Das KZ-Außenlager Wille war ein Außenlager des KZ Buchenwald. Es wurde im Juni 1944 als Arbeitslager hauptsächlich für jüdische Gefangene errichtet, die im Hydrierwerk Zeitz der Braunkohle-Benzin AG (BRABAG) Zwangsarbeit im Rahmen des Mineralölsicherungsplans (Geilenberg-Programm) leisten mussten. Bei der Evakuierung zum KZ Theresienstadt kamen zahlreiche Häftlinge ums Leben, von denen hunderte beim Massaker in Reitzenhain ermordet wurden.
Geschichte Entstehung und Entwicklung des Lagers
Im Mai 1944 begannen strategische alliierte Luftangriffe auf Zeitz, um das dortige kriegswichtige Hydrierwerk lahmzulegen. Zeitgleich wurde am Mineralölsicherungsplan, dem sogenannten Geilenberg-Programm, gearbeitet, der allerhöchste Priorität haben sollte. Der BRABAG-Vorstandssprecher Fritz Kranefuß, der auch ein Vertrauter Heinrich Himmlers war, agierte als Verbindungsmann zur SS und deren Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt bei der Beschaffung von Zwangsarbeitern.Tobias Bütow, Franka Bindernagel: Ein KZ in der Nachbarschaft – Das Magdeburger Außenlager der Brabag und der Freundeskreis Himmler. Böhlau, Köln 2003, ISBN 3-412-04904-2, S. 57 und 79. Am 6. Juni 1944 konnte Kranefuß seinen Vorstandskollegen berichten, dass es ihm gelungen sei, bei Verhandlungen mit Oswald Pohl eine Zusage für 4250 KZ-Häftlinge für das Hydrierwerk Zeitz zu erhalten.Tobias Bütow, Franka Bindernagel: Ein KZ in der Nachbarschaft – Das Magdeburger Außenlager der Brabag und der Freundeskreis Himmler. S. 94. Bereits am 4. Juni 1944 war ein Vorkommando mit 200 vorwiegend niederländischen Häftlingen angekommen, die in Gleina im Saal des Gasthofs Harnisch und im Ochsenstall der Zeitzer Zuckerfabrik untergebracht worden waren.Lothar Czoßek (Hrsg.): Vernichtung – Auftrag und Vollendung. S. 12.
Zunächst wurde in Tröglitz von der BRABAG ein Zeltlager für die ankommenden Häftlinge errichtet und im November 1944 wurde der Lagerteil in Gleina ganz aufgelöst. Am 1. Januar 1945 wurde dann das von der Organisation Todt hastig errichtete Barackenlager in Rehmsdorf bezogen. Wegen Überfüllung, fehlender Abwasserentsorgung und völlig unzureichender sanitärer Einrichtungen bestand ein hohes Infektionsrisiko für die Häftlinge. Der Buchenwalder KZ-Arzt Gerhard Schiedlausky forderte von der BRABAG aus arbeitsökonomischen Gründen eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse und die Häftlinge errichteten aus eigener Initiative eine Entlausungseinrichtung. Die SS benannte das Lager nach Karl Wille, dem Leiter BRABAG in Tröglitz. Weitere Bezeichnungen waren – nach den Namen der Standorte – Außenlager Gleina, Tröglitz und Rehmsdorf.Geoffrey P. Megargee: Buchenwald Subcamp System. S. 429.
Geleitet wurde das Lager von SS-Obersturmführer Rudolf Kenn.Stefan Hördler: Ordnung und Inferno – Das KZ-System im letzten Kriegsjahr. Wallstein Verlag, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8353-2559-3, S. 364. Der 1914 geborene gelernte Tischler war im Sommer 1933 in die SS eingetreten und seit Kriegsbeginn im KZ Buchenwald tätig. Von Mai 1943 bis Juni 1944 hatte er bereits als Kommandoführer das KZ-Außenlager Leipzig-Thekla befehligt. Überlebende schilderten ihn als gewalttätig und sein Regime als brutal. Unter den übrigen etwa 310 SS-Leuten der Wachmannschaft befanden sich viele „Volksdeutsche“ aus Rumänien.
Häftlinge Schätzungsweise durchliefen 8600 Häftlinge das Außenlager. Ein großer Teil waren ungarische Juden, die von der SS über Auschwitz und das KZ Buchenwald ins Außenlager gebracht wurden. Hitler hatte nach dem Scheitern des NS-Arbeitskräfteprogramms zugestimmt, ungarische Juden ins Arbeitskräftereservoir aufzunehmen, so dass unter kriegswirtschaftlichen Zwängen die kompromisslose „Endlösung der Judenfrage“ vorübergehend eingeschränkt wurde. Weitere Zwangsarbeiter kamen aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei, der Ukraine und Lettland.Tobias Bütow, Franka Bindernagel: Ein KZ in der Nachbarschaft – Das Magdeburger Außenlager der Brabag und der Freundeskreis Himmler. S. 73 f.Geoffrey P. Megargee: Buchenwald Subcamp System. S. 429 f.
+ Belegungs- und TodeszahlenLothar Czoßek (Hrsg.): Vernichtung – Auftrag und Vollendung. S. 44.MonatBelegungTotelt. Betriebsarchivlt. Monatsberichtlt. Betriebsarchivlt. Monatsbericht1944 Juni29782980321944 Juli420142025keine Angabe1944 August4274419514keine Angabe1944 September4164516017keine Angabe1944 Oktober4127489016161944 November40324536871121944 Dezember33802999160keine Angabe1945 Januar317632392012871945 Februar287131761803071945 März22113025102102 Die Zahlen aus dem Betriebsarchiv und den Monatsberichten ans Hauptlager (Stichtag 20. der lfd. Monats) sind abweichend.
