Das Neue Serail (; ) ist ein ehemaliges Serail in Tel Aviv-Jaffa, Bezirk Tel Aviv, Israel. Der Kaymakam von Jaffa ließ sich 1896/1897 in Vorbereitung auf den anstehenden Besuch Kaiser Wilhelms II. in der Stadt ein neues Regierungsgebäude errichten. Der Baumeister Baruch Papiermeister, ein Schüler der Berliner Bauakademie, schuf einen Bau mit Säulenfront in ionischer Kolossalordnung.
Seit dem Erdbeben von Jericho 1927 in seiner Stabilität erschüttert wurde der Bau notdürftig repariert, wegen Einsturzgefahr neun Jahre später gesperrt und nach erneuter Sanierung bezogen verschiedene Nutzer den Bau. Zwei Mitstreiter der jüdischen Kampfgruppe LeChI sprengten den Bau 1948 auf den Verdacht hin, eine arabische Kampfgruppe habe von dort aus Anschläge geplant. Die Ruine wurde Mitte der 2000er Jahre renoviert und ihre Säulenfront bis 2008 wiederhergestellt.
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Lage Das Neue Serail entstand am Rand der Altstadt, auf neu erschlossenem Terrain, das frei wurde, nachdem die Mauern Jaffas geschleift worden waren. Auf der gewonnenen Fläche wurde ein Platz angelegt, die Kikkar haSchaʿon (, Plene: ).
Die Säulenfront des Neues Serails ist ein Blickfang, wer vom Hafen Jaffas oder den innerörtlichen Verläufen der Landstraßen von Nablus oder Jerusalem entlang ins Zentrums Jaffas kommt, sieht sie bald als eine seiner Landmarken. Um den Platz herum entstanden Neubauten, darunter drei Amtsgebäude: die Baladiyya (Jaffas Rathaus), das Neue Serail und die Kışla (Polizeistation und Gewahrsam).NN, “Al-Saraya al-Jadida, Jaffa, Israel”, auf: Archnet; abgerufen am 4. März 2024. Das Neue Serail steht auf der Ostseite des Platzes an dessen Nordende,Ori Dvir (; 1931–2011), נְקֻדַּת חֵן תֵּל־אָבִיב–יָפוֹ, neue, aktualisierte Aufl., Tel Aviv-Jaffa: , 1991Greg. Kal. / 25752Jüd. Kal. (9. Sep. 1991 – 27. Sep. 1992), Seite wie gesondert angegeben. wo die Verläufe der Heerstraßen Jaffa–Nablus nordostwärts und Jaffa–Jerusalem ostwärts das alte Jaffa verlassen. Letztere, einst in diesem Abschnitt eine relativ schmale Gasse, flankierte die Nordwand des Neuen Serails.
Name mini|Altes Serail 2014 Die Bezeichnung Neues Serail ( im lokalen Sprachgebrauch, alternativ auch ; ) bezieht sich auf das Alte Serail auf dem Hügel der Altstadt Jaffas, wo Muhammad Abu Nabbut Agha, Mütesellim () von Jaffa zwischen 1807 und 1818, es 1810 errichten ließ.Khaldun Bshara (), “Derelict Structures – The Ottoman Saraya: All That Did Not Remain”, in: Jerusalem Quarterly, Nr. 69 (Frühjahr 2017), S. 66–77, hier Seite wie gesondert angegeben. Die persischstämmige arabische Vokabel Serail ( oder ) bezeichnet im levantinischen Sprachgebrauch Bauten für Repräsentation, Wohnzwecke und Verwaltung aus osmanischer Zeit,, auf: Die Geheimnisse der überirdischen und der unterirdischen Stadt Akko, abgerufen am 24. Februar 2019. denn private Gemächer, auch solche für Haremsdamen, wie Verwaltungsräume, waren oft unter einem Dach.Dafür finden sich verschiedentlich im ehemals osmanischen Reichsgebiet Beispiele, so bezeichnet man das Regierungsgebäude in Beirut als Grand Sérail (), ähnlich auch al-Sarāyā al-Ḥamrā () in Tripolis, das Alte Serail in Akko, Ak Saray (Weißes Serail) in Ankara, Grand Sérail in Aleppo, oder Topkapı Sarayı (Kanonentor-Serail) in Istanbul.
Außer der Bezeichnung Neues Serail erscheinen weitere Begriffe im Gebrauch wie und in Übersetzung aus dem britischen Usus in das Pendant auf , auch . Arabisches Pendant dazu war der Dār al-Ḥukūma ().Evelin Dierauff, “Performances of Late Ottoman Modernity: Culture, Entertainment and Leisure Activities in Pre-World War I Jaffa”, in: From the Household to the Wider World: Local Perspectives on Urban Institutions in Late Ottoman Bilad al-Sham, Yuval Ben-Bassat und Johann Büssow (Hrsgg.): Tübingen: Tübingen University Press, 2023, S. 157–178, hier Seite wie gesondert angegeben.
