mini|Heiliges Haus in Fatuc Laran, wo 90 % der Bevölkerung Bunak sind
Die Bunak (Bunaq, Buna’, Bunake, Búnaque, Búnaque, Mgai, Gaiq, Gaeq, Gai, Marae) sind eine ethnolinguistische Gruppe mit etwa 100.000 Angehörigen in der gebirgigen Region Zentraltimors, im Grenzgebiet von West- und Osttimor. Ihr Kerngebiet liegt in den osttimoresischen Gemeinden Bobonaro und Cova Lima. Von hier aus dehnten sie sich in die umgebenden Regionen aus, wo sie teilweise in direkter Nachbarschaft mit anderen Ethnien leben. Einige Siedlungen der Bunak sind aufgrund der bewegten Geschichte Osttimors erst vor wenigen Jahrzehnten gegründet worden. Die Bunak sind eine von vier Ethnien auf Timor, die Papuasprachen sprechen, während die Mehrheit der Timoresen malayo-polynesische Sprachen spricht. Die Bunak wurden daher sowohl linguistisch als auch kulturell von ihren austronesischen Nachbarn stark beeinflusst.
Siedlungsraum Der heutige Siedlungsraum der Bunak liegt in den Bergen Zentraltimors und reicht von der osttimoresischen Stadt Maliana im Norden bis zur Timorsee im Süden, wo Bunak- und Tetum-Gemeinden oft direkt nebeneinander in Koexistenz leben.Antoinette Schapper: Finding Bunaq. S. 164. Dabei besteht eine linguistische Isolation, da die benachbarten Kemak im Norden, Mambai im Osten, Tetum im Süden und Westen sowie Atoin Meto weiter im Westen alle malayo-polynesische Sprachen sprechen, während Bunak zu den Papuasprachen gehört, auch wenn sich starke Einflüsse der Nachbarsprachen wiederfinden. Papuasprachen werden sonst nur im äußersten Osten Timors gesprochen. Aufgrund der Unterschiedlichkeit ihrer Sprache beherrschen die Bunak zumeist mindestens eine malayo-polynesische Sprache fließend (In Osttimor dient Tetum als Lingua franca), während ihre Nachbarn selten Bunak lernen.Antoinette Schapper: Finding Bunaq. S. 163. Im schwer zugänglichen Gebirge sind die Bunak von den Nachbarethnien relativ isoliert. Im Osten dehnt sich ihr Siedlungsgebiet bis in den Westen von Manufahi aus und im Westen bis in den Osten der indonesischen Regierungsbezirke Belu und Malaka.
Zentren der Bunak sind in Osttimor die Orte Bobonaro und Lolotoe in der Gemeinde Bobonaro, Tilomar und Zumalai in der Gemeinde Cova Lima, der Suco Cassa in der Gemeinde Ainaro und Betano und Same in der Gemeinde Manufahi. Im westlichen Grenzgebiet von Cova Lima bilden die Bunak eine Minderheit gegenüber der Mehrheitsbevölkerung der Tetum. Die Siedlungsgebiete sind dabei gemischt. Zwischen Fohoren und der Küste südlich von Suai wechseln sich Dörfer der Tetum und der Bunak immer wieder ab.Antoinette Schapper: Finding Bunaq. S. 175. Insgesamt bezeichnen 64.686 Osttimoresen Bunak als ihre Muttersprache.Direcção-Geral de Estatística: , abgerufen am 23. November 2016.
Im Osten des indonesischen Regierungsbezirks Belu bilden die Bunak in den Distrikten (Kecamatan) Lamaknen und Südlamaknen die Bevölkerungsmehrheit, im Südosten von Raihat eine Minderheit.Antoinette Schapper: Finding Bunaq. S. 165. Ebenso im Südosten von Westtimor, wo die Tetum die Bevölkerungsmehrheit bilden. Hier liegen in den indonesischen Distrikten Rai Manuk (Regierungsbezirk Belu), Kobalima, Ostkobalima und Ostmalaka (Regierungsbezirk Malaka) einzelne Bunak-Siedlungen zwischen den Dörfern der Tetum. Die am westlichsten gelegenen Bunak-Siedlungen sind Haroe (Desa Sanleo, Malaka Timur) und Welaus (Desa Nordlakekun, Kobalima). Im Nordwesten liegen die isolierten Bunak-Dörfer Faturika, Renrua (beide Rai Manuk) und Babulu (Kobalima). Nach Osten hin liegen die Siedlungen der Bunak entlang der Straße bis hin zu den Desas Alas und Südalas an der Grenze zu Osttimor.