Nach den Unterlagen der SS starben 733 Häftlinge vor Ort und 658 wurden in den Krematorien in Gera, Altenburg und Weißenfels eingeäschert. Dauerhaft arbeitsunfähige Häftlinge wurden selektiert und ins Hauptlager Buchenwald zurückgesandt. 788 Häftlinge starben auf den Rücktransporten oder kurz darauf im Block 59, wo Tötungen durch Injektionen durchgeführt wurden. Andere wurden weiter nach Auschwitz transportiert und dort ermordet. Mindestens 934 Häftlinge starben im April 1945 auf dem Todesmarsch bei der Evakuierung des Lagers.Geoffrey P. Megargee: Buchenwald Subcamp System. S. 430.
Insgesamt starben laut dem Historiker Stefan Hördler 5871 Häftlinge, einschließlich der wegen Arbeitsunfähigkeit und Krankheit nach Auschwitz und in andere Lager Verschleppten.
Der spätere Literaturnobelpreisträger Imre Kertész war Gefangener im Lager und verarbeitete seine KZ-Erfahrung in dem fiktionalen Holocaust-Roman Roman eines Schicksallosen.Imre Kertész. auf Literaturland Thüringen, aufgerufen am 26. März 2024.
Auflösung und Endphasenverbrechen Vor dem Anrücken amerikanischer Truppen wurden die Häftlinge Anfang April in überfüllten offenen Güterwaggons mit Ziel KZ Theresienstadt evakuiert. Vor Reitzenhain an der deutsch-tschechischen Grenze kam es bei einem alliierten Luftangriff zu einer Panik. Überlebende flohen in die Wälder und wurden von der SS sowie der lokalen Hitler-Jugend und NSDAP-Angehörigen verfolgt und 388 Häftlinge wurden in einem Massaker getötet.
Aufarbeitung Juristische Aufarbeitung mini|hochkant|Angeklagter Lagerältester Hans Wolf im April 1947 Kein Angehöriger des SS-Personals wurde juristisch belangt. Lagerkommandant Kenn tauchte nach Kriegsende zunächst unter. 1976 wurde ein wenige Jahre zuvor in der Bundesrepublik gegen ihn eingeleitetes Ermittlungsverfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt. Er starb 1987.
Heinrich Bütefisch, ein Vorstandsmitglied der IG Farben und Brabag, bestritt trotz seiner damaligen Werksinspektion jede Verantwortung für die Vorgänge. (Er wurde im I.G.-Farben-Prozess 1948 zu sechs Jahren Haft verurteilt, 1951 vorzeitig entlassen und 1964 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.)
Der Lagerälteste Hans Wolf wurde im Rahmen der Dachauer Prozesse im Buchenwald-Hauptprozess zum Tode verurteilt und am 18. November 1948 hingerichtet.Fotoarchiv Buchenwald – Hans Wolf. Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora, abgerufen am 5. März 2024.
Gedenken In Rehmsdorf erinnern Gedenksteine und eine Dauerausstellung im Bürgerhaus Rehmsdorf an das dortige Außenlager. Auf dem ehemaligen Lagergelände können noch zwei Wohnbaracken besichtigt werden.Gedenkstätte Rehmsdorf mit Dauerausstellung über das ehem. KZ-Außenlager. auf Gemeinde Elsteraue, abgerufen am 1. März 2024.
In Reitzenhain fünf Kilometer vor Marienberg wurde eine Gedenkstätte neben den Bahngleisen für die Opfer des Massakers eingerichtet. Dorthin wurden die sterblichen Überreste von 218 Opfern umgebettet.Reitzenhain: Gedenkstätte 5 km vor Marienberg neben Bahngleis. auf Sächsische Gedenkstätten, abgerufen am 1. März 2024.
In Mumsdorf findet alljährlich eine Gedenkfeier auf dem dortigen Ehrenfriedhof statt. Dabei wird der Toten gedacht, die in drei Massengräbern und mehreren Einzelgräbern nach dem Krieg gefunden wurden und zum größten Teil Häftlinge des Außenlagers in Rehmsdorf gewesen waren.Ortsteile der Stadt Meuselwitz – Mumsdorf. auf Schnaudertal.de, abgerufen am 2. März 2024.Lothar Czoßek (Hrsg.): Vernichtung – Auftrag und Vollendung. S. 46 f.
Literatur Lothar Czoßek (Hrsg.): Vernichtung – Auftrag und Vollendung. Dokumentation über das Außenlager Rehmsdorf des KZ Buchenwald, 1997. Geoffrey P. Megargee: Buchenwald Subcamp System. United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945, Band I, Indiana University Press, 2009, S. 429 f.
Weblinks Denkmal KZ-Außenlager »Wille« auf Gedenkstättenportal zu Orten der Erinnerung in Europa Reitzenhain: Gedenkstätte 5 km vor Marienberg neben Bahngleis auf Sächsische Gedenkstätten Tröglitz/Rehmsdorf auf Buchenwald war überall – Projekt »Netzwerk der Außenlager« Gedenkstätte Rehmsdorf mit Dauerausstellung über das ehem. KZ-Außenlager auf Gemeinde Elsteraue Tröglitz-Rehmsdorf Bildergalerie von Herbert Naumann Concentration Camp (Buchenwald) auf Frank Falla Archive (engl.)
Einzelnachweise
Wille Kategorie:Geschichte (Zeitz) Kategorie:Historische Organisation (Sachsen-Anhalt) Kategorie:Gegründet 1944 Kategorie:Aufgelöst 1945 Wille