Bau
Der Absolvent der Berliner Bauakademie Baruch Papiermeister (1842–1925Er hatte sich als Zitruspflanzer in Rischon LeZion niedergelassen und war dort 1902 bis 1909 im Stadtrat und für die Kadenz 1902/1903 Bürgermeister.) schuf die Baupläne und leitete den Bau des Neuen Serails in den Jahren 1896/1897. Sein Bau im Stil des Neoklassizismus atmet den Geist der Repräsentation, den der Kaymakam des Qaḍāʾ Yāfā (, sinngemäß ‚Unterbezirk Jaffa‘, , ) verwirklicht sehen wollte.Vgl. David Kushner, “The Ottoman Governors of Palestine, 1864–1914”, in: Middle Eastern Studies, Jg. 23, Nr. 3 (Juli 1987), S. 274–290. Ein Besuch Kaiser Wilhelms II. war für 1898 angekündigt, der in Jaffa das Heilige Land betreten sollte. Das Neue Serail sollte den gebührenden Rahmen für den Empfang durch den örtlichen Vertreter des Osmanischen Reichs bieten.
Der Bau beeindruckt durch seine Fassade mit vier Säulen in ionischer Kolossalordnung. Die Säulen sind reiner Zierrat, sie trugen nichts und sind aus Bruchstein und Putz.Andrew Petersen, A Gazetteer of Buildings in Muslim Palestine: 4 Tle., Council for British Research in the Levant (Hrsg.), (=British Academy monographs in archaeology; Nr. 12), Oxford: Oxford University Press, 2001, Teil 2: ‹D-J›, S. 174. Quer über die Säulen liegt ein massiger Architrav, dessen Vorderseite über den vier Säulen je eine Rosette zierten. Ebenso geordnet schlossen vier Palmetten auf dem Architrav den Fassadeneindruck oben ab. Die Palmetten entfernte bereits das palästinensische Public Works Department bei seiner Sanierung 1936, als es das Dach nach Folgeschäden durch unsachgemäße Restaurierung nach dem Erdbeben 1927 komplett erneuerte. Vom Straßenniveau aus gesehen blieb hinter dem Architrav das Walmdach aus roten Dachziegeln verborgen.
Die Fassade ist symmetrisch gegliedert. Eine Freitreppe, flankiert von Balustraden, führte hinauf zum erhöhten Mittelportal, das beiderseits Außenlampen an schmiedeeisernen Wandarmen zierten und ein rundes Relief der Ṭuġra Sultan Abdülhamits II. bekrönte. Die Freitreppe, die nicht mehr besteht, erzeugte den Eindruck, dass das Parterre wie ein Souterrain nur Halbgeschoss sei, worauf zwei Vollgeschosse folgen. In der obersten Etage über dem Mittelportal öffnete sich ein französischer Balkon. Die Flächen zwischen den äußeren Säulenpaaren gliederten Sprossenfenster mit Läden und hervorgehobenen Fenstereinfassungen, von denen eines erhalten ist.
Geschichte mini|Stadtmauer Jaffas mit Jerusalemer Tor vor dem Altstadthügel, um 1868 Im Zuge der Entfestigung der Stadt, 1868 begonnen, inklusive Niederlegung der Stadtmauern bis 1879, entstanden Bauflächen am Rande der Altstadt Jaffas.Avraham Lewensohn (; 1923–1986), Reiseführer Israel mit Straßenkarten und Stadtplänen ['Israel Tourguide', 21979; dt.], Miriam Magall (Übs.), Tel Aviv-Jaffa: und Tourguide, 1982, S. 376. Wo die historischen Heerstraßen von Nablus und Jerusalem die Stadt am nordöstlichen Jerusalemer Tor erreichten, entstand nach Abbruch desselben ein neues Viertel. Der ab 1870 allmählich bebaute stadtnahe Abschnitt der Landstraße nach Nablus führte hier den Namen (, heute ) mit vielen Geschäften und anderen Einrichtungen, wie dem 1908 eröffneten Palästinaamt und einer Filiale der Anglo-Egyptian Bank, erbaut von Ben-Zion Gini (; 1869–1945), Jaffas Stadtbaudirektor zwischen 1910 und 1917.
Das Bankgebäude stand an der nördlichen Ecke einer Gasse namens , welche die Verbindung zur Landstraße nach Jerusalem darstellte, heute verbreitert heißt sie Rəchōv Marsūq wɘʿAsar (), benannt nach den 1955 im Königreich Ägypten Gehenkten der Lavon-Affäre Moscheh Marzouq () und Schmūʾel ʿAsar (). Das Neue Serail bildet die südliche Ecke der Straße, seine Nordwand flankierte sie.