Geschichte und Ausdehnung Mythischer Ursprung mini|„Zwei Frauen der Bunak aus Vila Armindo Monteiro (Fronteira)“, Álbum Fontoura, vor 1940
Der Legende nach lebte einst ein Mann namens Mau Ipi Guloq, der als Erster den Wasserbüffel domestizierte. Zusammen mit seinem Bruder Asan Paran fing er eines Tages zwei Säue, die sich in Frauen verwandelten. Sein Bruder beanspruchte aber beide Frauen für sich, weswegen sich Mau Ipi Guloq von ihm im Streit trennte. Eines Tages störte eine Krähe seinen Büffel, so dass Mau Ipi Guloq einen goldenen Pfeil auf den Vogel schoss. Das goldene Blasrohr dafür hatte er sich von seinem Bruder geliehen. Die Krähe flog mit dem Pfeil davon und Mau Ipi Guloq folgte ihr in die Unterwelt, wo er auf ihren kranken Herrscher traf. Mau Ipi Guloq bot seine Hilfe an und entdeckte, dass im Herrscher sein goldener Pfeil steckte. Er tauschte ihn gegen einen Bambuspfeil, den er in seinem Betelnussbeutel einweichte. Der Herrscher der Unterwelt wurde wieder gesund und schenkte Mau Ipi Guloq zum Dank zwei Orangen eines Baumes der Unterwelt, die sich in Prinzessinnen verwandelten. Asan Paran forderte seinen Bruder auf, eine seiner Frauen gegen eine der Prinzessinnen zu tauschen. Als dieser sich aber weigerte, sorgte Asan Paran dafür, dass Mau Ipi Guloq in eine Schlucht stürzte und starb. Die Frauen von Mau Ipi Guloq fanden ihn jedoch und erweckten ihn mit einem Öl aus der Unterwelt wieder zum Leben. Gesund und verjüngt kehrte er heim, wo sein Bruder ebenfalls nach einem Bad in dem Öl verlangte, um selbst wieder jung zu werden. Die Frauen von Mau Ipi Guloq erhitzten aber das Ölbad so stark, dass Asan Paran starb. Mau Ipi Guloq heiratete auch die Frauen seines Bruders und wurde zu einem der Stammväter der Bunak.Yves Bonnefoy: Asian Mythologies. University of Chicago Press, 1993, ISBN 0-226-06456-5, S. 167–168.
Übersicht mini|Einwohner von Saburai (2014)
Bei keiner der timoresischen Ethnien gab es ursprünglich eine Schrift. Von der Geschichte vor der europäischen Kolonisation gibt es daher nur mündliche Überlieferungen. Gerade bei den Bunak gibt es hier eine reiche Tradition. Dabei werden die Texte mit Wiederholungen, Reimen und Alliterationen rezitiert. Dies hilft dem Vortragenden, sich an die Verse zu erinnern.Geoffrey C. Gunn: History of Timor. S. 4.
Allgemein geht man davon aus, dass die Melanesier 3000 v. Chr. nach Timor einwanderten und ab 2500 v. Chr. von nachkommenden austronesische Gruppen teilweise verdrängt wurden.Universität Coimbra: Bei den Fataluku vermutet man inzwischen, dass sie möglicherweise erst nach den Austronesiern von Osten her Timor erreichten und stattdessen diese verdrängten oder assimilierten.Andrew McWilliam: Auch bei den Makasae wird über ein solches Szenario spekuliert.Antoinette Schapper: Finding Bunaq. S. 182. Bei den Bunak finden sich aber im Kernland nur Ortsnamen, die Papua-Ursprungs sind, so dass die Bunak hier vor den Austronesiern gesiedelt haben müssten. Da Bunak aber gemeinsame Teile nicht-austronesischen Vokabulars mit Fataluku, Makasae und Makalero hat, müsste es früher eine Proto-Timor-Papua-Sprache gegeben haben, von der alle Papua-Sprachen Timors abstammen.Antoinette Schapper: Finding Bunaq. S. 182–183.
