene Kolonie Libyen unter seine Kontrolle zu bringen und den Widerstand der einheimischen Bevölkerung zu ersticken.
Fiat 15 ter Um die Jahreswende 1913/14 wurde der Fiat 15 bis durch den Fiat 15 terNeben der Schreibweise „Fiat 15 ter“ taucht in der Literatur auch „Fiat 15 Ter“ auf, vgl. Diskussionsseite. Speziell in der italienischen Armee (Regio Esercito) war offenbar die Schreibweise „Fiat XV ter“ gebräuchlich. in der Produktion abgelöst. Diese Variante erhielt einen stärkeren Motor des Typs 53A: 4 Zylinder, Bohrung × Hub 100 × 140 mm, 4398 cm³ Hubraum, 40 PS, in der Militärversion auf 36 PS gedrosselt.
Das Fahrgestell des zivilen Lastkraftwagens wurde neben den unzähligen Sonderausstattungen der zahlreichen Karosseriewerkstätten auch für den Bau von Bussen und Löschfahrzeugen für die Bürgerfeuerwehr verwendet.
Üblicherweise waren die an das Militär ausgelieferten Fiat 15 ter solche mit Pritsche und Plane. Daneben gab es folgende Aufbau-Varianten: Sanitätskraftwagen: Schon vom Fiat 15 bis gab es Sanitätskraftwagen mit hölzernem Kastenaufbau statt offener Ladefläche.Vanderveen S. 244 m. Abbildung Die auf Fahrgestell des Fiat 15 ter hatten den üblichen Radstand von 3,07 m, waren jedoch aufgrund des längeren Kastenaufbaues fast 5 m lang.Vanderveen S. 244, 246 m. Abbildung Die an das italienische Rote Kreuz gelieferten Fahrzeuge hatten statt des Kastenaufbaus eine Pritsche mit besonders hoch aufgezogener Plane, sodass vier liegende Verwundete transportiert werden konnten.Abbildung Pignato/Cappellano S. 94 Scheinwerfer-Kraftwagen („stazione fotoelettriche“): Auf dem verlängerten Fahrgestell (Radstand 3,315 m) wurde ein Scheinwerfer mit 90 cm Durchmesser montiert, der Motor diente auch als Generator für den benötigten Strom. Das Fahrgestell, normalerweise 4,545 m lang, maß jetzt 4,69 m, der Platzbedarf auf der Ladefläche betrug 4,89 × 1,78 × 2,70 m. 1915 entstanden von dieser Variante 105 Stück.Benussi S. 21, Pignato/Cappellano S. 82, 88, 89 Werkstattwagen („autofficina“): Auf der Ladepritsche waren zahlreiche Werkmaschinen montiert, um andere Fahrzeuge bei Bedarf instand setzen zu können.Benussi S. 9 Einige Fahrzeuge erhielten einen Aufbau, mit dem Seilbahnen betrieben werden konnten.Pignato/Cappellano S. 82 Weitere waren als Löschfahrzeuge mit großem Wassertank oder einer Drehleiter ausgerüstet. Funkwagen: Diese Fahrzeuge erhielten einen hölzernen Kofferaufbau und waren mit diversen Funkgeräten und -antennen ausgerüstet.Abbildungen Pignato/Cappellano S. 89, 90, 91 Als „autotipolitografico“ hatten die Fahrzeuge einen Kofferaufbau mit großen Fenstern und DruckmaschinenPignato/Cappellano S. 92.
Technik Der Lkw war auf beiden Achsen mit Holzspeichenrädern ausgestattet, wobei die Hinterachse doppelt bereift war. Beim Fiat 15 ter waren die Räder aus Stahlblech. In den 1930er Jahren wurden die Vollgummireifen meist durch pneumatische ersetzt. Der wassergekühlte Motor lag bei allen Varianten vorne. Beim Fiat 15 ter lag die maximale Steigfähigkeit bei 16 %. Die Bodenfreiheit betrug 27 cm.Benussi S. 20 f. Für die übrigen technischen Daten wird auf die Infobox verwiesen.
Militärische Nutzung Der Fiat 15 und seine Derivate wurden insbesondere von der italienischen Armee eingesetzt. Daneben wurden vom Fiat 15 ter etliche Fahrzeuge an die französischen, englischen und russischen Streitkräfte sowie an die USA geliefert; im Rahmen der Zwölften Isonzoschlacht dürften auch etliche Fahrzeuge von den österreichisch-ungarischen Streitkräften erbeutet worden sein. In Russland wurden die gelieferten Einzelteile im AMO-Werk in Moskau montiert. Später diente dieser Lkw als Basis für das Modell AMO-F-15.https://books.google.com/books?id=Dn8cie0kyScC&dq=fiat+15+ter&pg=PA12Lew M. Schugurow: Автомобили России и СССР. Teil 1. ILBI Prostreks, Moskau 1993, ISBN 5-87483-004-9.