Die Verläufe beider Landstraßen münden in Jaffas Kreisverkehr namens Kikkar Jossi Carmel (), die schon 1944 bestand und deren südliche Seite in die Kikkar haSchaʿon () übergeht. Diesen längsrechteckigen Platz, seinerzeit Saḥat usch-Schuhadaʾ (), nach Fertigstellung des Neuen Serails 1897 umgangssprachlich auch Platz des Serails () genannt, zierten einige Regierungsbauten wie eben dieses, die Baladiyyah (, Jaffas Rathaus) und eine Polizeistation (Kışla), weshalb die Jaffaner das neue repräsentative Viertel Sakīnat al-Dawla () nannten. Die osmanische Obrigkeit hatte die Kışla auf den Resten einer Kreuzfahrerburg des 13. Jahrhunderts errichtet und in die Stadtbefestigung einbezogen, mit der Entfestigung erhielt sie ein neues Portal zur Kikkar haSchaʿon, und in den 1880er Jahren neue Zellengebäude,Die Kışla diente bis 2005 als örtliche Wache der Polizei Israels und erlangte als Haftplatz Adolf Eichmanns Bekanntheit, der dort während der Prozesstage einsaß, und seiner altertümlichen Bauart wegen als Drehort des israelischen Films Schlaf gut, Wachtmeister Asulai!. Vgl. Schiri Hadar (), “” (14. Dezember 2017), auf: Ynet יְדִיעוֹת אַחֲרוֹנוֹת; abgerufen am 12. März 2024. um das Gefängnislager zu ersetzen, das dem Neuen Serail weichen musste.Schiri Hadar (), “” (14. Dezember 2017), auf: Ynet יְדִיעוֹת אַחֲרוֹנוֹת; abgerufen am 12. März 2024. Die Regierungsbauten sollten weitere Bauherren dazu bewegen, das Viertel außerhalb der ehemaligen Mauern anzunehmen und die Stadt weiterzuentwickeln,
Der Einweihung der seit 1893 in Bau befindlichen evangelischen Erlöserkirche (Jerusalem), die Kaiser Wilhelm II. in Auftrag gegeben hatte, plante er beizuwohnen und bei der Gelegenheit das Heilige Land zu bereisen, u. a. auch Jaffa, wo zunächst seine Landung für Oktober 1898 geplant war.Er landete dann tatsächlich in Haifa, wo er und sein Gefolge auch bei im Oktober häufig stürmischer See sicher anlanden konnten. Vgl. Alex Carmel (), Die Siedlungen der württembergischen Templer in Palästina (1868–1918), [התיישבות הגרמנים בארץ ישראל בשלהי השלטון הטורקי: בעיותיה המדיניות, המקומיות והבינלאומיות, Jerusalem: o. V., 5730 / 1970; dt.], Stuttgart: Kohlhammer, 32000 (11973), (=Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg: Reihe B, Forschungen; Band 77), S. 160. ISBN 3-17-016788-X. Der Kaymakam () des Qaḍāʾ Yāfā, einer verwaltungstechnischen Untergliederung des Mutasarrıflık Jerusalem, ließ sich 1896/1897 in Vorbereitung auf den anstehenden Besuch Wilhelms II. in der Stadt das Neue Serail als neues Regierungsgebäude errichten. Der Kaymakam gewann Notabeln Jaffas, die so genannte ‹effendiyya›, den Bau zu finanzieren.
Im August 1897 weihten der Kaymakam, die Notabeln der Stadt und weitere Festgäste das Neue Serail ein, das den Gebrauch des seither als Altes Serail bezeichneten Vorgängerbaus als Sitz des Kaymakams ablöste. Es diente dem Kaymakam als Serail, worin auch das zivilrechtliche Gericht erster Instanz des Qaḍāʾ Yāfā tagte, wie seit 1877 in jedem Qaḍāʾ eines bestand. Die Stadt hieß hier Kaiser Wilhelm II. und seine Gattin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg willkommen,Alex Carmel (), Die Siedlungen der württembergischen Templer in Palästina (1868–1918): Ihre lokalpolitischen und internationalen Probleme, [התיישבות הגרמנים בארץ ישראל בשלהי השלטון הטורקי: בעיותיה המדיניות, המקומיות והבינלאומיות, Jerusalem: o. V., 5730 / 1970; dt.], Stuttgart: Kohlhammer, 32000 (11973), (=Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg: Reihe B, Forschungen; Band 77), S. 161. ISBN 3-17-016788-X. die mit beider nächster Entourage am 27./28. Oktober 1898 in Plato von Ustinows Hôtel du Parc in Jaffas Vorort HaMoschavah haAmeriqaʾit-Germanit nächtigten.Ejal Jakob Eisler (), Der deutsche Beitrag zum Aufstieg Jaffas 1850–1914: Zur Geschichte Palästinas im 19. Jahrhundert, (= Abhandlungen des Deutschen Palästina-Vereins; Band 22), Wiesbaden: Harrassowitz, 1997, S. 116. ISBN 3-447-03928-0.
mini|Übernahme Jaffas durch neuseeländische berittene Schützen am 16. November 1917, Blick in den Schāriʿ Iskandar ʿAwaḍ mini|Denkmal für die Jarqonquerung am 21. Dezember 1917, Frank Scholten fec. um 1922