Das heutige Siedlungsgebiet der Bunak ist die Folge von verschiedenen Wanderbewegungen. Aufgrund von Bevölkerungszuwachs waren die Bunak gezwungen immer wieder zu expandieren, um neues Ackerland zu finden. Externe Einflüsse führten zu Fluchtbewegungen und Zwangsumsiedlungen.Antoinette Schapper: Finding Bunaq. S. 168. So zu Beginn der portugiesischen Kolonisation, die ab dem 16. Jahrhundert Timor einsetzte. Die Niederländer dehnten bis Mitte des 18. Jahrhunderts ihren Einfluss bis in das Gebiet der Bunaks aus, so dass es in eine westliche, niederländische und eine östliche, portugiesische Interessenssphäre geteilt wurde. Es blieb aber bei einer meist nur nominellen Vorherrschaft der Europäer, die über die lokalen Herrscher ausgeübt wurde. Erst im frühen 20. Jahrhundert gelang es den beiden Kolonialmächten, eine wirkliche koloniale Administration aufzubauen. Im Zweiten Weltkrieg besetzten die Japaner von 1942 bis 1945 ganz Timor, bekämpft von australischen Guerillakommandos. Nach dem Krieg wurde der niederländische Westen Teil Indonesiens, der portugiesische Osten blieb bis 1975 Kolonie. Als die Portugiesen mit dem Abzug aus Timor begannen, besetzten die Indonesier zunächst die Grenzregion Osttimors. Neun Tage nach der Unabhängigkeitserklärung Osttimors folgte die vollständige Invasion und ein 24 Jahre andauernder Unabhängigkeitskampf. Die Zivilbevölkerung, die bei der Invasion in die Wildnis geflohen war, ergab sich den Invasoren erst nach und nach. Mit als letzte stellten sich 1979 Bunak, die drei Jahre in den Wäldern gelebt hatten.„Chapter 7.3 Forced Displacement and Famine“ (PDF; 1,3 MB) aus dem „Chega!“-Report der CAVR (englisch) Erst 1999 zog sich Indonesien zurück und nach drei Jahren UN-Verwaltung erhielt Osttimor endgültig seine Unabhängigkeit. Das Siedlungsgebiet der Bunak blieb durch die neue nationale Grenze geteilt. Seit der Unabhängigkeit ziehen immer mehr Menschen aus den ländlichen Regionen in die Hauptstadt Dili, so auch Bunak. Viele der Zugezogenen organisieren sich nach ihrer geographischen Herkunft. Bunaksprecher leben im Westen der Stadt in Comoro, Fatuhada und Bairro Pite und im Zentrum in Gricenfor, Acadiru Hun, Santa Cruz und Lahane Oriental. 2006 kam es zu Unruhen, bei denen vor allem in Dili Osttimoresen aus dem Osten (Firaku) und aus dem Westen (Kaladi) des Landes aufeinander losgingen. Auch Bunaks, die zu den Kaladi gehören, waren an den Zusammenstößen beteiligt. Unter anderem gab es in Dili einen Konflikt zwischen Bunaks aus Bobonaro und Ermera und Makasaes aus Baucau und Viqueque um die Dominanz auf dem Markt.James Scambary: A Survey of Gangs and Youth Groups in Dili, Timor-Leste. 2006 (PDF; 3,1 MB)
Kernland mini|Moradores in Bobonaro (1968/70)
Das Kernland der Bunak befindet sich im mittleren Osten der osttimoresischen Gemeinde Bobonaro und im Nordosten der Gemeinde Cova Lima. Während hier nur Ortsnamen mit Bunak-Herkunft zu finden sind, gibt es im restlichen Siedlungsgebiet parallel auch geographische Bezeichnungen austronesischen Ursprungs und in den Randterritorien selbst für Siedlungen der Bunak nur noch austronesische Namen. Daraus wird geschlossen, dass die ursprüngliche Heimat der Bunak in ihrem Kernland liegt, von wo sie aus expandierten. In der Sprache Bunak finden sich Einflüsse von Kemak und weniger von Mambai. Daraus wird gefolgert, dass auch die ursprünglichen Bunak mit Kemak und Mambai Kontakt hatten, was geographisch auf das Kernland zutreffend ist.Antoinette Schapper: Finding Bunaq. S. 169.
Im Nordosten verwenden die Bunak als Eigenbezeichnung für sich und ihre Sprache sogar die Wörter Gaiq oder Gaeq, was sich von Mgai, der Fremdbezeichnung durch die Kemak ableitet. Laut der mündlichen Überlieferung der dortigen Bunak gehörten sie früher zum Reich von Likusaen (Likosaen), das mit dem heutigen Liquiçá sein Zentrum im Gebiet der Tokodede und Kemak hatte. Gerade dieses Reich soll für den starken linguistischen Einfluss des Kemaks auf die Sprache der Bunak verantwortlich sein.Antoinette Schapper: Finding Bunaq. S. 170. In Marobo und Obulo vermischten sich Kemak mit den dortigen Bunak. Dies führte zu kulturellen Unterschieden dieser Kemak im Vergleich zu den benachbarten Kemak von Atsabe.Andrea K. Molnar: Died in the service of Portugal.
Zwischen Maliana, Lamaknen und Maucatar mini|„Ein Bunak-Ehepaar aus Lebos (Fronteira)“, Álbum Fontoura, vor 1940