Italien Das mit Deutschland und Österreich verbündete Italien blieb bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges zunächst neutral und trat erst im Mai 1915 – jetzt auf alliierter Seite – in den Krieg ein. Diese Zeit nutzten die Italiener: Sie erkannten, dass der Krieg lange dauern werde, und das Kraftfahrzeug eine bedeutende Rolle spielen werde. Infolgedessen musste der Ausstoß vor allem an Lastkraftwagen deutlich erhöht werden, und es durften die Arbeiter in den Kraftfahrzeugfabriken nicht zum Militär einberufen werden. So lieferte Fiat an das italienische Heer von August 1914 bis Mai 1915 insgesamt 360 Fiat 15 ter, davon 106 Sanitätsfahrzeuge und 30 ScheinwerferwagenBenussi S. 14. Der Fiat 15 ter wurde während des ganzen Krieges weiter für das italienische Heer (und andere alliierte Streitkräfte) produziert. Vor allem im Gebirgskrieg, aber auch im Kampf gegen Aufständische in Libyen bewährte sich das relativ leichte Fahrzeug. Am 1. Oktober 1918, kurz vor Kriegsende, verfügte die italienische Armee über 8206 Stück, davon 710 Sanitätswagen.Benussi S. 15
Als 1919 die italienische Armee auf Friedensfuß reduziert wurde, dürften etliche nicht mehr benötigte Fiat 15 ter versteigert worden sein: Ein Verfahren, das seit Jahrhunderten nach Friedensschluss allenthalben üblich war. Insbesondere aber in den italienischen Kolonien (in erster Linie Libyen, aber auch Eritrea und Italienisch-Somaliland) blieben die Fiat 15 ter weiterhin im Dienst des Militärs für allgemeine Transportaufgaben. Daneben wurde der Lkw bis 1922 weitergebaut, jetzt vor allem für den zivilen Markt. Im Mutterland wurde der Fiat 15 ter ab 1925 durch den moderneren SPA 25C in der italienischen Armee abgelöst, in den Kolonien blieb das offenbar als unverwüstlich geltende Fahrzeug aber weiterhin bis in die ersten Jahre des Zweiten Weltkrieges im Dienst der italienischen ArmeePignato/Cappelano S. 82. In den 1930er Jahren wurden allerdings allenthalben die Vollgummireifen durch neue Druckluftbereifung ersetzt.
Frankreich Nach einer nicht genannten Quelle soll Frankreich 500 Fiat 15 ter im Dezember 1914 und weitere 600 Stück im Januar 1915 bestellt haben. Am 30. Juni 1915 seien 635 Stück im Dienst der französischen Streitkräfte gewesen, am 31. Mai 1918 habe die Zahl 839 Stück im Dienst der französischen Fliegerstreitkräfte betragen. Nach einer anderen Quelle erfolgte die erste französische Bestellung von Fiat 15 ter (über 304 Chassis) im Jahr 1915, bis 1918 wurden über 1000 Stück geliefert. Die Lieferungen blieben aber immer hinter dem Bedarf der französischen Streitkräfte zurück, was insbesondere für das Jahr 1918 galt, als die USA bei Fiat 4000 Stück bestellten, die vorrangig zu liefern waren.Vauvillier: GBM 91. S. 85.
Großbritannien Zu Ende des Ersten Weltkrieges dienten 386 Fiat 15 ter in britischen Streitkräften: 294 in Italien, 54 in Saloniki/Balkan, 37 in Mesopotamien und einer in Russland.Vanderveen: Directory. S. 246. Andere Quellen erwähnen nur die 294 in Italien eingesetzten Fahrzeuge.Gosling, S. 110. Auffällig ist, dass ihr Einsatz ausschließlich an Nebenkriegsschauplätzen erfolgte und nicht am Hauptkriegsschauplatz in Frankreich. Offenbar setzte man in Frankreich die vertrauten britischen und amerikanischen Typen ein, während man im Bereich des Mittelmeeres und des Nahen Ostens wegen der kürzeren Transportwege auch italienisches Material nicht verschmähte. Das eine Exemplar auf dem russischen Kriegsschauplatz dürfte aus einer Lieferung an Russland stammen, die die Engländer bzw. die Nördliche Armee in Nordrussland 1918 erbeuteten.
Russland An Frankreich, Großbritannien und Russland zusammen sollen 20.000 Fiat 15 ter geliefert worden seinBenussi, S. 14: Britische Truppen hatten Ende 1918 knapp 400 Fiat 15 ter im Dienst. Die Franzosen erhielten etwa 1100 Stück, demnach bleiben für Russland 18.400 Stück übrig. Diese Zahl dürfte allerdings erheblich zu hoch gegriffen sein. Fiat 15 ter eigneten sich für die russischen Straßenverhältnisse (ähnlich wie für Libyen) besonders, weil es leichte Lkw waren.